Entdeckungen

Ein Auszug von Verena Raaflaub. Sie hat in der Edition Unik mehrere Bücher geschrieben.

In der Wohnstube im Neuhaus stand ein Radio. Das war damals fortschrittlich, weil man sie noch selten sah. Das riesige Möbel aus Holz stand auf einer Kommode, hatte verschiedene Knöpfe, an denen man drehen konnte (alle durften, ausser ich), und vorne war es bedeckt mit einer Art Tuch oder starkem Netz.

Was passiert, wenn sie entgleist oder verloren geht? Wo sind wir festgemacht? Die Vorstellung, so allein mit dieser Erde im Nichts herumzufliegen, war höchst unangenehm.
— Verena Raaflaub

Genau da kamen Musik oder Stimmen heraus. Stundenlang sass ich davor und stellte mir ganz bildlich kleine Frauen und Männer vor, die in diesem Möbel sitzen, sprechen, singen oder auf kleinen Instrumenten Musik machen. Woher sollten die Stimmen sonst auch kommen? Die Erwachsenen sassen oft vor dem Radio und hörten Männer sprechen. Dann musste ich leise sein, und die Grossen machten meist betrübte Gesichter. Kriegsgeschichten. Mich interessierte das nicht. Ich wollte das Innenleben dieses Radios auskundschaften. Ich versuchte immer wieder, mit meinen Fingerchen ein kleines Loch in dieses Tuch zu machen, was aber streng verboten war. Nur zu gerne hätte ich die Figürchen bei ihrem Treiben beobachtet. Ich spürte sogar, wie sie sich bewegten. Wenn ich die Hand ans Tuch hielt, vibrierte es. Also musste in diesem Kasten Leben sein. Höchst interessant!

Ich erhielt auch die erste Lektion, dass die Erde eine Kugel ist, die sich dreht. Einen grossen Schreck bekam ich etwas später, als ich in einer Illustrierten oder einem Gelben Heft ganzseitig die Erdkugel in Farbe abgebildet sah. Sie stand nicht auf dem Boden, sie hing nicht wie eine Lampe am Himmel, sie stand nicht wie eine Ständerlampe oder wie ein Globus auf einem Sockel, nichts, einfach nichts darum herum, das sie festhielt, nur schwarzes Nichts. Da schlief ich einige Nächte nicht mehr gut. Wer oder was hält sie und uns? Wir können doch nicht einfach mit dieser Kugel durch das schwarze Nichts sausen. Was passiert, wenn sie entgleist oder verloren geht? Wo sind wir festgemacht? Die Vorstellung, so allein mit dieser Erde im Nichts herumzufliegen, war höchst unangenehm. Man konnte mich langsam beruhigen, indem man mir erklärte, dass diese Erde schon sehr, sehr lange so umhersause, und dass der Liebe Gott sicher Acht gebe, dass ihr nichts passiere. Von da an hatte er eine wichtige Aufgabe für mich. Und dass wir, wenn wir unten sind, nicht von dieser Kugel purzeln, und dass wir nicht vom Wind hinweggefegt werden, wenn sie sich dreht, musste auch mit diesem Gott zu tun haben. Ich konnte es also getrost ihm überlassen, zum Rechten zu sehen.

Vorlesen am Edition Unik Café (Foto: zvg.)

Vorlesen am Edition Unik Café (Foto: zvg.)

Von Götti und Gotte bekam ich jede Weihnachten einen grossen Lebkuchen, darauf glänzende neue Fünfliber. An die Zahl kann ich mich nicht erinnern, nur dass sie mit Zuckerguss (Tupfen) befestigt waren und sich nur schwer vom Lebkuchen lösen liessen. Ich musste dann die Fünfliber einzeln ablecken und vom Zucker befreien. Sie hatten einen eigentümlichen Geschmack, aber der Zucker war süss und gut. Die Fünfliber wanderten sofort in mein metallenes Kässeli im Buffet. Da blieben sie auch, weil das Kässeli oben einen Einwurf mit Zähnen hatte, die sich nicht öffnen liessen. Einen Schlüssel dazu hatten sie nur auf der Bank in Büren, wohin man das Kässeli von Zeit zu Zeit bringen musste, um das Geld in die grosse Kasse zu leeren. Ich stellte mir vor, dass da alle eine gleiche, aber grössere Kasse haben. Ich durfte mit Dädy auf dem Fahrrad nach Büren fahren und hob dort stolz und auf Zehenspitzen mein gefülltes Kässeli auf die Theke der Spar- und Leihkasse. Die Frau nahm ein Schlüsselchen, öffnete es, leerte die Fünfliber vor sich hin, zählte sie und warf alle mit einer schnöden Handbewegung in ihre grosse Schublade. Mir blieb das Herz stehen! Wie soll sie später wissen, welches meine Fünfliber waren, die schönen, glänzenden, neuen?? Ich brach in entsetztes Geheul aus. Mein Geld, hin und weg, verloren! Dädy brauchte seine ganze Überzeugungskunst und Liebe, mich zu trösten. Dass dann in meinem Bankbüchlein ein anderer Betrag stand, verstand ich damals noch nicht. Zu Zahlen hatte ich noch kein Verhältnis, wohl aber zu wertvollen schönen Götti und Gotte-Fünflibern. Meine Fünfliber! Viele Jahre später begann ich, Fünfliber zu sammeln, auch ältere. Es war jeweils Musik in meinen Ohren, wenn ich sie in meiner Büchse zur Bank brachte und sie durch die Zählmaschine rasselten. Sie verhalfen mir zu einigen schönen Reisen.


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Geschichten live hören? Unbedingt!
Unser
Veranstaltungskalender informiert Sie über geplante Edition Unik Cafés und andere öffentliche Anlässe. Im monatlichen Newsletter weisen wir Sie zusätzlich auf die Veranstaltungen hin, abonnieren Sie ihn und bleiben Sie informiert.


Die Nacht der Ohnmacht

Ein Fragment von Blazenka Kostolna. Sie hat in der Edition Unik mehrere Bücher geschrieben – und liest kommenden Sonntag, 27.10.19, im «Karl der Grosse» daraus vor.

Die Nacht auf den 21. August, eine Apocalypse Now, Coppola hatte das Vietnamepos noch nicht gedreht, aber als ich den Film zum ersten Mal sehe, vor allem höre, wird mir bewusst, dass ich diese Geräusche und den Himmelstanz der Helikopter auf der Leinwand, die nichts Gutes bedeuten, kenne. Sie sind mir vertraut, wie aus einem wiederkehrenden Albtraum, sie erschrecken mich genauso wie in dieser Nacht, die schon längst der Vergangenheit angehört. Aber jetzt bin ich in Bratislava und wache durch diesen seltsam aufdringlichen Lärm und diese unheimlich tönenden, bedrohlichen Geräusche der Strasse und seltsamen Lichter am Himmel auf, die wie in einem Science Fiction ganz nah über die Dächer fliegen, sie fast berühren, sich entfernen, um wieder zurückzukommen, sie werfen Lichtstrahlen auf die Häuser, Strassen, Menschen, die Luft vibriert, lärmt, donnert, stöhnt, ja genau, sie stöhnt wie ein Greis, der nach Atem ringt.

Die Autorin an der Abschlussveranstaltung mit ihrem ganz persönlichen Buch. (Foto: zvg.)

Die Autorin an der Abschlussveranstaltung mit ihrem ganz persönlichen Buch. (Foto: zvg.)

