Gastbeitrag

Ungestörte und schönste Zeit – Kindheit in Ulaanbaatar

Ein Fragment aus dem Buch «Das Leben und ich» von Fiore Rubino. Fiore Rubino hat ihr Buch in der Edition Unik geschrieben und anschliessend publiziert.

Fit und fröhlich: Autorin Fiore Rubino mit den beiden Versionen ihres Buches (Foto: zvg.)

Fit und fröhlich: Autorin Fiore Rubino mit den beiden Versionen ihres Buches (Foto: zvg.)

Ein Land, unberührt, natürlich und reich an Bodenschätzen. Ein Land mit weiten Steppen und der heissen Wüste Gobi, mit schönen Bergen, streichelnden Winden und strahlend blauem Himmel an 360 Tagen im Jahr – das ist die Mongolei.

Geboren und aufgewachsen bin ich in Ulaanbaatar, der Hauptstadt der Mongolei. Wir lebten an einer langen Strasse in einer schneeweissen Jurte, die zusammen mit zwei anderen Jurten durch einen Holzzaun und eine Metalltüre von der Strasse abgetrennt war. Morgens machte mein Vater jeweils als erstes Feuer im «Zuuh» (Ofen) und kochte dann Tee. Ich genoss es immer, neben dem Ofen zu sitzen, Hände, Rücken und Popo zu wärmen und zu frühstücken. Manchmal legten wir die Kleider in die Nähe des Ofens, damit sie später zum Anziehen schon warm waren. Ich bin das drittjüngste von sechs Kindern. Ich habe zwei ältere Brüder, eine ältere Schwester und zwei jüngere Schwestern.

Alle Kinder spielten immer draussen, denn die wenigsten der hier lebenden Familien hatten einen Fernseher. Sobald die Hausaufgaben gemacht waren und alles aufgeräumt war, stürzten die Kinder nach draussen. Oder man ging zu der einzigen Familie, die einen Fernseher hatte und bat die Erwachsenen: «Dürfen wir bei euch das Kinderprogramm schauen?» Die Antwort lautete stets: «Ja, klar doch...» Dann sassen alle brav am Boden bis der Film fertig war. Mit der Zeit hatten immer mehr Familien einen Fernseher.

Fiore Rubino beherrscht nicht nur den echten Spagat, sondern auch jenen zwischen zwei Welten (Fotos: zvg.)

Fiore Rubino beherrscht nicht nur den echten Spagat, sondern auch jenen zwischen zwei Welten (Fotos: zvg.)

Bereits als Kind habe ich, wann immer ich etwas haben wollte, dafür eine Lösung gesucht. Was ich gut fand, habe ich einfach getan. Hier ein paar Beispiele: Als ich unbedingt ins Kino wollte und Geld für den Kinoeintritt benötigte, fing ich zwei Wochen vorher an, Papas Schuhe zu putzen. Dann fragte ich meinen Vater: «Hast du deine Schuhe gesehen?» Da antwortet er: «Ja, das habe ich gesehen, das hast du gut gemacht...» – und gab mir das Geld für das Kino. Dann gingen wir mit Freunden ins Kino. Oder ich putzte die Fenster, wenn ich Geld für Kekse oder Bonbons wollte. Einmal sah ich in einem Bus einen jungen Mann, der Zwetschgen ass. Da kriegte ich wahnsinnig Lust darauf. So fragte ich: «Dürfte ich bitte ein Stück davon haben?» Ich kriegte sogar drei Stücke.

Das war schon früh meine Strategie: Immer fragen. Ohne fragen geht nichts. Sehr gerne mochte ich, wenn meine Grossmutter Milch mit Reis kochte. Damit sie dieses leckere Gericht für mich zubereitete, nahm ich hin und wieder eine kleine Packung Milch aus unserem Kühlschrank und brachte sie zu Grossmutter. Wenn am Abend die Eltern merkten, dass zu wenig Milch im Kühlschrank war, gab ich mich unwissend und sagte: «Ich weiss nicht, wo die Milch ist», oder manchmal sagte ich: «Ich habe die Milch getrunken.»

Eines Tages habe ich im Handarbeitsunterricht ein neues Strickmuster gelernt. Erst war es mir und den anderen Mädchen nicht klar, aber nach mehrmaligem Nachfragen bei der Lehrerin hatte ich das Muster im Kopf und notierte es auf einem Blatt Papier. Auf dem Nachhauseweg studierte ich die Skizze.

