Titel

Wer schreibt denn da?

In loser Reihenfolge stellen wir Ihnen hier vor, wen eine Psychologin und eine Autorin anhand der Titel hinter den Edition Unik Büchern vermuten. Heute: «Das Leben ist ein Leiterlispiel»  

Die Psychologin (Bettina Geirhofer): 
Das Leiterlispiel ist ein Brettspiel, ein Gesellschaftsspiel, man kann es nicht alleine spielen. Die Person, die diesen Titel gewählt hat, scheint also keine Einzelgängerin zu sein. Sie ist vermutlich in ein funktionierendes soziales Netz eingebunden, das aus Familienmitgliedern und Freunden besteht. Der Titel ist in der Gegenwart gehalten: Das Leben ist ein Leiterlispiel. Er zeugt möglicherweise davon, dass die Autorin nicht nur zurückblickt, sondern auch das Leben heute als ein anstrengendes, manchmal frustrierendes Spiel versteht. In einem Leiterlispiel wird man unfreiwillig zurückgeworfen; die Autorin hat vielleicht in ihrem Leben einige Schicksalsschläge einstecken müssen, konnte aber immer weiterspielen.  
 

Genau dieses Netz ist mein Leiterlispiel - also Vergangenheit und Gegenwart zugleich, was eben nicht immer funktioniert.
— Edith Schlegel
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Die Autorin (Stefanie Sourlier): 
Einen ganzen Satz als Buchtitel zu setzen, ist literarisch interessant. Das metaphorische Gleichnis vom Leben als Leiterlispiel ist zudem sehr kreativ. Als Leserin stockt man und fragt sich: Meint die Autorin das wörtlich? Ich vermute daher eine weise, feingeistige, spielerische, vielleicht leicht ironische Person. Buch und Person hinter dem Titel haben sicher auch etwas Rastloses: Das Leiterspiel setzt ja ein Ziel voraus, auf das man trotz aller Schlaufen zuarbeitet. Dort möchte die Autorin ankommen, ist es aber noch nicht. Vielleicht hat sie mehrmals neue Berufe angefangen und wieder abgebrochen. Die Verwendung des Mundartausdrucks «Leiterlispiel» und das Bild an sich zeugt zudem von einem leicht fortgeschrittenen Alter. Sie ist sicher kein Digital Native, ich tippe auf frühes Rentenalter.  

Die Antwort (Edith Schlegel): 
Es stimmt: Ich bin 66 Jahre alt und in das soziale Netz meiner Familie eingebunden. Aber genau dieses Netz ist mein Leiterlispiel – also Vergangenheit und Gegenwart zugleich, was eben nicht immer funktioniert. Einmal geht es rauf und dann wieder runter. Durch die Schicksalsschläge wurde ich für eine längere Zeit zur Einzelgängerin. Ich, die ich früher von vielen Freunden umgeben war. Aus der Not musste ich mich tatsächlich immer wieder neu erfinden. Aber ich spiele weiter und habe mir ein neues Umfeld geschaffen. Dass ich eine weise, feingeistige, spielerische und leicht ironische Person sein soll, ehrt mich. Dass der Titel mit etwas Ratlosem zusammenhängen soll, ist durchaus richtig. Ich weiss eigentlich bis heute nicht wirklich, weshalb es gekommen ist wie es ist. Ich verstehe auch im Hier und Jetzt ganz vieles nicht. Eigentlich habe ich mein Ziel schon gefunden – aber wie es halt beim Leiterlispiel so ist, wird man auf dem Weg dahin immer wieder gestört.

Wer schreibt denn da?

In loser Reihenfolge stellen wir Ihnen hier vor, wen eine Psychologin und eine Autorin anhand der Titel hinter den Edition Unik Büchern vermuten. Heute: «Mein Aufbruch aus dem Wartsaal… » 
 

Die Psychologin (Bettina Geirhofer): 
Dieser Titel spricht mich sehr an. Zwar spricht aus dem Begriff Wartsaal eine leichte Melancholie, dennoch überwiegt die Energie des Aufbruchs. Ich habe den Eindruck, dass der Aufbruch jetzt geschieht; die Autorin schreibt, während sie aufbricht – vielleicht sogar, um aufzubrechen? Während sie im Wartsaal fremdbestimmt ist, nimmt sie nun die Kontrolle über ihr Leben in die Hand: Sie fällt die Entscheidung den Wartsaal zu verlassen. Damit ist ein Risiko verbunden; schliesslich ist es meist ausserhalb des Wartsaals noch kälter. Aber die Energie, die freigesetzt wird, hilft ihr die Situation zu meistern. Wofür der Aufbruch steht, ist nicht klar: Ein Ortswechsel? Ein Zweitstudium? Eine Trennung? Es steht jedoch fest, dass der Aufbruch noch nicht vorbei ist, das Buch hat noch kein Ende.  
 