Und dann geht es sehr schnell, es ist nicht nur die Neugier, sondern auch Angst, die uns nach Draussen drängt, «wir müssen raus», und schon stehen wir mit anderen Nachbarn auf dem Gehsteig vor der russischen Buchhandlung und schauen dem Unglaublichen zu. Hundert, Tausend oder, was weiss ich, Millionen Panzer, wie eine Schlammlawine, ohne Unterbruch rasselt und rattert sie daher, unvorstellbar, gespenstisch, keine Science-Fiction, kein Filmdreh, sondern ein Albtraum und ein Wahnsinn, den wir nicht verstehen und nicht glauben wollen, dass dies wirklich geschieht. Ein Panzer nach dem anderen rollt vorbei, stundenlang, vielleicht fahren sie im Kreis herum, wir wissen es nicht. Ich habe nicht gewusst, dass Panzer so gross sind und vielleicht war es auch der Lichtschimmer der Morgenstunde, der sie noch grösser, noch wuchtiger und gefährlicher erscheinen lässt.

Wir alle, die hier stehen, sind irritiert. Was geschieht da, was sehen wir und was hören wir ausser diesem donnernden, gespenstischen Fluss aus Eisen? Es gibt noch keine Informationen, keine Erklärung, die Leute rätseln: «Die Deutschen haben uns überfallen! Nein, es sind die Russen, siehst du nicht die roten Sterne darauf? Ach woher, das sind sicher die Deutschen, das kann nur eine Finte sein» … Sprachfetzen wie aus dem Hörspiel Krieg der Welten von Orson Welles, einer fiktiven Reportage, die er 1938 als ein glaubwürdiges Katastrophenszenario eines Angriffs von Ausserirdischen auf die Menschheit inszenierte. Nur dies hier war kein Hörspiel, es waren keine Ausserirdischen, das musste auch Pavel eingestehen. Tatsache ist, dass auf jedem Panzer dieser bekannte rote Stern leuchtet, auch an den Mützen der Soldaten, die uns genauso misstrauisch und verdächtig anschauen, wie wir sie. Da läuft etwas falsch. «Wieso gibt es keine Nachrichten, die uns aufklären und wo sind Dubček und Svoboda? Sind die Russen verrückt geworden?» Und erst irgendwann am Morgen, als jemand Kaffee in einer Thermosflasche vorbeibringt, erfahren wir von Radio Free Europe, dass wir gerade von unseren Brüdern und Freunden aus der Sowjetunion okkupiert worden sind.

In dieser Nacht zum 21. August 1968 marschierten etwa eine halbe Million Soldaten der Sowjetunion, Polens, Ungarns und Bulgariens in die Tschechoslowakei ein und besetzten innerhalb von wenigen Stunden alle strategisch wichtigen Positionen des Landes. Es ist die grösste Militäroperation in Europa seit 1945. Rumänien beteiligt sich demonstrativ nicht an der Invasion, die Ostdeutschen auch nicht. Vermutlich sollten wir durch den Anblick von Invasoren in deutscher Uniform nicht zusätzlich irritiert werden.


Blazenka Kostolna selbst erzählen hören?
Gerne, und zwar am Edition Unik Café vom kommenden Sonntag, 27.10.19 ab 15 Uhr. Das Lesecafé findet statt im «Karl der Grosse» in Zürich. Details dazu in unserem Veranstaltungskalender oder via Kontaktformular. Wir freuen uns darauf, auch Sie am Café zu sehen!


Treibkraft

Ein Gedicht von Barbara Scheibler-Müller. Sie hat in der Edition Unik ihr Buch geschrieben.

Ich suche eine Schreibkraft
meine
sie soll mich schreiben
ins Reine
soll das Schreiben betreiben
das Treiben beschreiben
um des Schreibens willen
alleine

will sie mir einverleiben
sie sammeln wie
Steine
ohne diese Treibkraft
habe ich
keine

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Von der Muse geküsst? Dann legen Sie los!
Die 17 Projektwochen fördern jedes Mal wahre Schätze zu Tage. Schätze an Inhalten, aber auch an Herangehensweisen und Textsorten. Und so sind in der Edition Unik Gedichte ebenso willkommen wie Kindergeschichten, Kunstbetrachtungen und Rezepte – oder ganz andere Zugänge. Schmökern Sie im
Journal oder blättern Sie durch die Presseschau und lassen Sie sich von unseren Teilnehmerinnen und Teilnehmern zum Schreiben des eigenen Buchs inspirieren. Die Anmeldung für Frühjahr 2020 ist geöffnet!


Die Schwarze Spinne

Ein Auszug von Nicole Cagianut. Sie hat in der Edition Unik schon mehrere Bücher geschrieben.

«Damit bin ich beim vielbeschäftigten Chor angelangt: Da waren die immer wiederkehrenden fast gleichen Stellen, wo man höllisch aufpassen musste, die Dauer eines Tones oder einer Pause richtig zu setzen. Da war die sich immer wieder bewegende Bühne, die sich in die geplante Richtung heben oder senken sollte. Da waren Auf- und Abgänge und Einsätze, die auf den Takt genau stimmen mussten oder ein Walzer auf einer schrägen Ebene. Da waren Sprechstellen, die fürs Publikum verständlich aus dem Munde gespuckt werden mussten. Da waren Bewegung und Sprache oder Gesang kombiniert, und dazu sollte die Intonation auch noch stimmen.» … 

Jeremias Gotthelf hatte sich in seiner Novelle «Die Schwarze Spinne» symbolisch mit der Fragestellung von Gut und Böse im weitesten Sinne beschäftigt. Die Ausbrüche der unheimlichen Pestkrankheit früherer Zeiten gab ihm den Stoff zur Geschichte, in welcher er beschreibt, wie Menschen häufig auf grosse Unsicherheit reagieren: mit gegenseitigen Schuldzuweisungen, mit verdrängter Kollektivschuld und mit dem leichtfertigen Finden von Sündenböcken, einem häufig anzutreffenden Schicksal von Aussenseitern. …

Die schwarze Spinne: Der Pfarrer warnt die Gemeinde (Foto: zvg.)

Die schwarze Spinne: Der Pfarrer warnt die Gemeinde (Foto: zvg.)

Um dem «schwankenden Untergrund» und der ambivalenten Einstellung der Bevölkerung in der Novelle Gotthelfs ein Gesicht zu geben, plante Hansueli den Bau einer beweglichen Bühne. … Sie stand in ihrem Zentrum auf einer Halbkugel, welche ein allseitiges Kippen ermöglichte. Je nach Szene wurde diese Bühne mit Pfosten unterstellt. Deren Höhe bestimmte, ob sie in horizontaler oder in schiefer Ebene fixiert war. Das Entfernen der Pfosten versetzte die Plattform in einen Schwebezustand, den wir Chormitglieder und Solisten mit der richtigen Verteilung unserer Körpergewichte zu halten hatten. Das war eine Verantwortung, die auf die Schultern eines jeden von uns gelegt wurde. Die kleinsten Verschiebungen unseres Gewichtes lösten schon grosse Schwankungen, ja vielleicht sogar das Krachen einer Bühnenseite auf den Boden aus. Und das musste auf jeden Fall vermieden werden. …

Wir befanden uns nicht immer nur auf der Bühne, sondern waren in kleineren und grösseren Grüppchen, die Dorfbevölkerung darstellend, in Gängen und Winkeln der Kirche oder gar als Einzelpersonen im ganzen Kirchenraum verteilt. …

Eva Maria Enderlins dunkle, etwas raue Stimme passte wunderbar zur Rolle der Christine und der Spinne. Wie sie mitten durch das Publikum über die Kirchbank-Rücklehnen springend das Volk durch die Kirche trieb und die Zuschauer aufschreckte. Wie sie später den Schatten der Spinne, auf dem Geländer der Empore kauernd, auf der Bühne tanzen liess. Es war atemberaubend. Und wie sie im durch die Scheinwerfer entstandenen Schattenspiel an der Wand mit der Mutter rang, um ihr das neugeborene Kind, das sie dem Teufel versprochen hatte, zu entreissen, das war so dramatisch, dass sich mir jeweils die Haare im Nacken sträubten. …

