Etwas Zeit und eine Idee

Ende April fand das erste Edition Unik Café in der Kantonsbibliothek Liestal statt. Moderiert wurde es von Anna Storchenegger, Mentorin in der Edition Unik.

Autorin Betty Monnier und Moderatorin Anna Storchenegger (Foto: zvg.)

Autorin Betty Monnier und Moderatorin Anna Storchenegger (Foto: zvg.)

Schreiberfahrung braucht es nicht wirklich, um in der Edition Unik ein Buch zu schreiben. Eine Idee und Zeit hingegen schon.
— Anna Storchenegger, Mentorin und Korrektorin

Korrekturstorch
Anna Storchenegger ist nicht nur Mentorin in der Edition Unik, sie ist vor allem Korrektorin und hat den Korrekturstorch ins Leben gerufen. Dort bietet sie Korrektorate und Lektorate für verschiedene Textsorten an.

http://www.korrekturstorch.ch/


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Von den Tuchlauben in Wien

Eine Genealogie von Kurt Zuckschwerdt. Er hat in der Edition Unik sein Buch geschrieben.

Hainrich sitzt am Weihnachtsabend 1444 mit seiner Familie im Zuckschwert Haus. Die Hausfrau ist frühmorgens auf den Fischmarkt gegangen und hat einen frischen Fisch gekauft. Auf dem Gemüsemarkt beschränkt sich im Winter die Auswahl gewöhnlich auf Pastinaken, Kohl, Rüben in verschiedenen Sorten, aber das ist nicht in jedem Jahr gegeben. Seit ein paar Jahren hat sich das Klima verschlechtert, es ist kälter und nässer geworden, die Kleine Eiszeit hat begonnen, wie man später sagt. Trotzdem zaubert unsere Hausfrau ein grossartiges Weihnachtsessen auf den Tisch: Forelle mit einer feinen Kräutersauce, gewürzt mit Pfeffer und Gewürznelken, was auch für die Verhältnisse der Familie im Zuckschwert Haus teuer war. Dazu Rotkohl und Dinkel und als besondere Spezialität ihr selber gemachtes Weissbrot, das sie in ihrem neuen Holzofen gebacken hat, ein besonders luxuriöses Modell, das ihr Hainrich zu Weihnachten schenkte. So muss sie nicht mehr auf dem offenen Feuer kochen und die ganze Wohnung mit Rauch fluten. Eine Flasche Wein aus dem Burgenland darf auch nicht fehlen, denn diese Feiertage sind ja nur einmal im Jahr. Vater, Mutter und Eltern prosten sich zu und wünschen gute Gesundheit, «das kann man immer brauchen», sagt die Grossmutter. Schweigend, aber leise schmatzend essen sie, mit dem Löffel wird der Fisch zerkleinert und mit den Fingern anschliessend in den Mund gesteckt. Wieder mal ein ausgezeichnetes Essen, sagt Heinrich anerkennend zu seiner Frau.

In der Stube brennt ein heimeliges Kaminfeuer und strahlt eine angenehme Wärme aus, doch die kalten Steinwände mag es nicht zu erwärmen. Sie haben zum ersten Mal auch einen kleinen Weihnachtsbaum geschmückt, wie das heute bei den adeligen Familien der neue Brauch ist. Die Kinder spielen um den Baum, es kommt eine gemütliche Atmosphäre auf. Heute Abend ist aber noch die Weihnachtsmesse in der grossen Domkirche auf dem Stephansplatz. Drei Generationen teilen sich das grosse Steinhaus. Es steht nahe vom Kohlmarkt und Graben, gleich bei den Tuchlauben. Die Zuckschwerts sind wohlhabende Bürger von Wien.

Siegel von Hainrich 1368 (Foto: zvg.)

Siegel von Hainrich 1368 (Foto: zvg.)

Der Vater erzählt von seinem Grossvater, wie er das Patrizierhaus Ende des 14. Jahrhunderts erbaut hat. Bereits 1368 war Hainrich der Zuchswert ein Notar und besass ein Siegel. Besonders Stolz war er auf die drei Schwerter von Raitenhaslach in seinem Siegel, belegten sie doch ihre Herkunft von den Rittern von Raitenhaslach. Viele Dokumente sind von ihm geschrieben und gesiegelt worden, so über die Errichtung einer Mauer zwischen den Häusern am alten Kohlmarkt von Thoman und der Chunigund Marstaller, geborene Zuchswert.

«Es war einmal», liebte der Hausherr zu scherzen, wenn er von seinen Vorfahren erzählte, «als Chalhoch Zuchswert, der Kleriker von Salzburg, bei der Heirat seiner Margarethe die zu erwartenden Kinder zwischen Salzburg und Bayern teilen musste». Oder Wernhardus Zuchswert von Friesach wurde am 10. Jänner 1290 vom Bischof Konrad als Zeuge und «unser Kapellan» erwähnt. «Es gab kurlige Bräuche in den alten Zeiten» meinte Hainrich. So kaufte zum Beispiel der Chunraten Zuchswert, der Chorherr von Herzogenburg am 12. März 1339 für fünf Schilling und fünf Pfennige eine Gülte für ein ewiges Licht am Frauenaltar der Stiftskirche. Noch heute würden sie gern wissen, für welche Nonne er das Licht entzündet hatte. Beim Benediktinerstift Melk, nicht weit entfernt und nur durch die Donau getrennt, traf man 1377 die zwei Bauern Cholman und Stephan Zuckswert, erwähnt in einem Kaufvertrag. Mit all den Zuckswerts in der Gegend könnte man denken, dass die Verbreitung von Raitenhaslach über Salzburg nach Wien wohl über verschiedene Klöster geführt hatte. Die Wiener sind heute überzeugt von ihrer Stadt und lieben ihren König Friedrich III. Seine Regierungszeit brachte im Reich Frieden und war nicht durch Taten und Kriege gezeichnet — er galt als die «Erzschlafmütze» des Heiligen Römischen Reiches.


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Kurt Zuckschwerdt
Chellenstrasse 27
9403 Goldach
kuzu@gmx.ch


Ein Ausgleich

Alyson Joy Pestalozzi hat in der Edition Unik schon mehrere Bücher geschrieben und lädt ab dem 11. Mai zur Frühlingsausstellung in ihrem Atelier.

Das Schreiben ist für mich ein bereichernder Ausgleich zum bildnerischen Schaffen – und umgekehrt!
— Alyson Joy Pestalozzi, Teilnehmerin der Edition Unik
Flyer der Ausstellung (zvg.)

Flyer der Ausstellung (zvg.)

Mehr zur Ausstellung und den Daten im Veranstaltungshinweis.


