Schreiben bedeutet erleben

Einige Teilnehmerinnen und Teilnehmer realisieren mehr als ein Buchprojekt in der Edition Unik. Bei einer erneuten Teilnahme wagen sie sich dabei an Neues, etwa an experimentelle Erzählformen, andere schreiben an der Fortsetzung ihres Buches und wieder andere versuchen etwas Anderes, etwa ein fiktionales Buch.

Bild: Joëlle Kost

Bild: Joëlle Kost

Für uns bleibt wichtig: Jede Geschichte ist in der Edition Unik willkommen. Ob es um das Bewahren von Alltags- und Erfahrungswissen geht oder um das Hinzufügen fiktionaler Elemente, inhaltlich sind die Teilnehmenden frei. Unsere Unterstützung besteht vor allem aus der Strukturierung des Schreibprozesses.

Inhaltlich frei
Die inhaltliche Freiheit liegt nicht nur uns, sondern vor allem den Teilnehmenden sehr am Herzen. Sie erzählen immer wieder davon, dass sie beim Schreiben ihrer Erinnerungen weit mehr erlebt haben als das blosse Erinnern.

Die Veranstaltungen, etwa die Edition Unik Cafés und die Lesungen an den Abschlussveranstaltungen, sind die Augenblicke, an denen wir derartige Rückmeldungen bekommen. In den Lesungen wird viel Schweres, aber auch viel Schönes und Lustiges weitergegeben. So etwa die Erinnerung an den schelmischen Pater H. im Internat, an den wirksamen Wermut gegen die Prüfungsangst oder an eigenwillige Marktleute.


Das nächste Edition Unik Café findet am 28. Februar in Bern statt, weitere Informationen entnehmen Sie bitte unserem Veranstaltungskalender.

Schlüsselkinder

Ein Gastbeitrag von Jürg Vogel. Er hat in der Edition Unik sein Buch geschrieben, die Anekdote «Schlüsselkinder» ist darin erschienen.

Bild: Pexels.com

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Die letzten beiden Schuljahre lebten wir im Lyzeum. Dort hatte jeder Student ein Zimmer mit Bett und Pult sowie einen Anschluss mit kaltem Wasser. Die Türen hatten keine Türfalle, sondern nur einen altmodischen Schlüssel mit Schlüsselbart, der immer im Schloss steckte. Eines Abends fand ein unbewilligter Massenexodus zum Ausgang ins Dorf statt.

Pater Hugo mit seinem Hang zum Schelmischen realisierte die Aktion, sammelte alle Schlüssel ein und warf sie auf einen Haufen mitten im Gang. Somit konnte kein Student unauffällig in sein Zimmer zurückkehren. Die Suche nach dem passenden Schlüssel aus dem grossen Haufen war sehr aufwändig, zumal man nach der Rückkehr aus dem verbotenen Ausgang nicht erwischt werden wollte. Hugo beobachtete das Treiben heimlich. Auf eine Strafe verzichtete er, sein Vergnügen war zu gross. Am andern Tag beim Morgengebet begrüsste er explizit die Schlüsselkinder.

Vernetzung unter Schreibenden

Ein Erfahrungsprotokoll zum dritten Advent von Teilnehmer Bruno Glaus. Er hat in der Edition Unik mehrere Bücher geschrieben.

Den Teilnehmerinnen und Teilnehmern der Edition Unik ist es ein Bedürfnis, auch über die Projektrunden hinaus miteinander verbunden zu sein. Deshalb haben wir das Alumniprogramm der Edition Unik ins Leben gerufen. Bruno Glaus ist einer dieser Alumni, er hat festgehalten, was die Vernetzung unter den Schreibenden bewirken kann.

«Wir lieben das Individuelle aus der Perspektive der Rückerinnerung, daher die grosse Freude an Porträts, Bekenntnissen, Memoiren, Briefen und Anekdoten abgeschiedener, selbst unbedeutender Menschen» - Rüdiger Safranski in seiner Goethebiografie

Goethes Gedanken ermuntern uns, falsche Zurückhaltung abzulegen, mit dem Schreiben zu beginnen und weiterzuschreiben. Für kleinste oder grössere Leserschaften. Zugegeben, es braucht Mut, sich mit den sehr persönlichen Erinnerungen über den privaten Kreis hinaus zu exponieren. Aber es lohnt sich. Auf ganz verschiedenen Ebenen:

Vernetzung im Kreis der Autorinnen und Autoren
Mittlerweile habe ich leihweise fünf Bücher von fünf verschiedenen Teilnehmenden gelesen. Und auch meine Bücher ausgeliehen. Der rote Faden, der sich durch viele Bücher zieht, lautet: Es hat sich Vieles zum Besseren gewendet. Einige Beispiele aus dem Kreis der Autorinnen und Autoren hierfür: Der Armut entstiegen, Emanzipation (vor allem der Frau), Befreiung von religiösen Korsetts. Eine Fülle berührender Texte, die immer auch dazu ermuntern weiterzuschreiben.
 