«Jean Jacques Knutti war sängerisch wie gestalterisch ein toller Teufel. Er bewies, dass der Teufel sogar der rettende Engel in der Not sein kann: Als der Pfarrer nämlich einmal eine Strophe zu früh den Laufsteg betrat und wir vor Schreck erstarrt im Tanz innehielten, packte der Teufel geistesgegenwärtig die erstbeste Sängerin und wirbelte sie in wildem Tanz herum. Wir taten es ihm gleich und die Szene war gerettet. …

Er brauchte zu Beginn aber eine etwas längere Aufwärmphase bis das Feuer auch bei ihm zu spüren war. Seine grosse Unbekannte und damit auch sein Risiko war ein Sprung von der schwebenden Bühne. … Denn er hatte nie eine Garantie, dass die Bühne dann auf der vorgesehenen mittleren Höhe schweben würde. Es brachte ihn denn auch fast zur Verzweiflung, als in den Proben die Bühne hin und wieder einfach nicht schweben wollte, im dümmsten Fall hinten rechts auf dem Boden landete und er [vorne links] von zwei Metern Höhe hätte springen sollen. So sportlich war er nämlich gar nicht.

Ueli Senn verkörperte den Pfarrer. Dies war keine einfache Aufgabe. Keine Sprünge aus der Höhe, welche von ihm [als Bewegungsmensch] sicher mit viel Freude vollbracht worden wären, nicht viel Dramatik, dafür eine gute Portion Moralin und viel Inbrunst. Seine schöne Bassbariton-Stimme passte gut zur Rolle und er setzte die Gegenüberstellung von Teufel und Pfarrer und die anschliessende Betszene auf ganz eindrückliche Art und Weise um.»
(Jahresbericht 2000/01)


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Ankündigung: Edition Unik Café in Winterthur

Edition Unik Café: Über das eigene Leben schreiben und vom Erleben erzählen.

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Kommenden Samstag sind Monique Demierre-Herscher und Percy Usleber in der Alten Kaserne, Winterthur, zu Gast und lesen aus ihren ganz persönlichen Büchern vor. Sie beide haben in 17 Wochen ein Buch mit ihren Erinnerungen verfasst.

Schauen Sie vorbei und lassen Sie sich von den berührenden Geschichten inspirieren! Weitere Cafés und Lesungen finden Sie in unserem Veranstaltungskalender.

«Sneak Preview»
Monique Demierre-Herscher hat uns ihren Beitrag «Buhl» fürs Journal zur Verfügung gestellt.


Selber schreiben? Neu auch in Bern!
Wenn Sie Lust haben, gleich selbst ein Buch zu schreiben – kein Problem! Die
Anmeldung für die Frühjahrsrunden 2020 ist geöffnet. Neben Basel und Zürich führen wir im Frühling 2020 auch eine Runde in Bern durch. Alle Runden beginnen in der Kalenderwoche 2.


Time

Ein Auszug von Corina Pfister. Sie hat in der Edition Unik ihr – englischsprachiges – Buch geschrieben.

Once upon a time, there was a time we still had time! Time to be, time to reflect, time to think about. In our times today, we don’t have time for anything. Have we lost time? Can you lose it, really?

«Time never happens» Janis Joplin (Foto: pexels.org cc)

«Time never happens» Janis Joplin (Foto: pexels.org cc)

I took the time to think about time because I had lots of time. Exactly 12 hours. That is the time it takes to fly from the west coast of the US to Switzerland. Most other passengers didn’t have time, because they used the time: for sleeping, for watching something on that tiny screen in front of them, or they had no time because they worked on their computers, or listened to one of the music channels. There was the time you ate that food served to you on planes and the time to stand in line to go to the bathroom, along with fifty other people that wanted to go too. Maybe that’s the time to check your watch, for you may have one of those famous Swiss watches, very precise, that can even stop the time! 

There is the time of departure, time of arrival, time until destination, time since departure, local time at destination, local time at departure, actual time. So many times! Which is the right time?

I usually set the time to the time of my destination right after I take my seat on the plane. This way I am ahead of time and when I arrive I have already the right time. But now I had time to think about this time business. 

Time is creeping up in this airplane, cramped in a tight seat and no space to stretch. What time is it? Oh, it doesn’t really matter. It is still time to meditate on this word, which is called «time». I think about the time it is at the place I just left, and what my friends are doing at this time. They have not much more time left and it is time to go to bed, so time is flying for them. Maybe it is flying with me, right here in this plane. I wonder what seat it took... Maybe it is flying first class so people would say, «We had a nice time.» 

At the time of my destination, it is already midday. Two weeks ago people there switched to daylight savings time. In order to do this, they lost time, exactly one hour. Where did this hour go, lost in space? So now, they have even less time to do things. 

So many times! Which is the right time?
— Corina Pfister

Sometimes you have to take a timeout, not only in sports but in your life. But then you have to catch up with the time and make up with the time you lost. And in time you are back to the old routine or by the time you might have learned to manage your time? I am thinking again at the time when I was flying on a New Year’s Eve. Every hour there were times where people would celebrate the New Year. So all the time, someone was celebrating, actually all the time at the same time.

Yes, all the time at the same time, and I realize there is no time, it is an illusion, it is nothing but a nice tool to measure something, which does not exist. I had a good time thinking about time. The voice of the pilot comes on, saying that we will shortly be landing: on time!


Sprachen der Edition Unik
Die Bücher, die in der Edition Unik entstehen, müssen nicht zwingend in Deutsch verfasst werden. Es sind schon Werke in Englisch, Französisch und Italienisch entstanden. Dabei ist allerdings zu beachten, dass die Hauptsprache der Edition Unik Deutsch ist: sämtliche Veranstaltungen, Unterstützungsangebote sowie die Leistungen der App – der exklusiven Schreibsoftware – sind nur in Deutsch verfügbar. Ausserdem kann die App nur das lateinische Alphabet verarbeiten.

Weitere Antworten finden Sie in der Rubrik «Fragen».


Es war einmal ein Edition Unik Café in Bern

«Sie sind roh, wahr, einzigartig – eben: unik.» So sind sie: Die Geschichten aus der Edition Unik. Am Edition Unik Café im Berner Generationenhaus haben drei Frauen aus ihren persönlichen Büchern vorgelesen.

Während draussen Trams und Trommeln um die Wette rumsen und rumpeln, finden sich in der Cafébar vom Generationenhaus die Zuhörerinnen und Zuhörer ein. Sie sind gekommen, um den persönlichen Geschichten von Erika Kneubühl, Katrin Sterki und Birgit Dressler zuzuhören. Das Publikum erfährt in den nächsten 90 Minuten etwa, dass das Leben nicht immer nur mit dem Wollen (Kneubühl) zu tun hat, wie aus einem Haufen Buchstaben ein Buch geworden ist (Sterki) und was das wichtigste im Leben ist, nämlich Stenografie und Socken stricken (Dressler).

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Moderiert wird das Café von Vera Mosimann, die behutsam einfühlsame Fragen stellt, etwa: «Warum Edition Unik?» «Weil ich aus meinen vielen Tagebüchern eines machen wollte», sagt zum Beispiel Erika Kneubühl darauf. Auf die Frage, wie man die 17 Schreibwochen und die Etappierung empfunden hat, gibt Birgit Dressler zur Antwort: «Sieben Wochen Sammeln sind für die eine lang, für den anderen kurz. Aber irgendwo muss es ja eine zeitliche Grenze geben.» Dieser zeitlichen Begrenzung gibt denn auch die Erfolgsquote der Edition Unik recht: Pro Runde schliessen zwei von drei Personen ihre Bücher ab. Jene, die nicht fertig werden, hadern selten mit der Projektanlage, vielmehr passieren Dinge im persönlichen Umfeld, die eine Konzentration auf das Buchprojekt erschweren oder gar nicht mehr zulassen.

