Gastbeitrag

Entdeckungen

Ein Auszug von Verena Raaflaub. Sie hat in der Edition Unik mehrere Bücher geschrieben.

In der Wohnstube im Neuhaus stand ein Radio. Das war damals fortschrittlich, weil man sie noch selten sah. Das riesige Möbel aus Holz stand auf einer Kommode, hatte verschiedene Knöpfe, an denen man drehen konnte (alle durften, ausser ich), und vorne war es bedeckt mit einer Art Tuch oder starkem Netz.

Was passiert, wenn sie entgleist oder verloren geht? Wo sind wir festgemacht? Die Vorstellung, so allein mit dieser Erde im Nichts herumzufliegen, war höchst unangenehm.
— Verena Raaflaub

Genau da kamen Musik oder Stimmen heraus. Stundenlang sass ich davor und stellte mir ganz bildlich kleine Frauen und Männer vor, die in diesem Möbel sitzen, sprechen, singen oder auf kleinen Instrumenten Musik machen. Woher sollten die Stimmen sonst auch kommen? Die Erwachsenen sassen oft vor dem Radio und hörten Männer sprechen. Dann musste ich leise sein, und die Grossen machten meist betrübte Gesichter. Kriegsgeschichten. Mich interessierte das nicht. Ich wollte das Innenleben dieses Radios auskundschaften. Ich versuchte immer wieder, mit meinen Fingerchen ein kleines Loch in dieses Tuch zu machen, was aber streng verboten war. Nur zu gerne hätte ich die Figürchen bei ihrem Treiben beobachtet. Ich spürte sogar, wie sie sich bewegten. Wenn ich die Hand ans Tuch hielt, vibrierte es. Also musste in diesem Kasten Leben sein. Höchst interessant!

Ich erhielt auch die erste Lektion, dass die Erde eine Kugel ist, die sich dreht. Einen grossen Schreck bekam ich etwas später, als ich in einer Illustrierten oder einem Gelben Heft ganzseitig die Erdkugel in Farbe abgebildet sah. Sie stand nicht auf dem Boden, sie hing nicht wie eine Lampe am Himmel, sie stand nicht wie eine Ständerlampe oder wie ein Globus auf einem Sockel, nichts, einfach nichts darum herum, das sie festhielt, nur schwarzes Nichts. Da schlief ich einige Nächte nicht mehr gut. Wer oder was hält sie und uns? Wir können doch nicht einfach mit dieser Kugel durch das schwarze Nichts sausen. Was passiert, wenn sie entgleist oder verloren geht? Wo sind wir festgemacht? Die Vorstellung, so allein mit dieser Erde im Nichts herumzufliegen, war höchst unangenehm. Man konnte mich langsam beruhigen, indem man mir erklärte, dass diese Erde schon sehr, sehr lange so umhersause, und dass der Liebe Gott sicher Acht gebe, dass ihr nichts passiere. Von da an hatte er eine wichtige Aufgabe für mich. Und dass wir, wenn wir unten sind, nicht von dieser Kugel purzeln, und dass wir nicht vom Wind hinweggefegt werden, wenn sie sich dreht, musste auch mit diesem Gott zu tun haben. Ich konnte es also getrost ihm überlassen, zum Rechten zu sehen.

Vorlesen am Edition Unik Café (Foto: zvg.)

Vorlesen am Edition Unik Café (Foto: zvg.)

Von Götti und Gotte bekam ich jede Weihnachten einen grossen Lebkuchen, darauf glänzende neue Fünfliber. An die Zahl kann ich mich nicht erinnern, nur dass sie mit Zuckerguss (Tupfen) befestigt waren und sich nur schwer vom Lebkuchen lösen liessen. Ich musste dann die Fünfliber einzeln ablecken und vom Zucker befreien. Sie hatten einen eigentümlichen Geschmack, aber der Zucker war süss und gut. Die Fünfliber wanderten sofort in mein metallenes Kässeli im Buffet. Da blieben sie auch, weil das Kässeli oben einen Einwurf mit Zähnen hatte, die sich nicht öffnen liessen. Einen Schlüssel dazu hatten sie nur auf der Bank in Büren, wohin man das Kässeli von Zeit zu Zeit bringen musste, um das Geld in die grosse Kasse zu leeren. Ich stellte mir vor, dass da alle eine gleiche, aber grössere Kasse haben. Ich durfte mit Dädy auf dem Fahrrad nach Büren fahren und hob dort stolz und auf Zehenspitzen mein gefülltes Kässeli auf die Theke der Spar- und Leihkasse. Die Frau nahm ein Schlüsselchen, öffnete es, leerte die Fünfliber vor sich hin, zählte sie und warf alle mit einer schnöden Handbewegung in ihre grosse Schublade. Mir blieb das Herz stehen! Wie soll sie später wissen, welches meine Fünfliber waren, die schönen, glänzenden, neuen?? Ich brach in entsetztes Geheul aus. Mein Geld, hin und weg, verloren! Dädy brauchte seine ganze Überzeugungskunst und Liebe, mich zu trösten. Dass dann in meinem Bankbüchlein ein anderer Betrag stand, verstand ich damals noch nicht. Zu Zahlen hatte ich noch kein Verhältnis, wohl aber zu wertvollen schönen Götti und Gotte-Fünflibern. Meine Fünfliber! Viele Jahre später begann ich, Fünfliber zu sammeln, auch ältere. Es war jeweils Musik in meinen Ohren, wenn ich sie in meiner Büchse zur Bank brachte und sie durch die Zählmaschine rasselten. Sie verhalfen mir zu einigen schönen Reisen.


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Geschichten live hören? Unbedingt!
Unser
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Die Nacht der Ohnmacht

Ein Fragment von Blazenka Kostolna. Sie hat in der Edition Unik mehrere Bücher geschrieben – und liest kommenden Sonntag, 27.10.19, im «Karl der Grosse» daraus vor.

Die Nacht auf den 21. August, eine Apocalypse Now, Coppola hatte das Vietnamepos noch nicht gedreht, aber als ich den Film zum ersten Mal sehe, vor allem höre, wird mir bewusst, dass ich diese Geräusche und den Himmelstanz der Helikopter auf der Leinwand, die nichts Gutes bedeuten, kenne. Sie sind mir vertraut, wie aus einem wiederkehrenden Albtraum, sie erschrecken mich genauso wie in dieser Nacht, die schon längst der Vergangenheit angehört. Aber jetzt bin ich in Bratislava und wache durch diesen seltsam aufdringlichen Lärm und diese unheimlich tönenden, bedrohlichen Geräusche der Strasse und seltsamen Lichter am Himmel auf, die wie in einem Science Fiction ganz nah über die Dächer fliegen, sie fast berühren, sich entfernen, um wieder zurückzukommen, sie werfen Lichtstrahlen auf die Häuser, Strassen, Menschen, die Luft vibriert, lärmt, donnert, stöhnt, ja genau, sie stöhnt wie ein Greis, der nach Atem ringt.

Die Autorin an der Abschlussveranstaltung mit ihrem ganz persönlichen Buch. (Foto: zvg.)

Die Autorin an der Abschlussveranstaltung mit ihrem ganz persönlichen Buch. (Foto: zvg.)

Und dann geht es sehr schnell, es ist nicht nur die Neugier, sondern auch Angst, die uns nach Draussen drängt, «wir müssen raus», und schon stehen wir mit anderen Nachbarn auf dem Gehsteig vor der russischen Buchhandlung und schauen dem Unglaublichen zu. Hundert, Tausend oder, was weiss ich, Millionen Panzer, wie eine Schlammlawine, ohne Unterbruch rasselt und rattert sie daher, unvorstellbar, gespenstisch, keine Science-Fiction, kein Filmdreh, sondern ein Albtraum und ein Wahnsinn, den wir nicht verstehen und nicht glauben wollen, dass dies wirklich geschieht. Ein Panzer nach dem anderen rollt vorbei, stundenlang, vielleicht fahren sie im Kreis herum, wir wissen es nicht. Ich habe nicht gewusst, dass Panzer so gross sind und vielleicht war es auch der Lichtschimmer der Morgenstunde, der sie noch grösser, noch wuchtiger und gefährlicher erscheinen lässt.

Wir alle, die hier stehen, sind irritiert. Was geschieht da, was sehen wir und was hören wir ausser diesem donnernden, gespenstischen Fluss aus Eisen? Es gibt noch keine Informationen, keine Erklärung, die Leute rätseln: «Die Deutschen haben uns überfallen! Nein, es sind die Russen, siehst du nicht die roten Sterne darauf? Ach woher, das sind sicher die Deutschen, das kann nur eine Finte sein» … Sprachfetzen wie aus dem Hörspiel Krieg der Welten von Orson Welles, einer fiktiven Reportage, die er 1938 als ein glaubwürdiges Katastrophenszenario eines Angriffs von Ausserirdischen auf die Menschheit inszenierte. Nur dies hier war kein Hörspiel, es waren keine Ausserirdischen, das musste auch Pavel eingestehen. Tatsache ist, dass auf jedem Panzer dieser bekannte rote Stern leuchtet, auch an den Mützen der Soldaten, die uns genauso misstrauisch und verdächtig anschauen, wie wir sie. Da läuft etwas falsch. «Wieso gibt es keine Nachrichten, die uns aufklären und wo sind Dubček und Svoboda? Sind die Russen verrückt geworden?» Und erst irgendwann am Morgen, als jemand Kaffee in einer Thermosflasche vorbeibringt, erfahren wir von Radio Free Europe, dass wir gerade von unseren Brüdern und Freunden aus der Sowjetunion okkupiert worden sind.

In dieser Nacht zum 21. August 1968 marschierten etwa eine halbe Million Soldaten der Sowjetunion, Polens, Ungarns und Bulgariens in die Tschechoslowakei ein und besetzten innerhalb von wenigen Stunden alle strategisch wichtigen Positionen des Landes. Es ist die grösste Militäroperation in Europa seit 1945. Rumänien beteiligt sich demonstrativ nicht an der Invasion, die Ostdeutschen auch nicht. Vermutlich sollten wir durch den Anblick von Invasoren in deutscher Uniform nicht zusätzlich irritiert werden.


Blazenka Kostolna selbst erzählen hören?
Gerne, und zwar am Edition Unik Café vom kommenden Sonntag, 27.10.19 ab 15 Uhr. Das Lesecafé findet statt im «Karl der Grosse» in Zürich. Details dazu in unserem Veranstaltungskalender oder via Kontaktformular. Wir freuen uns darauf, auch Sie am Café zu sehen!


Treibkraft

Ein Gedicht von Barbara Scheibler-Müller. Sie hat in der Edition Unik ihr Buch geschrieben.