Es ist wirklich super, wenn Alumni den Kontakt untereinander pflegen können.
— Eine Teilnehmerin der Edition Unik
Bild: Pexels.com

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Vernetzung über regionale Medien
Wir als Teilnehmende können das Projekt der Edition Unik unterstützen durch Berichterstattung in regionalen Medien. Cécile Lieberherr-Bont aus Quinten und ich haben etwa dem Sarganserländer über die Erfahrungen aus der Edition Unik berichten dürfen. Zu zweit läuft es ringer, die Vielfalt der Stimmungen und Erfahrungen wird spürbar. Mit zwei weiteren Teilnehmenden sind Cécile und ich ausserdem zu Botschaftern der Edition Unik geworden: Wir sind die Sujets der neuen Postkartensets.
 
Vernetzung an Lesungen
Unter dem Patronat des Verkehrsvereins Vättis durfte ich mein zweites Buch Calfeisentaler Geschichten der Talbevölkerung vorstellen. Ob ich denn alle Texte allein lesen wolle, rief mich die Edition Unik Autorin Romi Cash zuvor an, sie habe Interesse am Vorlesen. Ein durchschlagendes Angebot, Romi spielte eine ganz andere Klaviatur. Die fast 50 Anwesenden waren begeistert. Fazit: Lies nicht alleine aus deinen Texten, lass andere mitlesen. Und: Lies nicht unbedingt ein ganzes Kapitel, sondern Auszüge daraus, zusammenfassend eingeleitet, lass das Ende allenfalls offen. Länger als fünf Minuten sollte ein Textteil nicht dauern und länger als 60 Minuten insgesamt sollte die Lesung nie sein. Dies hat sich auch während der ersten Literarischen Bergwanderung der Edition Unik bewährt.
 
Vernetzung der Alumni
Noch arbeiten meiner Meinung nach zu viele Teilnehmende im stillen Kämmerlein. Gelungener Austausch setzt aber Offenheit und Mut voraus. Das Alumniprogramm der Edition Unik sorgt einerseits dafür, dass der persönliche Austausch während einer Projektrunde einfach und unkompliziert möglich ist. Andererseits will es Teilnehmerinnen und Teilnehmer auch über die Dauer einer Projektrunde miteinander verbinden.

Zurück zu Goethe. Der hat laut Safranski gesagt (oder geschrieben): Dichtung sei die in der Erinnerung gespiegelte Realität.

Was ist eigentlich eine Normseite?

Eine Frage treibt die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Edition Unik oft schon vor Projektbeginn um: Wie viele Zeichen haben auf einer Seite im Buch maximal Platz?

Was einfach zu beantworten klingt, hat zum «Normvertrag» geführt, der 1992 zwischen dem Verband deutscher Schriftsteller und dem Börsenverein des Deutschen Buchhandels abgeschlossen wurde. Der Normvertrag regelt, wie viele Zeichen eine zu übersetzende Buchseite üblicherweise enthält und wie viel Honorar den Übersetzern dafür zusteht; es ist von einer Normseite à 30 Zeilen mit je 60 Zeichen, also von insgesamt 1‘800 Zeichen, die Rede.

2003: Mustervertrag für die Schweiz
Die Schweiz hat 2003 nachgezogen, und zwar haben die Interessenvertretung für Sprache und das literarische Schaffen und Übersetzen in allen Sprachregionen der Schweiz (AdS) und der Deutschschweizer Verlegerverband einen «Mustervertrag für Übersetzungen von belletristischen Werken» erarbeitet. In diesem Mustervertrag sind 1‘500 Zeichen für eine Normseite empfohlen.

Die Spannweite der maximalen Zeichenzahl pro Normseite bewegt sich heute zwischen 1‘500 und 1‘800 Zeichen, bei der Edition Unik umfasst eine Seite des fertigen Buches in der Theorie 1‘500 Zeichen inklusive Leerschläge.

1‘800, 1‘500 oder eine ganz andere Zahl?
In der Theorie, denn die hört spätestens dann auf, wenn man die Buchseiten nicht mit umfangreichen Naturbeschreibungen ohne Absätze füllt. So können bestimmte Textsorten wie etwa Dialogpassagen die Zeichenangabe pro Seite stark relativieren.

 

«Hoi A.»
«Salut B. Wie gehts?»
«Ganz gut. Und dir?»
«Naja, die Wochen schreiten voran …»
«… und das Schreiben nicht so?»
«Nein. Schreibstau, fürchte ich.»
«Fürchte dich nicht, schreibe!»

 
Wieviele Zeichen tatsächlich auf einer Seite stehen, hängt auch von der Textsorte ab. (Bild: Edition Unik)

Wieviele Zeichen tatsächlich auf einer Seite stehen, hängt auch von der Textsorte ab. (Bild: Edition Unik)

Gegen Ende einer jeden Projektrunde, also ab Öffnung der dritten Etappe, ist es denn auch in der Edition Unik möglich, die fertige Druckvorlage zu prüfen und so anzupassen, dass die Seiten sowohl mit viel Lauftext als auch mit luftigen Passagen gut aussehen.