Wir publizieren in loser Reihenfolge Texte von Ehemaligen, von den Vorleserinnen oben sind bisher erschienen:


Café verpasst?
Kein Problem, es finden weitere öffentliche Lesungen statt. Details dazu in unserem
Veranstaltungskalender.


Die grosse Familienfeier in Raitenhaslach

Eine Genealogie von Kurt Zuckschwerdt. Er hat in der Edition Unik sein Buch geschrieben.

Grabplatte im Kreuzgang des Zisterzienserklosters Raitenhaslach (Foto: zvg)

Grabplatte im Kreuzgang des Zisterzienserklosters Raitenhaslach (Foto: zvg)

An einem schönen Herbsttag 1322 beteten die Zukswerts am Familiengrab vor der grossen Grabplatte im Zisterzienserkloster Raitenhaslach und dankten Gott für den grossartigen Sieg. Ebenso würdigten sie ihre Ahnen, den Nobilis Miles Chalhoch Zukhswert, den Equitees Nobiles Wernhard Zukhswert, seine Ehefrau Elizabet und all die andern Ritter ihrer Familie, die hier begraben waren. Chalhoch ist vor über 100 Jahren gestorben, bei Wernhard und Elizabet waren es auch fast 90 Jahre her.

Elizabet hatte ihre Zeit im Fegefeuer durch einen Ablass verkürzen lassen. Sie war in den libri vitae (Bücher des Lebens) von Raitenhaslach eingetragen und es wurde auf ewige Zeiten an ihrem Todestag, am 19. März, von den Mönchen ein Gebet gesprochen. Die Klöster hatten die libri vitae mit andern Klöstern ausgetauscht, damit möglichst viele Mönche für das Seelenheil ihrer Verstorbenen beteten. Es war die Zeit, wo alles mit dem Glauben begründet wurde, wo die Kirche als einzige alles wusste und nur sie konnte über Gut und Böse, über Schuld und Sühne bestimmen. Für das Seelgerät, das Beten an ihrem Todestag, wurde Elizabet ein verkürzter Aufenthalt im Fegefeuer versprochen.

Als Gegenleistung hatte sie ein Bauerngut oder ein ganzes Dorf dem Kloster gespendet. Dies wäre heute interessant zu wissen.

Am 12. November 1203 war der grosse Minnesänger Walthero cantori de Vogelweide beim Bischof von Passau, Wolfger von Erla, eingeladen. Für seinen Auftritt erhielt er fünf Schillinge für den Kauf eines neuen Pelzrocks. Elizabet und Wernhard waren auch unter den Gästen und hatten Walter von der Vogelweide persönlich gesprochen. Seitdem war sie eine glühende Verehrerin von ihm. Leider ist er sechs Jahre vor ihr verstorben. Ihr gefiel der für diese Zeit recht aufmüpfige Inhalt seiner gefürchteten politischen Texte wie z.B. «ir pfaffen ezzet hüener und trinket wein, derweil die Deutschen fasten müssen». Besonders gefiel ihr aber Unter der linden, das Liebeslied, welches sie immer und immer wieder sang:

Unter der linden
an der heide,
dâ unser zweier bette was,
dâ muget ir vinden
schône beide
gebrochen bluomen unde gras,
vor dem walde in einem tal,
tandaradei,
schône sanc diu nahtegal.


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Das Buch von Kurt Zuckschwerdt kann bei ihm bestellt werden. Es kostet 31 Franken inkl. Porto und Verpackung.

Kurt Zuckschwerdt
Chellenstrasse 27
9403 Goldach
kuzu@gmx.ch


Metaphern, meine Weggefährten

Ein Fragment von Gudrun Löffler. Sie hat in der Edition Unik mehrere Bücher geschrieben.

Die Köchin im Löwenkeller sammelte nackte Zwillinge für mich. 

Pi, wie ich meinen Pflegevater nannte, nahm mich ab und zu in den Löwenkeller zum Stammtisch mit. Dort saß ich dann zwischen den freundlichen alten Männern und trank Sinalco. Wenn eines der Biergläser in den Kupfertöpfen leer war, kam Johanna, die Kellnerin und Köchin, und füllte sie wieder. Johanna war meine Freundin. Sie sammelte aus den Nudeltüten kleine Figuren aus Plastik für mich. Am Anfang hatte sie mir immer eine ganze Handvoll davon zugesteckt. Dann erklärte ich ihr jedoch, dass ich kein Interesse an Autos und Flugzeugen hatte, sondern nur die fleischfarbenen Püppchen haben wolle. Das waren klitzekleine Plastikstängel mit Kopf, in denen man ein Gesicht, Füße, Hände und einen Bauchnabel erkennen konnte, wenn man ganz genau hinschaute. Und das tat ich - und entdeckte dabei höchst interessiert, dass die Püppchen weder Männlein noch Weiblein waren. Sie waren Mehrlinge ohne Geschlecht.


Johanna kannte mich gut und gab mir immer zwei Püppchen zur gleichen Zeit. Ich liebte es, die nackten Zwillinge vor mir auf den Tisch zu legen und sie eingehend zu betrachten. Zu Hause legte ich sie dann zu den anderen Pärchen auf den Boden der Puppenstube. Ich spielte nicht mit Puppen. Auch die Zwillinge sammelte ich nur, um sie zwei und zwei nebeneinander zu legen. Irgendwann muss der Nudelfabrikant die Produktion der Püppchen wohl eingestellt haben. Vielleicht bin ich auch nicht mehr mit Pi zum Stammtisch gegangen. Doch die Pärchen lagen noch lange auf dem verstaubten Boden der Puppenstube. Ihr Anblick prägte sich mir ein, so dass ich das Bild aufsteigen lassen konnte, wann immer es mir hilfreich war.

Im Kindergarten kamen mir die Zwillinge zum ersten Mal zur Hilfe. Schwester Honorabilis, die Kindergartenschwester, hatte uns den Auftrag gegeben, mit Wachskreiden ein Haus zu malen. Ich setzte das meine in eine Baumkrone und zeichnete Äste darüber als es fertig war. Man hätte es gar nicht mehr gesehen, hätte ich für das Kästchen mit Dach nicht ein auffallendes Goldgelb gewählt. Schwester Honorabilis übersah es trotzdem. Als sie vorbeikam und auf mein Blatt schaute, sagte sie streng: Du hast ja einen Baum gemalt, wo ist denn das Haus? Halb beschämt, halb trotzig zeigte ich auf das Häuschen im Baum und sie meinte dazu: Ah, du hast ein Vogelhäuschen gemalt! Die Kinder um mich herum lachten lauthals. Mir war elend zumute. Ich spürte Tränen aufsteigen und kämpfte eisern gegen sie an. Und plötzlich stieg wie aus dem Nichts das Bild der Zwillinge in mir auf und – siehe da – ich beruhigte mich.

Beruhigende Zwillinge (Symbolbild, pexels.org)

Beruhigende Zwillinge (Symbolbild, pexels.org)

Vermutlich war meine Vorliebe für Symbole und Metaphern auch im Spiel, als ich im Kindergarten und in der Schule Lieblingslieder und sogar ein Gedicht fand, deren Texte mir so unter die Haut gingen, dass ich sie schon nach dem ersten Hören auswendig konnte. «Kommt ein Vogel geflogen», «Häschen hüpf» und «Summ, summ, summ, Bienchen summ herum» belegten die Spitzenplätze im Kindergarten. In der Schule kamen dann «Der Erlenkönig» und «Die Gedanken sind frei» dazu. Ich mochte die Stimmung in den Texten und liebte die Hauptfiguren.