Ich suche eine Schreibkraft
meine
sie soll mich schreiben
ins Reine
soll das Schreiben betreiben
das Treiben beschreiben
um des Schreibens willen
alleine

will sie mir einverleiben
sie sammeln wie
Steine
ohne diese Treibkraft
habe ich
keine

kosmos-zum-buchsalon.jpg

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Von der Muse geküsst? Dann legen Sie los!
Die 17 Projektwochen fördern jedes Mal wahre Schätze zu Tage. Schätze an Inhalten, aber auch an Herangehensweisen und Textsorten. Und so sind in der Edition Unik Gedichte ebenso willkommen wie Kindergeschichten, Kunstbetrachtungen und Rezepte – oder ganz andere Zugänge. Schmökern Sie im
Journal oder blättern Sie durch die Presseschau und lassen Sie sich von unseren Teilnehmerinnen und Teilnehmern zum Schreiben des eigenen Buchs inspirieren. Die Anmeldung für Frühjahr 2020 ist geöffnet!


Die Schwarze Spinne

Ein Auszug von Nicole Cagianut. Sie hat in der Edition Unik schon mehrere Bücher geschrieben.

«Damit bin ich beim vielbeschäftigten Chor angelangt: Da waren die immer wiederkehrenden fast gleichen Stellen, wo man höllisch aufpassen musste, die Dauer eines Tones oder einer Pause richtig zu setzen. Da war die sich immer wieder bewegende Bühne, die sich in die geplante Richtung heben oder senken sollte. Da waren Auf- und Abgänge und Einsätze, die auf den Takt genau stimmen mussten oder ein Walzer auf einer schrägen Ebene. Da waren Sprechstellen, die fürs Publikum verständlich aus dem Munde gespuckt werden mussten. Da waren Bewegung und Sprache oder Gesang kombiniert, und dazu sollte die Intonation auch noch stimmen.» … 

Jeremias Gotthelf hatte sich in seiner Novelle «Die Schwarze Spinne» symbolisch mit der Fragestellung von Gut und Böse im weitesten Sinne beschäftigt. Die Ausbrüche der unheimlichen Pestkrankheit früherer Zeiten gab ihm den Stoff zur Geschichte, in welcher er beschreibt, wie Menschen häufig auf grosse Unsicherheit reagieren: mit gegenseitigen Schuldzuweisungen, mit verdrängter Kollektivschuld und mit dem leichtfertigen Finden von Sündenböcken, einem häufig anzutreffenden Schicksal von Aussenseitern. …

Die schwarze Spinne: Der Pfarrer warnt die Gemeinde (Foto: zvg.)

Die schwarze Spinne: Der Pfarrer warnt die Gemeinde (Foto: zvg.)

Um dem «schwankenden Untergrund» und der ambivalenten Einstellung der Bevölkerung in der Novelle Gotthelfs ein Gesicht zu geben, plante Hansueli den Bau einer beweglichen Bühne. … Sie stand in ihrem Zentrum auf einer Halbkugel, welche ein allseitiges Kippen ermöglichte. Je nach Szene wurde diese Bühne mit Pfosten unterstellt. Deren Höhe bestimmte, ob sie in horizontaler oder in schiefer Ebene fixiert war. Das Entfernen der Pfosten versetzte die Plattform in einen Schwebezustand, den wir Chormitglieder und Solisten mit der richtigen Verteilung unserer Körpergewichte zu halten hatten. Das war eine Verantwortung, die auf die Schultern eines jeden von uns gelegt wurde. Die kleinsten Verschiebungen unseres Gewichtes lösten schon grosse Schwankungen, ja vielleicht sogar das Krachen einer Bühnenseite auf den Boden aus. Und das musste auf jeden Fall vermieden werden. …

Wir befanden uns nicht immer nur auf der Bühne, sondern waren in kleineren und grösseren Grüppchen, die Dorfbevölkerung darstellend, in Gängen und Winkeln der Kirche oder gar als Einzelpersonen im ganzen Kirchenraum verteilt. …

Eva Maria Enderlins dunkle, etwas raue Stimme passte wunderbar zur Rolle der Christine und der Spinne. Wie sie mitten durch das Publikum über die Kirchbank-Rücklehnen springend das Volk durch die Kirche trieb und die Zuschauer aufschreckte. Wie sie später den Schatten der Spinne, auf dem Geländer der Empore kauernd, auf der Bühne tanzen liess. Es war atemberaubend. Und wie sie im durch die Scheinwerfer entstandenen Schattenspiel an der Wand mit der Mutter rang, um ihr das neugeborene Kind, das sie dem Teufel versprochen hatte, zu entreissen, das war so dramatisch, dass sich mir jeweils die Haare im Nacken sträubten. …

«Jean Jacques Knutti war sängerisch wie gestalterisch ein toller Teufel. Er bewies, dass der Teufel sogar der rettende Engel in der Not sein kann: Als der Pfarrer nämlich einmal eine Strophe zu früh den Laufsteg betrat und wir vor Schreck erstarrt im Tanz innehielten, packte der Teufel geistesgegenwärtig die erstbeste Sängerin und wirbelte sie in wildem Tanz herum. Wir taten es ihm gleich und die Szene war gerettet. …

Er brauchte zu Beginn aber eine etwas längere Aufwärmphase bis das Feuer auch bei ihm zu spüren war. Seine grosse Unbekannte und damit auch sein Risiko war ein Sprung von der schwebenden Bühne. … Denn er hatte nie eine Garantie, dass die Bühne dann auf der vorgesehenen mittleren Höhe schweben würde. Es brachte ihn denn auch fast zur Verzweiflung, als in den Proben die Bühne hin und wieder einfach nicht schweben wollte, im dümmsten Fall hinten rechts auf dem Boden landete und er [vorne links] von zwei Metern Höhe hätte springen sollen. So sportlich war er nämlich gar nicht.

Ueli Senn verkörperte den Pfarrer. Dies war keine einfache Aufgabe. Keine Sprünge aus der Höhe, welche von ihm [als Bewegungsmensch] sicher mit viel Freude vollbracht worden wären, nicht viel Dramatik, dafür eine gute Portion Moralin und viel Inbrunst. Seine schöne Bassbariton-Stimme passte gut zur Rolle und er setzte die Gegenüberstellung von Teufel und Pfarrer und die anschliessende Betszene auf ganz eindrückliche Art und Weise um.»
(Jahresbericht 2000/01)


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Time

Ein Auszug von Corina Pfister. Sie hat in der Edition Unik ihr – englischsprachiges – Buch geschrieben.

Once upon a time, there was a time we still had time! Time to be, time to reflect, time to think about. In our times today, we don’t have time for anything. Have we lost time? Can you lose it, really?

«Time never happens» Janis Joplin (Foto: pexels.org cc)

«Time never happens» Janis Joplin (Foto: pexels.org cc)

I took the time to think about time because I had lots of time. Exactly 12 hours. That is the time it takes to fly from the west coast of the US to Switzerland. Most other passengers didn’t have time, because they used the time: for sleeping, for watching something on that tiny screen in front of them, or they had no time because they worked on their computers, or listened to one of the music channels. There was the time you ate that food served to you on planes and the time to stand in line to go to the bathroom, along with fifty other people that wanted to go too. Maybe that’s the time to check your watch, for you may have one of those famous Swiss watches, very precise, that can even stop the time! 

There is the time of departure, time of arrival, time until destination, time since departure, local time at destination, local time at departure, actual time. So many times! Which is the right time?

I usually set the time to the time of my destination right after I take my seat on the plane. This way I am ahead of time and when I arrive I have already the right time. But now I had time to think about this time business. 

Time is creeping up in this airplane, cramped in a tight seat and no space to stretch. What time is it? Oh, it doesn’t really matter. It is still time to meditate on this word, which is called «time». I think about the time it is at the place I just left, and what my friends are doing at this time. They have not much more time left and it is time to go to bed, so time is flying for them. Maybe it is flying with me, right here in this plane. I wonder what seat it took... Maybe it is flying first class so people would say, «We had a nice time.» 

At the time of my destination, it is already midday. Two weeks ago people there switched to daylight savings time. In order to do this, they lost time, exactly one hour. Where did this hour go, lost in space? So now, they have even less time to do things. 

So many times! Which is the right time?
— Corina Pfister

Sometimes you have to take a timeout, not only in sports but in your life. But then you have to catch up with the time and make up with the time you lost. And in time you are back to the old routine or by the time you might have learned to manage your time? I am thinking again at the time when I was flying on a New Year’s Eve. Every hour there were times where people would celebrate the New Year. So all the time, someone was celebrating, actually all the time at the same time.

Yes, all the time at the same time, and I realize there is no time, it is an illusion, it is nothing but a nice tool to measure something, which does not exist. I had a good time thinking about time. The voice of the pilot comes on, saying that we will shortly be landing: on time!


Sprachen der Edition Unik
Die Bücher, die in der Edition Unik entstehen, müssen nicht zwingend in Deutsch verfasst werden. Es sind schon Werke in Englisch, Französisch und Italienisch entstanden. Dabei ist allerdings zu beachten, dass die Hauptsprache der Edition Unik Deutsch ist: sämtliche Veranstaltungen, Unterstützungsangebote sowie die Leistungen der App – der exklusiven Schreibsoftware – sind nur in Deutsch verfügbar. Ausserdem kann die App nur das lateinische Alphabet verarbeiten.

Weitere Antworten finden Sie in der Rubrik «Fragen».


Die grosse Familienfeier in Raitenhaslach

Eine Genealogie von Kurt Zuckschwerdt. Er hat in der Edition Unik sein Buch geschrieben.

Grabplatte im Kreuzgang des Zisterzienserklosters Raitenhaslach (Foto: zvg)

Grabplatte im Kreuzgang des Zisterzienserklosters Raitenhaslach (Foto: zvg)

An einem schönen Herbsttag 1322 beteten die Zukswerts am Familiengrab vor der grossen Grabplatte im Zisterzienserkloster Raitenhaslach und dankten Gott für den grossartigen Sieg. Ebenso würdigten sie ihre Ahnen, den Nobilis Miles Chalhoch Zukhswert, den Equitees Nobiles Wernhard Zukhswert, seine Ehefrau Elizabet und all die andern Ritter ihrer Familie, die hier begraben waren. Chalhoch ist vor über 100 Jahren gestorben, bei Wernhard und Elizabet waren es auch fast 90 Jahre her.

