Referenz

Ein Ausgleich

Alyson Joy Pestalozzi hat in der Edition Unik schon mehrere Bücher geschrieben und lädt ab dem 11. Mai zur Frühlingsausstellung in ihrem Atelier.

Das Schreiben ist für mich ein bereichernder Ausgleich zum bildnerischen Schaffen – und umgekehrt!
— Alyson Joy Pestalozzi, Teilnehmerin der Edition Unik
Flyer der Ausstellung (zvg.)

Flyer der Ausstellung (zvg.)

Mehr zur Ausstellung und den Daten im Veranstaltungshinweis.


Stimme aus der Edition Unik

Auch beim Schreiben meines zweiten Buches wurden in der Rückschau Gefühle und Erlebtes wieder erstaunlich lebendig. Es erstaunte mich, dass ich aus einer Fülle von Erinnerungen schöpfen konnte. Auch das reine Vergnügen zu schreiben, löste bei mir (fast) täglich grosse Freude und Befriedigung aus.
— Romana Taeuber Egli, Teilnehmerin der Edition Unik
Bild: Joëlle Kost

Bild: Joëlle Kost


«So muss sich Offenheit anfühlen»

Ein Rückblick von Gudrun Löffler. Sie hat in der Edition Unik ihr Buch geschrieben.

Was spricht für, was gegen das Teilen von Buchinhalten? (Bild: zvg.)

Was spricht für, was gegen das Teilen von Buchinhalten? (Bild: zvg.)

Ich Narr vergass die Zauberdinge … Zwischen Buch und Bühne entdeckte ich sie wieder.

Gestern haben sich drei Alumni der Edition Unik verabredet, um gemeinsam eine Lesung vorzubereiten. Ich bin eine davon und kann es kaum fassen. Denn Gesicht zu zeigen hinter der eigenen Geschichte kam mir vor kurzem noch wie ein Verrat an meinem Innenleben vor.

Der Gesinnungswandel begann, als ich im Herbst letztes Jahr die Einladung zu «Zwischen Buch und Bühne» erhielt. Schon der Titel traf ins Schwarze. Edition Unik und das Junge Schauspielhaus Zürich luden dazu ein, gemeinsam zu erkunden, «was Geschichten auslösen können». Sofort meldete ich mich an. Der Mut zum Wagnis sollte sich lohnen. Die drei Treffen «Zwischen Buch und Bühne» im Schiffbau entpuppten sich als ein grossartiges Geschenk.

Schon beim ersten Austausch im Kreise der Edition Unik Alumni kam eine Diskussion über «mein» Thema in Gang: Was spricht für das Teilen der eigenen Geschichten, was dagegen? Einige lasen Texte aus ihren Büchern vor und erzählten berührend davon, wie Familienmitglieder oder Freunde auf die Geschichten reagiert hatten. «Es tut gut, all die mitfühlenden, aufbauenden Rückmeldungen zu erhalten», sagte eine Teilnehmerin, die düstere Zeiten überstanden hatte. Andere – zu denen auch ich zählte – erklärten, warum für sie das Teilen nicht in Frage kam. «Die Geschichten sind zu persönlich und nur für mich selbst bestimmt.» «Ich will mit meinen Erinnerungen niemanden kränken.» Oder: «Womöglich würde ich angegriffen werden, das will ich mir ersparen», lauteten die Argumente hier.

Mir ging der Austausch unter die Haut.

Dort erreichte mich auch die Vorstellung «Liebe Grüsse ... oder wohin das Leben fällt», die einige von uns im Anschluss an den lebhaften Austausch besuchten. Wir erlebten mit, wie der kleine Moritz auf der Bühne seiner Grossmutter und seinem Vater, auch in deren jüngeren Jahren begegnete. Dabei kam er einem Familiengeheimnis auf die Spur, das die Leben seiner Nächsten über Generationen hinweg geprägt hatte. Als ich den Schiffbau verliess, hatte ich eine Unmenge an Eindrücken und Denkanstössen im Gepäck.