Viel später – als ich schon eine Weile zu den Erwachsenen zählte - rundete der Refrain «Ring the Bells…» aus Anthem von Leonard Cohen meine Textsammlung ab. Noch heute summe ich die Melodie bei vielen Gelegenheiten in mich hinein. Und Leonard‘s Worte ertönten sogleich in meinen Ohren:

Ring the bells
That still can ring
Forget your perfect offering
There is a crack in everything
That’s how the light gets in

Den Song von Leonard Cohen bei Youtube hören: Anthem


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Vom Umgang mit Pseudonymen und Zitaten

Letzte Woche fanden die ersten Netzwerkveranstaltungen (NW) der Herbstrunden statt. In Zürich ging sie im Kosmos über die Bühne, wobei unser Gast Katharina Gerber – Teilnehmerin der Edition Unik – den Auftakt machte. In Basel fand sie im Unternehmen Mitte statt, dort begann der Nachmittag mit Teilnehmer Joseph Weibel. Beide lasen aus ihren Büchern vor, die bereits in der Edition Unik entstanden sind, und berichteten vom eigenen Schreiben und den daraus resultierenden freudigen Momenten.

Reger Austausch in der «Mitte».

Reger Austausch in der «Mitte».

Danach folgte der persönliche Austausch unter den Teilnehmerinnen und Teilnehmern. Nebst dem Austausch von persönlichen Erlebnissen, die den bisherigen Schreibprozess geprägt haben, wurden dabei auch Fragen rege diskutiert: Wie geht man um mit fremdem Material, etwa mit zitierten Texten oder mit Bildern, die nicht aus dem persönlichen Fundus stammen? Wie stark dürfen Drittpersonen erkennbar respektive identifizierbar sein? Soviel vorweg: Allgemeingültige Antworten geschweige denn Regeln im Bezug auf diese beiden Fragen gibt es so nicht. Dafür aber wurden die Schreibenden mit wertvollen Tipps versorgt.

Arbeitsatmosphäre im «Kosmos».

Arbeitsatmosphäre im «Kosmos».

Zum Umgang mit fremdem Eigentum
Da die Edition Unik kein Verlag ist, der Bücher publiziert, ist der Umgang mit fremden Quellen jedem Autor, jeder Autorin selbst überlassen. Aus Gründen der Fairness ist es aber sicherlich nicht verkehrt, die Verwendung von fremden Material erkennbar zu machen. Man will sich ja schliesslich nicht mit fremden Lorbeeren schmücken. In welcher Form man fremdes Eigentum schlussendlich kennzeichnet, bleibt dann aber den Schreibenden überlassen. Letztlich ist es ihr eigenes Buch.

Zur Anonymisierung und Verwendung von Pseudonymen
Ab wann und ob überhaupt auftauchende Charaktere unkenntlich gemacht werden sollen, bleibt ebenfalls der Schreiberschaft überlassen. Gerade in Bezug auf Bücher mit autobiographischem Charakter sind die vorkommenden Personen relevant und müssen überhaupt nicht zwingend anonymisiert werden.

 
Muss man Drittpersonen anonymisieren? Wie würde es sich wohl für Sie anfühlen, würden Sie in der Haut der Person stecken, über die Sie gerade so fleissig schreiben?
— Edition Unik
 

Als Faustregel lässt sich sagen: Je positiver über eine Person berichtet wird, desto geringer die Notwendigkeit einer Verschleierung derselben. Zudem kann auch der Rahmen, in welchem das Buch «erscheinen» soll, ausschlaggebend sein.: Denn je öffentlicher der Inhalt gehandhabt wird, desto eher besteht die Chance, dass sich die beschriebenen Personen erkennen und sie zur Rechenschaft ziehen will. Mehr dazu lesen Sie auch im Bundesgerichtsentscheid vom 25. September 2008.

Während des Schreibprozesses sollte man sich auch ab und an in die Rolle der beschriebenen Personen versetzen: Wie würde es sich wohl für Sie anfühlen, würden Sie in der Haut der Person stecken, über die Sie gerade so fleissig schreiben?


Mehr zum Thema «Persönlichkeitsverletzung»
Frage aus einer Runde: «Wie offen und schonungslos darf man sein? Ich rechne mit einer Nachbarin ab.»

Antwort seitens der Edition Unik: Abgesehen davon, dass mit den Rechten auch die Pflichten bei den Teilnehmenden liegen und wir deshalb keine verbindliche Aussage zur Anonymisierung machen können, gibt es keine universell gültige Antwort auf die Frage, da die Beurteilung der Rechtslage von vielen Faktoren abhängt.

Das Bundesgericht hat dazu einige Leitentscheide veröffentlicht, die einsehbar sind.


«I Could Write A Book»

Weshalb es letztlich doch verlockender war, ein Buch zu schreiben, statt ein Netzwerk aufzubauen, das anderen Menschen den Weg zum Musizieren erleichtern könnte. Eine Betrachtung von Franz Neff, er hat in der Edition Unik sein Buch geschrieben.

Kontrabass-Klinik am Jazzworkshop Interlaken 2019 (Foto: zvg.)

Kontrabass-Klinik am Jazzworkshop Interlaken 2019 (Foto: zvg.)

Von der Musik zu erzählen, wenn sich Freunde und Bekannte nach dem Befinden erkunden, ist eine gute Möglichkeit, im Gespräch von Berichten über den Gesundheitszustand und den damit verbundenen Nebenerscheinungen abzulenken. Es ist auch eine Möglichkeit, die von Teresa von Avila verfassten «Vorsätze eines älter werdenden Menschen» umzusetzen – und «young at heart» zu bleiben. Aber vor allem bereitet es mir Freude, meine Begeisterung für das Musizieren mit anderen zu teilen.

Nicht selten erwidern die Gesprächspartner, wie gerne auch sie wieder oder endlich einmal ein Musikinstrument spielten. Sie könnten sich aber nicht vorstellen, wie das anzustellen sei. Diesen Menschen einen individuell sinnvollen Ratschlag zu geben, ist schwierig. Zu unterschiedlich sind die Voraussetzungen, zu gross die Auswahl der Möglichkeiten sich musikalisch zu betätigen. Es müsste dafür ähnlich wie die Berufsberatung eine Art Musikberatung geben.

Dieser Gedanke liess mich nicht mehr los, ich versuchte ihn weiterzuspinnen und schrieb vor einiger Zeit folgende Ideenskizze mit dem Titel «Evergreen»:

Wer im dritten Lebensabschnitt musiziert, bleibt länger jung und gesund, findet Freude, Zufriedenheit und soziale Kontakte. Für Kinder und Jugendliche ist der Zugang zum Musizieren institutionalisiert. Wollen aber Menschen mit grosser Lebenserfahrung ein Instrument neu bzw. wieder spielen oder richtig singen lernen, müssen sie sich selber helfen. Möchten sie zudem die gehörten Harmonien auch verstehen, ist meist das Selbststudium die einzige Option. Wer zusammen mit anderen Erwachsenen Musik machen will, muss unterschiedliche Erwartungen, Vorkenntnisse und Lebensumstände und persönliche Erfahrungen mit Musik zusammenbringen. All diese Hindernisse sind in der Regel für eine Person zu hoch. Die einzige leicht zugängliche Möglichkeit bleibt oft der Chorgesang. «Evergreen» sollte neue Türen zur Welt der Musik öffnen.

Als Erstes plante ich, ein Netzwerk von Musiker/innen aufzubauen und hoffte, diese würden ihrerseits mit In- halten und Anregungen zum Konzept beitragen. Sicher mit von der Partie wären meine Singlehrerin Barbara La Faro und der Basslehrer Housi Ermel. Ich hatte telefonisch Kontakt mit Frank Sikora, Autor des Buches «Neue Jazz-Harmonielehre». Er hatte mich sehr ermutigt, am Projekt weiterzumachen, und eingeladen, mit konkreten Ideen wieder anzuklopfen.

