Mentorat

Austausch und Vernetzung

In den Frühjahresrunden der Edition Unik haben die ersten Netzwerkveranstaltungen stattgefunden. Dabei geht es vor allem um den Austausch der Schreibenden untereinander, aber auch mit dem Projektteam und je einem Gast.

Es wird nicht ohne Sie, die Teilnehmenden, gehen.
— Frerk Froböse, Projektleiter der Edition Unik an der NW

An der Zürcher Netzwerkveranstaltung (NW) war Edition Unik Mentorin Seraina Kobler zu Gast, an der Basler Runde die Mentorin Jacqueline Beck. Beide sind freischaffende Autorinnen und Journalistinnen und haben Erfahrung mit der Begleitung von Schreibenden.

Die Mentorinnen eröffnen jeweils die Veranstaltung und lesen auch aus eigenen Texten vor. Danach erzählen sie vom eigenen Erleben beim Schreiben, von den Erfahrungen in den Mentoraten und auch sonst aus ihrer Berufspraxis. Daran anschliessend stehen sie den Teilnehmerinnen und Teilnehmern zur Verfügung. Fragen, die die Schreibenden beschäftigen, sind immer mehr inhaltlicher Natur, etwa zur Erzählperspektive, zu den Zeitformen, zur allgemeinen Textarbeit. Auch im anschliessenden Austausch in Kleingruppen sind diese Fragen prägend. Aus den Antworten der Mentorinnen, des Projektteams und einzelner Teilnehmender wird schnell deutlich: Allgemein gültige Aussagen gibt es nicht, denn jeder Text, jedes Buchprojekt ist so individuell, wie sein/e Urheber/in.

Aus den Antworten lassen sich trotzdem Tipps ableiten:

Wechseln Sie die Perspektive: Wenn aus der auktorialen Perspektive plötzlich eine Ich-Perspektive wird, ändert sich nicht nur die Distanz:

 

«Lauf, mein Kleiner!» rief die junge Mutter, drehte sich um und breitete die Arme aus. Der Junge drehte sich um, sah, wie sie die Schatten abhielt, sah, wie sie zu gewinnen schien, sah, wie die Schatten sie übermannten …

«Lauf, mein Junge!» rief ich ihm zu, breitete meine Arme aus und kehrte ihm den Rücken. Mein Kleiner wollte mich nicht alleine lassen und musste mitansehen, wie ich die Schatten erst abhielt und dann doch nicht stand halten konnte …

 
Austausch im Unternehmen Mitte, Basel.

Austausch im Unternehmen Mitte, Basel.

Fragen Sie sich auch mal, was Sie mit Ihrem Buch nicht erreichen möchten. Möchten Sie Ihren Liebsten etwas aus Ihrem Leben erzählen? So fragen Sie sich, wie Sie bestimmte Episoden auf keinen Fall erzählt haben möchten. Oder schreiben Sie eine Negativliste: Notieren Sie das Gegenteil zu dem, was Sie eigentlich sagen wollen.

Statt: «Es war ein sonniger Tag, die Wärme tat gut …» schreiben Sie etwa: «Es war ein grässlicher Tag. Die Sonne knallte vom Himmel, ich schwitzte, alles klebte ...» Eine solche Herangehensweise kann helfen, festgefahrene Muster zu durchbrechen und neue Ideen zu entwickeln.

Denken und lesen Sie laut
Oft äusserst gewinnbringend ist es, wenn Sie sich mit anderen über Ihre Texte austauschen: Zeigen Sie sie im privaten Umfeld, sprechen Sie mit jemandem darüber, testen Sie Ihre Ideen beim Gespräch. Sind die Texte zu persönlich oder noch nicht ausgereift genug, so lesen Sie sie laut. Dafür brauchen Sie keine Zuhörer/innen, das laute Lesen alleine hilft, Holperndes und Stolperndes im Text zu erkennen.

Bleiben Sie dran
Die Arbeit am und mit dem eigenen Text ist manchmal aufwändig, manchmal entnervend und manchmal gar mühsam. Aber wir versprechen Ihnen: Es lohnt sich! Unzählige Stimmen aus der Edition Unik bestätigen immer wieder den gewinnbringenden, heilsamen, inspirierenden Aspekt beim Schreiben.

Seraina Kobler liest im «Kosmos» aus ihren Texten.

Seraina Kobler liest im «Kosmos» aus ihren Texten.

Vertrauen Sie der Technik
Fragen, die die Teilnehmerinnen und Teilnehmer in den Frühjahresrunden umtreiben, betreffen auf der anderen Seite auch technische Aspekte: Kann man dem Buch Bilder hinzufügen? Oder: Lassen sich die bisher gesammelten Notizen ablegen, ausdrucken und versenden? Müssen die Texte immer wieder gespeichert werden und empfiehlt sich eine zusätzliche Sicherung?