Elizabet hatte ihre Zeit im Fegefeuer durch einen Ablass verkürzen lassen. Sie war in den libri vitae (Bücher des Lebens) von Raitenhaslach eingetragen und es wurde auf ewige Zeiten an ihrem Todestag, am 19. März, von den Mönchen ein Gebet gesprochen. Die Klöster hatten die libri vitae mit andern Klöstern ausgetauscht, damit möglichst viele Mönche für das Seelenheil ihrer Verstorbenen beteten. Es war die Zeit, wo alles mit dem Glauben begründet wurde, wo die Kirche als einzige alles wusste und nur sie konnte über Gut und Böse, über Schuld und Sühne bestimmen. Für das Seelgerät, das Beten an ihrem Todestag, wurde Elizabet ein verkürzter Aufenthalt im Fegefeuer versprochen.

Als Gegenleistung hatte sie ein Bauerngut oder ein ganzes Dorf dem Kloster gespendet. Dies wäre heute interessant zu wissen.

Am 12. November 1203 war der grosse Minnesänger Walthero cantori de Vogelweide beim Bischof von Passau, Wolfger von Erla, eingeladen. Für seinen Auftritt erhielt er fünf Schillinge für den Kauf eines neuen Pelzrocks. Elizabet und Wernhard waren auch unter den Gästen und hatten Walter von der Vogelweide persönlich gesprochen. Seitdem war sie eine glühende Verehrerin von ihm. Leider ist er sechs Jahre vor ihr verstorben. Ihr gefiel der für diese Zeit recht aufmüpfige Inhalt seiner gefürchteten politischen Texte wie z.B. «ir pfaffen ezzet hüener und trinket wein, derweil die Deutschen fasten müssen». Besonders gefiel ihr aber Unter der linden, das Liebeslied, welches sie immer und immer wieder sang:

Unter der linden
an der heide,
dâ unser zweier bette was,
dâ muget ir vinden
schône beide
gebrochen bluomen unde gras,
vor dem walde in einem tal,
tandaradei,
schône sanc diu nahtegal.


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Das Buch von Kurt Zuckschwerdt kann bei ihm bestellt werden. Es kostet 31 Franken inkl. Porto und Verpackung.

Kurt Zuckschwerdt
Chellenstrasse 27
9403 Goldach
kuzu@gmx.ch


Metaphern, meine Weggefährten

Ein Fragment von Gudrun Löffler. Sie hat in der Edition Unik mehrere Bücher geschrieben.

Die Köchin im Löwenkeller sammelte nackte Zwillinge für mich. 

Pi, wie ich meinen Pflegevater nannte, nahm mich ab und zu in den Löwenkeller zum Stammtisch mit. Dort saß ich dann zwischen den freundlichen alten Männern und trank Sinalco. Wenn eines der Biergläser in den Kupfertöpfen leer war, kam Johanna, die Kellnerin und Köchin, und füllte sie wieder. Johanna war meine Freundin. Sie sammelte aus den Nudeltüten kleine Figuren aus Plastik für mich. Am Anfang hatte sie mir immer eine ganze Handvoll davon zugesteckt. Dann erklärte ich ihr jedoch, dass ich kein Interesse an Autos und Flugzeugen hatte, sondern nur die fleischfarbenen Püppchen haben wolle. Das waren klitzekleine Plastikstängel mit Kopf, in denen man ein Gesicht, Füße, Hände und einen Bauchnabel erkennen konnte, wenn man ganz genau hinschaute. Und das tat ich - und entdeckte dabei höchst interessiert, dass die Püppchen weder Männlein noch Weiblein waren. Sie waren Mehrlinge ohne Geschlecht.


Johanna kannte mich gut und gab mir immer zwei Püppchen zur gleichen Zeit. Ich liebte es, die nackten Zwillinge vor mir auf den Tisch zu legen und sie eingehend zu betrachten. Zu Hause legte ich sie dann zu den anderen Pärchen auf den Boden der Puppenstube. Ich spielte nicht mit Puppen. Auch die Zwillinge sammelte ich nur, um sie zwei und zwei nebeneinander zu legen. Irgendwann muss der Nudelfabrikant die Produktion der Püppchen wohl eingestellt haben. Vielleicht bin ich auch nicht mehr mit Pi zum Stammtisch gegangen. Doch die Pärchen lagen noch lange auf dem verstaubten Boden der Puppenstube. Ihr Anblick prägte sich mir ein, so dass ich das Bild aufsteigen lassen konnte, wann immer es mir hilfreich war.

Im Kindergarten kamen mir die Zwillinge zum ersten Mal zur Hilfe. Schwester Honorabilis, die Kindergartenschwester, hatte uns den Auftrag gegeben, mit Wachskreiden ein Haus zu malen. Ich setzte das meine in eine Baumkrone und zeichnete Äste darüber als es fertig war. Man hätte es gar nicht mehr gesehen, hätte ich für das Kästchen mit Dach nicht ein auffallendes Goldgelb gewählt. Schwester Honorabilis übersah es trotzdem. Als sie vorbeikam und auf mein Blatt schaute, sagte sie streng: Du hast ja einen Baum gemalt, wo ist denn das Haus? Halb beschämt, halb trotzig zeigte ich auf das Häuschen im Baum und sie meinte dazu: Ah, du hast ein Vogelhäuschen gemalt! Die Kinder um mich herum lachten lauthals. Mir war elend zumute. Ich spürte Tränen aufsteigen und kämpfte eisern gegen sie an. Und plötzlich stieg wie aus dem Nichts das Bild der Zwillinge in mir auf und – siehe da – ich beruhigte mich.

Beruhigende Zwillinge (Symbolbild, pexels.org)

Beruhigende Zwillinge (Symbolbild, pexels.org)

Vermutlich war meine Vorliebe für Symbole und Metaphern auch im Spiel, als ich im Kindergarten und in der Schule Lieblingslieder und sogar ein Gedicht fand, deren Texte mir so unter die Haut gingen, dass ich sie schon nach dem ersten Hören auswendig konnte. «Kommt ein Vogel geflogen», «Häschen hüpf» und «Summ, summ, summ, Bienchen summ herum» belegten die Spitzenplätze im Kindergarten. In der Schule kamen dann «Der Erlenkönig» und «Die Gedanken sind frei» dazu. Ich mochte die Stimmung in den Texten und liebte die Hauptfiguren.

Viel später – als ich schon eine Weile zu den Erwachsenen zählte - rundete der Refrain «Ring the Bells…» aus Anthem von Leonard Cohen meine Textsammlung ab. Noch heute summe ich die Melodie bei vielen Gelegenheiten in mich hinein. Und Leonard‘s Worte ertönten sogleich in meinen Ohren:

Ring the bells
That still can ring
Forget your perfect offering
There is a crack in everything
That’s how the light gets in

Den Song von Leonard Cohen bei Youtube hören: Anthem


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«I Could Write A Book»

Weshalb es letztlich doch verlockender war, ein Buch zu schreiben, statt ein Netzwerk aufzubauen, das anderen Menschen den Weg zum Musizieren erleichtern könnte. Eine Betrachtung von Franz Neff, er hat in der Edition Unik sein Buch geschrieben.

Kontrabass-Klinik am Jazzworkshop Interlaken 2019 (Foto: zvg.)

Kontrabass-Klinik am Jazzworkshop Interlaken 2019 (Foto: zvg.)

Von der Musik zu erzählen, wenn sich Freunde und Bekannte nach dem Befinden erkunden, ist eine gute Möglichkeit, im Gespräch von Berichten über den Gesundheitszustand und den damit verbundenen Nebenerscheinungen abzulenken. Es ist auch eine Möglichkeit, die von Teresa von Avila verfassten «Vorsätze eines älter werdenden Menschen» umzusetzen – und «young at heart» zu bleiben. Aber vor allem bereitet es mir Freude, meine Begeisterung für das Musizieren mit anderen zu teilen.

Nicht selten erwidern die Gesprächspartner, wie gerne auch sie wieder oder endlich einmal ein Musikinstrument spielten. Sie könnten sich aber nicht vorstellen, wie das anzustellen sei. Diesen Menschen einen individuell sinnvollen Ratschlag zu geben, ist schwierig. Zu unterschiedlich sind die Voraussetzungen, zu gross die Auswahl der Möglichkeiten sich musikalisch zu betätigen. Es müsste dafür ähnlich wie die Berufsberatung eine Art Musikberatung geben.

Dieser Gedanke liess mich nicht mehr los, ich versuchte ihn weiterzuspinnen und schrieb vor einiger Zeit folgende Ideenskizze mit dem Titel «Evergreen»:

Wer im dritten Lebensabschnitt musiziert, bleibt länger jung und gesund, findet Freude, Zufriedenheit und soziale Kontakte. Für Kinder und Jugendliche ist der Zugang zum Musizieren institutionalisiert. Wollen aber Menschen mit grosser Lebenserfahrung ein Instrument neu bzw. wieder spielen oder richtig singen lernen, müssen sie sich selber helfen. Möchten sie zudem die gehörten Harmonien auch verstehen, ist meist das Selbststudium die einzige Option. Wer zusammen mit anderen Erwachsenen Musik machen will, muss unterschiedliche Erwartungen, Vorkenntnisse und Lebensumstände und persönliche Erfahrungen mit Musik zusammenbringen. All diese Hindernisse sind in der Regel für eine Person zu hoch. Die einzige leicht zugängliche Möglichkeit bleibt oft der Chorgesang. «Evergreen» sollte neue Türen zur Welt der Musik öffnen.

Als Erstes plante ich, ein Netzwerk von Musiker/innen aufzubauen und hoffte, diese würden ihrerseits mit In- halten und Anregungen zum Konzept beitragen. Sicher mit von der Partie wären meine Singlehrerin Barbara La Faro und der Basslehrer Housi Ermel. Ich hatte telefonisch Kontakt mit Frank Sikora, Autor des Buches «Neue Jazz-Harmonielehre». Er hatte mich sehr ermutigt, am Projekt weiterzumachen, und eingeladen, mit konkreten Ideen wieder anzuklopfen.

Nun liegen meine Stärken eher beim Entwickeln und Beschreiben von Ideen als bei der Organisation um Umsetzung von Projekten. Ich benötige dafür einen klaren Auftrag und Unterstützung, sonst bin ich empfindlich gegenüber kritischen Einwänden. Darum wurde ich von der heftigen Ablehnung der Idee durch meinen ehemaligen Klavierlehrer so überrumpelt, dass ich das Projekt gar nicht angemessen verteidigen konnte. An Musikschulen gäbe es bereits solche Angebote für Erwachsene. Es sei Aufgabe der Lehrpersonen, solche Bedürfnisse zu erkennen und Möglichkeiten aufzuzeigen. Ich solle diese Arbeit den Profis überlassen. Diese Standpauke reichte, um das Projekt kleinlaut wieder zu begraben.