Nun liegen meine Stärken eher beim Entwickeln und Beschreiben von Ideen als bei der Organisation um Umsetzung von Projekten. Ich benötige dafür einen klaren Auftrag und Unterstützung, sonst bin ich empfindlich gegenüber kritischen Einwänden. Darum wurde ich von der heftigen Ablehnung der Idee durch meinen ehemaligen Klavierlehrer so überrumpelt, dass ich das Projekt gar nicht angemessen verteidigen konnte. An Musikschulen gäbe es bereits solche Angebote für Erwachsene. Es sei Aufgabe der Lehrpersonen, solche Bedürfnisse zu erkennen und Möglichkeiten aufzuzeigen. Ich solle diese Arbeit den Profis überlassen. Diese Standpauke reichte, um das Projekt kleinlaut wieder zu begraben.

Ab und zu taucht die Idee in Gesprächen mit Freunden wieder auf. Oder ich erinnere mich wieder daran, wenn ich in der NZZ (27.1.2018) einen Artikel mit dem Titel lese «Warum Klavierspiel den Geist fit hält», worin genau diese Schwierigkeiten und Hemmungen dargestellt sind, sehr spät noch ins Musizieren zu kommen. Auch Marie-José und Barbara versuchten mich neu zu motivieren. Doch die Selbstzweifel waren stärker.

Tatsächlich gibt es an Musikschulen Angebote für Erwachsene. Das Konservatorium Bern zum Beispiel bietet eigens Musikkurse für Erwachsene an. Allerdings klagt die Fachbereichsleiterin im Vorwort der entsprechenden Broschüre, dass noch immer nicht allgemein bekannt sei, dass das «Konsi» nicht nur Kindern und Jugendlichen offenstehen, sondern genauso Erwachsenen. Ist das nicht ebenfalls ein Hinweis, dass der Zugang auf einer tieferen Schwelle erfolgen müsste? Als unerfahrener Interessent muss man doch zuerst auf die Idee kommen, dass Schulen für angehende Berufsmusiker auch Angebote für Laien haben.

Hat man bereits eine Präferenz für ein bestimmtes Instrument, kann man nach Privatlehrern «googeln» oder in einem Musikgeschäft nach Anlaufstellen fragen. Es braucht dann etwas Glück, eine Lehrperson zu finden, die auf individuelle Wünsche und Vorkenntnisse eingehen kann. Seine Bedürfnisse zu kennen und auch darstellen zu können, ist dafür allerdings eine wichtige Voraussetzung. Das «Evergreen»-Projekt hätte dabei Unterstützung bieten sollen. Allzu lange trauerte ich ihm nicht nach. Schliesslich hatte und habe ich mit meinen verschiedenen Musikprojekten genug zu tun.

Ein Buch über meine eigenen Erfahrungen zu schreiben, versprach grösseren Lustgewinn als der Aufbau eines Netzwerkes und die dafür wohl unvermeidlichen Aktivitäten in sozialen Medien. Das wunderschöne Liebeslied «I Could Write A Book» spielte ich bei Jürg in der Klavierstunde. Später lernte ich den Song auch auf der Gitarre zu spielen und zu singen. Nun ist geplant, das Lied mit Begleitung am Bass an Barbaras nächstem Schülerkonzert vorzutragen. Am Tag darauf werde ich ja die ersten zwei gedruckten Exemplare dieses Buches erhalten.


Die Wurzeln, die bleiben

Ein Fragment von Erika Kneubühl. Sie hat in der Edition Unik ihr Buch geschrieben.

Bild: pexels.org

Bild: pexels.org

Ein kleines Mädchen in den viel zu grossen Schlittschuhen der Mutter hat an einem Tag im Winter 1990/1991 seine ersten Fahrversuche auf der Eisbahn seines Schulhausplatzes gemacht. Das Mädchen hatte zum Ausstopfen der Schlittschuhe zwei dicke Wollsocken des Vaters übereinander angezogen und die Schnürsenkel so eng wie es nur ging zusammen gebunden.

Komme was wolle, das Mädchen wollte an jenem Wintertag das Schlittschuhlaufen lernen.

Es war ohne Eltern da und wusste lediglich durch sein Beobachten der anderen Schlittschuhläuferinnen und -läufer, wie es vorwärts kam. Das Mädchen hatte langsam den einen Fuss vor den anderen gesetzt und sich dabei mit beiden Händen an der Hockeybande festgehalten. Unzählige Male ist das Mädchen trotz grosser Anstrengung immer wieder hingefallen und mit viel Kraft wieder aufgestanden. Während die anderen Besucher und Besucherinnen ihre sicheren und schnellen Runden auf dem Eis drehten oder gekonnt mit Hockeystock und Bög hantierten, kam das Mädchen vom Gehen langsam zum Gleiten. Beim Eindunkeln des Tages machte sich der Erfolg des Mädchens sichtbar, freihändig konnte es an jenem Abend auf beiden Kufen vorwärtsgleiten. Das Mädchen hat den ganzen Tag an sich geglaubt, trotz mehrfachem Hinfallen immer wieder Aufstehen hat es weitergemacht.


Erika Kneubühl lesen hören?
Unbedingt, und zwar am Edition Unik Café im Berner Generationenhaus. Es findet statt am 19. September ab 18.30 Uhr.

Mehr von Erika Kneubühl lesen?
Erika Kneubühl hat in einem Statement festgehalten, was das Schreiben des Buches für sie bedeutet hat: Wie ein Film 


13 Briefe an meinen verstorbenen Vater: 1. Brief

Fragmente von Peter Zollinger. Er hat in der Edition Unik sein Buch geschrieben.

Großvater, kannst du ned abakumman auf an schnellen Kaffee?
Vater, dieses wunderschöne Lied hast du nie gehört. Du hast ja wenig Musik gehört. Und doch wäre es schön, wenn wir uns zu einem schnellen Kaffee treffen könnten, es gäbe noch viel zu erzählen. Ein schneller Kaffee würde es nicht sein, eher ein Kaffee mit Schnaps im Glas, an dem wir die Hände wärmen könnten. Dazu Birrewegge von der Mutter mit viel Butter. Im Winter in der Stube, draussen liegt Schnee, die Sonne bringt die Landschaft am Bachtelhang zum Glitzern. Wie so oft kommt das Nebelmeer bis unten ans Dorf. Genau so müsste die Stimmung sein.

Was will ich dir erzählen?

Zuerst will dich in meine Arme nehmen und dir einfach herzlich danken für alles, was du für mich getan hast. Ich will dir sagen, wie grossartig du deine Parkinsonkrankheit gemeistert hast und dir danken, dass du gewartet hast, bis ich an deinem Sterbebett war und ich deine letzten Augenblicke miterleben durfte. Es war ja so friedlich wie du sterben konntest. Du hast einfach aufgehört zu atmen. Erst später habe ich erfahren, dass du vermutlich erstickt bist, aber davon hatte ich nichts bemerkt.

Mit Hilfe der Spitex zogen wir dir schöne Hosen an, ein Hemd, einen Pullover und warme Socken, denn es war kalt draussen. In der Nacht auf Samstag und am anderen Morgen lagst du noch in der Stube im Bett. Wir konnten dich um deine Meinung fragen, als wir beim Gestalten und Suchen der richtigen Worte für deine Todesanzeige unschlüssig waren. Du gabst uns «schweigend» die richtige Antwort. Eigentlich wie in deinem ganzen Leben, du musstest nicht viel reden, irgendwie haben wir dich doch verstanden.