Doch ich hatte ein Problem. Ich hatte keine Wolle! So ging ich direkt zu meiner Grossmutter und fragte sie. Leider hatte sie keine, nur verschiedene Resten. Sie sagte: «Warte ein paar Tage, nächste Woche besorge ich dir welche.»

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Doch ich erwiderte: «Nein, bis dahin werde ich das Muster vergessen haben.» Also ging ich nach Hause und suchte in den Stricksachen meiner Mutter, fand aber auch da nichts. Also trennte ich meinen Schal und meine Mütze auf – ich hatte Faden zum Stricken! Fünf Mal hatte ich begonnen, doch sassen die Maschen noch nicht richtig. Zum Glück kam dann meine Mutter nach Hause. Ich habe sie um Hilfe gebeten, da ich am nächsten Tag meine Mütze wieder anziehen wollte. Ich kochte für sie Tee und setzte mich dann neben sie, worauf sie mir zeigte, wie man richtig beginnt.

Dann strickte ich mit grosser Freude fleissig weiter bis morgens um fünf Uhr in der Früh, obschon mich meine Eltern mehrmals aufforderten, endlich schlafen zu gehen. Ich erinnere mich noch gut, wie ich die letzten Reihen im Schein meiner Taschenlampe unter der Bettdecke versteckt fertig gestrickt habe.

Meine Eltern sprechen noch heute davon: Wenn Fiore etwas erreichen wollte, konnten wir sie nicht stoppen – das Beste war, sie in Ruhe ihre Sache machen zu lassen.


Mehr von Fiore Rubino lesen?
Das Buch «Das Leben und ich» von Fiore Rubino ist inzwischen bei Liteareon erschienen und kann mit der ISBN 978-3-8316-2011-1 im regulären Buchhandel bestellt werden.
Hinweis: Am 27. April lädt Fiore Rubino zur Benefizveranstaltung im GZ Riesbach, Zürich. Details folgen rechtzeitig im Veranstaltungskalender.

Oder gleich selber schreiben?
Nur zu! Die Edition Unik ist ein Projekt für alle: Sie verbindet Komponenten on- und offline und richtet sich an Menschen, die ihre Geschichte(n) aufschreiben möchten. Schreiberfahrung braucht es keine, man darf sie aber natürlich mitbringen, den Umgang mit dem Computer sollten Sie aber gewohnt sein.

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Meine erste Depression

Ein Auszug von Arlette Yildiz. Sie hat in der Edition Unik ihr Buch geschrieben.

«Rheingrün»: das bestimmte Grün des Rheins. (Foto: zvg.)

«Rheingrün»: das bestimmte Grün des Rheins. (Foto: zvg.)

Rückblickend erkenne ich, dass ich bereits mit fünfzehn Jahren eine erste Depression erlebte. Aber das merkte niemand. Mein innerer Rettungsplan damals: wenn es wirklich nicht mehr gehen würde, würde ich alle rezeptfrei zu erhaltenden Schlaftabletten in allen Apotheken in Winterthur, wo ich das Gymnasium besuchte, kaufen und mich dann umbringen. Dieses Versprechen, mich selber nicht unendlich leiden zu lassen, hat mir über lange Zeit das Leben gerettet, denn ich hatte einen Notausgang.

Die erste diagnostizierte Depression hatte ich dann 1998. Diese Phase ist mit zwei Erinnerungen verbunden: Lindt Milchschokolade und Zombies. Nur dank der Lindt Schokolade fühlte ich manchmal so etwas wie Freude, nämlich dann, wenn ich wieder eine Tafel davon in mich ‘reingeschlungen hatte und mutierte so vom Zombie, der nichts fühlte - zumindest am Tag, denn nachts hatte ich Panikanfälle - zum menschlich fühlenden Wesen. Eigentlich dachte ich vor dieser Episode, dass nicht-fühlen ein er- strebenswerter Zustand wäre. Es war Horror pur. Ich war wie ein Nichts - ein doppeltes. Denn als Nichts fühlte ich mich schon als Grundgefühl.