Stimme aus der Edition Unik

Auch beim Schreiben meines zweiten Buches wurden in der Rückschau Gefühle und Erlebtes wieder erstaunlich lebendig. Es erstaunte mich, dass ich aus einer Fülle von Erinnerungen schöpfen konnte. Auch das reine Vergnügen zu schreiben, löste bei mir (fast) täglich grosse Freude und Befriedigung aus.
— Romana Taeuber Egli, Teilnehmerin der Edition Unik
Bild: Joëlle Kost

Bild: Joëlle Kost


Aus dem Leben gelesen

An den Edition Unik Cafés lesen Autorinnen und Autoren der Edition Unik aus ihren persönlichen Büchern. Am Frühjahrs-Café in der Alten Kaserne, Winterthur, haben Arlette Yildiz und Peter Zollinger gelesen.

Mit Arlette und Peter haben zwei spannende Menschen aus ihren persönlichen Büchern vorgelesen. Ich danke beiden für den Mut und die Offenheit – und freue mich auf weitere berührende Geschichten am nächsten Café.
— Katja Kolitzus, Kommunikation und Projekte Alte Kaserne

Mehr dazu
Fragment von Arlette Yildiz
Erfahrungsbericht der Edition Unik


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Vom Plumpsklo bis zum Handy

Eine Wortmeldung von Noah Raaflaub, Enkel von Verena Raaflaub, die in der Edition Unik mehrere Bücher geschrieben hat.

Drei Generationen im Berner Generationenhaus (zvg.)

Drei Generationen im Berner Generationenhaus (zvg.)

Ich kann mir gar nicht vorstellen, wie das alles ohne Internet und Handy funktioniert hat. Alltägliche Verrichtungen wie Duschen, Baden, Plumpsklo – das war vor kurzer Zeit noch eher unangenehm, wenn man mit unserem heutigen Komfort vergleicht. Es war interessant, solche Alltagsgeschichten aus jener Zeit zu erfahren, ich konnte sie fast hautnah miterleben.
— Noah Raaflaub
 

Mehr dazu lesen?
Einen Auszug aus den Büchern von Verena Raaflaub finden Sie hier: Ein Brüderchen

Das Edition Unik Café mit Verena Raaflaub fand am 28. Februar 2019 statt, und zwar im Berner Generationenhaus. Den Bericht dazu finden Sie hier: Milde Temperaturen, berührende Lesungen.


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In den nächsten Wochen und Monaten finden weitere Edition Unik Cafés und Veranstaltungen statt, ausserdem werden laufend Lesungen und andere Anlässe von ehemaligen und aktiven Autorinnen und Autoren organisiert. Schauen Sie deshalb regelmässig in unseren
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Ein Brüderchen

Ein Fragment von Verena Raaflaub. Sie hat in der Edition Unik ihre Bücher geschrieben.

Nachdem der Krieg im Mai 1945 vorbei war und nur noch die Lebensmittelmarken daran erinnerten, genoss man die Entspannung und den Frieden. Und alle freuten sich auf das zweite Kind, das die Hebamme bringen werde. Die Sache mit dem Storch war nämlich folgende: (was genau man mir erzählt hatte und was ich dazu fabulierte, kann ich nicht mehr sagen). Die kleinen Engel im Himmel, denen es sonst ja wohl oft langweilig war, kneteten und formten die neuen Menschlein und gaben ihnen ein hübsches und feines Gesicht. Darum sehen die Neugeborenen alle wie kleine Engelchen aus. Dann kam der Liebe Gott selber in seiner allmächtigen Güte ins Spiel und hauchte den kleinen Wesen Atem und Leben ein. So waren sie bereit für die Reise. Jetzt übernahm der Storch auf der Welt. Die hatten ein Zimmer als Lagerraum. Darin stand ein Bettchen neben dem anderen, in dem die Kinderchen geduldig auf die Auslieferung warteten. Wenn nun eine Familie bei der Hebamme ein neues Kind bestellte, konnte sie einfach aus ihrem Vorrat liefern. Wie sie die Auswahl traf, das hätte ich nur zu gerne herausgefunden. Vielleicht nahm sie auch einfach, was noch da war, Restposten sozusagen. Sie stieg dann mit ihrer Fracht auf ihr Fahrrad oder wurde vom zukünftigen Vater mit Ross und Wagen abgeholt. Alles hatte seine Ordnung und eine klare Logistik.

Ich durchlief jedenfalls diese Stationen, bevor ich bei meinen Eltern landete. Ganz selten nur beschlich mich der leise Verdacht, ob ich wohl falsch ausgeliefert worden sei und ich träumte davon, dass mich meine wahren Eltern mit einer Kutsche abholen würden. Aber das auch nur, wenn ich mich gar nicht verstanden fühlte.

Die Autorin bei einer Ausfahrt mit ihrem Bruder Resli im Sommer 1946 (Foto: zvg.)

Die Autorin bei einer Ausfahrt mit ihrem Bruder Resli im Sommer 1946 (Foto: zvg.)

Ich durfte einmal mit Grosi, das damals schon nicht mehr als aktive Hebamme tätig war, ihre Nachfolgerin besuchen. Wie hüpften Herz und Füsse ganz aufgeregt in Vorfreude, bald einen Blick in die geheimnisvollen Räume werfen zu können. Zu meiner grossen Enttäuschung erklärte die Frau, dass gerade alle Kinderchen ausverkauft seien und Nachlieferung vom Storch erst in der nächsten Nacht erwartet werde. Das konnte ja vorkommen. Aber dass ich nicht einmal die leeren Bettchen sehen durfte, enttäuschte mich tief. Selbst meine beharrlichen Tränen und mein Stampfen rührten sie nicht. Zudem beobachtete ich, dass sich die zwei Frauen vielsagend zublinzelten. Was wussten sie, was ich nicht wusste? Ich fühlte mich ausgeschlossen und betrogen. Meine kindliche Neugierde machte mir (und vermutlich auch den Hebammen) das Leben nicht leicht.