Ab und zu taucht die Idee in Gesprächen mit Freunden wieder auf. Oder ich erinnere mich wieder daran, wenn ich in der NZZ (27.1.2018) einen Artikel mit dem Titel lese «Warum Klavierspiel den Geist fit hält», worin genau diese Schwierigkeiten und Hemmungen dargestellt sind, sehr spät noch ins Musizieren zu kommen. Auch Marie-José und Barbara versuchten mich neu zu motivieren. Doch die Selbstzweifel waren stärker.

Tatsächlich gibt es an Musikschulen Angebote für Erwachsene. Das Konservatorium Bern zum Beispiel bietet eigens Musikkurse für Erwachsene an. Allerdings klagt die Fachbereichsleiterin im Vorwort der entsprechenden Broschüre, dass noch immer nicht allgemein bekannt sei, dass das «Konsi» nicht nur Kindern und Jugendlichen offenstehen, sondern genauso Erwachsenen. Ist das nicht ebenfalls ein Hinweis, dass der Zugang auf einer tieferen Schwelle erfolgen müsste? Als unerfahrener Interessent muss man doch zuerst auf die Idee kommen, dass Schulen für angehende Berufsmusiker auch Angebote für Laien haben.

Hat man bereits eine Präferenz für ein bestimmtes Instrument, kann man nach Privatlehrern «googeln» oder in einem Musikgeschäft nach Anlaufstellen fragen. Es braucht dann etwas Glück, eine Lehrperson zu finden, die auf individuelle Wünsche und Vorkenntnisse eingehen kann. Seine Bedürfnisse zu kennen und auch darstellen zu können, ist dafür allerdings eine wichtige Voraussetzung. Das «Evergreen»-Projekt hätte dabei Unterstützung bieten sollen. Allzu lange trauerte ich ihm nicht nach. Schliesslich hatte und habe ich mit meinen verschiedenen Musikprojekten genug zu tun.

Ein Buch über meine eigenen Erfahrungen zu schreiben, versprach grösseren Lustgewinn als der Aufbau eines Netzwerkes und die dafür wohl unvermeidlichen Aktivitäten in sozialen Medien. Das wunderschöne Liebeslied «I Could Write A Book» spielte ich bei Jürg in der Klavierstunde. Später lernte ich den Song auch auf der Gitarre zu spielen und zu singen. Nun ist geplant, das Lied mit Begleitung am Bass an Barbaras nächstem Schülerkonzert vorzutragen. Am Tag darauf werde ich ja die ersten zwei gedruckten Exemplare dieses Buches erhalten.


Die Wurzeln, die bleiben

Ein Fragment von Erika Kneubühl. Sie hat in der Edition Unik ihr Buch geschrieben.

Bild: pexels.org

Bild: pexels.org

Ein kleines Mädchen in den viel zu grossen Schlittschuhen der Mutter hat an einem Tag im Winter 1990/1991 seine ersten Fahrversuche auf der Eisbahn seines Schulhausplatzes gemacht. Das Mädchen hatte zum Ausstopfen der Schlittschuhe zwei dicke Wollsocken des Vaters übereinander angezogen und die Schnürsenkel so eng wie es nur ging zusammen gebunden.

Komme was wolle, das Mädchen wollte an jenem Wintertag das Schlittschuhlaufen lernen.

Es war ohne Eltern da und wusste lediglich durch sein Beobachten der anderen Schlittschuhläuferinnen und -läufer, wie es vorwärts kam. Das Mädchen hatte langsam den einen Fuss vor den anderen gesetzt und sich dabei mit beiden Händen an der Hockeybande festgehalten. Unzählige Male ist das Mädchen trotz grosser Anstrengung immer wieder hingefallen und mit viel Kraft wieder aufgestanden. Während die anderen Besucher und Besucherinnen ihre sicheren und schnellen Runden auf dem Eis drehten oder gekonnt mit Hockeystock und Bög hantierten, kam das Mädchen vom Gehen langsam zum Gleiten. Beim Eindunkeln des Tages machte sich der Erfolg des Mädchens sichtbar, freihändig konnte es an jenem Abend auf beiden Kufen vorwärtsgleiten. Das Mädchen hat den ganzen Tag an sich geglaubt, trotz mehrfachem Hinfallen immer wieder Aufstehen hat es weitergemacht.


Erika Kneubühl lesen hören?
Unbedingt, und zwar am Edition Unik Café im Berner Generationenhaus. Es findet statt am 19. September ab 18.30 Uhr.

Mehr von Erika Kneubühl lesen?
Erika Kneubühl hat in einem Statement festgehalten, was das Schreiben des Buches für sie bedeutet hat: Wie ein Film 


13 Briefe an meinen verstorbenen Vater: 1. Brief

Fragmente von Peter Zollinger. Er hat in der Edition Unik sein Buch geschrieben.

Großvater, kannst du ned abakumman auf an schnellen Kaffee?
Vater, dieses wunderschöne Lied hast du nie gehört. Du hast ja wenig Musik gehört. Und doch wäre es schön, wenn wir uns zu einem schnellen Kaffee treffen könnten, es gäbe noch viel zu erzählen. Ein schneller Kaffee würde es nicht sein, eher ein Kaffee mit Schnaps im Glas, an dem wir die Hände wärmen könnten. Dazu Birrewegge von der Mutter mit viel Butter. Im Winter in der Stube, draussen liegt Schnee, die Sonne bringt die Landschaft am Bachtelhang zum Glitzern. Wie so oft kommt das Nebelmeer bis unten ans Dorf. Genau so müsste die Stimmung sein.

Was will ich dir erzählen?

Zuerst will dich in meine Arme nehmen und dir einfach herzlich danken für alles, was du für mich getan hast. Ich will dir sagen, wie grossartig du deine Parkinsonkrankheit gemeistert hast und dir danken, dass du gewartet hast, bis ich an deinem Sterbebett war und ich deine letzten Augenblicke miterleben durfte. Es war ja so friedlich wie du sterben konntest. Du hast einfach aufgehört zu atmen. Erst später habe ich erfahren, dass du vermutlich erstickt bist, aber davon hatte ich nichts bemerkt.

Mit Hilfe der Spitex zogen wir dir schöne Hosen an, ein Hemd, einen Pullover und warme Socken, denn es war kalt draussen. In der Nacht auf Samstag und am anderen Morgen lagst du noch in der Stube im Bett. Wir konnten dich um deine Meinung fragen, als wir beim Gestalten und Suchen der richtigen Worte für deine Todesanzeige unschlüssig waren. Du gabst uns «schweigend» die richtige Antwort. Eigentlich wie in deinem ganzen Leben, du musstest nicht viel reden, irgendwie haben wir dich doch verstanden.

Peter Zollinger liest an der Abschlussveranstaltung der Schreibrunde. (Foto: zvg.)

Peter Zollinger liest an der Abschlussveranstaltung der Schreibrunde. (Foto: zvg.)

Weisst du noch, im Sommer im Ringwilertobel, du sassest auf einem Stein, rauchtest Pfeife und lasest. Wir plantschten in den Tümpeln, stauten den Bach, warfen Steine ins Wasser, dass es hoch aufspritzte. Andere Väter hätten ein wachsames Auge auf die Kinder gehabt, hätten gerufen: «Passt auf, in diesen Tümpel dürft ihr nicht hinein, der ist zu tief, ihr könnt ja nicht schwimmen!»

Je mehr ich nachdenke, umso bewusster wird mir dein unendliches Vertrauen. Allein durch dein Dasein war die Sicherheit gegeben, dass nichts passieren konnte. Das war im Winter bei Skifahren ebenso, das war auf unserer einzigen Skitour im Nebel auf den Pizol so, es war so auf unseren Wanderungen in Lavin, unseren einzigen Familienferien.

Schweigen als ein tieferes Verstehen und Vertrauen!
Ich denke, eigentlich hättest du viel zu erzählen gehabt. Du konntest gut erzählen vom Militär. Da warst du im Element. Von den Manövern am Ricken, mit dem unmöglichen Divisionär, von den Schikanen, die ihr ertragen musstet. Du hast erzählt, und das war deine volle Überzeugung, dass ihr bei einem möglichen Kriegsausbruch einige Offiziere einfach erschossen hättet. Kannst du dich erinnern an Herrn Zollner, er hat bei dir im Sack gearbeitet und nur über den Krieg erzählt, wenn er angetrunken war. Als Österreicher war er im Osten, kam in Gefangenschaft und überlebte nur, weil er Schneider war und man ihn überall brauchen konnte.

Warum konntest du so farbig und spannend über das Militär erzählen, was war das Faszinierende daran? Von deiner Jugend, deinen Eltern hast du uns ganz wenig wissen lassen. In meiner Erinnerung war es die Kriegszeit, die Armut, der Hunger, die dich beschäftigt hat.

Mein Bett wartet auf mich,
herzlich Peter


Haus umstellt

Ein Auszug von Arlette Yildiz. Sie hat in der Edition Unik ihr Buch geschrieben.

In Finsterhennen im Kanton Bern musste die Polizei mit einem Grosseinsatz ausrücken, weil ein Mann, dessen Haus zwangsversteigert werden sollte, unauffindbar war, als man das Haus zwecks eben dieser Versteigerung betreten wollte. Der Blick schreibt, dass der Mann kürzlich seine Mutter verloren habe, er sei etwa Mitte bis Ende fünfzig und arbeitslos. Der Präsident des Schützenvereins macht sich indessen Sorgen um den Ruf seines Vereins, da dieser Mann ein Mitglied sei.

Mich berührt dieses Schicksal zutiefst. Denn mein Elternhaus wurde auch zwangsversteigert als mein Vater, der nach der Trennung von meiner Mutter darin wohnen blieb, die Hypothekarzinsen nicht mehr bezahlen konnte. Er hatte seine Arbeit als Versicherungsvertreter nach fast dreissig Jahren verloren und diese Versicherung, sein vormaliger Arbeitgeber, bestand nun auf der Bezahlung der Zinsen. Mein Vater hatte damals das Haus wegen des tieferen Zinssatzes über seinen Arbeitgeber finanziert. Aber nun wurde mein Elternhaus zwangsgeräumt. Alles wurde wie Kraut und Rüben durcheinander in Schachteln gepackt und bei meinem damaligen Mann im Keller eines seiner Mehrfamilienhäuser deponiert.

Zufälligerweise fuhr ich an dem Tag an meinem Elternhaus vorbei als diese Räumung vonstatten ging. Mit meinem Vater hatte ich damals keinen Kontakt, denn er verschwand nach der Trennung für eine Weile und nur sporadisch kamen Lebenszeichen. Ich hatte also keine Ahnung was da genau passierte. Wie ich es dann herausfand, weiss ich nicht mehr. Es tat mir jedoch sehr weh nun kein Elternhaus mehr zu haben, auch wenn ich schon lange nicht mehr drin gewesen war.

