Anekdote

Entdeckungen

Ein Auszug von Verena Raaflaub. Sie hat in der Edition Unik mehrere Bücher geschrieben.

In der Wohnstube im Neuhaus stand ein Radio. Das war damals fortschrittlich, weil man sie noch selten sah. Das riesige Möbel aus Holz stand auf einer Kommode, hatte verschiedene Knöpfe, an denen man drehen konnte (alle durften, ausser ich), und vorne war es bedeckt mit einer Art Tuch oder starkem Netz.

Was passiert, wenn sie entgleist oder verloren geht? Wo sind wir festgemacht? Die Vorstellung, so allein mit dieser Erde im Nichts herumzufliegen, war höchst unangenehm.
— Verena Raaflaub

Genau da kamen Musik oder Stimmen heraus. Stundenlang sass ich davor und stellte mir ganz bildlich kleine Frauen und Männer vor, die in diesem Möbel sitzen, sprechen, singen oder auf kleinen Instrumenten Musik machen. Woher sollten die Stimmen sonst auch kommen? Die Erwachsenen sassen oft vor dem Radio und hörten Männer sprechen. Dann musste ich leise sein, und die Grossen machten meist betrübte Gesichter. Kriegsgeschichten. Mich interessierte das nicht. Ich wollte das Innenleben dieses Radios auskundschaften. Ich versuchte immer wieder, mit meinen Fingerchen ein kleines Loch in dieses Tuch zu machen, was aber streng verboten war. Nur zu gerne hätte ich die Figürchen bei ihrem Treiben beobachtet. Ich spürte sogar, wie sie sich bewegten. Wenn ich die Hand ans Tuch hielt, vibrierte es. Also musste in diesem Kasten Leben sein. Höchst interessant!

Ich erhielt auch die erste Lektion, dass die Erde eine Kugel ist, die sich dreht. Einen grossen Schreck bekam ich etwas später, als ich in einer Illustrierten oder einem Gelben Heft ganzseitig die Erdkugel in Farbe abgebildet sah. Sie stand nicht auf dem Boden, sie hing nicht wie eine Lampe am Himmel, sie stand nicht wie eine Ständerlampe oder wie ein Globus auf einem Sockel, nichts, einfach nichts darum herum, das sie festhielt, nur schwarzes Nichts. Da schlief ich einige Nächte nicht mehr gut. Wer oder was hält sie und uns? Wir können doch nicht einfach mit dieser Kugel durch das schwarze Nichts sausen. Was passiert, wenn sie entgleist oder verloren geht? Wo sind wir festgemacht? Die Vorstellung, so allein mit dieser Erde im Nichts herumzufliegen, war höchst unangenehm. Man konnte mich langsam beruhigen, indem man mir erklärte, dass diese Erde schon sehr, sehr lange so umhersause, und dass der Liebe Gott sicher Acht gebe, dass ihr nichts passiere. Von da an hatte er eine wichtige Aufgabe für mich. Und dass wir, wenn wir unten sind, nicht von dieser Kugel purzeln, und dass wir nicht vom Wind hinweggefegt werden, wenn sie sich dreht, musste auch mit diesem Gott zu tun haben. Ich konnte es also getrost ihm überlassen, zum Rechten zu sehen.

Vorlesen am Edition Unik Café (Foto: zvg.)

Vorlesen am Edition Unik Café (Foto: zvg.)

Von Götti und Gotte bekam ich jede Weihnachten einen grossen Lebkuchen, darauf glänzende neue Fünfliber. An die Zahl kann ich mich nicht erinnern, nur dass sie mit Zuckerguss (Tupfen) befestigt waren und sich nur schwer vom Lebkuchen lösen liessen. Ich musste dann die Fünfliber einzeln ablecken und vom Zucker befreien. Sie hatten einen eigentümlichen Geschmack, aber der Zucker war süss und gut. Die Fünfliber wanderten sofort in mein metallenes Kässeli im Buffet. Da blieben sie auch, weil das Kässeli oben einen Einwurf mit Zähnen hatte, die sich nicht öffnen liessen. Einen Schlüssel dazu hatten sie nur auf der Bank in Büren, wohin man das Kässeli von Zeit zu Zeit bringen musste, um das Geld in die grosse Kasse zu leeren. Ich stellte mir vor, dass da alle eine gleiche, aber grössere Kasse haben. Ich durfte mit Dädy auf dem Fahrrad nach Büren fahren und hob dort stolz und auf Zehenspitzen mein gefülltes Kässeli auf die Theke der Spar- und Leihkasse. Die Frau nahm ein Schlüsselchen, öffnete es, leerte die Fünfliber vor sich hin, zählte sie und warf alle mit einer schnöden Handbewegung in ihre grosse Schublade. Mir blieb das Herz stehen! Wie soll sie später wissen, welches meine Fünfliber waren, die schönen, glänzenden, neuen?? Ich brach in entsetztes Geheul aus. Mein Geld, hin und weg, verloren! Dädy brauchte seine ganze Überzeugungskunst und Liebe, mich zu trösten. Dass dann in meinem Bankbüchlein ein anderer Betrag stand, verstand ich damals noch nicht. Zu Zahlen hatte ich noch kein Verhältnis, wohl aber zu wertvollen schönen Götti und Gotte-Fünflibern. Meine Fünfliber! Viele Jahre später begann ich, Fünfliber zu sammeln, auch ältere. Es war jeweils Musik in meinen Ohren, wenn ich sie in meiner Büchse zur Bank brachte und sie durch die Zählmaschine rasselten. Sie verhalfen mir zu einigen schönen Reisen.


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Time

Ein Auszug von Corina Pfister. Sie hat in der Edition Unik ihr – englischsprachiges – Buch geschrieben.

Once upon a time, there was a time we still had time! Time to be, time to reflect, time to think about. In our times today, we don’t have time for anything. Have we lost time? Can you lose it, really?