Ich war also zwei Jahre und acht Monate alt, als diese Hebamme uns einen Buben brachte. Natürlich wurde er ohne mein Wissen bestellt, nötig wäre es nämlich nicht gewesen, und es freute mich überhaupt nicht. Ich vermisste nichts. Mit mir hätten sie ja wohl genug gehabt. Und nun war da plötzlich ein Stammhalter auf dem Hof. Wer weiss, was das heisst, kann sich meinen Frust und meinen Widerstand sicher vorstellen. Sie nannten ihn Resli. Er hatte ein empfindliches Bäuchlein, schrie viel und es duftete oder stank im Haus sehr oft nach Kamillentee. Mir wurde jahrzehntelang später noch übel davon, bis ich den Zusammenhang erkannte und lösen konnte. Mueti investierte auch enorm viel Zeit und Aufwand in diesen Knaben, und der stolze Blick von Dädy galt jetzt vielmehr ihm. Auch mein geliebtes Grosi hatte den Narren gefressen an ihm, war es doch als erste zur Stelle, ihm auf die Welt zu helfen. Auch wurde das Büblein für meine Begriffe zu oft gebadet. Immer wieder schwenkte Mueti ihn liebevoll im warmen Wasser. Also weigerte ich mich von da an strikte, mich baden zu lassen. Ich stand steif wie ein Stock, mit durchgedrücktem Kreuz und schreiend im Becken und liess mich nicht ins Wasser setzen. «Bad du dä!», d.h. du hast ja jetzt etwas Besseres zum Baden, lass mich in Ruhe! Meine Botschaft wurde verstanden, man zwang mich nicht, und so konnte ich mich allmählich entspannen, die Entwicklung abwarten, aufmerksam beobachten und langsam mit dem Brüderchen abfinden. Es gab ja kein Rückgabe- oder Umtauschrecht. Behutsam begann ich, dieser Brudergeschichte auch schöne Seiten abzugewinnen, in meine Grosse-Schwester-Rolle hineinzuwachsen und den Resli als liebes Brüderchen stolz im Wagen herumzufahren. Er genoss es.


Lesen und lauschen
Geschichten nicht nur lesen, sondern auch hören? Kein Problem: Gemeinsam mit derzeit vier Partnerorganisationen führen wir im Frühling und im Herbst die «Edition Unik Cafés» durch. Dabei lesen Ehemalige aus ihren Büchern vor und laden die interessierte Öffentlichkeit zum Zuhören und Austauschen ein. Ausserdem organisieren aktive und ehemalige Teilnehmer/innen regelmässig Lesungen und andere Veranstaltungen.

Die Daten finden Sie in unserem Veranstaltungskalender. Er wird regelmässig aktualisiert.


Vorfreude auf den Vorlesetag

Die Edition Unik und das Junge Schauspielhaus laden am 22. Mai 2019 gemeinsam zum «Vorlesetag». Wie die Zusammenarbeit zustande kam und was Besucherinnen und Besucher erwartet, hat Frerk Froböse, Projektleiter der Edition Unik, mit Petra Fischer, Leiterin des Jungen Schauspielhauses, besprochen.

Frerk Froböse: Vom Jungen Schauspielhaus seid ihr vor etwa einem Jahr auf die Edition Unik zugekommen. Wie habt ihr vom Projekt erfahren, was habt ihr erwartet?
Petra Fischer: Nachdem wir seit Langem unsere Büros auf dem gleichen Stockwerk haben, gab den letzten Anstoss für eine Kontaktaufnahme unsere Stückentwicklung «Liebe Grüsse… oder Wohin das Leben fällt» mit dem holländischen Autor Theo Fransz. Während der Recherchearbeit hatten uns Kinder und ältere Menschen Material und eigene Texte über Familiengeheimisse zugearbeitet. Und beim Nachdenken darüber, wer über diesen inhaltlichen Bezug vielleicht neu den Weg ins Junge Schauspielhaus finden würde, kam uns die Edition Unik in den Sinn. 

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FF: Wie hat sich die Idee einer gemeinsamen Veranstaltung am Vorlesetag entwickelt? Welches Interesse habt ihr vom Jungen Schauspielhaus dabei verfolgt?
PF: Es ging gleich damit los, dass wir bei der Edition Unik auf offenere Ohren stiessen als gedacht. Es gab so viele interessante Ansatzpunkte, und wir waren uns schnell einig, eine dreiteilige Veranstaltungsreihe zu planen. Dadurch konnte Interesse wachsen, Vertrauen entstehen und ein gegenseitiges Kennenlernen stattfinden. Seit zehn Jahren ist es uns ein Anliegen, die Öffentlichkeit des Theaters zu nutzen, um Erfahrungen, Fragen, Beobachtungen, Wünsche unseres altersdurchmischten Publikums vorzustellen.

So nahmen wir gemeinsam den Vorlesetag am 22. Mai in Sachen Wort, Text, Geschichten in den Hinterkopf. Unsere Bühnenräume bieten Möglichkeiten für die Teilnehmenden, sich in neuer Art und Weise präsentieren können. Und das knüpft dann an einen anderen Schwerpunkt unserer Arbeit an: Begegnungen schaffen durch gemeinsame Erlebnisse, die den Austausch befördern.

FF: Wir haben zusammen unter dem Titel «Zwischen Buch und Bühne» mit ehemaligen Teilnehmenden der Edition Unik drei Treffen durchgeführt. Welche Eindrücke sind dir davon geblieben?
PF: Vom ersten Moment an wurde ich erinnert an die Jahrgänge des Kulturführerscheins, die wir zusammen mit dem Verein AkzentaNova fünf Jahre lang durchgeführt haben, sowie an die vielfältigen Projekte, die daraus in der Folgezeit entstanden. Neugierige, engagierte, Auseinandersetzungen entstehen, wenn offene Menschen zusammenkommen und sich Neues erschliessen wollen.

Ich war beeindruckt, wie intensiv die Edition Unik Teilnehmenden ihre Schreiberfahrungen reflektierten, durchaus kontrovers. Und es war bereichernd zu erleben, wie die Theaterbesuche von «Liebe Grüsse… oder Wohin das Leben fällt«, «Casa 18»  und «Der Josa mit der Zauberfiedel», als Teil der Treffen ganz anders aufgenommen wurden als von anderem Publikum. Damit wurde schliesslich die Vielschichtigkeit der Inszenierungen, nach der wir immer suchen, bestätigt.

FF: Das Junge Schauspielhaus arbeitet generationenübergreifend, aber in erster Linie habt ihr es mit Schülerinnen und Schülern zu tun. In der Edition Unik schreiben eher deren Grosseltern. War in der Arbeit mit ihnen etwas neu für dich?
PF: Was die beteiligten Menschen betrifft, war es weniger neu, als vielmehr eine sehr schöne Fortsetzung. Neu hingegen war das Genre, in dem wir uns bewegten. Bei den Angeboten vom Jungen Schauspielhaus waren es bislang eher spielerische, theatrale Formen, in denen sich die Beteiligten auszudrückten – zum Beispiel beim SeniorInnen- und Mehrgenerationen-Spielclub oder bei «Early birds» vom Verein Kulturvermittlung Zürich.