Bilder: Ja, man kann dem Buch Bilder hinzufügen, aber nur eingeschränkt. Das Layout ist gesetzt, die Bilder werden stets oben an der Seite angeschlagen. Pro Kapitel kann ab einem bestimmten Projektzeitpunkt eine Bilddatei hinzugefügt werden; die Bilder werden schwarzweiss gedruckt. Einen Eindruck der Bücher vermittelt der Bericht: «Die Bücher»

Ausdrucken & Co.: Sowohl die Notizen der ersten Etappe als auch die Kapitel der zweiten Etappe lassen sich als PDF speichern. Dieses PDF kann beliebig oft erzeugt werden und es lässt sich wie bei PDFs üblich ablegen, ausdrucken, versenden usw.

Speichern: Die Texte werden in einer Cloud gespeichert, und zwar sobald eine erste manuelle Speicherung vorgenommen wurde. Und solange die Internetleitung stabil ist. Dennoch entscheiden sich einige für eine doppelte Sicherung der Texte, dagegen hat die Edition Unik nichts einzuwenden. Urheber- und Verwertungsrechte sind stets bei den Teilnehmenden.


«Ich habe nie bereut, nicht Künstlerin geworden zu sein»

Claude Weill ist Mentor in der Edition Unik. Und er hat ein Buch geschrieben, das zwölf Portraits von Menschen nach der Lebensmitte umfasst. Lesen Sie den Auszug aus der Befragung von Christina Sonderegger, Kuratorin.

Christina, wie bist du beim Beantworten der Fragen vorgegangen?
Ich hatte mir viele Fragen noch gar nie gestellt. […] Ich hätte diese Fragen gerne mit meinen Freundinnen diskutiert. […] Ich merkte aber, dass sie sich viele Fragen auch noch nie gestellt hatten. Und wenn doch, dann war das Thema Älterwerden für sie ein Tabu und die Gespräche gingen nicht in die Tiefe. Vielleicht deshalb, weil bei Frauen in meinem Alter mit der Abänderung körperlich seelische Veränderungen stattfinden, welche nicht nur angenehm sind […]. Aber gerade deshalb wäre es wichtig, auch die positiven Aspekte des Älterwerdens zu würdigen. Wenn ich heute gewisse Dinge nicht mehr tun muss, die ich früher, als ich jung war, tun musste, ist das aus meiner heutigen Sicht ein Gewinn.

Heute bist du [statt Künstlerin] Kuratorin in einem grossen Zürcher Museum und befasst dich intensiv mit Kunst.
Ja, ich habe mir […] gesagt: Wenn ich Kunst nicht selber machen kann, dann schaue ich sie mir wenigstens genau an. So studierte ich Kunstgeschichte. Das war für mich keine zweite Wahl. Ich habe nie bereut, dass ich nicht Künstlerin geworden bin.

Wie gehst du mit deinem Älterwerden um? Wo gibst du Gegensteuer?
Wenn ich sehe, wie es meiner Mutter Mühe bereitet, aufzustehen, weiss ich: Das möchte ich nicht erleiden. Deshalb besuche ich einmal wöchentlich das Krafttraining […] Ich glaube, man kann lange Gegensteuer geben. Gerade Pensionierte haben viel Zeit, ihre Kondition zu trainieren. […] Was auch mit dem Älterwerden zu tun hat: Ich weiss heute mehr, was mir wichtig ist. Wähle mehr aus, wo ich mich engagieren möchte.

Zum Buch
Claude Weill hat für sein Buch einen Fragenkatalog mit insgesamt 31 existenziellen Fragen zusammengestellt, von denen er jeweils sieben bis zwölf Fragen beantworten liess. Dabei gab er vor, dass zwei Fragen, die das Älterwerden konkret betreffen, beantwortet werden mussten, während die restlichen Fragen von den Porträtierten selbst ausgewählt werden durften.

Die Generation der 68er, der auch ich wenigstens am Rande zugehöre, war mit dem Selbstverständnis angetreten, nie so spiessig und alt auszusehen wie ihre Eltern. «Trau keinem über dreissig», lautete unser Wahlspruch. Wir sahen uns gleichsam als Berufsjugendliche auf Lebzeit.
— Claude Weill in der Einleitung

Zwölf Personen haben sich auf das Abenteuer Selbstreflexion eingelassen und seine Fragen beantwortet. In der Einleitung schreibt er zu der Auswahl der Befragten und zu seinem Vorgehen: «Zu Wort kommen sollten ausschliesslich Menschen aus meinem näheren persönlichen Umfeld – Weggefährten sie alle seit vielen Jahren. […] Mir war bewusst, dass ich meinen Interviewpartnerinnen und -partnern, indem ich ihnen die Auswahl der Fragen übertrug, einiges an Reflexion zumutete.»