«Time never happens» Janis Joplin (Foto: pexels.org cc)

«Time never happens» Janis Joplin (Foto: pexels.org cc)

I took the time to think about time because I had lots of time. Exactly 12 hours. That is the time it takes to fly from the west coast of the US to Switzerland. Most other passengers didn’t have time, because they used the time: for sleeping, for watching something on that tiny screen in front of them, or they had no time because they worked on their computers, or listened to one of the music channels. There was the time you ate that food served to you on planes and the time to stand in line to go to the bathroom, along with fifty other people that wanted to go too. Maybe that’s the time to check your watch, for you may have one of those famous Swiss watches, very precise, that can even stop the time! 

There is the time of departure, time of arrival, time until destination, time since departure, local time at destination, local time at departure, actual time. So many times! Which is the right time?

I usually set the time to the time of my destination right after I take my seat on the plane. This way I am ahead of time and when I arrive I have already the right time. But now I had time to think about this time business. 

Time is creeping up in this airplane, cramped in a tight seat and no space to stretch. What time is it? Oh, it doesn’t really matter. It is still time to meditate on this word, which is called «time». I think about the time it is at the place I just left, and what my friends are doing at this time. They have not much more time left and it is time to go to bed, so time is flying for them. Maybe it is flying with me, right here in this plane. I wonder what seat it took... Maybe it is flying first class so people would say, «We had a nice time.» 

At the time of my destination, it is already midday. Two weeks ago people there switched to daylight savings time. In order to do this, they lost time, exactly one hour. Where did this hour go, lost in space? So now, they have even less time to do things. 

So many times! Which is the right time?
— Corina Pfister

Sometimes you have to take a timeout, not only in sports but in your life. But then you have to catch up with the time and make up with the time you lost. And in time you are back to the old routine or by the time you might have learned to manage your time? I am thinking again at the time when I was flying on a New Year’s Eve. Every hour there were times where people would celebrate the New Year. So all the time, someone was celebrating, actually all the time at the same time.

Yes, all the time at the same time, and I realize there is no time, it is an illusion, it is nothing but a nice tool to measure something, which does not exist. I had a good time thinking about time. The voice of the pilot comes on, saying that we will shortly be landing: on time!


Sprachen der Edition Unik
Die Bücher, die in der Edition Unik entstehen, müssen nicht zwingend in Deutsch verfasst werden. Es sind schon Werke in Englisch, Französisch und Italienisch entstanden. Dabei ist allerdings zu beachten, dass die Hauptsprache der Edition Unik Deutsch ist: sämtliche Veranstaltungen, Unterstützungsangebote sowie die Leistungen der App – der exklusiven Schreibsoftware – sind nur in Deutsch verfügbar. Ausserdem kann die App nur das lateinische Alphabet verarbeiten.

Weitere Antworten finden Sie in der Rubrik «Fragen».


Die grosse Familienfeier in Raitenhaslach

Eine Genealogie von Kurt Zuckschwerdt. Er hat in der Edition Unik sein Buch geschrieben.

Grabplatte im Kreuzgang des Zisterzienserklosters Raitenhaslach (Foto: zvg)

Grabplatte im Kreuzgang des Zisterzienserklosters Raitenhaslach (Foto: zvg)

An einem schönen Herbsttag 1322 beteten die Zukswerts am Familiengrab vor der grossen Grabplatte im Zisterzienserkloster Raitenhaslach und dankten Gott für den grossartigen Sieg. Ebenso würdigten sie ihre Ahnen, den Nobilis Miles Chalhoch Zukhswert, den Equitees Nobiles Wernhard Zukhswert, seine Ehefrau Elizabet und all die andern Ritter ihrer Familie, die hier begraben waren. Chalhoch ist vor über 100 Jahren gestorben, bei Wernhard und Elizabet waren es auch fast 90 Jahre her.

Elizabet hatte ihre Zeit im Fegefeuer durch einen Ablass verkürzen lassen. Sie war in den libri vitae (Bücher des Lebens) von Raitenhaslach eingetragen und es wurde auf ewige Zeiten an ihrem Todestag, am 19. März, von den Mönchen ein Gebet gesprochen. Die Klöster hatten die libri vitae mit andern Klöstern ausgetauscht, damit möglichst viele Mönche für das Seelenheil ihrer Verstorbenen beteten. Es war die Zeit, wo alles mit dem Glauben begründet wurde, wo die Kirche als einzige alles wusste und nur sie konnte über Gut und Böse, über Schuld und Sühne bestimmen. Für das Seelgerät, das Beten an ihrem Todestag, wurde Elizabet ein verkürzter Aufenthalt im Fegefeuer versprochen.

Als Gegenleistung hatte sie ein Bauerngut oder ein ganzes Dorf dem Kloster gespendet. Dies wäre heute interessant zu wissen.

Am 12. November 1203 war der grosse Minnesänger Walthero cantori de Vogelweide beim Bischof von Passau, Wolfger von Erla, eingeladen. Für seinen Auftritt erhielt er fünf Schillinge für den Kauf eines neuen Pelzrocks. Elizabet und Wernhard waren auch unter den Gästen und hatten Walter von der Vogelweide persönlich gesprochen. Seitdem war sie eine glühende Verehrerin von ihm. Leider ist er sechs Jahre vor ihr verstorben. Ihr gefiel der für diese Zeit recht aufmüpfige Inhalt seiner gefürchteten politischen Texte wie z.B. «ir pfaffen ezzet hüener und trinket wein, derweil die Deutschen fasten müssen». Besonders gefiel ihr aber Unter der linden, das Liebeslied, welches sie immer und immer wieder sang:

Unter der linden
an der heide,
dâ unser zweier bette was,
dâ muget ir vinden
schône beide
gebrochen bluomen unde gras,
vor dem walde in einem tal,
tandaradei,
schône sanc diu nahtegal.


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Das Buch von Kurt Zuckschwerdt kann bei ihm bestellt werden. Es kostet 31 Franken inkl. Porto und Verpackung.

Kurt Zuckschwerdt
Chellenstrasse 27
9403 Goldach
kuzu@gmx.ch


Metaphern, meine Weggefährten

Ein Fragment von Gudrun Löffler. Sie hat in der Edition Unik mehrere Bücher geschrieben.