In der Kooperation mit der Edition Unik liegt der Fokus beim Schreiben und beim Umgang mit dem geschriebenen Wort. Das Buch kann man immer wieder hervornehmen, kann nachlesen, zurückblättern, Notizen machen etc. Das ist ein grosser, für uns spannender Gegensatz zur Vergänglichkeit des Theaters. Die Art der Wahrnehmung ändert sich, gerade, wenn man sich in der Gruppe weiter damit beschäftigen möchte.

Begegnungen schaffen durch gemeinsame Erlebnisse, die den Austausch befördern.
— Petra Fischer

FF: Du hast die sechs Lesegruppen auf dem letzten Teilstück des Weges hin zur Lesung begleitet und kennst das Programm des 22. Mai am besten. Gibt es etwas, worauf du dich jetzt besonders freust?
PF: Da ist zum einen die direkte Verbindung der Menschen zu ihren eigenen Texten. Bislang habe ich sie über ihre Texte reden gehört, habe Hintergründe erfahren, Fragen, die sie damit verbinden und habe die Texte selbst still gelesen. Jetzt bekommen diese Texte eine Stimme – die der Autoren oder eine fremde. Auf jeden Fall aber materialisiert sich das Geschriebene. Das erinnert mich als Dramaturgin sehr an den Moment bei jeder neuen Theaterproduktion: Wie erlebe ich es, wenn zum ersten Mal die Schauspielerinnen und Schauspieler «ihre» Texte sprechen.

Im Vorfeld hat man die Worte so oft gelesen, durchdacht, in ein Umfeld gestellt, besprochen, aber alles im Rahmen der eigenen Möglichkeiten. Wenn dann aber diejenigen diese Worte in den Mund nehmen und ihnen eine erste Gestalt geben, die später das Ganze dem Publikum darbieten, wird es real, bekommt einen Boden. Für die Darstellenden auf der Bühne gibt es in der Probenarbeit dann noch die Hürde zu nehmen, dass sie «fremde» Texte erst zu «ihren» machen müssen. Diesen Vorgang erleben wir am 22. Mai viel direkter. Und dann freue ich mich auf die Begegnungen im Umfeld der Lesungen mit dem Publikum, das sich hoffentlich aus verschiedenen Generationen zusammensetzt!


Die Ticketreservation ist obligatorisch, Details in unserem Veranstaltungskalender oder direkt beim Jungen Schauspielhaus.


Gstaad

Ein Fragment von Dagmar Agéthen. Sie hat in der Edition Unik ihre Bücher geschrieben.

Augen zu!!! Stellen Sie sich vor Sie sind ein fünfjähriges Mädchen und dürfen zum ersten Mal mit den «Grossen» an einem abendlichen Dinner in einem eleganten Restaurant teilnehmen. Nicht irgendein Restaurant, sondern eines des Palace in Gstaad, diesem legendären Hotel mit alpiner Eleganz.

Das Palace in Gstaad. (zvg.)

Das Palace in Gstaad. (zvg.)

OK? Sind Sie noch dabei? Fühlen Sie mit! Diese Impressionen! Die Lichter aus den Kandelabern! Die wunderbar gedeckten Tische mit den bodenlangen Tischtüchern! Das funkelnde Kristall, das schwere Silber, das dezente Personal, die Atmosphäre, das Geflacker der Kerzen! Atemberaubend. Und ich inmitten all der Pracht: stumm! Als sich meine staunenden Augen an die Umgebung gewöhnt hatten, entdeckte ich vor uns einen runden Tisch mit fünf Damen.

Gekleidet in seidenen, opulenten Abendroben, schulterfrei. Nackte Arme, die gestikulierten, Juwelen, die funkelten; animierte Konversation, leises Gelächter. Ganz besonders hatte es mir eine der Damen angetan. Sie trug ihr rabenschwarzes üppiges Haar in einem kunstvoll gebundenen Chignon mit diamantenen Agraffen. Und ich hatte diese blöden rötlich schimmernden Locken. Ich wollte auch schwarze Haare und einmal so schön und so elegant wie sie sein. Mein ersehntes Vorbild.

Die Autorin an der Lesung (zvg.).

Die Autorin an der Lesung (zvg.).

Plötzlich drehte sich die bewusste, wunderschöne Dame zu einer Freundin und fragte ziemlich laut: «Hesch du au no en Salat wöue?» Ich sass da mit offenem Mund. Wie konnte eine solch ätherische Schönheit im breitesten Dialekt so ungepflegt sprechen?

Da waren all meine Illusionen dahin. Und ich schwor mir, dass ich niemals, falls ich einmal eine Dame sein würde, aber auch niemals, so reden würde. Das ist die story, die ich gerne erzähle, wenn man mich fragt, warum ich denn auch nach fünfzig Jahren Schweiz immer noch keinen Dialekt spreche. Schwarzhaarig wurde ich trotzdem nicht!


Von Worten und Bildern

Edition Unik Teilnehmerin Beatrice Portmann hat Lesungen organisiert und lässt uns mit Bildern und Kostproben an ihrem Schaffen teilhaben.

Das Herz singt leise
auf seine Weise
und nimmt uns mit
auf diese Reise

Das Schreiben 
gerät mir immer mehr zum Herzensdienst

Das ganze Wörterbuch
Das ganze Wörterbuch der Liebe, 
Das ganze Wörterbuch des Krieges
Das Wörterbuch der Arbeit 
Das Wörterbuch der Erziehung
Das Wörterbuch des Erwachsenwerdens, 
Das Wörterbuch des Älterwerdens
Das ganze Wörterbuch des Lebens und des Sterbens

 

Lebenslauf - kein zweites Herz im Kühlschrank
Geboren
ohne zu wissen
wie viele Sätze 
es nehmen wird
das Herz

Nie wissen, woher der Wind weht
wie lange die Beine noch tragen
das Herz noch schlägt

Worte hauchen 
den Duft erkennen,
der die Seele umfängt
und unser Herz streift,
wenn wir 
mit Namen gerufen 
werden
an den Ort
der Ewigkeit

 
Ich stelle Bild und Wort in einen Zusammenhang. In einer Lesung geschieht mehr als nur die Vermittlung eines Inhaltes. Was über die Stimme, was zwischen den Worten, zwischen mir und den Zuhörern geschieht, das ist das Wesentliche.
— Beatrice Portmann

Zur Autorin
Beatrice Portmann betreibt das «Atelier für Wort- und Farbkultur»
Porta Nuova in Oberwil (BL).


Haltlos

Ein Gedicht von Arlette Yildiz. Sie hat in der Edition Unik ihr Buch geschrieben.