Beim zweiten Treffen fanden wir vier weisse Kärtchen auf dem Boden des Proberaums, der uns dieses Mal beherbergte. Auf jedem Kärtchen stand ein Begriffspaar: «Neu Beginnen/Neu Begegnen», «Aufräumen/Ablegen», «Weitergeben/Mitteilen» und «Loslassen/Öffnen». Es galt zu wählen und mit denen, die dieselbe Wahl getroffen hatten auszutauschen. Was hatte das, was unsere Geschichten auslösten, mit der Wahl der Begriffe zu tun? Das Thema «Loslassen/Öffnen» bekam jetzt verschiedene Gesichter. Zwei Teilnehmerinnen erzählten, dass sie sich im Buch mit einer schweren Erkrankung auseinandergesetzt und ihr Erleben beschrieben hätten. Eine weitere Teilnehmerin zeigte sich enttäuscht darüber, dass es in ihrem Umfeld nur wenig Rückmeldung zu ihren Geschichten gab. Sie hatte gehofft, dass auch andere sich offenbarten. Als ich an der Reihe war, sprach ich hastig und mit klopfendem Herzen: «Ich habe meine Kindheit aufgearbeitet. Das hat mich sehr erleichtert und irgendwie offener gemacht.» Auf die Frage, ob ich mir denn nun vorstellen könne, meine Geschichte zu teilen, hatte ich dieses Mal tatsächlich schon einen Fortschritt zu vermelden. Ich hatte die Texte nach dem ersten Treffen «Zwischen Buch und Bühne» einem meiner Brüder geschickt und bei ihm eigene Erinnerungen geweckt. Zum Vorlesen hielt ich die Texte jedoch weiterhin für ungeeignet. Nun nannte ich dafür einen neuen – vielleicht zutreffenderen – Grund: «Meine Geschichten sind nicht greifbar. Viel zu abstrakt und kopflastig geschrieben, um für andere interessant zu sein.»

Zu späterer Stunde in «Casa 18» durfte ich dann allerdings als Gast im Bühnenraum erleben wie erquicklich philosophische Denkspiele sein können, wenn sie von farbenfrohem Dekor umgeben sind und einer sie mit munteren Klängen am Klavier begleitet. Wieder verliess ich den Schiffbau wohl genährt mit nachhaltigen Eindrücken für Hirn und Herz.

Dann stand das dritte und vorläufig letzte Treffen «Zwischen Buch und Bühne» an. Gemäss Programm war Vorlesen für alle angesagt. Glücklicherweise war damit nicht das Vorlesen aus dem eigenen Buch gemeint, sondern aus einem fremden Text, der uns berührte. In einer kleinen Gruppe stellten wir das Buch vor, für das wir uns entschieden hatten. Mir fiel das schwer. Ich hatte als einzige ein Sachbuch mitgebracht. Der Auszug, der mir nahegegangen war, stammte aus dem Essay eines Mathematikers, der um den Sinn und Zweck seines Lebenswerkes rang. Zu meiner Erleichterung zeigten die Minen meiner vier Lesegefährten keinerlei Verdruss. Sie alle stellten Bücher vor, die grundverschieden voneinander waren. Und alle Texte berührten mich. Unabhängig davon, ob der Inhalt einer Geschichte, die Ausdruckweise eines Autors oder die Wortwahl im Vers meinem eigenen Wesen entsprachen. Die Lesenden selbst tauchten hinter den Worten auf, ihre Stimmen brachten sie mir näher.

Dann kam als krönender Abschluss «Der Josa mit der Zauberfiedel» auf die Bühne. Die Vorstellung eroberte mein Herz im Sturm. Auch Josa kämpfte um den Sinn und Zweck seines Lebens – in kindlich poetischer Manier. Hineingeboren in ein Umfeld, für das Josa – dem hässlichen Entlein gleich – falsch ausgestattet war, kam sich der Junge wie ein Nichtsnutz vor. Als ihm Scham und Verzweiflung unerträglich wurden, schenkte ihm ein Vogel die Zauberfiedel. Mit ihrer Hilfe fand er den Weg zum Mond. Diesen liess Josa fortan Fiedel spielend kleiner und grösser werden. Er hatte sein Lebensglück gefunden. Eine traumhafte Inszenierung! Josa in Gestalt einer Puppe und eines Schauspielers zugleich, märchenhafte Klänge, erzeugt von drei Musikern, die auch Figuren mimten sowie Objekte, die sich vor unseren Augen formten – wahrlich ein Tanz der Künste. So muss sich Offenheit anfühlen.

Nun drängte es mich, Euch ein grosses Dankeschön zu schicken. Euch, Janine und Frerk, stellvertretend für die Edition Unik und Dir, Petra, mit Deinem Team vom Jungen Schauspiel. Ihr habt uns meisterlich geführt auf dieser Reise «Zwischen Buch und Bühne», die ein wunderbares Abenteuer war. Auf die Frage «Was Geschichten auslösen können» habe ich im Schiffbau so manche Antwort erhalten und neue Fragen mit auf den Weg genommen. Ich freue mich darauf, Euch bald wieder zu sehen.