Die Köchin im Löwenkeller sammelte nackte Zwillinge für mich. 

Pi, wie ich meinen Pflegevater nannte, nahm mich ab und zu in den Löwenkeller zum Stammtisch mit. Dort saß ich dann zwischen den freundlichen alten Männern und trank Sinalco. Wenn eines der Biergläser in den Kupfertöpfen leer war, kam Johanna, die Kellnerin und Köchin, und füllte sie wieder. Johanna war meine Freundin. Sie sammelte aus den Nudeltüten kleine Figuren aus Plastik für mich. Am Anfang hatte sie mir immer eine ganze Handvoll davon zugesteckt. Dann erklärte ich ihr jedoch, dass ich kein Interesse an Autos und Flugzeugen hatte, sondern nur die fleischfarbenen Püppchen haben wolle. Das waren klitzekleine Plastikstängel mit Kopf, in denen man ein Gesicht, Füße, Hände und einen Bauchnabel erkennen konnte, wenn man ganz genau hinschaute. Und das tat ich - und entdeckte dabei höchst interessiert, dass die Püppchen weder Männlein noch Weiblein waren. Sie waren Mehrlinge ohne Geschlecht.


Johanna kannte mich gut und gab mir immer zwei Püppchen zur gleichen Zeit. Ich liebte es, die nackten Zwillinge vor mir auf den Tisch zu legen und sie eingehend zu betrachten. Zu Hause legte ich sie dann zu den anderen Pärchen auf den Boden der Puppenstube. Ich spielte nicht mit Puppen. Auch die Zwillinge sammelte ich nur, um sie zwei und zwei nebeneinander zu legen. Irgendwann muss der Nudelfabrikant die Produktion der Püppchen wohl eingestellt haben. Vielleicht bin ich auch nicht mehr mit Pi zum Stammtisch gegangen. Doch die Pärchen lagen noch lange auf dem verstaubten Boden der Puppenstube. Ihr Anblick prägte sich mir ein, so dass ich das Bild aufsteigen lassen konnte, wann immer es mir hilfreich war.

Im Kindergarten kamen mir die Zwillinge zum ersten Mal zur Hilfe. Schwester Honorabilis, die Kindergartenschwester, hatte uns den Auftrag gegeben, mit Wachskreiden ein Haus zu malen. Ich setzte das meine in eine Baumkrone und zeichnete Äste darüber als es fertig war. Man hätte es gar nicht mehr gesehen, hätte ich für das Kästchen mit Dach nicht ein auffallendes Goldgelb gewählt. Schwester Honorabilis übersah es trotzdem. Als sie vorbeikam und auf mein Blatt schaute, sagte sie streng: Du hast ja einen Baum gemalt, wo ist denn das Haus? Halb beschämt, halb trotzig zeigte ich auf das Häuschen im Baum und sie meinte dazu: Ah, du hast ein Vogelhäuschen gemalt! Die Kinder um mich herum lachten lauthals. Mir war elend zumute. Ich spürte Tränen aufsteigen und kämpfte eisern gegen sie an. Und plötzlich stieg wie aus dem Nichts das Bild der Zwillinge in mir auf und – siehe da – ich beruhigte mich.

Beruhigende Zwillinge (Symbolbild, pexels.org)

Beruhigende Zwillinge (Symbolbild, pexels.org)

Vermutlich war meine Vorliebe für Symbole und Metaphern auch im Spiel, als ich im Kindergarten und in der Schule Lieblingslieder und sogar ein Gedicht fand, deren Texte mir so unter die Haut gingen, dass ich sie schon nach dem ersten Hören auswendig konnte. «Kommt ein Vogel geflogen», «Häschen hüpf» und «Summ, summ, summ, Bienchen summ herum» belegten die Spitzenplätze im Kindergarten. In der Schule kamen dann «Der Erlenkönig» und «Die Gedanken sind frei» dazu. Ich mochte die Stimmung in den Texten und liebte die Hauptfiguren.

Viel später – als ich schon eine Weile zu den Erwachsenen zählte - rundete der Refrain «Ring the Bells…» aus Anthem von Leonard Cohen meine Textsammlung ab. Noch heute summe ich die Melodie bei vielen Gelegenheiten in mich hinein. Und Leonard‘s Worte ertönten sogleich in meinen Ohren:

Ring the bells
That still can ring
Forget your perfect offering
There is a crack in everything
That’s how the light gets in

Den Song von Leonard Cohen bei Youtube hören: Anthem


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Der Schweigedämon

Ein Auszug von Peter Woodtli. Er hat in der Edition Unik sein Buch geschrieben.

 

Eines Tages
Eines Tages wenn ich alt bin 
werde ich an all die Geschichten denken 
die ich hätte erzählen können 
und vielleicht all diejenigen vermissen 
welche die Geschichten nie gehört haben.

Etwas ganz Besonderes: Das eigene Buch (Foto: zvg.)

Etwas ganz Besonderes: Das eigene Buch (Foto: zvg.)

Erich grübelt 
Erich stellt das Buch mit dem blaugrauen Umschlag zurück ins Regal. Er kommt ins Grübeln, während er sein eigenes Leben Revue passieren lässt. Im fortgeschrittenen Alter, wenn der Zauber des Leichtsinns und der Unvernunft verflogen, die Grundfunktionen wie Atem, Puls und Verdauung noch im grünen Bereich sind, das Denkvermögen, soweit er das beurteilen kann, intakt ist, wenn ihn der Antrieb noch jeden Morgen, ohne lange zu zögern, aufstehen lässt, kommt ihm sein Leben ziemlich luxuriös vor. So luxuriös, dass er es sich leisten kann, über das nachzudenken, was er gegen aussen als vornehme Zurückhaltung bezeichnet. Im stillen Kämmerlein jedoch gesteht er sich ein, dass sich über das, was ihn wirklich bewegt, eine Schicht des Schweigens gelegt hat, auf der vielleicht schon ein wenig Gras gewachsen ist. Die Geheimnisse von gestern sind die Tabus von heute und liebgewonnene Gewohnheiten von morgen, sinniert er. Und das tägliche Stück Ratlosigkeit muss man auch ihm zugestehen. Er weiss nicht, ob er sich für diesen Zustand bewusst entschieden hat oder ob es sich einfach so ergeben hat. So oder so, die Welt gehört nicht mehr ihm, aber er gehört noch zu ihr. Das Leben spielt nicht mehr nach seinen Regeln, eher umgekehrt. Wenn er die Möglichkeit hätte, eine neue Regel einzuführen, dann wäre es diese:

«Jeder Mensch muss sich selber täglich drei Fragen stellen, auf die er nicht zwingend eine Antwort finden muss. Aber jede Frage darf nur einmal gestellt werden.»