Mir war völlig unverständlich, warum meine Mutter und meine Schwester an diese Versteigerung gingen. Angeblich um zu sehen, wer das Haus bekommen würde. Ich hätte es nicht ertragen das mitzuerleben. Leider wurde mir dann nicht erspart zu sehen, wie an einem Fasnachtsumzug in Uhwiesen, wo ich aufgewachsen bin, die Versteigerung unseres Hauses als Fasnachtssujet durch das Dorf gezogen wurde! Ich war entsetzt. Zum Glück wohnte ich bereits in Schaffhausen und es war auch meine letzte Fasnacht, an der ich teilgenommen habe.

Alle diese Erinnerungen lösen bei mir Mitgefühl für diesen Mann aus, der nicht nur arbeitslos und soeben vom Tod der Mutter betroffen war, nein, jetzt wurde ihm auch noch sein Heim weggenommen und statt mit einem Grossaufgebot an Hilfe ihm zur Seite zu stehen, rückt die Polizei aus.

(Der zitierte Artikel ist erschienen bei «20 Minuten», und zwar am 7.9.18.)

Mehr von Arlette Yildiz lesen:
Meine erste Depression
Haltlos


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Ja, hier ziehen wir hin

Ein Auszug von Monika Leyde. Sie hat in der Edition Unik ihr Buch geschrieben.

Endlich brachen wir nach Basel auf, der Stadt im Dreiländereck, die Jojo als zukünftigen Wohnort vorgeschlagen hatte, weil er auf keinen Fall wieder in Zürich leben wollte. Und tatsächlich war es bei mir Liebe auf den ersten Blick. Basel gefiel mir auf Anhieb. Mit der grossen Altstadt, den vielen alten, renovierten Häusern, den malerisch verwinkelten Gässchen, dem eindrucksvoll hoch über dem Rheinufer thronenden Münster und den schönen Plätzen, dem farbenfrohen Marktplatz, dem charmanten kleinen Andreasplatz. Besonders die Szenerie am Rhein gefiel mir sehr, mitten durch die Stadt floss dieser breite Strom und bescherte ihr eine unerwartete, wohltuende Weite. Mit einem Bürli und einem Stück Käse in der Hand sassen wir auf den Stufen am sonnigen Kleinbasler Ufer, und ich sagte: «Ja, hier muss es schön sein zu leben, hier ziehen wir hin.»

Blick von der «Pfalz», der Aussichtsterrasse hinterm Münster, aufs Kleinbasler Ufer (Foto: zvg.)

Blick von der «Pfalz», der Aussichtsterrasse hinterm Münster, aufs Kleinbasler Ufer (Foto: zvg.)

Jetzt brauchten wir noch eine Wohnung, aber das war zum Glück deutlich einfacher als eine Wohnungssuche in Berlin. Wohlweislich hatten wir ein Zelt dabei, in dem wir auf dem Campingplatz von Lörrach, einer deutschen Kleinstadt kurz hinter der Grenze, preisgünstig übernachten konnten. Jeden Morgen fuhren wir gleich nach dem Aufstehen nach Basel, um im Roten Teufel am Andreasplatz zu frühstücken, einem sympathischen Café mit Selbstbedienung und, ganz wichtig, vielen Zeitungen. Auch den Baslerstab hatten sie dort aufgelegt, einen Gratisanzeiger, der täglich erschien und das grösste Immobilienangebot enthielt. Bym z'Mörgele, beim Frühstück, gingen wir ihn aufmerksam Seite für Seite durch und kreuzten alle Zweizimmerwohnungen an, die uns interessierten. Beim Bezahlen der Rechnung achteten wir darauf, dass genügend Kleingeld zusammen kam, um anschliessend in der Telefonzelle - ja, damals gab es noch Telefonzellen (!) - die aufgeführten Kontaktpersonen anzurufen.

Die Wohnung in der Gärtnerstrasse 67, die sich im Kleinbasel befand, der rechts vom Rhein liegenden Stadthälfte, dem «Kreuzberg von Basel», wie ich später sagen würde, war eine der ersten Wohnungen, die wir besichtigten. Ein Herr Suter hatte uns telefonisch den Termin angegeben, an dem die Vormieterin sie uns zeigen würde. Die Wohnung war genau richtig für uns, mit einem grosszügigen Eingangsbereich, zwei geräumigen, fast gleich grossen Zimmern, einem Badezimmer mit Badewanne sowie einer länglichen Küche, von der aus man auf den Balkon hinaustrat und auf den grossen, grünen Innenhof blickte. Anders als in Berlin, wo man in einer neu gemieteten Wohnung erst einmal aufwändig die alten Tapeten von den Wänden reissen, Böden schleifen, alles neu streichen sowie Kochherd und Kühlschrank organisieren musste, war diese Wohnung frisch renoviert und bezugsfertig, verfügte über eine komplett ausgerüstete Küche, selbst ein neuer Spiegelschrank im Badezimmer war vorhanden. Schweizer Standard halt, wie ich erfuhr. Diese Wohnung mussten wir einfach haben, aber würde der Vermieter sie uns auch geben?

Und tatsächlich war es bei mir Liebe auf den ersten Blick. Basel gefiel mir auf Anhieb.
— Monika Leyde

Bangen Herzens machten wir uns auf den Weg zu Herrn Suter von der Liegenschaftsverwaltung. Mit unserem allerschönsten Lächeln teilten wir ihm mit, dass wir die Wohnung wirklich sehr gerne mieten würden. Natürlich kam sie dann gleich, die Frage, vor der uns so bange war: Wovon wir denn leben würden? Wenn wir den Umzug von Berlin nach Basel bewältigt hätten, würden wir uns sofort eine Arbeit suchen, versicherten wir ihm eifrig. Die Erwähnung Berlins schreckte ihn nicht ab, im Gegenteil, er schien es interessant zu finden. Was wir denn von Beruf seien? Ich hätte zuletzt als Fremdsprachensekretärin gearbeitet, antwortete ich, beim Deutschen Institut für Normung. DIN-A 4 kennt jeder, dachte ich mir, also würde ich ruhig auch den Arbeitgeber nennen, das klang doch seriös und stimmte ja auch. (Dass ich schon zweimal ein Studium abgebrochen hatte und länger durch Asien gereist war, musste ich ihm ja nicht gleich auf die Nase binden.) Aber natürlich wollte er auch den Beruf von Jojo wissen, und nun wurde es kritischer. Hatte Jojo überhaupt einen Beruf? Ich erinnerte mich daran, wie er einmal erwähnte, dass er in seiner Basler Zeit eine Freundin hatte, die Anthroposophin war. Durch sie hatte es sich ergeben, dass er im Goetheanum, dem Zentrum der Anthroposophen, das sich nur wenige Kilometer ausserhalb von Basel befand, einen Puppenspieler-Kurs besuchte. Dort hatte er gelernt, Puppen anzufertigen, sie mit den Händen zu bewegen und, hinter einem Vorhang versteckt, durch die eigene Stimme sprechen zu lassen. Und so antwortete Jojo dem Immobilienfritzen auf die Frage nach seinem Beruf: «Ich bin Puppenspieler.»

Ich hielt den Atem an und sah uns bereits wieder mit leeren Händen vor der Tür stehen. Aber eben, ich war ein Berliner Kind, von deutschen Beamten und Bürokraten geprägt. Doch jetzt befand ich mich in der Schweiz und lernte: Man kann das auch toll finden, dass jemand keinen stinknormalen Beruf hat, sondern ein Freigeist ist, ein Künstler, ein Puppenspieler gar. Denn genau so reagierte unser Herr Suter: «Ja was, Puppenspieler sind Sie, die trifft man auch nicht alle Tage, das ist ja interessant!» Und ab da lief alles easy, Jojo schilderte fröhlich Anekdoten aus seinem ehemaligen Puppenspielerdasein. Er lachte, seine Augen blitzten, sein Charme sprühte, und wer konnte sich diesem Charme schon entziehen?

Und schon hatten wir ihn, den Mietvertrag.


Der Schweigedämon

Ein Auszug von Peter Woodtli. Er hat in der Edition Unik sein Buch geschrieben.

 

Eines Tages
Eines Tages wenn ich alt bin 
werde ich an all die Geschichten denken 
die ich hätte erzählen können 
und vielleicht all diejenigen vermissen 
welche die Geschichten nie gehört haben.

Etwas ganz Besonderes: Das eigene Buch (Foto: zvg.)

Etwas ganz Besonderes: Das eigene Buch (Foto: zvg.)

Erich grübelt 
Erich stellt das Buch mit dem blaugrauen Umschlag zurück ins Regal. Er kommt ins Grübeln, während er sein eigenes Leben Revue passieren lässt. Im fortgeschrittenen Alter, wenn der Zauber des Leichtsinns und der Unvernunft verflogen, die Grundfunktionen wie Atem, Puls und Verdauung noch im grünen Bereich sind, das Denkvermögen, soweit er das beurteilen kann, intakt ist, wenn ihn der Antrieb noch jeden Morgen, ohne lange zu zögern, aufstehen lässt, kommt ihm sein Leben ziemlich luxuriös vor. So luxuriös, dass er es sich leisten kann, über das nachzudenken, was er gegen aussen als vornehme Zurückhaltung bezeichnet. Im stillen Kämmerlein jedoch gesteht er sich ein, dass sich über das, was ihn wirklich bewegt, eine Schicht des Schweigens gelegt hat, auf der vielleicht schon ein wenig Gras gewachsen ist. Die Geheimnisse von gestern sind die Tabus von heute und liebgewonnene Gewohnheiten von morgen, sinniert er. Und das tägliche Stück Ratlosigkeit muss man auch ihm zugestehen. Er weiss nicht, ob er sich für diesen Zustand bewusst entschieden hat oder ob es sich einfach so ergeben hat. So oder so, die Welt gehört nicht mehr ihm, aber er gehört noch zu ihr. Das Leben spielt nicht mehr nach seinen Regeln, eher umgekehrt. Wenn er die Möglichkeit hätte, eine neue Regel einzuführen, dann wäre es diese:

«Jeder Mensch muss sich selber täglich drei Fragen stellen, auf die er nicht zwingend eine Antwort finden muss. Aber jede Frage darf nur einmal gestellt werden.»

 

Eines Tages
Eines Tages wenn ich alt bin 
nicht fort von hier 
nur unterwegs zu etwas 
das niemand kennt 
das ist der Augenblick 
das Schweigen zu beenden 
und die Geschichten 
zu erzählen.