In seinem Buch «Revolution in Psychiatry» beschreibt Ernest Becker Depression als «wissentlich eingesperrte Alternativen». Das bedeutet, sobald wir ein verurteilendes Gespräch mit uns selbst führen, entfremden wir uns von dem, was wir wirklich brauchen, und wir können dann auch nicht entsprechend handeln, um unsere Bedürfnisse zu befriedigen. Eine Depression weist uns dar- auf hin, dass wir von unseren eigenen Bedürfnissen abgetrennt sind. Dieser Definition stimme ich zu. 1998 hatte ich noch wenig Ahnung von meinen seelischen Bedürfnissen. Ich wusste nur, dass ich zutiefst unglücklich und traurig über etwas Verlorenes war. Was ich verloren hatte, das sollte ich erst nach und nach erkennen.


Aus meinem 10-Minuten-Tagebuch

Ein Bericht von Katrin Sterki. Sie hat in der Edition Unik ihr Buch geschrieben.

Meine erste bewusste Begegnung mit Wort und Schrift erlebte ich so: Abends, wenn die Küche aufgeräumt war, sass meine Mutter noch am Küchentisch und schrieb in ein dickes Heft alle Ausgaben des Tages. Ich ging noch nicht zur Schule, schaute gerne zu, wie sorgfältig sie alles aufschrieb, ihre verbundene Schrift war gleichmässig, für meine Augen damals einfach schön. Diese regelmässigen Schleifen nach oben und unten! Werde ich auch einmal so schreiben können? So genau verstand ich diese Arbeit der Mutter nicht, aber dass sie wichtig war, das spürte ich. Es waren stille und friedliche Momente zu zweit.

Offline und Online: In der Edition Unik verschmelzen beide Komponenten (Fotos: zvg.)

Offline und Online: In der Edition Unik verschmelzen beide Komponenten (Fotos: zvg.)

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In der ersten Klasse lernte ich langsam alle Buchstaben kennen, kurze Wörter lesen und in ein kleines Heft schreiben. Wir Kinder im Quartier schrieben einander auf kleine Zettelchen das, was wir eben konnten. Wir vereinbarten einen Ort bei den jeweiligen Wohnhäusern, wo wir die Briefchen in eine Mauerritze oder in eine Holzspalte stecken konnten. Daraus wurde ein spannendes Spielchen. Hat mir jemand geschrieben? Warum schreibt sie nicht? Wem schreibe ich jetzt? Was wir uns schrieben, das weiss ich nicht mehr, sicher nur wenige Worte, etwa: «Sälü, wie geht es dir? Mir geht es gut? Was machst du?»

Nach einiger Zeit entdeckte die Mutter unser unbekümmertes Spiel und verbot es. Die Freude war weg. Was hatten wir denn Unerlaubtes getan? Es war eines der vielen Verbote meiner Mutter im Lauf der Kindheit: Das gehört sich nicht. Was denken die andern? Tief haben sie sich im Laufe der Zeit in mein Leben eingegraben, erstickten meine Lebensfreude, bis ich sie entdeckte und mich nach vielen Jahren davon befreite.

Aufsätze schreiben in den weiteren Schuljahren? Da sass ich freudlos vor dem leeren Papier und nichts kam mir in den Sinn, keine Idee, keine Worte. Auf Kommando schreiben, das ging kaum. Das Spielerische war weg, es musste alles so vernünftig, so sachlich sein. In den Augen der Lehrkräfte hatte ich kein Talent, einen anständigen Aufsatz zu Papier zu bringen. Also wuchs in mir die Überzeugung: Ich bin nicht fähig, einen Aufsatz zu schreiben.

Und in der beruflichen Ausbildung? Mit dem, was ich schrieb, genügte ich der Deutschlehrerin nicht. Von anderen Fach-Lehrkräften fühlte ich mich zum Glück wahr genommen. Sie lernten eine andere Seite von mir kennen, eine offene, interessierte. Da spürte ich: Ich hatte einen Wert. In meinen Berufsjahren war der sprachliche Ausdruck zwar wichtig, aber freie Texte schrieb ich keine, höchstens Reisetagebücher, ab und zu Briefe.