Die Autorin (Stefanie Sourlier): 
Der Bahnhof ist samt seines Wartsaals in der Literatur ein wichtiger Ort. Reisen beginnen oder gehen zu Ende, Menschen kommen zusammen oder gehen auseinander, Entwicklungen nehmen Fahrt auf oder geraten ins Stocken. Selten geht es dabei wirklich um den Wartsaal. So auch hier: Die Autorin arbeitet nicht bei der SBB, sondern erlebt den Aufbruch metaphorisch. Ob der Aufbruch in der Vergangenheit oder in der Gegenwart liegt, ist unklar, aber die Auslassungspunkte deuten unmissverständlich darauf hin, dass die Entwicklung noch nicht vorbei ist. Wie der Titel ist auch die Geschichte noch nicht fertig. Ich schätze die Autorin auf nicht älter als 60. Sie blickt etwas unsicher, aber gespannt auf den nächsten Lebensabschnitt.
 

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Als 72-Jährige blicke ich gespannt, aber nicht unsicher auf den nächsten Lebensabschnitt.
— Elisabeth Leu-Lehmann


Die Antwort (Elisabeth Leu-Lehmann): 
Ja, es war ein doppelter Aufbruch. Der erste: das Abenteuer «Buch schreiben» im Projekt der Edition Unik. Der zweite Aufbruch: mein Leben authentisch nieder zu schreiben für mich und meine Nachkommen. Dieser Moment des Schreibens hat viele Emotionen ausgelöst, es war tatsächlich ein Risiko. Ich verarbeitete in meinem Buch die Vergangenheit meines Lebens und dabei habe ich viele Emotionen erlebt. Diese Entwicklung hat mir Kraft gegeben. Meine Angehörigen erlebten ebenso Emotionen beim Lesen des Buches. Mein Sohn schreibt mir: «Konnte herzlich lachen, aber auch manche Träne floss beim Lesen deines Buches.» Auf  der anderen Seite wurde viel Energie freigesetzt und voll motiviert bin ich nun am zweiten Buch über mein Leben am Schreiben. Als 72-jährige Seniorin (also doch etwas älter als 60) blicke ich tatsächlich gespannt, aber nicht unsicher auf den nächsten Lebensabschnitt. 

Wer schreibt denn da?

In loser Reihenfolge stellen wir Ihnen hier vor, wen eine Psychologin und eine Autorin anhand der Titel hinter den Edition Unik Büchern vermuten. Heute: «Sackgasse mit Ausgang»  

Die Psychologin (Bettina Geirhofer): 
Auf den ersten Blick ein sehr schwerer, überwältigender Titel. Auf den zweiten gibt es aber Hoffnung. Es steckt etwas Zweischneidiges drin: Eine Sackgasse hat ja eigentlich keinen Ausgang, die Autorin hat ihn aber trotzdem gefunden. Sie scheint sich nicht umgedreht, sondern sich einen eigenen Weg gebahnt zu haben. Ich denke an eine schwere Lebensphase, aus der die Autorin sich selbst befreien musste und konnte. Der Titel hat nichts Spielerisches, das Buch ist für die schreibende Person eine ernste Angelegenheit. Aufgrund des Bilds der Sackgasse denke ich auch, dass die Person sehr selbstbezogen ist und das Buch für sich allein geschrieben hat. Andere Personen spielen darin nur Nebenrollen.  

Die Autorin (Stefanie Sourlier):
Bei vielen Buchtiteln ist es eine Grundfrage, wie wörtlich man sie nehmen soll. Manchmal wählt eine Autorin einen Titel auch, weil er gut klingt und obwohl der inhaltliche Bezug nicht sehr direkt ist. Bei der Sackgasse jedoch handelt es sich um ein bekanntes und sehr bodenständiges Bild. Die Sackgasse steht hier für das Leben selbst. Viele Jahre hat diese Person in einer Situation gelebt, die ihr gänzlich missfiel: eine schwierige Ehe, der falsche Beruf, ein fremdbestimmter Lebensentwurf. Erst in der zweiten Lebenshälfte hat sie den Ausgang gefunden, die grosse Befreiung. Und erst im Nachhinein kann sie nun über diese Sackgasse schreiben. Heute kann die Frau das Leben geniessen, vor ein paar Jahren wäre ihr das noch nicht möglich gewesen.
 

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Der Buchtitel ist – natürlich nicht nur – durchaus wörtlich zu verstehen.
— Verena Bernhart, Teilnehmerin


Die Antwort (Verena Bernhart): 
Ich bin in einer Sackgasse, der Bäckerstrasse, aufgewachsen. Die Bäckerei meiner Grosseltern gab ihr den Namen. Der Buchtitel ist deshalb – natürlich nicht nur – durchaus wörtlich zu verstehen. Über die Strasse steht einiges in meinem Buch:«Sie ist kein Highway, sie ist ein wohlig warmer Hausschuh. Schnell steigt man ein, fühlt sich rundum zu Hause – doch ist man genauso rasch wieder draussen.» Eingeengt fühlte ich mich als Teenager. Strenge Regeln sprengte ich, Vaters Drohfinger pfiff mich zurück. Mit Zwanzig verliess ich die heimatliche Sackgasse und arbeitete für ein Jahr in Paris. Ich nutzte meine Chancen und selbstbestimmt lebe ich bis heute. Das Jetzt zählt. Die Lust auf biografisches Schreiben wurde in einem Kurs geweckt. Ich schrieb immer gern, doch mein Deutschlehrer fand, nicht eben gut. Das weckte meinen Ehrgeiz.