Taumelnd sucht sich mein Ich den Weg zurück in die Wärme, ins Licht, ins Leben, in die Sicherheit des «ICH WILL». Jemand der sieht und reagiert und umarmt – Menschlichkeit, Anteilnahme, Boden.

Weinen löst den Stau –
das Leben fliesst wieder ins Herz.
Weh spüre ich mich –
aber es lebt.
ICH lebe wieder.
Abweisen der Angst blockiert – zulassen,
zuerst durch die Wärme des anderen, hilft. Schreibend verarbeitet es sich ...
Ruhe kehrt langsam ein in die schmerzende Seele. Zuhören und zuwenden geben wieder Sicherheit. Das Rauschen der Blätter besänftigt.

Der Rhein (Foto: zvg.)

Der Rhein (Foto: zvg.)

Mehr lesen Sie von Arlette Yildiz hier.


Selber schreiben?
Das Festhalten von Gedanken und Gefühlen ist in vielerlei Hinsicht bereichernd: Es belebt, beflügelt und befreit, es hilft zu ordnen, zu strukturieren und zu verstehen; es versöhnt und es vergnügt. Probieren Sie es aus und
melden Sie sich jetzt für die nächste Runde an.


«Ein belebendes Gefühl»

Letzte Woche fand die zweite Netzwerkveranstaltung (NW) der Frühjahresrunden 2019 statt. Dafür konnten auch zwei Ehemalige der Edition Unik gewonnen werden, die von ihren Erfahrungen beim Schreiben ihrer Bücher berichtet haben.

In Zürich war Bruno Glaus zu Gast, der der Edition Unik seit dem Pilotprojekt von 2015 treu verbunden ist und inzwischen sechs Bücher geschrieben hat. In Basel war Joseph Weibel zu Gast, der in der Edition Unik zwei Bücher geschrieben hat und ein drittes plant.

Was die Ehemaligen sagen
Beide haben sie von ihrem Erleben beim Schreiben berichtet, von ihrer Motivation, von den Herausforderungen und Schwierigkeiten. Und sie haben den aktiven Teilnehmenden Tipps und Tricks an die Hand gegeben, die sie in der Fertigstellung des Buches unterstützen sollen. Beide betonen sie, dass das Schreiben des Buches vor allem auch ein Geschenk an sich selbst ist. Joseph Weibel sagt dazu: «Das erste Buch entgegen zu nehmen ist ein belebendes Gefühl.»

Bruno Glaus führt verschiedenste Gründe für das Aufschreiben von Lebenserinnerungen an, etwa den Wunsch nach Standortbestimmung, nach Interpretation von Ereignissen, das Interesse an der Vertiefung, an der Orientierung, aber auch das Auf- und Verarbeiten von Ereignissen und auch die blosse Freude am Schreiben. Gerade Bruno Glaus weist auf die Gefahren in der Erinnerungskultur hin und ermahnt die Teilnehmer/innen etwa zur Authentizität oder warnt vor einer Abrechnung mit der Vergangenheit. «Erklären Sie statt abzurechnen, legen Sie Fährten!»

Was die Aktiven beschäftigt
Wenn die zweite NW ansteht, steht auch der Wechsel von Etappe 2 zu Etappe 3 an. In dieser Phase beschäftigen die Schreibenden vor allem Fragen in Bezug auf Bilder und Buchgestaltung, aber es werden auch andere Themen angesprochen, teilweise werden sie nur gestreift, teilweise ausführlich diskutiert.

So machen einige die Erfahrung, dass die Meldung Ich schreibe ein Buch auf das persönliche Umfeld eine merkwürdige Wirkung haben kann: «Willst du einen Bestseller schreiben?» Dabei sei es doch so wie mit dem Lernen eines Instruments: Beginne man, Blockflöte zu lernen, so werde man beglückwünscht und keiner frage, ob man gedenke, die Konzerthallen dieser Welt zu füllen. Allerdings, so die Teilnehmerin, gäbe sie nicht zu viel auf diese Voten, sie schreibe das Buch für sich und habe Vergnügen daran. Wir vom Projektteam pflichten ihr bei! Andere hingegen erleben das Gegenteil, das persönliche Umfeld bestärke sie darin, das Buch zu schreiben und freue sich darauf, es lesen zu dürfen.

Erklären statt abrechnen.
— Bruno Glaus

Drei Teile
Die NW sind jeweils in drei Teile gegliedert: Im ersten Teil erzählen Gäste den aktiven Teilnehmer/innen von ihrem Schreiben, im zweiten Teil tauschen sich die Aktiven untereinander in Kleingruppen aus und im dritten Teil nach der Pause werden die gesammelten Fragen aus den Kleingruppen beantwortet und der Etappenübergang in der «Edition Unik App» demonstriert. Viele Fragen wiederholen sich in den Veranstaltungen, sie betreffen oft Layout und Design des Buches.

Beides ist in der Edition Unik automatisiert, so dass sich die Schreibenden nicht um die Gestaltung zu kümmern brauchen und sich auf das Wesentliche konzentrieren können, auf das Schreiben. Die meisten Teilnehmenden empfinden dies denn auch als Befreiung, sie seien damit von der Verantwortung befreit, auch noch visuelle Leistungen erbringen zu müssen. Einigen wenigen ist das Korsett der Edition Unik zu eng, so dass sie sich mehr Freiheiten wünschen. Die Erfolgsquote einer jeden Runde – 9 von 10 Teilnehmenden schliessen ihr Buch in einer Runde erfolgreich ab – bestätigt uns dennoch darin, dass wir mit dem Konezpt der Edition Unik nicht allzu falsch liegen können.


Was bisher geschah …
Wollen Sie wissen, was in früheren NW beschäftigt hat? Hier finden Sie alle Erlebnisberichte aus den NW seit der Herbstrunde 2017.

Selbst an einer NW teilnehmen?
Als aktive/r Teilnehmer/in einer Runde können Sie an beiden NW teilnehmen und sich mit Ihren Mitschreibenden über die Erfahrungen beim Schreiben und mit der App austauschen, können uns vom Projektteam Fragen stellen und Ihre Ideen an einem Gegenüber «testen». Melden Sie sich für die nächste Runde an!

Als ehemalige/r Teilnehmer/in können Sie sich für einen Gastauftritt an einer NW bewerben. Wir sind gerne per Mail oder via Kontaktformular zu erreichen.


Aufbruch zu den Hansen

Eine Genealogie von Kurt Zuckschwerdt. Er hat in der Edition Unik sein Buch geschrieben und nach anschliessender Überarbeitung publiziert.