Peter Zollinger liest an der Abschlussveranstaltung der Schreibrunde. (Foto: zvg.)

Peter Zollinger liest an der Abschlussveranstaltung der Schreibrunde. (Foto: zvg.)

Weisst du noch, im Sommer im Ringwilertobel, du sassest auf einem Stein, rauchtest Pfeife und lasest. Wir plantschten in den Tümpeln, stauten den Bach, warfen Steine ins Wasser, dass es hoch aufspritzte. Andere Väter hätten ein wachsames Auge auf die Kinder gehabt, hätten gerufen: «Passt auf, in diesen Tümpel dürft ihr nicht hinein, der ist zu tief, ihr könnt ja nicht schwimmen!»

Je mehr ich nachdenke, umso bewusster wird mir dein unendliches Vertrauen. Allein durch dein Dasein war die Sicherheit gegeben, dass nichts passieren konnte. Das war im Winter bei Skifahren ebenso, das war auf unserer einzigen Skitour im Nebel auf den Pizol so, es war so auf unseren Wanderungen in Lavin, unseren einzigen Familienferien.

Schweigen als ein tieferes Verstehen und Vertrauen!
Ich denke, eigentlich hättest du viel zu erzählen gehabt. Du konntest gut erzählen vom Militär. Da warst du im Element. Von den Manövern am Ricken, mit dem unmöglichen Divisionär, von den Schikanen, die ihr ertragen musstet. Du hast erzählt, und das war deine volle Überzeugung, dass ihr bei einem möglichen Kriegsausbruch einige Offiziere einfach erschossen hättet. Kannst du dich erinnern an Herrn Zollner, er hat bei dir im Sack gearbeitet und nur über den Krieg erzählt, wenn er angetrunken war. Als Österreicher war er im Osten, kam in Gefangenschaft und überlebte nur, weil er Schneider war und man ihn überall brauchen konnte.

Warum konntest du so farbig und spannend über das Militär erzählen, was war das Faszinierende daran? Von deiner Jugend, deinen Eltern hast du uns ganz wenig wissen lassen. In meiner Erinnerung war es die Kriegszeit, die Armut, der Hunger, die dich beschäftigt hat.

Mein Bett wartet auf mich,
herzlich Peter


Haus umstellt

Ein Auszug von Arlette Yildiz. Sie hat in der Edition Unik ihr Buch geschrieben.

In Finsterhennen im Kanton Bern musste die Polizei mit einem Grosseinsatz ausrücken, weil ein Mann, dessen Haus zwangsversteigert werden sollte, unauffindbar war, als man das Haus zwecks eben dieser Versteigerung betreten wollte. Der Blick schreibt, dass der Mann kürzlich seine Mutter verloren habe, er sei etwa Mitte bis Ende fünfzig und arbeitslos. Der Präsident des Schützenvereins macht sich indessen Sorgen um den Ruf seines Vereins, da dieser Mann ein Mitglied sei.

Mich berührt dieses Schicksal zutiefst. Denn mein Elternhaus wurde auch zwangsversteigert als mein Vater, der nach der Trennung von meiner Mutter darin wohnen blieb, die Hypothekarzinsen nicht mehr bezahlen konnte. Er hatte seine Arbeit als Versicherungsvertreter nach fast dreissig Jahren verloren und diese Versicherung, sein vormaliger Arbeitgeber, bestand nun auf der Bezahlung der Zinsen. Mein Vater hatte damals das Haus wegen des tieferen Zinssatzes über seinen Arbeitgeber finanziert. Aber nun wurde mein Elternhaus zwangsgeräumt. Alles wurde wie Kraut und Rüben durcheinander in Schachteln gepackt und bei meinem damaligen Mann im Keller eines seiner Mehrfamilienhäuser deponiert.

Zufälligerweise fuhr ich an dem Tag an meinem Elternhaus vorbei als diese Räumung vonstatten ging. Mit meinem Vater hatte ich damals keinen Kontakt, denn er verschwand nach der Trennung für eine Weile und nur sporadisch kamen Lebenszeichen. Ich hatte also keine Ahnung was da genau passierte. Wie ich es dann herausfand, weiss ich nicht mehr. Es tat mir jedoch sehr weh nun kein Elternhaus mehr zu haben, auch wenn ich schon lange nicht mehr drin gewesen war.

Mir war völlig unverständlich, warum meine Mutter und meine Schwester an diese Versteigerung gingen. Angeblich um zu sehen, wer das Haus bekommen würde. Ich hätte es nicht ertragen das mitzuerleben. Leider wurde mir dann nicht erspart zu sehen, wie an einem Fasnachtsumzug in Uhwiesen, wo ich aufgewachsen bin, die Versteigerung unseres Hauses als Fasnachtssujet durch das Dorf gezogen wurde! Ich war entsetzt. Zum Glück wohnte ich bereits in Schaffhausen und es war auch meine letzte Fasnacht, an der ich teilgenommen habe.

Alle diese Erinnerungen lösen bei mir Mitgefühl für diesen Mann aus, der nicht nur arbeitslos und soeben vom Tod der Mutter betroffen war, nein, jetzt wurde ihm auch noch sein Heim weggenommen und statt mit einem Grossaufgebot an Hilfe ihm zur Seite zu stehen, rückt die Polizei aus.

(Der zitierte Artikel ist erschienen bei «20 Minuten», und zwar am 7.9.18.)

Mehr von Arlette Yildiz lesen:
Meine erste Depression
Haltlos


Geschichten hören?
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Design Preis Schweiz: Wir sind nominiert!

Die Edition Unik ist für den Design Preis Schweiz 2019/20 in der Kategorie «Communication Design» nominiert. Damit wird kein einzelnes grafisches Produkt gewürdigt, sondern ein Gesamtkonzept. Die ganzheitliche Gestaltung der Edition Unik richtet sich gezielt an lebenserfahrene Menschen.

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Die Nominatorinnen und Nominatoren bringen mit der Berücksichtigung der Edition Unik ein weites Verständnis von Kommunikationsdesign zum Ausdruck. In ihrem Statement schreiben sie: «Dieses vielfältige und spannende Non-Profit-Projekt überzeugt durch seine ausgefeilte, gut durchdachte Grundkonzeption, seine gesellschaftliche Relevanz, seinen praxisbezogenen Ansatz, seine starke soziale Komponente und seine adäquate gestalterische Umsetzung.»

Team
Pierre Grosjean (Chief Design Officer der Agentur LargeNetwork, Genf), Michelle Nicol (Gründungspartnerin der Werbeagentur Neutral, Zürich) und Barbara Staub (Inhaberin von Staub Communication Design, St.Gallen) bildeten das Nominations-Team der Kategorie «Communication Design».

Weitere Informationen zum Design Preis Schweiz und zur Nominierung der Edition Unik sind auf www.designpreis.ch zu finden.


Auftakt im August

Letzte Woche haben die Auftaktveranstaltungen für die beiden Herbstrunden der Edition Unik stattgefunden. Diese Veranstaltung markiert den Start zu den 17 Schreibwochen, in denen wiederum rund 50 Teilnehmerinnen und Teilnehmer ihre Bücher schreiben.

Die Auftaktveranstaltungen sind eigentlich immer gleich: Aufbau, Beginn, Dauer, Ort. Aber sie sind eben nur «eigentlich» gleich, denn trotz fast identischen Aufbaus und identischer Struktur sind sie immer anders. Das kommt, weil die Teilnehmer/innen, die sie prägen und die den Ton angeben, in der Regel andere sind als beim letzten Mal. Zwar gibt es in jeder Projektrunde Menschen, die ein zweites, drittes, viertes, fünftes oder – ja – sechtes Buch schreiben, aber die meisten sind neue Teilnehmerinnen und Teilnehmer mit neuen Anliegen, neuen Fragen, neuen Geschichten. 