Erst nach der Pensionierung erwachte mein schlummerndes Bedürfnis wieder: Ich wollte schreiben. Ich besuchte Kurse, wurde mutiger, mich auszudrücken. Viele Texte entstanden, Anerkennung tat gut. Ich lernte Menschen kennen, die auch erst in späten Jahren wieder zu schreiben begannen. Ein befruchtender Austausch entstand. Nach langem Hin und Her in meinem Kopf wagte ich, mich für eine Teilnahme an der Edition Unik anzumelden mit dem Titel: «Erinnerungen Schreiben und Schenken»*.

Der lange verborgene Schatz kam nun endgültig ans Licht: Schreiben aus mir heraus, ohne grosse Vorgaben, ein Buch entstand, MEIN Buch! Überglücklich war ich: Ein grosses Geschenk von mir für mich! Meine Freunde und Bekannten staunten: «Du hast ein Buch geschrieben? Kann ich es lesen?»


* Seit 2017 heisst es in der Edition Unik übrigens «Schreib dein Buch». Botschafter für das neue Motto haben wir auch gefunden, und zwar gleich vier Ehemalige der Edition Unik!
(Anm. Team Edition Unik)


«So muss sich Offenheit anfühlen»

Ein Rückblick von Gudrun Löffler. Sie hat in der Edition Unik ihr Buch geschrieben.

Was spricht für, was gegen das Teilen von Buchinhalten? (Bild: zvg.)

Was spricht für, was gegen das Teilen von Buchinhalten? (Bild: zvg.)

Ich Narr vergass die Zauberdinge … Zwischen Buch und Bühne entdeckte ich sie wieder.

Gestern haben sich drei Alumni der Edition Unik verabredet, um gemeinsam eine Lesung vorzubereiten. Ich bin eine davon und kann es kaum fassen. Denn Gesicht zu zeigen hinter der eigenen Geschichte kam mir vor kurzem noch wie ein Verrat an meinem Innenleben vor.

Der Gesinnungswandel begann, als ich im Herbst letztes Jahr die Einladung zu «Zwischen Buch und Bühne» erhielt. Schon der Titel traf ins Schwarze. Edition Unik und das Junge Schauspielhaus Zürich luden dazu ein, gemeinsam zu erkunden, «was Geschichten auslösen können». Sofort meldete ich mich an. Der Mut zum Wagnis sollte sich lohnen. Die drei Treffen «Zwischen Buch und Bühne» im Schiffbau entpuppten sich als ein grossartiges Geschenk.

Schon beim ersten Austausch im Kreise der Edition Unik Alumni kam eine Diskussion über «mein» Thema in Gang: Was spricht für das Teilen der eigenen Geschichten, was dagegen? Einige lasen Texte aus ihren Büchern vor und erzählten berührend davon, wie Familienmitglieder oder Freunde auf die Geschichten reagiert hatten. «Es tut gut, all die mitfühlenden, aufbauenden Rückmeldungen zu erhalten», sagte eine Teilnehmerin, die düstere Zeiten überstanden hatte. Andere – zu denen auch ich zählte – erklärten, warum für sie das Teilen nicht in Frage kam. «Die Geschichten sind zu persönlich und nur für mich selbst bestimmt.» «Ich will mit meinen Erinnerungen niemanden kränken.» Oder: «Womöglich würde ich angegriffen werden, das will ich mir ersparen», lauteten die Argumente hier.

Mir ging der Austausch unter die Haut.

Dort erreichte mich auch die Vorstellung «Liebe Grüsse ... oder wohin das Leben fällt», die einige von uns im Anschluss an den lebhaften Austausch besuchten. Wir erlebten mit, wie der kleine Moritz auf der Bühne seiner Grossmutter und seinem Vater, auch in deren jüngeren Jahren begegnete. Dabei kam er einem Familiengeheimnis auf die Spur, das die Leben seiner Nächsten über Generationen hinweg geprägt hatte. Als ich den Schiffbau verliess, hatte ich eine Unmenge an Eindrücken und Denkanstössen im Gepäck.