Bereits im 11. Jahrhundert wurde im Norden Handel betrieben. Mit einer Ochsenkarre von Ort zu Ort oder mit einem Schiff von Hafen zu Hafen, bewaffnet mit Schwert und Dolch zur Selbstverteidigung. Gilden wurden in verschiedenen Städten gebildet, denn die Wege und Meere waren von Räubern nicht sicher, man reiste zusammen und stand sich gegenseitig bei.

1143 wurde Lübeck als Handelsort gegründet. Adolf II. Graf von Holstein suchte Kaufleute, um seine neue Stadt zu besiedeln und die Idee des freien Handels zu verwirklichen. Ein wichtiger neuer Ort der Hansen war geboren. Sie suchten den freien Handel auf sicheren Wegen. Ein loser Bund von Kaufleuten, ohne Territorium, ohne Regierung, ohne Flagge oder Währung. Sie gründeten Kontore in wichtigen Häfen oder Städten und hielten Versammlungen ab. Gemeinsam zogen sie gegen die Seeräuber und auch Fürsten in die Schlacht. Der Deutsche Orden sorgte auf seinem Gebiet selber für Ordnung. Die Macht der Hansen war ihr Reichtum.

All das geschah vor fast 1000 Jahren — ohne Fax, Telefon, Handy, Börse oder facebook, alles auf Absprache und Vertrauen.

Hat man das auch in Raitenhaslach gehört? Conradus Tuchezvert, der Architekt und Goldschmied war 1248-1258 Bürger in Hamburg. War er auch einer der Hansen? War er ein Bruder von Wernhardt oder von Chalhoch von Raitenhaslach? Wie kam 50 Jahre später unser Henricus, der Deutsche Ordensritter, in den Norden? Fragen ohne Antworten.

In Wismar lebte eine ganze Patrizier Familie Tuckezwert von 1334 bis 1465 und beteiligte sich an der Politik, bevor sie aus den Büchern verschwand. Da war der Nicolaus, Henneke, Johannes, Clawes, Lübbeke, Tydeke, Tiberius, Dietrich, Vicke und sicher noch weitere Tuckezwert. Im Norden sprach und schrieb man das «Z» als «T», bedingt durch die Lautverschiebung der deutschen Sprache. Denn zur Zeit der Hansen war Mittelniederdeutsch die Weltsprache in ihrem Wirtschaftsraum, von Holland bis Königsberg und von Skandinavien bis tief nach Deutschland. Die Dokumente wurden in dieser Sprache geschrieben und sind für uns heute schwer zu lesen und zu verstehen.

Festung des Deutschen Ordens, Marienberg in Malbork, Polen. (Foto: zvg.)

Festung des Deutschen Ordens, Marienberg in Malbork, Polen. (Foto: zvg.)

1380 tauchte der Name des berühmten (berüchtigten) Seeräubers Klaus Störtebeker in einem Gerichtsbuch von Wismar auf. Bei einer Schlägerei bekam er ein blaues Auge ab. Er hatte in den folgenden Jahren die Hansen-Kaufleute immer wieder in Aufruhr gebracht. 1381 begann der Neubau der Nikolaikirche in Wismar. 1383 starb Heinrich III. von Mecklenburg und hinterliess in der Ostsee ein grosses Kräftevakuum. Königin Margaretha von Dänemark (aus der Familie von Hamlet, von William Shakespeare) suchte mit starkem Auftritt und Gefangennahme ihrer Gegenspieler die Oberhand zu erreichen. In diesen Wirren hatten die Seeräuber Hochbetrieb und Störtebeker war immer an vorderster Front. Die einzelnen Hansestädte waren zu klein und ein echtes Bündnis gegen die Seeräuber kam nur sporadisch, für kurze Zeit, zustande. Über Jahre wurden Versammlungen in verschiedenen Hansestädten und in der Marienburg des Deutschen Ordens abgehalten, Entschlüsse gefasst, die keiner beachtete solange seine Geschäfte gut gingen. 1391 stellten Wismar und Rostock Kriegsschiffe zusammen, die von Johan Tuckeswerd als Schiffshauptmann befehligt wurden, und eroberten Bornholm und Gotland, um die Piraten zu vertreiben. Der Deutsche Orden räucherte 1398 ein ganzes Piratennest auf Gotland aus und übergab die Insel dem Schwedischen Ritterorden.


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erlebt – erzählt – erfahren

Ein Erfahrungsbericht von Peter Zollinger. Er hat in der Edition Unik sein Buch geschrieben.

Autor Peter Zollinger am Edition Unik Café im Frühjahr 2019 in der Alten Kaserne (Foto: zvg.)

Autor Peter Zollinger am Edition Unik Café im Frühjahr 2019 in der Alten Kaserne (Foto: zvg.)

Am 12. Juni 2018 bin ich oberhalb vom Kalterer See mit dem Velo gestürzt und habe nebst zwei Rippenbrüchen einen Riss im Schambeinbereich erlitten. In der Folge war ich 2 Monate an den Rollstuhl gebunden. In dieser Zeit erschien in unserer Lokalzeitung ein Bericht über eine Frau aus unserem Tal, die ein Buch bei Edition Unik verfasst hatte. Spontan kam mir der Gedanke, dass ich jetzt Zeit und Musse hätte meine bereits geschriebenen Geschichten zu sortieren, zu überarbeiten und mit neuen Geschichten zu ergänzen. Kurz gesagt «Glück im Unglück».

Im Frühjahr 2018 konnte ich in meinem Heimatdorf ein Erzählcafé gestalten und hatte dort unter dem Titel «Von den Knickerbockern zu den roten Hosen, ein Lebenspuzzle» erste Geschichten vorgelesen. So war das Konzept des Buches bereits angedacht. Keine Biografie im klassischen Sinn, sondern Geschichten aus meinem Leben puzzleartig zusammengesetzt, so, dass ich jederzeit weitere Teile einfügen konnte. Dieses Konzept gab mir die notwendige Freiheit beim Schreiben und der Gestaltung des Buches. So hatte ich beim Einstieg beim Buchprojekt von Edition Unik bereits eine gewisse Basis.

Mit diesen Vorzeichen hat sich mein Schreibprozess etwas anders gestaltet als von Edition Unik geplant. Hatte ich in den ersten Wochen beim Schreiben einen Stau, konnte ich die bereits vorhandenen Geschichten überarbeiten und meinem Mentor zum Lesen und Korrigieren geben. Nach zehn Wochen hatte ich ausreichend Geschichten für mein Buch, so dass jede weitere Geschichte bereits ein Dessert war. So machte mir das Schreiben jederzeit Freude.

Glücklicherweise hatte ich in der 12. Woche die Idee mit dem Titel «erlebt – erzählt – erfahren». Damit konnte ich die Geschichten diesen drei Themen zuordnen und das grobe Gerippe war gegeben. Etwas aufwendiger gestaltete sich dann die Feinsortierung. Mit grosser Freude habe ich am 5. Dezember 2019 das Buch zum Druck freigegeben.