Ich schreibe mein zweites Buch und ich freue mich darauf, mich auch mit den alten Texten auseinanderzusetzen!
— Eine Teilnehmerin der Herbstrunde
Auftakt der Basler Herbstrunde im Unternehmen Mitte, Basel (Foto: Edition Unik)

Auftakt der Basler Herbstrunde im Unternehmen Mitte, Basel (Foto: Edition Unik)

Vieles ähnelt sich dennoch, ganz besonders zu Beginn einer Runde: die Fragen, die die App betreffen, oder die Sorgen, in den 17 Wochen nicht fertig zu werden zum Beispiel. Oder Unsicherheiten in Bezug auf Rechte und Pflichten: Wem gehört das Urheberrecht, wer ist in Bezug auf die Wahrung von Persönlichkeitsrechten in der Pflicht? Die Auftaktveranstaltung dient denn neben dem ersten Kennenlernen auch der Beantwortung eben dieser Fragen und Unsicherheiten.

Was verändert sich? In 17 Wochen sind Sie glücklicher!
— Dr. Brigitte Gasser, Begleitforschung (Digital Humanities Lab)

Die Erfolgsquoten unserer Ehemaligen (2 von 3 Personen stellen die Bücher jeweils fertig) beruhigen die neuen Teilnehmenden und bestätigen uns darin, dass 17 Schreibwochen zum Schreiben eines Buches ausreichen. Mehr lesen Sie auch in den Erfahrungsberichten unserer Autor/innen. Zu den Rechten und Pflichten finden Sie hier Hinweise: Fragen & Antworten 

Wir vom Projektteam stellen am Ende eines jeden Auftakts übrigens wirklich die immer gleiche Frage: «Wenn Sie jetzt nach Hause gehen: Fühlen Sie sich befähigt, mit dem Schreiben zu beginnen?» 

Auftakt zur Zürcher Herbstrunde im Kulturzentrum Kosmos, Zürich (Foto: Edition Unik)

Auftakt zur Zürcher Herbstrunde im Kulturzentrum Kosmos, Zürich (Foto: Edition Unik)

Sammeln: Man kommt auf Gedanken, auf die man sonst nicht gekommen wäre.
— Frerk Froböse, Projektleiter der Edition Unik
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Anmeldung für den Herbst 2019 verpasst?
Kein Problem! Die
Anmeldung für Frühjahr und Herbst 2020 ist schon geöffnet!



Wir lesen uns!

Evernote, Seniorweb und jede Menge Blumen und Pralinés – diese Dinge haben aus meiner Sicht das Pilotprojekt der Edition Unik geprägt. Natürlich neben den Menschen, die im Frühjahr 2015 ihre Bücher geschrieben haben. Die Menschen sind sowieso das, die aus der Edition Unik das machen, was sie ist: Eine einzigartige, lehrreiche (Arbeits-) Umgebung mit viel Abwechslung und jeder Menge Glücksgefühlen. Ein Rückblick mit Ausblick von Janine Meyer.

Buchlieferung ins Büro: Fast der schönste Moment in einer Projektrunde. (Foto: Edition Unik)

Buchlieferung ins Büro: Fast der schönste Moment in einer Projektrunde. (Foto: Edition Unik)

«Wenns de Tüüfel mol gseh het ...» Das ist eines meiner Lieblingszitate aus fast fünf Jahren Edition Unik. Gehört habe ich es im Pilotprojekt, und zwar als die Frage aufkam, wie ehrlich und schonungslos man in seinem Buch sein dürfe. Das ist eine nicht ganz einfache Frage – und die Person mit dem Beelzebub hat sich dazu entschlossen, zwar schonungslos zu sein, dabei aber auf Anonymisierungen und Verfremdungen zurückzugreifen. Es ging ihr nicht um eine Abrechnung, sondern um eine Aufarbeitung. Das Zitat begleitet mich seither und ist mir zum guten Berater geworden: «Will ich, dass das von mir bleibt? Und will ich, dass es so bleibt?»

Die Edition Unik und vor allem die Menschen, die sie zu dem machen, was sie ist, haben mich überhaupt viel gelehrt: mit mir selbst gnädig zu sein, zum Beispiel. «Mis Lebe lang hani müesse perfekt sii. Ez dörfi endli Fehler mache!» So brachte es jemand ebenfalls aus dem Pilotprojekt auf den Punkt.

Der Zufall als Jobvermittler
Zu diesem Pilotprojekt bin ich durch Zufall gekommen: 2014 hat mir eine Freundin erzählt, dass an der Uni Zürich ein Projekt vorgestellt würde, das sich das Motto «Erinnerungen Schreiben und Schenken» gegeben hatte und dessen Ziel es sei, Menschen ohne Schreiberfahrung zum Schreiben ihrer Geschichten anzuhalten. Und nicht nur das: Am Ende des Pilotprojekts sollten aus diesen Erinnerungen gedruckte und gebundene Bücher entstehen. Die Freundin meinte: «Das ist wie für dich gemacht.» Und so habe ich im Januar 2015 mit der Teilnehmerbetreuung begonnen. Gerade in der Anfangszeit der Edition Unik sind wir vom Projektteam mit Blumen, Pralinés und anderen Geschenken wahrlich überhäuft worden, was uns natürlich gefreut hat, was uns aber auch darin bestätigt hat, mit der Edition Unik auf dem richtigen Weg zu sein.

Nach dem Pilotprojekt standen die Evaluation an und die Einschätzung, ob es genügend Nachfrage geben würde, regelmässige Projektrunden durchzuführen. Gab und gibt es. Und so haben wir 2016 die erste offizielle Runde der Edition Unik starten dürfen. Dafür haben wir mit verschiedenen Partnern Anpassungen vorgenommen, so haben wir etwa die Schreibsoftware «Edition Unik App» entwickeln lassen, die den Onlinedienst Evernote ersetzt. Inzwischen sind über 350 Bücher entstanden. Die Chance ist gross, dass nach dem Abschluss der nun laufenden Basler und Zürcher Herbstrunden 400 Bücher von fast so vielen Autorinnen und Autoren in unserem Buchregal stehen werden.

Es ist ein schönes Gefühl, so viele Menschen beim Schreiben ihrer persönlichen Bücher begleiten zu dürfen. Meine Zeit bei der Edition Unik neigt sich nun aber dem Ende. Ab Oktober 2019 werde ich hauptsächlich als stellvertretende Chefredaktorin bei der Onlineplattform «Hallowil» tätig sein und habe damit die grosse Chance, ein neues journalistisches Produkt in meiner Ostschweizer Heimat zu prägen. Auf die neue Aufgabe freue ich mich und bin gleichzeitig auch ein bisschen traurig, dass ich nicht mehr so nah an der Edition Unik dran sein werde. Aber ich habe die Ehre und das grosse Vergnügen, die Veranstaltungen der Herbstrunden 2019 noch begleiten zu dürfen. Und ich werde als Mentorin weiterhin zur Verfügung stehen. Ganz verlassen mag ich die Edition Unik nämlich nicht.

Merci!
An dieser Stelle bedanke ich mich bei Ihnen allen, die sich für die Edition Unik interessieren, die mit ihr ihre Bücher geschrieben haben und die Sie dafür gesorgt haben, dass ich höchst interessante und lehrreiche Jahre hier verbringen durfte. Und ich danke dem Team von Heller Enterprises, das hinter der Edition Unik steht, für die berührenden Begegnungen, die einzigartigen Erfahrungen und die mannigfaltigen Möglichkeiten auf allen Ebenen – Merci! <3

Wir lesen uns!

Ihre Janine Meyer,
Projektmitarbeiterin und Teilnehmerbetreuung


Mehr zum Pilotprojekt von 2015