Neben den zwölf Portraits finden sich im Buch auch die 31 Fragen sowie ein Gespräch mit Dr. Christian Thum, Facharzt für psychotherapeutische Medizin, in Sonthofen (D). Christian Thum hat während einem Jahr den Fragenkatalog des Autors bei seinen Patienten und Patientinnen eingesetzt.


Autor Claude Weill (rechts im Bild) mit Vorleser Venus Madrid (Bild: zvg.)

Autor Claude Weill (rechts im Bild) mit Vorleser Venus Madrid (Bild: zvg.)

Titel: In Glücksmomenten bin ich weder jung noch alt – zwölf Porträts von Menschen nach der Lebensmitte
Autor: Claude Weill
ISBN: 978-3-85990-308-1
Verlag: Edition 8, Zürich

Kontakt Claude Weill
info@weillbalance.ch
www.claudeweill.ch


Auftritt von Autor Claude Weill

Ab wann werden wir älter? Und müssen wir auf eine Vielzahl Jahrzehnte zurückblicken können, um über unser Leben nachzudenken, um überhaupt darüber nachdenken zu dürfen? Claude Weill, Mentor in der Edition Unik und Autor aus Zürich, glaubt nicht daran.

Ganz im Gegenteil: «Bereits mit 55, 60 oder 65 kann ein kritisch-liebevoller Blick auf das eigene Leben helfen zu erkennen, was einem wirklich wichtig war und weiterhin wichtig sein wird», so steht es zusammenfassend auf seinem Buch In Glücksmomenten bin ich weder jung noch alt. Dieses Buch hält insgesamt «12 Portraits von Menschen nach der Lebensmitte» bereit – und dieses Buch ist wenigstens indirekt auch der Grund für den Auftritt von Claude Weill an der ersten Netzwerkveranstaltung (NW) der Frühjahresrunde 2018.

Wunsch: mitgeben und begleiten
Die 1. Auflage des Buches ist anfangs 2017 erschienen und Claude Weill stolperte zu dieser Zeit über ein Inserat der Edition Unik. «Es wäre doch schön, könnte ich den Menschen etwas mitgeben, die jetzt mit dem Schreiben des eigenen Buches beginnen», dachte er sich daraufhin und meldete sich bei uns. Und das war gut so, denn seither ist er Mentor in der Edition Unik und begleitet die Schreibenden auf Wunsch von der ersten Seite bis zum fertigen Buch.

Das Mentorenprogramm ist eine Zusatzleistung in der Edition Unik, deren Inhalt von den Teilnehmenden und den Mentoren bilateral bestimmt wird. Ob eine intensive Textarbeit stattfindet, eine erweitertete Redaktion oder auch das Besprechen von Aufbau und Dramaturgie, hängt jeweils davon ab, welche Ansprüche die jeweiligen Schreibenden an ihre Texte stellen. So erzählt Claude Weill etwa von zwei Personen, die zwar beide in der Edition Unik ihr Buch geschrieben haben, deren Vorgehen aber so unterschiedlich war wie die Schreibenden selbst.

Anspruch: individuell und unterschiedlich
Bei der einen Person ging darum, die Fülle an Material einzudämmen und aus der chronologischen Auflistung eine Geschichte mit einer Handlung, mit einem roten Faden zu machen. Mit Gesprächen und dem Fokussieren auf das Wesentliche habe dies gut geklappt. «Setzen Sie Schwerpunkte», rät Claude Weill denn auch den Teilnehmenden der Frühjahresrunde. Die andere Person, die er begleiten durfte, habe insbesondere an den Übergängen der einzelnen Anekdoten arbeiten wollen, so dass am Ende eine «runde Geschichte» entstand und keine Logikfehler auftauchten.

In seinem eigenen Buch hat Claude Weill den Befragten einen Fragebogen mit insgesamt 31 Fragen zukommen lassen, von denen er sich die Antworten auf mindestens sieben und maximal 12 Fragen erbeten hatte. Ein Vorgehen, das zu einer überraschenden Sammlung an Antworten und Rückmeldungen geführt hat – lesen Sie selbst.

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Angaben zum Buch

Titel: In Glücksmomenten bin ich weder jung noch alt – zwölf Porträts von Menschen nach der Lebensmitte
Autor: Claude Weill
ISBN: 978-3-85990-308-1
Verlag: Edition 8, Zürich