 

Eines Tages
Eines Tages wenn ich alt bin 
nicht fort von hier 
nur unterwegs zu etwas 
das niemand kennt 
das ist der Augenblick 
das Schweigen zu beenden 
und die Geschichten 
zu erzählen.


Das Schweigen selber brechen?
Unbedingt! Die Anmeldung für die beiden Herbstrunden 2019 ist auch noch kurzfristig möglich; auch jene für die Frühjahresrunde 2020 ist geöffnet.


3 Monate

Ein Auszug aus dem Buch von Patrizia Maurer, das im Frühjahr 2019 entstanden ist.

Ist schon komisch, da bist du gerade mal 28 Jahre jung und hörst diese Worte. Ich wollte es nicht wahrhaben und glauben. Ist doch nur ein Knochenbruch dachte ich.
— Patrizia Maurer

Das Warten auf den Befund erschien mir wie Stunden. Zwischenzeitlich hatte Roli meine Eltern kontaktiert. Papa erzählte mir später, dass er aus dem Schlaf gerissen wurde und Roli ihm schilderte, dass ich im Krankenhaus Baden mit gebrochenem Oberschenkel liege. Papa hat im Halbschlaf, nachdem er das Telefon zur Seite gelegt hatte, irgendwas zu Mama gemurmelt von wegen Oberschenkelbruch, Bohni. Mama war sogleich hellwach. Sie sagte: «Da stimmt etwas nicht. Wieso bricht ihr plötzlich der Oberschenkel? Wir müssen zu ihr.» So fuhren sie am 18.6. morgens nach Baden zu mir. Alle zusammen warteten wir auf den Befund und dann kam er: «Es tut uns leid, aber sie haben noch etwa 3 Monate bis zum Tod...» Ist schon komisch, da bist du gerade mal 28 Jahre jung und hörst diese Worte. Ich wollte es nicht wahrhaben und glauben. Ist doch nur ein Knochenbruch dachte ich. Das kann doch heilen. Ich vergesse den Moment mein ganzes Leben nicht mehr. Rechts neben meinem Bett steht die Ärztin und links von mir sehe ich meine Eltern. Meine Eltern sind ruhig und blass und ich hatte das Gefühl, dass ich jetzt stark bleiben musste. Die Ärztin erklärte weiter, dass die Ursache für den Bruch ein Tumor im Endstadium sei. Und dass sich auf meiner Lunge wohl schon Metastasen gebildet hätten. Ich weiss noch, dass ich sagte: «Nein glaubt mir das wird schon gut – man kann den Tumor ja entfernen.» 

Doch so einfach war das leider nicht. Nur war mir das zu diesem Zeitpunkt noch nicht bewusst. Vielleicht war es Schutz vor der Angst des Sterbens. Vielleicht waren es auch die Schmerzmedikamente, die mich nicht klar denken liessen, oder einfach mein Trotz in der Situation. Aber ans Sterben wollte und konnte ich in diesem Moment einfach nicht denken. Im Gegenteil, ich war wütend auf diese Ärztin. Ich weiss noch wie sie sagte: «Das ist entsetzlich sie sind ja gleich alt wie ich.» In diesem Moment kam sie mir völlig unprofessionell rüber. Heute weiss ich, dass diese Reaktion einfach nur menschlich war und wer kann sich schon auf solche Momente vorbereiten. 

Die Autorin in der Zeit im Spital (Foto: zvg.)

Die Autorin in der Zeit im Spital (Foto: zvg.)

Doch auch in dieser Situation hatte ich einen Schutzengel. Ausgerechnet in dieser Nacht hatte Dr. Eid Dienst. Er war wie ich später erfuhr ein ehemaliges Teammitglied von Professor Bruno Fuchs. Durch Bruno Fuchs hatte er diesen seltenen Tumor, den sie bei mir vermuteten, schon mal gesehen. Er wusste daher, dass eine abrupte OP zum sofortigen Tod führen könnte. Den der Tumor sei wie ein Beutel mit kleinen Spinnen. Würde man direkt operieren und ihn berühren, würden die «kleinen Spinnen» sich umgehend überall verteilen. Daher rief Dr. Eid noch in der selben Nacht Professor Fuchs (damals in der Klinik Balgrist in Zürich tätig) an. Bruno Fuchs (Head of Tumor Board) gab den Auftrag, ja nichts zu unternehmen und die umgehende Verlegung zu ihm nach Zürich aufzugleisen. So wurde ich am frühen Morgen ins Balgrist nach Zürich gefahren. Mama war bei mir im Krankenwagen. Papa fuhr hinterher. Ich weiss noch da jede Minute zählte, fuhren wir mit Blaulicht nach Zürich. Während der Fahrt wurde so viel Schmerzmittel in mich reingepumpt, dass der Sanitäter gegenüber meiner Mutter bemerkte, «schon komisch die Menge Schmerzmittel würde einen halben Elefanten umhauen und sie ist noch bei vollem Bewusstsein.»

Wisst ihr was mich am meisten erschreckte? Ich war in dem Moment erleichtert, dass endlich eine Diagnose vorlag, die meinen Schmerz im Bein erklären würde. Ist das nicht tragisch? Da wird dir so lange von diversen Ärzten eingeredet, dass der Schmerz nur eingebildet sei und dann bist du erleichtert wenn tatsächlich ein Befund vorliegt. Schrecklich finde ich das… Im Nachhinein hat mich der Gedanke noch sehr oft erschüttert.