Beim zweiten Treffen fanden wir vier weisse Kärtchen auf dem Boden des Proberaums, der uns dieses Mal beherbergte. Auf jedem Kärtchen stand ein Begriffspaar: «Neu Beginnen/Neu Begegnen», «Aufräumen/Ablegen», «Weitergeben/Mitteilen» und «Loslassen/Öffnen». Es galt zu wählen und mit denen, die dieselbe Wahl getroffen hatten auszutauschen. Was hatte das, was unsere Geschichten auslösten, mit der Wahl der Begriffe zu tun? Das Thema «Loslassen/Öffnen» bekam jetzt verschiedene Gesichter. Zwei Teilnehmerinnen erzählten, dass sie sich im Buch mit einer schweren Erkrankung auseinandergesetzt und ihr Erleben beschrieben hätten. Eine weitere Teilnehmerin zeigte sich enttäuscht darüber, dass es in ihrem Umfeld nur wenig Rückmeldung zu ihren Geschichten gab. Sie hatte gehofft, dass auch andere sich offenbarten. Als ich an der Reihe war, sprach ich hastig und mit klopfendem Herzen: «Ich habe meine Kindheit aufgearbeitet. Das hat mich sehr erleichtert und irgendwie offener gemacht.» Auf die Frage, ob ich mir denn nun vorstellen könne, meine Geschichte zu teilen, hatte ich dieses Mal tatsächlich schon einen Fortschritt zu vermelden. Ich hatte die Texte nach dem ersten Treffen «Zwischen Buch und Bühne» einem meiner Brüder geschickt und bei ihm eigene Erinnerungen geweckt. Zum Vorlesen hielt ich die Texte jedoch weiterhin für ungeeignet. Nun nannte ich dafür einen neuen – vielleicht zutreffenderen – Grund: «Meine Geschichten sind nicht greifbar. Viel zu abstrakt und kopflastig geschrieben, um für andere interessant zu sein.»

Zu späterer Stunde in «Casa 18» durfte ich dann allerdings als Gast im Bühnenraum erleben wie erquicklich philosophische Denkspiele sein können, wenn sie von farbenfrohem Dekor umgeben sind und einer sie mit munteren Klängen am Klavier begleitet. Wieder verliess ich den Schiffbau wohl genährt mit nachhaltigen Eindrücken für Hirn und Herz.

Dann stand das dritte und vorläufig letzte Treffen «Zwischen Buch und Bühne» an. Gemäss Programm war Vorlesen für alle angesagt. Glücklicherweise war damit nicht das Vorlesen aus dem eigenen Buch gemeint, sondern aus einem fremden Text, der uns berührte. In einer kleinen Gruppe stellten wir das Buch vor, für das wir uns entschieden hatten. Mir fiel das schwer. Ich hatte als einzige ein Sachbuch mitgebracht. Der Auszug, der mir nahegegangen war, stammte aus dem Essay eines Mathematikers, der um den Sinn und Zweck seines Lebenswerkes rang. Zu meiner Erleichterung zeigten die Minen meiner vier Lesegefährten keinerlei Verdruss. Sie alle stellten Bücher vor, die grundverschieden voneinander waren. Und alle Texte berührten mich. Unabhängig davon, ob der Inhalt einer Geschichte, die Ausdruckweise eines Autors oder die Wortwahl im Vers meinem eigenen Wesen entsprachen. Die Lesenden selbst tauchten hinter den Worten auf, ihre Stimmen brachten sie mir näher.

Dann kam als krönender Abschluss «Der Josa mit der Zauberfiedel» auf die Bühne. Die Vorstellung eroberte mein Herz im Sturm. Auch Josa kämpfte um den Sinn und Zweck seines Lebens – in kindlich poetischer Manier. Hineingeboren in ein Umfeld, für das Josa – dem hässlichen Entlein gleich – falsch ausgestattet war, kam sich der Junge wie ein Nichtsnutz vor. Als ihm Scham und Verzweiflung unerträglich wurden, schenkte ihm ein Vogel die Zauberfiedel. Mit ihrer Hilfe fand er den Weg zum Mond. Diesen liess Josa fortan Fiedel spielend kleiner und grösser werden. Er hatte sein Lebensglück gefunden. Eine traumhafte Inszenierung! Josa in Gestalt einer Puppe und eines Schauspielers zugleich, märchenhafte Klänge, erzeugt von drei Musikern, die auch Figuren mimten sowie Objekte, die sich vor unseren Augen formten – wahrlich ein Tanz der Künste. So muss sich Offenheit anfühlen.