Das Schweigen selber brechen?
Unbedingt! Die Anmeldung für die beiden Herbstrunden 2019 ist auch noch kurzfristig möglich; auch jene für die Frühjahresrunde 2020 ist geöffnet.


3 Monate

Ein Auszug aus dem Buch von Patrizia Maurer, das im Frühjahr 2019 entstanden ist.

Ist schon komisch, da bist du gerade mal 28 Jahre jung und hörst diese Worte. Ich wollte es nicht wahrhaben und glauben. Ist doch nur ein Knochenbruch dachte ich.
— Patrizia Maurer

Das Warten auf den Befund erschien mir wie Stunden. Zwischenzeitlich hatte Roli meine Eltern kontaktiert. Papa erzählte mir später, dass er aus dem Schlaf gerissen wurde und Roli ihm schilderte, dass ich im Krankenhaus Baden mit gebrochenem Oberschenkel liege. Papa hat im Halbschlaf, nachdem er das Telefon zur Seite gelegt hatte, irgendwas zu Mama gemurmelt von wegen Oberschenkelbruch, Bohni. Mama war sogleich hellwach. Sie sagte: «Da stimmt etwas nicht. Wieso bricht ihr plötzlich der Oberschenkel? Wir müssen zu ihr.» So fuhren sie am 18.6. morgens nach Baden zu mir. Alle zusammen warteten wir auf den Befund und dann kam er: «Es tut uns leid, aber sie haben noch etwa 3 Monate bis zum Tod...» Ist schon komisch, da bist du gerade mal 28 Jahre jung und hörst diese Worte. Ich wollte es nicht wahrhaben und glauben. Ist doch nur ein Knochenbruch dachte ich. Das kann doch heilen. Ich vergesse den Moment mein ganzes Leben nicht mehr. Rechts neben meinem Bett steht die Ärztin und links von mir sehe ich meine Eltern. Meine Eltern sind ruhig und blass und ich hatte das Gefühl, dass ich jetzt stark bleiben musste. Die Ärztin erklärte weiter, dass die Ursache für den Bruch ein Tumor im Endstadium sei. Und dass sich auf meiner Lunge wohl schon Metastasen gebildet hätten. Ich weiss noch, dass ich sagte: «Nein glaubt mir das wird schon gut – man kann den Tumor ja entfernen.» 

Doch so einfach war das leider nicht. Nur war mir das zu diesem Zeitpunkt noch nicht bewusst. Vielleicht war es Schutz vor der Angst des Sterbens. Vielleicht waren es auch die Schmerzmedikamente, die mich nicht klar denken liessen, oder einfach mein Trotz in der Situation. Aber ans Sterben wollte und konnte ich in diesem Moment einfach nicht denken. Im Gegenteil, ich war wütend auf diese Ärztin. Ich weiss noch wie sie sagte: «Das ist entsetzlich sie sind ja gleich alt wie ich.» In diesem Moment kam sie mir völlig unprofessionell rüber. Heute weiss ich, dass diese Reaktion einfach nur menschlich war und wer kann sich schon auf solche Momente vorbereiten. 

Die Autorin in der Zeit im Spital (Foto: zvg.)

Die Autorin in der Zeit im Spital (Foto: zvg.)

Doch auch in dieser Situation hatte ich einen Schutzengel. Ausgerechnet in dieser Nacht hatte Dr. Eid Dienst. Er war wie ich später erfuhr ein ehemaliges Teammitglied von Professor Bruno Fuchs. Durch Bruno Fuchs hatte er diesen seltenen Tumor, den sie bei mir vermuteten, schon mal gesehen. Er wusste daher, dass eine abrupte OP zum sofortigen Tod führen könnte. Den der Tumor sei wie ein Beutel mit kleinen Spinnen. Würde man direkt operieren und ihn berühren, würden die «kleinen Spinnen» sich umgehend überall verteilen. Daher rief Dr. Eid noch in der selben Nacht Professor Fuchs (damals in der Klinik Balgrist in Zürich tätig) an. Bruno Fuchs (Head of Tumor Board) gab den Auftrag, ja nichts zu unternehmen und die umgehende Verlegung zu ihm nach Zürich aufzugleisen. So wurde ich am frühen Morgen ins Balgrist nach Zürich gefahren. Mama war bei mir im Krankenwagen. Papa fuhr hinterher. Ich weiss noch da jede Minute zählte, fuhren wir mit Blaulicht nach Zürich. Während der Fahrt wurde so viel Schmerzmittel in mich reingepumpt, dass der Sanitäter gegenüber meiner Mutter bemerkte, «schon komisch die Menge Schmerzmittel würde einen halben Elefanten umhauen und sie ist noch bei vollem Bewusstsein.»

Wisst ihr was mich am meisten erschreckte? Ich war in dem Moment erleichtert, dass endlich eine Diagnose vorlag, die meinen Schmerz im Bein erklären würde. Ist das nicht tragisch? Da wird dir so lange von diversen Ärzten eingeredet, dass der Schmerz nur eingebildet sei und dann bist du erleichtert wenn tatsächlich ein Befund vorliegt. Schrecklich finde ich das… Im Nachhinein hat mich der Gedanke noch sehr oft erschüttert.


Znüniperlen

Eine Anekdote von Peter Zollinger. Er hat in der Edition Unik sein Buch geschrieben.

Wenn die Arbeiter um halb zehn das Wirtshaus verlassen, wird der runde Tisch frei für die Senioren. Die Eingeklemmten sind gegessen, je nachdem bleiben einige Gipfeli übrig. Wir Senioren haben erst spät gefrühstückt, so dass diese Gipfeli nach uns noch im Körblein liegen bleiben. Unsere Wünsche sind den langjährigen Serviererinnen bekannt, zuerst ein Kaffee Crème, dann zum Abrunden einen sauren Most oder eine Glas Weisswein, im Sommer ein Bier. Meistens beginnen die Gespräche mit einem Abtasten, gibt es brennende aktuelle Themen, hat sich etwas ereignet, das noch diskutiert oder aufgearbeitet werden muss. Ein 92jähriger liest täglich früh am Morgen den Tagesanzeiger, nicht nur die Schlagzeilen, nein auch die Hintergrundberichte und Ratgeber. Die Frage einer Leserin, ob es richtig sei, dass ihre Reinigungsfrau während dem Putzen der Wohnung das WC benutze, hat ihn beschäftigt. Für uns kein Thema, die einen habe noch eine Frau, die anderen müssen selber putzen, keiner kann sich eine Reinigungsfrau leisten. Über unsere eigenen Erfahrungen beim Putzen tauschen wir uns nicht aus, das verbietet der Stolz.

Peter Zollinger am Edition Unik Café in der Alten Kaserne (Frühjahr 2019).

Peter Zollinger am Edition Unik Café in der Alten Kaserne (Frühjahr 2019).

Nicht bei jedem Znüni ergeben sich spannende Gespräche, nicht jeder Znüni wird lustig. Wenn es zu politisch wird, ist es sowieso Zeit zu gehen. Politik vergiftet den Znüni. Aber es gibt Tage, da schmilzt das Eis, der Redefluss plätschert wie ein fröhliches Frühlingsbächlein. Dann lösen sich die Zungen, die Augen glänzen und Zeit und Ort geraten in Vergessenheit. Das sind Momente, in denen die Geschichten den Weg aus tiefer Seele ungehindert auf die Zungen finden und wir alle dem Erzähler an den Lippen hängen. Die Welt ganz klein, nur wir Alten am runden Tisch. Der Alltag weit weg, unser momentan einziger Wunsch, dass diese besondere Stimmung noch möglichst lange anhält. Eine erfahrene Serviererin spürt das, und sie kommt nicht an den Tisch und fragt: «Hat noch einer einen Wunsch?» Wir haben in diesen Momenten keine Wünsche, keine Bedürfnisse. Es sind Momente, wo wir die Schmerzen im Rücken nicht spüren, wo wir vergessen, dass noch Pflichten auf uns warten, wir sind einfach da im Hier und Jetzt. Abgedriftet in unsere Jugend, ins Militär oder andere Geschichten, die noch erzählt werden müssen. Man kann Geschichten auch mehrmals erzählen, aber man muss sie neu ausschmücken, dramatischer und spannender erzählen. Sie werden immer besser, sie erhalten eine Art Patina. Die Begriffe «Jägerlatein» oder «Fischerlatein» greifen hier nicht. Es sind die Feinheiten, ein ansteckendes Lächeln, bevor die Erzählung beginnt, eine etwas längere Pause machen oder einen Schluck Kaffee nehmen, um die Spannung etwas länger aufrecht zu erhalten. Irgendwann beginnen auch die Schweiger zu erzählen, ihre Zungen lösen sich, sie strahlen, weil sie ihre Hemmungen überwunden haben. Sie rücken näher an den Tisch, ihre Hände, die eben noch schwer auf dem Tisch lagen, untermalen das Gesagte, es ist, als würden sie parallel zum Erzählen ein Bild malen. Die Zeit scheint still zu stehen. So überraschend sich diese Stimmung immer wieder einstellt, so löst sie sich wieder auf. Es ist, wie wenn sich an einem Herbstmorgen der Nebel auflöst, das Mystische ist vorbei, der Alltag wieder da. Ein schöner Alltag, der sich nach einem solchen Znüni wie die wärmende Herbstsonne anfühlt.

Hier eine Geschichte vom «Znünitisch»
Die Stammer sind bei einem Schneefall Anfang März nochmals mit Schneepflug und Pferden ausgerückt. Gegen Ende der Tour sind sie in einem Gasthaus in einer Aussenwacht eingekehrt und haben den wohlverdienten Kaffee getrunken und etwas Kleines gegessen. Es hat sich ergeben, dass es nicht bei dem einen Kaffee geblieben ist. Die Einkehr hat sich ausgedehnt und in die Länge gezogen. Vorsorglicher Weise hatten sie den Pferden Decken übergelegt. Es gab einfach viel zu erzählen. Wie so oft bei solchen Gelegenheiten, wurden die Geschichten mit zunehmender Dauer immer farbiger und verwegener, kein Grund sich zu beeilen, man würde sonst etwas verpassen. Irgendwann kam dann doch der Zeitpunkt zum Aufbruch. Als die strammen Bauern vor das Gasthaus traten, spürten sie den warmen Westwind und stellten mit grossem Schrecken fest, dass sich der Schnee in der Zwischenzeit in Wasser aufgelöst hatte. Es wurde allen klar, auf der apern Strasse konnten sie unmöglich mit dem Schneepflug nach Hause, der Lärm hätte die Leute aufgeweckt und sie wären anderntags dem Gespött der ganzen Talschaft ausgesetzt gewesen. So wurde einer ins Dorf geschickt um einen geeigneten Wagen zu holen, auf den der Schneepflug geladen werden konnte. Die andern zogen sich gezwungenermassen ins Restaurant zurück. Mit dem Schneepflug auf dem Brückenwagen kehrten sie weit nach Mitternacht ins Dorf zurück. Irgendwann wurde die Geschichte, zur grossen Freude der Talbewohner, dann doch publik. Jahrzehnte später wird sie immer noch erzählt, zum Glück.