Znüniperlen

Eine Anekdote von Peter Zollinger. Er hat in der Edition Unik sein Buch geschrieben.

Wenn die Arbeiter um halb zehn das Wirtshaus verlassen, wird der runde Tisch frei für die Senioren. Die Eingeklemmten sind gegessen, je nachdem bleiben einige Gipfeli übrig. Wir Senioren haben erst spät gefrühstückt, so dass diese Gipfeli nach uns noch im Körblein liegen bleiben. Unsere Wünsche sind den langjährigen Serviererinnen bekannt, zuerst ein Kaffee Crème, dann zum Abrunden einen sauren Most oder eine Glas Weisswein, im Sommer ein Bier. Meistens beginnen die Gespräche mit einem Abtasten, gibt es brennende aktuelle Themen, hat sich etwas ereignet, das noch diskutiert oder aufgearbeitet werden muss. Ein 92jähriger liest täglich früh am Morgen den Tagesanzeiger, nicht nur die Schlagzeilen, nein auch die Hintergrundberichte und Ratgeber. Die Frage einer Leserin, ob es richtig sei, dass ihre Reinigungsfrau während dem Putzen der Wohnung das WC benutze, hat ihn beschäftigt. Für uns kein Thema, die einen habe noch eine Frau, die anderen müssen selber putzen, keiner kann sich eine Reinigungsfrau leisten. Über unsere eigenen Erfahrungen beim Putzen tauschen wir uns nicht aus, das verbietet der Stolz.

Peter Zollinger am Edition Unik Café in der Alten Kaserne (Frühjahr 2019).

Peter Zollinger am Edition Unik Café in der Alten Kaserne (Frühjahr 2019).

Nicht bei jedem Znüni ergeben sich spannende Gespräche, nicht jeder Znüni wird lustig. Wenn es zu politisch wird, ist es sowieso Zeit zu gehen. Politik vergiftet den Znüni. Aber es gibt Tage, da schmilzt das Eis, der Redefluss plätschert wie ein fröhliches Frühlingsbächlein. Dann lösen sich die Zungen, die Augen glänzen und Zeit und Ort geraten in Vergessenheit. Das sind Momente, in denen die Geschichten den Weg aus tiefer Seele ungehindert auf die Zungen finden und wir alle dem Erzähler an den Lippen hängen. Die Welt ganz klein, nur wir Alten am runden Tisch. Der Alltag weit weg, unser momentan einziger Wunsch, dass diese besondere Stimmung noch möglichst lange anhält. Eine erfahrene Serviererin spürt das, und sie kommt nicht an den Tisch und fragt: «Hat noch einer einen Wunsch?» Wir haben in diesen Momenten keine Wünsche, keine Bedürfnisse. Es sind Momente, wo wir die Schmerzen im Rücken nicht spüren, wo wir vergessen, dass noch Pflichten auf uns warten, wir sind einfach da im Hier und Jetzt. Abgedriftet in unsere Jugend, ins Militär oder andere Geschichten, die noch erzählt werden müssen. Man kann Geschichten auch mehrmals erzählen, aber man muss sie neu ausschmücken, dramatischer und spannender erzählen. Sie werden immer besser, sie erhalten eine Art Patina. Die Begriffe «Jägerlatein» oder «Fischerlatein» greifen hier nicht. Es sind die Feinheiten, ein ansteckendes Lächeln, bevor die Erzählung beginnt, eine etwas längere Pause machen oder einen Schluck Kaffee nehmen, um die Spannung etwas länger aufrecht zu erhalten. Irgendwann beginnen auch die Schweiger zu erzählen, ihre Zungen lösen sich, sie strahlen, weil sie ihre Hemmungen überwunden haben. Sie rücken näher an den Tisch, ihre Hände, die eben noch schwer auf dem Tisch lagen, untermalen das Gesagte, es ist, als würden sie parallel zum Erzählen ein Bild malen. Die Zeit scheint still zu stehen. So überraschend sich diese Stimmung immer wieder einstellt, so löst sie sich wieder auf. Es ist, wie wenn sich an einem Herbstmorgen der Nebel auflöst, das Mystische ist vorbei, der Alltag wieder da. Ein schöner Alltag, der sich nach einem solchen Znüni wie die wärmende Herbstsonne anfühlt.

Hier eine Geschichte vom «Znünitisch»
Die Stammer sind bei einem Schneefall Anfang März nochmals mit Schneepflug und Pferden ausgerückt. Gegen Ende der Tour sind sie in einem Gasthaus in einer Aussenwacht eingekehrt und haben den wohlverdienten Kaffee getrunken und etwas Kleines gegessen. Es hat sich ergeben, dass es nicht bei dem einen Kaffee geblieben ist. Die Einkehr hat sich ausgedehnt und in die Länge gezogen. Vorsorglicher Weise hatten sie den Pferden Decken übergelegt. Es gab einfach viel zu erzählen. Wie so oft bei solchen Gelegenheiten, wurden die Geschichten mit zunehmender Dauer immer farbiger und verwegener, kein Grund sich zu beeilen, man würde sonst etwas verpassen. Irgendwann kam dann doch der Zeitpunkt zum Aufbruch. Als die strammen Bauern vor das Gasthaus traten, spürten sie den warmen Westwind und stellten mit grossem Schrecken fest, dass sich der Schnee in der Zwischenzeit in Wasser aufgelöst hatte. Es wurde allen klar, auf der apern Strasse konnten sie unmöglich mit dem Schneepflug nach Hause, der Lärm hätte die Leute aufgeweckt und sie wären anderntags dem Gespött der ganzen Talschaft ausgesetzt gewesen. So wurde einer ins Dorf geschickt um einen geeigneten Wagen zu holen, auf den der Schneepflug geladen werden konnte. Die andern zogen sich gezwungenermassen ins Restaurant zurück. Mit dem Schneepflug auf dem Brückenwagen kehrten sie weit nach Mitternacht ins Dorf zurück. Irgendwann wurde die Geschichte, zur grossen Freude der Talbewohner, dann doch publik. Jahrzehnte später wird sie immer noch erzählt, zum Glück.