Fazit
Inzwischen habe an zwei Lesungen verschiedene Geschichten aus meinem Buch vortragen können. Meine Erkenntnis, ich werde in Zukunft die Geschichten mehre Male laut vorlesen. Beim Lesen habe ich gespürt, wenn es holpert, wenn ein Satz anders formuliert werden müsste oder ob eine Geschichte grundsätzlich stimmig ist.

Lesungen
Die Vorlesung «Edition Unik Café» im alten Zeughaus in Winterthur war ein grossartiges Erlebnis. Die Lesung wurde durch eine Mitarbeiterin des Zeughauses moderiert, das heisst, das Lesen war in einen Dialog eigebettet, der jeweils in die nächste Geschichte überleitete. Das freie Gespräch dazwischen über mich als Schreiberling, über meine Motivation und meine Art zu schreiben war sehr farbig und stimmig. Den Zuhörern hat es Spass gemacht, das war zu sehen und zu spüren.


Ungestörte und schönste Zeit – Kindheit in Ulaanbaatar

Ein Fragment aus dem Buch «Das Leben und ich» von Fiore Rubino. Fiore Rubino hat ihr Buch in der Edition Unik geschrieben und anschliessend publiziert.

Fit und fröhlich: Autorin Fiore Rubino mit den beiden Versionen ihres Buches (Foto: zvg.)

Fit und fröhlich: Autorin Fiore Rubino mit den beiden Versionen ihres Buches (Foto: zvg.)

Ein Land, unberührt, natürlich und reich an Bodenschätzen. Ein Land mit weiten Steppen und der heissen Wüste Gobi, mit schönen Bergen, streichelnden Winden und strahlend blauem Himmel an 360 Tagen im Jahr – das ist die Mongolei.

Geboren und aufgewachsen bin ich in Ulaanbaatar, der Hauptstadt der Mongolei. Wir lebten an einer langen Strasse in einer schneeweissen Jurte, die zusammen mit zwei anderen Jurten durch einen Holzzaun und eine Metalltüre von der Strasse abgetrennt war. Morgens machte mein Vater jeweils als erstes Feuer im «Zuuh» (Ofen) und kochte dann Tee. Ich genoss es immer, neben dem Ofen zu sitzen, Hände, Rücken und Popo zu wärmen und zu frühstücken. Manchmal legten wir die Kleider in die Nähe des Ofens, damit sie später zum Anziehen schon warm waren. Ich bin das drittjüngste von sechs Kindern. Ich habe zwei ältere Brüder, eine ältere Schwester und zwei jüngere Schwestern.

Alle Kinder spielten immer draussen, denn die wenigsten der hier lebenden Familien hatten einen Fernseher. Sobald die Hausaufgaben gemacht waren und alles aufgeräumt war, stürzten die Kinder nach draussen. Oder man ging zu der einzigen Familie, die einen Fernseher hatte und bat die Erwachsenen: «Dürfen wir bei euch das Kinderprogramm schauen?» Die Antwort lautete stets: «Ja, klar doch...» Dann sassen alle brav am Boden bis der Film fertig war. Mit der Zeit hatten immer mehr Familien einen Fernseher.

Fiore Rubino beherrscht nicht nur den echten Spagat, sondern auch jenen zwischen zwei Welten (Fotos: zvg.)

Fiore Rubino beherrscht nicht nur den echten Spagat, sondern auch jenen zwischen zwei Welten (Fotos: zvg.)

Bereits als Kind habe ich, wann immer ich etwas haben wollte, dafür eine Lösung gesucht. Was ich gut fand, habe ich einfach getan. Hier ein paar Beispiele: Als ich unbedingt ins Kino wollte und Geld für den Kinoeintritt benötigte, fing ich zwei Wochen vorher an, Papas Schuhe zu putzen. Dann fragte ich meinen Vater: «Hast du deine Schuhe gesehen?» Da antwortet er: «Ja, das habe ich gesehen, das hast du gut gemacht...» – und gab mir das Geld für das Kino. Dann gingen wir mit Freunden ins Kino. Oder ich putzte die Fenster, wenn ich Geld für Kekse oder Bonbons wollte. Einmal sah ich in einem Bus einen jungen Mann, der Zwetschgen ass. Da kriegte ich wahnsinnig Lust darauf. So fragte ich: «Dürfte ich bitte ein Stück davon haben?» Ich kriegte sogar drei Stücke.

Das war schon früh meine Strategie: Immer fragen. Ohne fragen geht nichts. Sehr gerne mochte ich, wenn meine Grossmutter Milch mit Reis kochte. Damit sie dieses leckere Gericht für mich zubereitete, nahm ich hin und wieder eine kleine Packung Milch aus unserem Kühlschrank und brachte sie zu Grossmutter. Wenn am Abend die Eltern merkten, dass zu wenig Milch im Kühlschrank war, gab ich mich unwissend und sagte: «Ich weiss nicht, wo die Milch ist», oder manchmal sagte ich: «Ich habe die Milch getrunken.»

Eines Tages habe ich im Handarbeitsunterricht ein neues Strickmuster gelernt. Erst war es mir und den anderen Mädchen nicht klar, aber nach mehrmaligem Nachfragen bei der Lehrerin hatte ich das Muster im Kopf und notierte es auf einem Blatt Papier. Auf dem Nachhauseweg studierte ich die Skizze.

Doch ich hatte ein Problem. Ich hatte keine Wolle! So ging ich direkt zu meiner Grossmutter und fragte sie. Leider hatte sie keine, nur verschiedene Resten. Sie sagte: «Warte ein paar Tage, nächste Woche besorge ich dir welche.»

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Doch ich erwiderte: «Nein, bis dahin werde ich das Muster vergessen haben.» Also ging ich nach Hause und suchte in den Stricksachen meiner Mutter, fand aber auch da nichts. Also trennte ich meinen Schal und meine Mütze auf – ich hatte Faden zum Stricken! Fünf Mal hatte ich begonnen, doch sassen die Maschen noch nicht richtig. Zum Glück kam dann meine Mutter nach Hause. Ich habe sie um Hilfe gebeten, da ich am nächsten Tag meine Mütze wieder anziehen wollte. Ich kochte für sie Tee und setzte mich dann neben sie, worauf sie mir zeigte, wie man richtig beginnt.

Dann strickte ich mit grosser Freude fleissig weiter bis morgens um fünf Uhr in der Früh, obschon mich meine Eltern mehrmals aufforderten, endlich schlafen zu gehen. Ich erinnere mich noch gut, wie ich die letzten Reihen im Schein meiner Taschenlampe unter der Bettdecke versteckt fertig gestrickt habe.