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Von Schnecken und Lücken im Lebenslauf

Ein Auszug von Arlette Yildiz. Sie hat in der Edition Unik ihr Buch geschrieben.

Vor ein paar Tagen habe ich folgenden Spruch auf einem Kalender entdeckt: «Sie haben da eine Lücke in Ihrem Lebenslauf ... – Ja, war geil!» Herrlich! Ist das nicht wie eine Kurzgeschichte über das Leben in der Schweiz? Warum sagen wir überhaupt Lebenslauf? Das ist doch nicht mein Leben. Das ist meine Arbeitsgeschichte. Auf Bali fragen sie zum Beispiel nie nach dem Beruf, sondern: «Wie viele Kinder hast du?» Und wer mit keine antwortet, erntet Blicke voller Mitgefühl, denn für die Balinesen ist ein Leben ohne Kinder schlicht unvorstellbar. Hier in der Schweiz tun wir so als wäre die Arbeit alles.

Innehalten und das Schöne entdecken. (Bild: pexels.org)

Innehalten und das Schöne entdecken. (Bild: pexels.org)

Auch für mich war die Arbeit über lange Zeit Zentrum meines Lebens. Als es mir zunehmend nicht mehr gelang, mich selbst genügend zu täuschen und sich meine innere Stimme immer lauter zu wehren begann, brannte ich allmählich aus. Und heute schaue ich genauer hin, wie eine Firma ihr Geld erwirtschaftet, vor allem wie sie mit den Arbeitnehmern umgeht. Als Mitte September 2018 Novartis bekannt gab, dass sie über die nächsten paar Jahre 2‘150 Arbeitsplätze in der Schweiz abbauen werden, ist der Aktienkurs gestiegen. Geht’s denen noch, frage ich mich, wo sollen diese Menschen Arbeit finden? Warum geht kein Aufschrei durch die Schweiz?

Seit ich selber nicht mehr im Arbeitsprozess drin bin, sehe ich wie sich alles der Wirtschaft unterzuordnen hat und das finde ich bedenklich. Zumal Ökonomie eigentlich bedeutet: mit den vorhandenen Ressourcen schonend wirtschaften. Machen wir das? Ich habe da meine Zweifel. Unser ökologischer Fussabdruck scheint jeden- falls zu gross zu sein für diese Erde, wenn alle so leben würden mit ihren Ansprüchen wie wir das tun. Bedingt durch meine Arbeitslosigkeit und zunehmend auch eine Arbeitsunfähigkeit, weil ich das Tempo und den Druck nicht mehr aushalten konnte, bin ich aus dem gesellschaftlichen Rahmen herausgefallen, musste meinen eigenen finden. Da auch der finanzielle Rahmen kleiner wurde, lernte ich bescheidener zu leben und entdeckte wie viel freier ich mich mit weniger Ansprüchen fühle. Ganz nebenbei habe ich einen anderen Lebensrhythmus gefunden. Ich bin gerne langsam unterwegs, habe selten Eile und wenn, dann versuche ich mich wieder zu verlangsamen.

In der Langsamkeit habe ich wieder zu einem Vertrauen in mich und das Leben finden können. Die Gestaltung meines Lebens ohne Arbeit finde ich nicht immer so toll, wie es sich anhört. Denn wenn der Lebenslauf seit über dreissig Jahren vorwiegend aus Arbeit bestand, herrscht da am Anfang viel Leere. Da habe ich einmal eine Schnecke beobachtet, weil ich wissen wollte, wie die unterwegs ist in ihrem Leben. Vielleicht könnte ich ja was lernen. Und siehe da: Schnecken scheinen den Weg zu geniessen, machen allenfalls einen Umweg, warum auch immer, ganz schlüssig konnte ich diese Frage nicht klären. Jedenfalls fand ich Schnecken beruhigend. Die lassen sich auf keine Weise stressen. Falls sie trotzdem etwas in der Richtung in ihrer Nähe wahrnehmend, ziehen sie sich blitz- schnell in ihr Haus zurück. Heraus kommen sie erst wieder, wenn die Luft, nach vorsichtiger Prüfung, tatsächlich rein ist. Ist sie es nicht, bleiben sie im Haus. Das hat doch etwas Sinnvolles.

Und so suche ich mir nun meinen eigenen Weg. Langsam wie eine Schnecke setze ich einen Fuss vor den anderen. Dabei nehme ich mir Zeit innezuhalten und die Schönheit eines Momentes in der Natur oder die tiefe Begegnung im Gespräch mit einem Mitmenschen zu geniessen. Manchmal geniesse ich auch einfach die Freude an der Begegnung mit mir selbst. Dann sage ich zu mir: «Ist es nicht das, worum es im Leben eigentlich geht, das innehalten und das Glück so einer Lücke in der Zeit auszukosten?»


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Tante Emmas Wanduhr

Ein Auszug von Katharina Gerber. Sie hat in der Edition Unik ihr Buch geschrieben.

Tante Emma war wirklich eine Grosstante von mir und hat nichts mit dem Tante Emma-Laden zu tun. Sie war eine Schwester meines Grossvaters mütterlicherseits und im Gegensatz zum Grossvater hatte ich zu ihr eine warme Herzens- Verbindung. Sie war Diakonissin und schon betagt, als ich ein junges Mädchen war. Neulich begegnete mir ein Brief, den sie mir damals ins Welschland, nach Neuchâtel, geschrieben hatte. Dieser Brief zeugt von so viel Zärtlichkeit, Verständnis und Anteilnahme für mich und mein junges Alter. Ich war total erstaunt und gerührt, weil mir diese Gefühle und diese Art Zuwendung von ihr, gar nicht mehr bewusst waren. Ich fühlte mich damals, gerade auch vom nahen Umfeld, eher unverstanden... begründen will ich dies jetzt nicht, es ist ein Gefühl, das beim Gedanken an diese Zeit aufkommt und auch in meinen Tagebüchern vielfältig auftaucht. 

«Das Ticken stört heute nicht mehr.» (Foto: zvg.)

«Das Ticken stört heute nicht mehr.» (Foto: zvg.)

Tante Emma hoffte inniglich, dass ich, wenn nicht gerade Diakonissin, so doch einen Pflegeberuf ergreifen würde. Ich war aber heilfroh, dass der Gedanke in Riehen, dem Diakonissenhaus, das Haushaltlehrjahr oder gar die Schwesternausbildung zu absolvieren, nie ernsthaft in Erwägung gezogen wurde. Ich hatte ja noch eine andere Grosstante, die Rotkreuzschwester war. DAS war für mich nicht nur eine Option, sondern ein erstrebenswertes Ziel, obwohl ich gar nie richtig wissen wollte, was eigentlich die Aufgabe einer Krankenschwester sein würde! Ich wollte einfach Krankenschwester werden, wie Tante Martha, die andere Grosstante! 

Meine Mutter besuchte Tante Emma regelmässig mindestens alle Monate, vielleicht gar häufiger in ihrem Stübchen im Neuen Heim des Diakonissenhauses in Riehen. Das Neue Heim war der Ort, wo sich die Diakonissinnen nach ihrer aktiven Berufszeit zurückziehen durften, wenn sie das wünschten. Tante Emma lebte erst dort, als sie gehbehindert und krank geworden war. Ich habe diese Wohnsituation in eigenartig positiver Erinnerung. Meine alte Tante war eingebettet in eine sich kümmernde, liebevolle Gemeinschaft älterer Schwestern. Es kam vor, dass meine Mutter und ich zum Zvieri oder Znacht eingeladen wurden und am Gemeinschaftstisch mitessen durften. Eigentlich machte ich die Besuche lieber allein, weil dann die Zuwendung von Tante Emma nur mir galt. Das kommt mir jetzt wieder in den Sinn und ist sehr präsent. 

Als junge Krankenschwester machte ich eine nächtliche Sitzwache am Bett von Tante Emma, als sie im Sterben lag. Da war diese kleine Wanduhr, die in der stillen Kammer deutlich und bestimmt tickte. Ich hielt das Pendel an, weil es mich störte. Meine Mutter brachte mir dann aus dem Nachlass von Tante Emma diese Wanduhr mit. Ich war gerührt und beglückt, daran erinnere ich mich noch sehr gut. Sie tickt jetzt bei mir in meinem Wohnzimmer weiter. Seit ich pensioniert bin, stört mich ihr Ticken nicht mehr. Ohne das Pendel hoch zu ziehen, läuft sie keine 24 Stunden. Also gibt es kein tägliches Ritual, sie aufzuziehen, sondern im Vorübergehen erinnert sie mich daran, dass sie aufgezogen werden möchte. Sie ist eine schöne Erinnerung an diese liebe alte Grosstante Emma!


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«Das Loslassen festhalten»

Ein Auszug von Gisela Bürki. Sie hat in der Edition Unik ihr Buch geschrieben.

Die Tagebucheintragungen zeigen die letzten vier Monate einer einfachen, bescheidenen Frau, die ihr ganzes Leben in Arbon am Bodensee verbracht hat. Es ist der Versuch, die Ereignisse seit ihrem Zusammenbruch im November 2018 festzuhalten, sie zu verbinden mit Erinnerungen aus ihrem Leben, auch aus meinem Leben. Sie starb am 2. März 2019. Ich hoffe, dass sie zwischen den Buchdeckeln zu spüren ist.

14. November 2018

Ma habe eine gute Nacht gehabt, berichtet die Pflegerin am Telefon. Sie fühle sich wohl in ihrem Zimmer, sie habe Frau B. eben zum Frühstück begleitet. Mas helles Zimmer hat eine direkte Aussicht auf den See.

(…)

Foto: zvg.

Foto: zvg.

Als ich Ma um zehn Uhr anrufe, hat sie nur kurz Zeit: Es sei ganz nett hier. Andi erzählt später, sie habe ihn gefragt, wo sie eigentlich hier sei und was sie hier mache.