Nun drängte es mich, Euch ein grosses Dankeschön zu schicken. Euch, Janine und Frerk, stellvertretend für die Edition Unik und Dir, Petra, mit Deinem Team vom Jungen Schauspiel. Ihr habt uns meisterlich geführt auf dieser Reise «Zwischen Buch und Bühne», die ein wunderbares Abenteuer war. Auf die Frage «Was Geschichten auslösen können» habe ich im Schiffbau so manche Antwort erhalten und neue Fragen mit auf den Weg genommen. Ich freue mich darauf, Euch bald wieder zu sehen.


Zwischen Leben, Buch und Bühne

Oder: Geschichten, die das Leben schreibt

Ein Essay von Claudia Kümin. Sie hat in der Edition Unik ihr Buch geschrieben und ist aktives Mitglied des Alumniprogramms.

 
Vielleicht ist mein Leben gar nicht so einzigartig, wie ich meine? Vielleicht wurden meine Geschichte und jene meiner Familie schon mehrmals gelebt – in einer anderen Zeit, an einem anderen Ort, durch andere Menschen – und werden sich immer und immer wieder abspielen?
 

Diese Gedanken beschäftigten mich im Frühling 2017 nach dem Besuch einer Theateraufführung nach Kafkas Erzählung «Die Verwandlung» im Schauspielhaus Zürich. Das Stück hatte mich emotional sehr aufgewühlt, weil es mich in erschreckender Weise an das unglückliche Ende meines Onkels erinnerte. Ende desselben Jahres sah ich in der Kammer des Schauspielhauses das Stück «Du bist meine Mutter» von Joop Admiraal über einen erwachsenen Mann, der jeden Sonntag zu seiner demenzkranken Mutter ins Pflegeheim reist, um mit ihr Zeit zu verbringen. Der Schauspieler Gottfried Breitfuss verkörpert die Rollen des Sohnes und der Mutter in so berührender Weise, dass mich auch dieses Stück tief in der Seele traf.

Autorin Claudia Kümin im Sommer 2018 an der BadragARTz (Foto: zvg.)

Autorin Claudia Kümin im Sommer 2018 an der BadragARTz (Foto: zvg.)

Ebendiese Gedanken mache ich mir seit den drei Treffen mit Edition Unik-Teilnehmern in den vergangenen Monaten erneut. «Zwischen Buch und Bühne – Was können Geschichten auslösen?» lautete der Titel der Einladung, die uns Ende August 2018 erreichte. Die Edition Unik und das Junge Schauspielhaus Zürich hatten uns gemeinsam eingeladen, die Frage zu ergründen, was unsere Erfahrungen und Geschichten aus der Edition Unik nach Abschluss des Buchprojekts auslösen können. Die drei Treffen fanden Ende Oktober, Anfang Dezember 2018 und Mitte Januar 2019 statt und boten Gelegenheit, uns über unsere Erfahrungen mit dem Schreiben und die Aktivitäten mit unseren fertigen Büchern auszutauschen. Beim dritten Treffen lasen wir einer Gruppe einen Auszug eines Buches vor, das uns aus irgendeinem Grund besonders beeindruckt hatte, und diskutierten engagiert darüber.

Jedes der drei Treffen wurde mit dem Besuch eines Theaterstücks abgeschlossen. Das erste Theaterstück heisst «Liebe Grüsse ... oder Wohin das Leben fällt», eine Uraufführung von Theo Fransz. «Drei Generationen untersuchen, wie es sich leben lässt zwischen Schicksal und Selbstbestimmung», steht auf dem Programmflyer. Dieses Stück gefiel mir besonders gut, weil die drei Schauspieler zwischen den Zeitebenen, der Gegenwart und der Vergangenheit, hin- und herwechseln. Die alte Frau, die ihren Umzug ins Pflegeheim vorbereiten soll und wenig später als junge Ehefrau und Mutter auf die Rückkehr ihres Ehemannes wartet, der alleine in der Weltgeschichte umherreist, weil seine Frau an einer Reisephobie leidet. Ihr Sohn ist der Vater des 10-jährigen Moritz‘, der jenem plötzlich als gleichaltrigem Bub gegenübersteht und diesen zum Cowboy-Duell herausfordert. Das Stück spielt auf einer Art Laufsteg, an dessen beiden Längsseiten das Publikum sitzt. Von Zeit zu Zeit verschwinden der Laufsteg und die Schauspieler hinter einem transparenten Vorhang, auf den beschwingte Bilder aus der Vergangenheit projiziert werden. Wir erfahren nach dem Theater, dass der Autor und Regisseur Theo Frantz das Stück gemeinsam mit dem Inszenierungsteam, mit Schulkindern und Senioren entwickelte, indem er biographisches Material sammelte.