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Anekdote: Grüeni Würscht
Erlebnisbericht: erlebt - erzählt - erfahren


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Von Schnecken und Lücken im Lebenslauf

Ein Auszug von Arlette Yildiz. Sie hat in der Edition Unik ihr Buch geschrieben.

Vor ein paar Tagen habe ich folgenden Spruch auf einem Kalender entdeckt: «Sie haben da eine Lücke in Ihrem Lebenslauf ... – Ja, war geil!» Herrlich! Ist das nicht wie eine Kurzgeschichte über das Leben in der Schweiz? Warum sagen wir überhaupt Lebenslauf? Das ist doch nicht mein Leben. Das ist meine Arbeitsgeschichte. Auf Bali fragen sie zum Beispiel nie nach dem Beruf, sondern: «Wie viele Kinder hast du?» Und wer mit keine antwortet, erntet Blicke voller Mitgefühl, denn für die Balinesen ist ein Leben ohne Kinder schlicht unvorstellbar. Hier in der Schweiz tun wir so als wäre die Arbeit alles.

Innehalten und das Schöne entdecken. (Bild: pexels.org)

Innehalten und das Schöne entdecken. (Bild: pexels.org)

Auch für mich war die Arbeit über lange Zeit Zentrum meines Lebens. Als es mir zunehmend nicht mehr gelang, mich selbst genügend zu täuschen und sich meine innere Stimme immer lauter zu wehren begann, brannte ich allmählich aus. Und heute schaue ich genauer hin, wie eine Firma ihr Geld erwirtschaftet, vor allem wie sie mit den Arbeitnehmern umgeht. Als Mitte September 2018 Novartis bekannt gab, dass sie über die nächsten paar Jahre 2‘150 Arbeitsplätze in der Schweiz abbauen werden, ist der Aktienkurs gestiegen. Geht’s denen noch, frage ich mich, wo sollen diese Menschen Arbeit finden? Warum geht kein Aufschrei durch die Schweiz?

Seit ich selber nicht mehr im Arbeitsprozess drin bin, sehe ich wie sich alles der Wirtschaft unterzuordnen hat und das finde ich bedenklich. Zumal Ökonomie eigentlich bedeutet: mit den vorhandenen Ressourcen schonend wirtschaften. Machen wir das? Ich habe da meine Zweifel. Unser ökologischer Fussabdruck scheint jeden- falls zu gross zu sein für diese Erde, wenn alle so leben würden mit ihren Ansprüchen wie wir das tun. Bedingt durch meine Arbeitslosigkeit und zunehmend auch eine Arbeitsunfähigkeit, weil ich das Tempo und den Druck nicht mehr aushalten konnte, bin ich aus dem gesellschaftlichen Rahmen herausgefallen, musste meinen eigenen finden. Da auch der finanzielle Rahmen kleiner wurde, lernte ich bescheidener zu leben und entdeckte wie viel freier ich mich mit weniger Ansprüchen fühle. Ganz nebenbei habe ich einen anderen Lebensrhythmus gefunden. Ich bin gerne langsam unterwegs, habe selten Eile und wenn, dann versuche ich mich wieder zu verlangsamen.

In der Langsamkeit habe ich wieder zu einem Vertrauen in mich und das Leben finden können. Die Gestaltung meines Lebens ohne Arbeit finde ich nicht immer so toll, wie es sich anhört. Denn wenn der Lebenslauf seit über dreissig Jahren vorwiegend aus Arbeit bestand, herrscht da am Anfang viel Leere. Da habe ich einmal eine Schnecke beobachtet, weil ich wissen wollte, wie die unterwegs ist in ihrem Leben. Vielleicht könnte ich ja was lernen. Und siehe da: Schnecken scheinen den Weg zu geniessen, machen allenfalls einen Umweg, warum auch immer, ganz schlüssig konnte ich diese Frage nicht klären. Jedenfalls fand ich Schnecken beruhigend. Die lassen sich auf keine Weise stressen. Falls sie trotzdem etwas in der Richtung in ihrer Nähe wahrnehmend, ziehen sie sich blitz- schnell in ihr Haus zurück. Heraus kommen sie erst wieder, wenn die Luft, nach vorsichtiger Prüfung, tatsächlich rein ist. Ist sie es nicht, bleiben sie im Haus. Das hat doch etwas Sinnvolles.

Und so suche ich mir nun meinen eigenen Weg. Langsam wie eine Schnecke setze ich einen Fuss vor den anderen. Dabei nehme ich mir Zeit innezuhalten und die Schönheit eines Momentes in der Natur oder die tiefe Begegnung im Gespräch mit einem Mitmenschen zu geniessen. Manchmal geniesse ich auch einfach die Freude an der Begegnung mit mir selbst. Dann sage ich zu mir: «Ist es nicht das, worum es im Leben eigentlich geht, das innehalten und das Glück so einer Lücke in der Zeit auszukosten?»


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Tante Emmas Wanduhr

Ein Auszug von Katharina Gerber. Sie hat in der Edition Unik ihr Buch geschrieben.

Tante Emma war wirklich eine Grosstante von mir und hat nichts mit dem Tante Emma-Laden zu tun. Sie war eine Schwester meines Grossvaters mütterlicherseits und im Gegensatz zum Grossvater hatte ich zu ihr eine warme Herzens- Verbindung. Sie war Diakonissin und schon betagt, als ich ein junges Mädchen war. Neulich begegnete mir ein Brief, den sie mir damals ins Welschland, nach Neuchâtel, geschrieben hatte. Dieser Brief zeugt von so viel Zärtlichkeit, Verständnis und Anteilnahme für mich und mein junges Alter. Ich war total erstaunt und gerührt, weil mir diese Gefühle und diese Art Zuwendung von ihr, gar nicht mehr bewusst waren. Ich fühlte mich damals, gerade auch vom nahen Umfeld, eher unverstanden... begründen will ich dies jetzt nicht, es ist ein Gefühl, das beim Gedanken an diese Zeit aufkommt und auch in meinen Tagebüchern vielfältig auftaucht. 