Die alte mechanische Personenwaage, mit einem Stück orangefarbenem Spannteppich bezogen, sieht genau so aus wie das Cover von Wolf Haas’ neuem Roman «Junger Mann», der verkürzt gesagt die Freuden und Leiden eines Vierzehnjährigen in den Siebzigerjahren beschreibt: Man könnte meinen, die Waage auf dem Buch sei aus dem Haushalt an der Frohmattstrasse 11a entwendet worden. Zuerst habe ich «unserem» Haushalt geschrieben, ein Rückfall in die Kindheit, wahrscheinlich, weil es im Haus Frohmattstrasse 11a immer noch gleich aussieht wie früher, als mein Bruder und ich noch nicht ausgezogen waren. Diese Personenwaage jedenfalls ist typisch für den Sechziger- oder Siebzigerjahre-Look, in dem das Haus teilweise eingerichtet ist. Es handelt sich um ein Fertigbauhaus, eine Holzkonstruktion, schlecht isoliert. Mein Vater hatte als Pöstler nicht viel Geld. Er und meine Mutter kratzten 1966 ihr ganzes Erspartes zusammen.

(…)

Gross ist das Haus nicht geworden. Wenn man im Wohnzimmer steht, wird man den Eindruck nicht los, dass rundherum ein bis zwei Meter Platz fehlen. Viel Land rund ums Haus ist auch nicht übriggeblieben. Es reichte aber, dass später ein Wintergarten angebaut werden konnte, wie es damals Mode war. Betritt man das Haus über die von einem schmiedeeisernen Geländer verzierte Treppe durch die Eingangstüre, kommt man in einen Gang, über dessen hellen Spannteppich ein geknüpfter, farbiger Läufer gelegt ist. Rechts ist das Badezimmer mit beigen Kacheln, vor der Renovation waren sie türkis. Daneben befindet sich die Küche, ebenfalls beige, ursprünglich in dunkelbraunem Holzimitat. Auf einer winzigen Bank um einen winzigen Tisch herum assen jeweils fünf Personen «Zmittag»: die Eltern, die beiden Kinder und – nach dem Tod seiner Frau – der Grossvater.

(…)

Das anschliessende Esszimmer mit Holzeckbank und Fenstern auf zwei Seiten wurde nur benutzt, wenn Gäste zu Besuch waren. Dann wurde der Tisch mit dem Goldrand-Porzellan, das sich die Eltern zu ihrer Hochzeit hatten schenken lassen, sorgfältig gedeckt. Das helle Wohnzimmer mit Klötzchenparkett und dunkelrotem Teppich hat den Stil der Fünfzigerjahre bewahrt: Dazu gehören ein kleiner, eleganter, hellolivgrüner Diwan mit zwei passenden Sesseln, ein Salontisch, eine altmodische Stehlampe und ein Buffet, in dem das Geschirrservice, das Silberbesteck und die Kristallgläser aufbewahrt werden, inklusive Cognac-Schwenkern, die nie gebraucht werden. An den Wänden von Ess- und Wohnzimmer Ölbilder des Malers Emil Steiger, darunter eine Bodenseelandschaft. Der letzte Raum ist das «Stübli» mit Wohnwand und Bauernschrank, gemustertem Teppich. Zahlreiche Fotoalben, aber nur wenige Bücher, darunter Silva- und Mondo-Bildbände. Die Bernina-Nähmaschine und ein dreistöckiges Nähkästchen gehören auch seit jeher zum Stübli. Früher stand da auch noch mein Klavier. Ich weiss nicht, wie die Eltern zehn Jahre lang die teuren Klavierstunden für ihre Tochter finanzierten. – Über eine für heutige Verhältnisse schmale Holztreppe geht es hinauf in den oberen Stock.

(…)

Drei Schlafzimmer und eine Toilette befinden sich auf dieser Etage. Die besagte orangefarbene Personenwaage steht da. Wegen der Holzbauweise ist das ganze Haus ringhörig. Liegt man im Bett, hört man die Geräusche vom unteren Stockwerk. Das Elternschlafzimmer mit seinen Massivmöbeln – einem Ensemble aus Ehebett, Kleiderschrank, Kommode und Spiegel – war die erste gemeinsame Anschaffung der jungen Eheleute gewesen. Sie haben 1959 geheiratet, also verströmt es ebenfalls den Geruch der Fünfzigerjahre. Die beiden «Kinder»-Zimmer hingegen sind in den Siebzigerjahren stehengeblieben. Dazu gehören ein paar Poster, Selbstgebasteltes und der nämliche orangefarbene Spannteppich wie bei der Waage. Das ist auch die Erinnerung an Arbon: vorne der See, im Rücken der Säntis. Vom Elternschlafzimmer sieht man auf den See, von den Fenstern der Kinderzimmer auf das Säntismassiv. Allerdings hatte ich als Kind noch nicht viel für die Aussicht übrig. Gibt das eine ungefähre Vorstellung?

(…)

All das hat für Sonja einen Wert, für uns Kinder sind es Erinnerungen, für alle anderen ist es wertloser Plunder.

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Der Tod ist hinterrücks, auch bei Papa war es so. Und bei Ma ist der Krebs der gemeine Gehilfe des Todes. Da steht ein Mensch vermeintlich mitten im Leben, doch plötzlich fällt ihn eine Krankheit von hinten an und bringt ihn zu Fall. Am Schluss hat die Person die Kraft nicht mehr, sich gegen sie zu wehren. Kann der Tod am Schluss auch zu einem Freund werden? Bei unserem Vater blieb nicht mehr viel Zeit, sich mit ihm zu befreunden; auch verdrängten wir den Gedanken an ein baldiges Ende. Bei Ma bin ich nun darauf gefasst, versuche, jeden Moment mit ihr noch bewusst zu geniessen.

Kontakt: gisela.buerki@sunrise.ch


Johann

Ein Fragment von Dagmar Agéthen. Sie hat in der Edition mehrere Bücher geschrieben.

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Ich heisse Johann. Ich bin ein Pferd. Natürlich nicht ein gewöhnliches Pferd, was denken Sie? Ich bin ein ungefähr zweihundertjähriges Terracottapferd und messe bis zu den Ohrenspitzen 94 Zentimeter - vom Stockmass wollen wir erst gar nicht reden. Also, ich bin äusserst praktisch. Ich kann nicht wiehern, nicht fressen, hinterlasse keinen Dreck, ich stehe einfach dekorativ herum. Aber aufgepasst: meine beiden Ohren dürfen Sie nicht abnehmen - nur zum abstauben - denn ich kann hören, was Sie sagen. Ja, tatsächlich. Sie können mit mir sprechen. Auch wenn ich stumm bin und mich nicht bewege, so kann ich doch das Wichtigste auf der Welt mein eigen nennen: ich habe nämlich eine Seele. Und Wünsche übermittele ich durch meinen Gesichtsausdruck. Das gilt indessen nur für Insider. Für Menschen, die ein ganz bestimmtes Feingefühl haben, die nach innen lauschen können und für die ein Schweigen sehr beredt ist. Ich muss allerdings eine kleine Schwäche zugeben. Ich bin ziemlich eitel. Gerne lasse ich meinen Hals schmücken, sei es mit Colliers oder diversen Schals oder Tüchern. Ich liebe die schmalen, farbigen Missoni Schals, aber es kann auch ein kleines Chiffontüchlein mit einem Leo-Print sein oder eine Halskette mit Sternchen. Allerdings trage ich nicht alles, was Sie mir vorschlagen. Auch da bin ich etwas heikel. Wenn mir etwas nicht passt, erkennen Sie das sofort an meinem Gesicht. Kein Witz. 

Vor vielen, vielen Jahren kam ich im Tempel von Bhagavathy zur Welt und bin seitdem durch viele Hände gegangen. Doch es mussten Jahrzehnte vergehen, bis ich auf einem Markt in Cochin an der Malabarküste des Staates Kerala meine einzige und wahre Herrin fand. Sie hiess Tessa und lebte mit ihrem Mann Reginald und ihren Töchtern in einem Bungalow in Cochin, samt ihrer elf Dienstboten. Nicht dass Sie jetzt erschrecken ob der Anzahl des Personals. In Indien benötigt man für praktisch jede Handreichung oder Arbeit einen anderen guten Geist. Die Winter verbrachten wir in Cochin, die Sommer in einer Villa in den Bergen von Darjeeling. Manchmal fuhren wir auch mit der P&O, der berühmten Schifffahrtslinie nach England in Reggie’s Heimat; auch verbrachten wir einige Monate in Südamerika - und ich war immer dabei. Sorgfältig in Holzwolle und einer grossen Kiste verpackt. Nach dreissig Jahren in Indien zogen wir in die Schweiz, ausgerechnet nach Biel in die Schützengasse. Und dort, im gleichen Haus, trafen wir auf Dagmar, die von Tessa und Reggie nur noch Gabi genannt wurde; weil die Abkürzung ihres Namens (Dagi oder Daggi) fast wie «doggie» im englischen tönte. Zwischen den Familien entwickelte sich ein reger Austausch. Es wurde gemeinsam gekocht, indisch selbstverständlich, pink Gin getrunken, Mau-Mau gespielt, Anekdoten ausgetauscht. 

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Bis Tessa im Lauf der Zeit um ein Gespräch mit Gabi unter vier Augen bat. Ich ahnte schon, was kommen würde. Bis anhin hatte ich Gabis Stimme nur gehört, sie nicht gesehen, denn Tessa hatte mich noch nicht vorgestellt. Und nun war der grosse Moment, quasi die Feuertaufe von Gabi gekommen. Tessa öffnete die Schlafzimmertüre zu ihrem «Boudoir» und sagte: «Gabi, I have to show you something.» Ich stand in der rechten Ecke des Zimmers auf weichem, türkisfarbenem Teppichboden, trug um meinen Hals eine rote Schleife und wartete gespannt auf eine Reaktion. Die kam prompt. «Oh what a lovely horse.» Tessa machte eine einladende Geste und sprach: «May I present Johann to you?» Und zu Johann gewandt: «This is Gabi, she will take care of you, when we are on holiday.» Wir waren uns auf den ersten Blick sympathisch. Und Gabi meinte noch, dass es eine grosse Ehre für sie sei, mich zu besuchen. Meine Herrin war darüber sehr glücklich, denn sie vertraute mir all ihre Sorgen und Nöte an. Eines Tages fragte mich meine Herrin ob ich damit einverstanden sei, dass Gabi mich «erben» solle, wenn sie einmal sterben würde. Ich schloss meine Augen und gab ihr mein «Ja» zu verstehen. Und irgendwann, einige Jahre später war es dann soweit. Marc, der Sohn von Diane, also Tessas Enkel, überbrachte mich eines Tages mit einem riesigen Bouquet Sterling Rosen in Gabis Haus und so wusste sie, dass es Tessa nicht mehr gab. Eines Tages wird Gabis Sohn Sascha die Tradition weiterführen. Und danach seine Kinder. Denn ich werde weiterleben durch die Jahrhunderte und Zeit und Raum überleben.

Mit einer Schleife um meinen Hals.