Auch das zweite Theaterstück war sehr eindrücklich. Es trägt den Titel «Casa 18», besteht aus Geschichten aus dem Buch «Überall ist leicht zu verpassen» von Jürg Schubiger und spielt in einer heruntergekommenen Pension, in der ein paar Dauergäste leben, die sich die Zeit mit dem Erzählen von Geschichten vertreiben. Auf dem Programmflyer steht: «Es wird über das Leben philosophiert, das immer nur hier und endlich ist - wenn es überall und ewig wäre, wäre es allzu leicht zu verpassen.» Jürg Schubiger – ich will unbedingt eines seiner vielen Bücher, die er geschrieben hat, lesen – hatte übrigens am selben Tag Geburtstag wie ich. Er ist im September 2014 im Alter von 78 Jahren gestorben. Seine Witwe war an der Aufführung von «Casa 18» ebenfalls zugegen und zeigte sich sehr berührt von der Art und Weise, wie die Geschichten Ihres verstorbenen Mannes auf der Bühne umgesetzt worden waren. Eine Unik-Teilnehmerin war ihrerseits sehr bewegt, weil sie, wie sie später erzählte, das Stück angeregt hatte, sich ihr eigenes Buch als Theaterstück vorzustellen, in dem die Schauspieler die Gedichte, die in ihrem Buch vorkommen, singen.

Das dritte und letzte Theaterstück, das wir sahen, heisst «Der Josa mit der Zauberfiedel» nach einem Buch von Janosch und handelt vom Sohn eines grossen und starken Köhlers. Jener aber ist so klein und schwach, dass er niemals in die Fussstapfen seines Vaters treten kann. Deshalb schenkt ihm ein Vogel eine Zauberfiedel, die, wenn Josa auf ihr spielt, die Menschen verzaubert und diese kleiner oder grösser werden lässt, je nachdem, ob Josa seine Melodien vorwärts oder rückwärts spielt. Mit seiner Fiedel macht sich Josa auf den Weg zum Ende der Welt, wo der Mond ins Wasser versinkt. Und immer, wenn der zuhause gebliebene Vater den Mond am Himmel sieht, der zu- und wieder abnimmt, denkt er an seinen Josa. Das Stück, eine Mischung aus Schauspiel, Puppen, Objekten und Live-Musik, ist genauso liebevoll und bezaubernd wie Janoschs bekannte Kinderbücher. Es verwundert denn auch nicht, dass bei allen drei Theaterstücken viele Kinder im Publikum sassen.

Der Rückblick auf die drei Treffen unter dem Titel «Zwischen Buch und Bühne – Was können Geschichten auslösen?» führt mir einmal mehr vor Augen, wie stark Leben, Bücher und Theater sich gegenseitig beeinflussen können. Je mehr mich beispielsweise Biographien von Zeitgenossen oder Verstorbenen ansprechen, desto eher geben sie mir Denkanstösse und Möglichkeiten, aus den Erfahrungen, die diese Menschen gemacht haben, für mein eigenes Leben zu lernen. Und Theaterstücke wiederum können ein treffendes Abbild des Lebens sein, das einen mitten ins Herz trifft.

Und wer weiss, was aus unseren künftigen Treffen noch alles entstehen wird? Erst einmal treffen wir uns wieder, diesmal in kleineren Gruppen, um einen Beitrag für den Schweizer Vorlesetag vom 22. Mai 2019 vorzubereiten. Ich freue mich darauf.


Mitglied werden?
Die Ausführungen und Gedanken von Claudia Kümin haben Sie angesprochen und Sie wären gerne Teil, des
Alumniprogramms? Kein Problem: Sobald Sie einmal mit dem Schreiben Ihres Buches in der Edition Unik begonnen haben, sind Sie automatisch Teil des Alumniprogramms der Edition Unik. Möchten Sie mehr erfahren? Dann kontaktieren Sie uns, wir stehen Ihnen gerne zur Verfügung.

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