«Das Ticken stört heute nicht mehr.» (Foto: zvg.)

«Das Ticken stört heute nicht mehr.» (Foto: zvg.)

Tante Emma hoffte inniglich, dass ich, wenn nicht gerade Diakonissin, so doch einen Pflegeberuf ergreifen würde. Ich war aber heilfroh, dass der Gedanke in Riehen, dem Diakonissenhaus, das Haushaltlehrjahr oder gar die Schwesternausbildung zu absolvieren, nie ernsthaft in Erwägung gezogen wurde. Ich hatte ja noch eine andere Grosstante, die Rotkreuzschwester war. DAS war für mich nicht nur eine Option, sondern ein erstrebenswertes Ziel, obwohl ich gar nie richtig wissen wollte, was eigentlich die Aufgabe einer Krankenschwester sein würde! Ich wollte einfach Krankenschwester werden, wie Tante Martha, die andere Grosstante! 

Meine Mutter besuchte Tante Emma regelmässig mindestens alle Monate, vielleicht gar häufiger in ihrem Stübchen im Neuen Heim des Diakonissenhauses in Riehen. Das Neue Heim war der Ort, wo sich die Diakonissinnen nach ihrer aktiven Berufszeit zurückziehen durften, wenn sie das wünschten. Tante Emma lebte erst dort, als sie gehbehindert und krank geworden war. Ich habe diese Wohnsituation in eigenartig positiver Erinnerung. Meine alte Tante war eingebettet in eine sich kümmernde, liebevolle Gemeinschaft älterer Schwestern. Es kam vor, dass meine Mutter und ich zum Zvieri oder Znacht eingeladen wurden und am Gemeinschaftstisch mitessen durften. Eigentlich machte ich die Besuche lieber allein, weil dann die Zuwendung von Tante Emma nur mir galt. Das kommt mir jetzt wieder in den Sinn und ist sehr präsent. 

Als junge Krankenschwester machte ich eine nächtliche Sitzwache am Bett von Tante Emma, als sie im Sterben lag. Da war diese kleine Wanduhr, die in der stillen Kammer deutlich und bestimmt tickte. Ich hielt das Pendel an, weil es mich störte. Meine Mutter brachte mir dann aus dem Nachlass von Tante Emma diese Wanduhr mit. Ich war gerührt und beglückt, daran erinnere ich mich noch sehr gut. Sie tickt jetzt bei mir in meinem Wohnzimmer weiter. Seit ich pensioniert bin, stört mich ihr Ticken nicht mehr. Ohne das Pendel hoch zu ziehen, läuft sie keine 24 Stunden. Also gibt es kein tägliches Ritual, sie aufzuziehen, sondern im Vorübergehen erinnert sie mich daran, dass sie aufgezogen werden möchte. Sie ist eine schöne Erinnerung an diese liebe alte Grosstante Emma!


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Johann

Ein Fragment von Dagmar Agéthen. Sie hat in der Edition mehrere Bücher geschrieben.

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Ich heisse Johann. Ich bin ein Pferd. Natürlich nicht ein gewöhnliches Pferd, was denken Sie? Ich bin ein ungefähr zweihundertjähriges Terracottapferd und messe bis zu den Ohrenspitzen 94 Zentimeter - vom Stockmass wollen wir erst gar nicht reden. Also, ich bin äusserst praktisch. Ich kann nicht wiehern, nicht fressen, hinterlasse keinen Dreck, ich stehe einfach dekorativ herum. Aber aufgepasst: meine beiden Ohren dürfen Sie nicht abnehmen - nur zum abstauben - denn ich kann hören, was Sie sagen. Ja, tatsächlich. Sie können mit mir sprechen. Auch wenn ich stumm bin und mich nicht bewege, so kann ich doch das Wichtigste auf der Welt mein eigen nennen: ich habe nämlich eine Seele. Und Wünsche übermittele ich durch meinen Gesichtsausdruck. Das gilt indessen nur für Insider. Für Menschen, die ein ganz bestimmtes Feingefühl haben, die nach innen lauschen können und für die ein Schweigen sehr beredt ist. Ich muss allerdings eine kleine Schwäche zugeben. Ich bin ziemlich eitel. Gerne lasse ich meinen Hals schmücken, sei es mit Colliers oder diversen Schals oder Tüchern. Ich liebe die schmalen, farbigen Missoni Schals, aber es kann auch ein kleines Chiffontüchlein mit einem Leo-Print sein oder eine Halskette mit Sternchen. Allerdings trage ich nicht alles, was Sie mir vorschlagen. Auch da bin ich etwas heikel. Wenn mir etwas nicht passt, erkennen Sie das sofort an meinem Gesicht. Kein Witz. 

Vor vielen, vielen Jahren kam ich im Tempel von Bhagavathy zur Welt und bin seitdem durch viele Hände gegangen. Doch es mussten Jahrzehnte vergehen, bis ich auf einem Markt in Cochin an der Malabarküste des Staates Kerala meine einzige und wahre Herrin fand. Sie hiess Tessa und lebte mit ihrem Mann Reginald und ihren Töchtern in einem Bungalow in Cochin, samt ihrer elf Dienstboten. Nicht dass Sie jetzt erschrecken ob der Anzahl des Personals. In Indien benötigt man für praktisch jede Handreichung oder Arbeit einen anderen guten Geist. Die Winter verbrachten wir in Cochin, die Sommer in einer Villa in den Bergen von Darjeeling. Manchmal fuhren wir auch mit der P&O, der berühmten Schifffahrtslinie nach England in Reggie’s Heimat; auch verbrachten wir einige Monate in Südamerika - und ich war immer dabei. Sorgfältig in Holzwolle und einer grossen Kiste verpackt. Nach dreissig Jahren in Indien zogen wir in die Schweiz, ausgerechnet nach Biel in die Schützengasse. Und dort, im gleichen Haus, trafen wir auf Dagmar, die von Tessa und Reggie nur noch Gabi genannt wurde; weil die Abkürzung ihres Namens (Dagi oder Daggi) fast wie «doggie» im englischen tönte. Zwischen den Familien entwickelte sich ein reger Austausch. Es wurde gemeinsam gekocht, indisch selbstverständlich, pink Gin getrunken, Mau-Mau gespielt, Anekdoten ausgetauscht. 