Meine Eltern sprechen noch heute davon: Wenn Fiore etwas erreichen wollte, konnten wir sie nicht stoppen – das Beste war, sie in Ruhe ihre Sache machen zu lassen.


Mehr von Fiore Rubino lesen?
Das Buch «Das Leben und ich» von Fiore Rubino ist inzwischen bei Liteareon erschienen und kann mit der ISBN 978-3-8316-2011-1 im regulären Buchhandel bestellt werden.
Hinweis: Am 27. April lädt Fiore Rubino zur Benefizveranstaltung im GZ Riesbach, Zürich. Details folgen rechtzeitig im Veranstaltungskalender.

Oder gleich selber schreiben?
Nur zu! Die Edition Unik ist ein Projekt für alle: Sie verbindet Komponenten on- und offline und richtet sich an Menschen, die ihre Geschichte(n) aufschreiben möchten. Schreiberfahrung braucht es keine, man darf sie aber natürlich mitbringen, den Umgang mit dem Computer sollten Sie aber gewohnt sein.

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Mehr als ein Lesecafé

An den Edition Unik Cafés lesen Autorinnen und Autoren der Edition Unik aus ihren persönlichen Büchern. Am Frühjahrs-Café im Berner Generationenhaus haben drei Frauen aus der Stadt und der Region Bern gelesen.

Die Edition Unik Cafés sind viel mehr als Lesecafés: Es sind Einblicke in unbekannte Leben, sie geben Antworten auf noch nicht gestellte Fragen, ermöglichen persönliche und berührende Erlebnisse und erzählen heitere Anekdoten. Im September findet ein weiteres Edition Unik Café statt, ich freue mich drauf!
— Vera Mosimann, Veranstaltungen und Projekte Berner Generationenhaus

Den Erfahrungsbericht der Edition Unik zum Café lesen Sie hier: «Milde Temperaturen …»


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Veranstaltungskalender. Er wird laufend aktualisiert.


Meine erste Depression

Ein Auszug von Arlette Yildiz. Sie hat in der Edition Unik ihr Buch geschrieben.

«Rheingrün»: das bestimmte Grün des Rheins. (Foto: zvg.)

«Rheingrün»: das bestimmte Grün des Rheins. (Foto: zvg.)

Rückblickend erkenne ich, dass ich bereits mit fünfzehn Jahren eine erste Depression erlebte. Aber das merkte niemand. Mein innerer Rettungsplan damals: wenn es wirklich nicht mehr gehen würde, würde ich alle rezeptfrei zu erhaltenden Schlaftabletten in allen Apotheken in Winterthur, wo ich das Gymnasium besuchte, kaufen und mich dann umbringen. Dieses Versprechen, mich selber nicht unendlich leiden zu lassen, hat mir über lange Zeit das Leben gerettet, denn ich hatte einen Notausgang.

Die erste diagnostizierte Depression hatte ich dann 1998. Diese Phase ist mit zwei Erinnerungen verbunden: Lindt Milchschokolade und Zombies. Nur dank der Lindt Schokolade fühlte ich manchmal so etwas wie Freude, nämlich dann, wenn ich wieder eine Tafel davon in mich ‘reingeschlungen hatte und mutierte so vom Zombie, der nichts fühlte - zumindest am Tag, denn nachts hatte ich Panikanfälle - zum menschlich fühlenden Wesen. Eigentlich dachte ich vor dieser Episode, dass nicht-fühlen ein er- strebenswerter Zustand wäre. Es war Horror pur. Ich war wie ein Nichts - ein doppeltes. Denn als Nichts fühlte ich mich schon als Grundgefühl.

In seinem Buch «Revolution in Psychiatry» beschreibt Ernest Becker Depression als «wissentlich eingesperrte Alternativen». Das bedeutet, sobald wir ein verurteilendes Gespräch mit uns selbst führen, entfremden wir uns von dem, was wir wirklich brauchen, und wir können dann auch nicht entsprechend handeln, um unsere Bedürfnisse zu befriedigen. Eine Depression weist uns dar- auf hin, dass wir von unseren eigenen Bedürfnissen abgetrennt sind. Dieser Definition stimme ich zu. 1998 hatte ich noch wenig Ahnung von meinen seelischen Bedürfnissen. Ich wusste nur, dass ich zutiefst unglücklich und traurig über etwas Verlorenes war. Was ich verloren hatte, das sollte ich erst nach und nach erkennen.


Geschrieben, gelesen, gewürdigt

Von grünen Würsten und anspruchsvollen Lebenswegen – am zweiten Edition Unik Café im Frühjahr 2019 gewähren zwei Ehemalige Einblick in ihre Bücher.

Am Samstag, 9. März 2019, wurde in Winterthur Fasnacht gefeiert. In der gesamten Innenstadt spielten die Guggen, am Bahnhof hiess die Steelband «Un Poco Loco» Neuankömmlinge in der Stadt willkommen. Im Kulturzentrum Alte Kaserne hingegen ging es nicht närrisch oder ein bisschen verrückt zu, sondern ernst und persönlich und trotzdem fröhlich. Auf dem Programm stand das zweite Edition Unik Café in Winterthur.

Darin hörten gut 25 Personen Arlette Yildiz und Peter Zollinger zu, die beide im Herbst 2018 in der Edition Unik ihr Buch geschrieben hatten. Während in Arlette Yildiz’ Buch und Lesung die Verarbeitung eines schwierigeren Lebenswegs zum Ausdruck kam, erzählte Peter Zollinger kurze Episoden von unterhaltender, meist heiterer Qualität. Zwischen der «Heimat in sich selbst und im Schreiben» und den «Grünen Würsten am Samstagmittag» war das Themenfeld gross.

Von der besonderen Wirkung des Schreibens wussten allerdings beide Autoren zu berichten. Peter Zollinger brachte sie, an die Zuhörer gerichtet, auf den Punkt: «Schreibt die Würdigung eures eigenen Lebens selbst! Eure Kinder und die Pfarrer werden es nicht so gut können wir ihr.»

Das Publikum in der Alten Kaserne durfte einen berührenden, von vielseitigen Emotionen geprägten Nachmittag erleben, der von Katja Kolitzus gestaltet und moderiert wurde.


Café verpasst?
Im April und im Mai finden zwei weitere Edition Unik Cafés statt, auch für den Herbst sind wiederum vier Cafés geplant. Werfen Sie einen Blick in unseren Veranstaltungskalender, es kommen laufend neue
Veranstaltungen hinzu.