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Bis Tessa im Lauf der Zeit um ein Gespräch mit Gabi unter vier Augen bat. Ich ahnte schon, was kommen würde. Bis anhin hatte ich Gabis Stimme nur gehört, sie nicht gesehen, denn Tessa hatte mich noch nicht vorgestellt. Und nun war der grosse Moment, quasi die Feuertaufe von Gabi gekommen. Tessa öffnete die Schlafzimmertüre zu ihrem «Boudoir» und sagte: «Gabi, I have to show you something.» Ich stand in der rechten Ecke des Zimmers auf weichem, türkisfarbenem Teppichboden, trug um meinen Hals eine rote Schleife und wartete gespannt auf eine Reaktion. Die kam prompt. «Oh what a lovely horse.» Tessa machte eine einladende Geste und sprach: «May I present Johann to you?» Und zu Johann gewandt: «This is Gabi, she will take care of you, when we are on holiday.» Wir waren uns auf den ersten Blick sympathisch. Und Gabi meinte noch, dass es eine grosse Ehre für sie sei, mich zu besuchen. Meine Herrin war darüber sehr glücklich, denn sie vertraute mir all ihre Sorgen und Nöte an. Eines Tages fragte mich meine Herrin ob ich damit einverstanden sei, dass Gabi mich «erben» solle, wenn sie einmal sterben würde. Ich schloss meine Augen und gab ihr mein «Ja» zu verstehen. Und irgendwann, einige Jahre später war es dann soweit. Marc, der Sohn von Diane, also Tessas Enkel, überbrachte mich eines Tages mit einem riesigen Bouquet Sterling Rosen in Gabis Haus und so wusste sie, dass es Tessa nicht mehr gab. Eines Tages wird Gabis Sohn Sascha die Tradition weiterführen. Und danach seine Kinder. Denn ich werde weiterleben durch die Jahrhunderte und Zeit und Raum überleben.

Mit einer Schleife um meinen Hals. 


Buhl

Ein Fragment von Monique Demierre-Herscher, sie hat in der Edition Unik ihr Buch geschrieben.

Buhl war in den 1950-er Jahren ein 2000-Seelen-Dorf unterhalb der Vogesen mit dem Markstein und dem Grand Ballon (Grosser Belchen) im Hintergrund, das im Florival – das Blumental - liegt; es wird erstmals 1135 schriftlich unter dem Namen Buhele erwähnt. Das Dorf ist eingebettet zwischen Tannen- und Laubwäldern auf zwei Seiten und dem Rebberg; damals nahm ich die Schönheit dieser grossartigen Forste nicht als Solches war, zu sehr lastete der beschwerliche Alltag auf mir, und erst jetzt, aus der Entfernung, sehe ich vor dem inneren Auge die Einzigartigkeit dieser lieblichen Landschaft, der stillen Tälern und blumigen Wiesen. Aber auch der Col du Silberloch und der Hartmannswillerkopf mit den unendlich vielen Toten aus dem Ersten Weltkrieg liegen ganz in der Nähe und warfen ihre düsteren Schatten auf unseren Alltag. Der Fluss Lauch fliesst mitten durch das Dorf und führt das Wasser aus den Bergen in den Rhein; er soll seinen Namen von den Begebenheiten erhalten haben, als immer wieder mit Lauch überfüllte kleine Kähne gekippt seien und so das Gemüse in den Fluss gefallen sei. Zwei andere schmale Bäche fliessen in die Lauch, der Murbach und der Krebsbach; am Murbach entlang – er kommt aus eben dieser kleinen Ortschaft hinter Buhl, wo vor über 1300 Jahren Schottische Benediktinermönche ein Kloster gebaut haben, das immer noch steht - gab es wunderbare Feuchtwiesen; dort pflückten ich und meine Schwestern im Frühling prächtige Blumensträusse mit Primeln, Veilchen und Wiesenschaumkraut – von meiner Mutter mit einem was söll ych jetzt mit däm Bäse? empfangen. Der Taleingang wurde bis vor ein paar hundert Jahren durch eine Burg geschützt, den Hugstein; davon bleibt heute nur noch eine Ruine übrig, zu welcher ich mit meinem Vater des Öfteren spaziert bin.

Buhl um ca. 1960 (Foto: zvg.)

Buhl um ca. 1960 (Foto: zvg.)

In den frühen 50-er Jahren gab es nebst dem Busbetrieb das Tal hinauf und hinunter auch eine Eisenbahn und einen bedienten Bahnhof; wir wohnten ganz in seiner Nähe, nämlich in der rue de la gare. Der Zug, der bereits lange vor seiner Ankunft hörbar war, bestand aus der Dampflokomotive und ein paar Wagen mit Holzbänken für die Drittklasspassagiere und wohl auch einen Erstklass- und einen Zweitklasswagen, und fuhr von Bollwiller bis zuhinterst ins Tal nach Lautenbach. Zu dieser Zeit hatte das Dorf drei Bäckereien, eine Metzgerei, eine Apotheke, ein Haushaltswarengeschäft - la quincaillerie -, einen Fischladen, eine Gärtnerei und mehrere épiceries - Lebensmittelläden. Die Schulen waren getrennt in Mädchen- und Knabenschule. Die Kirche St. Jean mit einem schönen Altarbild aus der Zeit von Martin Schongauer (1442 - 14991) thronte und thront noch immer auf einem kleinen Hügel, auf welchem ich mit meinem Vater, als ich noch klein war, im Winter ab und zu schlitteln ging. Daneben liegt der Friedhof, wo meine Ahnen sowie mein Vater begraben sind. Und in Buhl wurden auch mindestens drei oder vier Wirtshäuser betrieben - vielleicht waren es auch mehr -, die mein Vater regelmässig besuchte. Ich erinnere mich ans café de la vigne ganz in der Nähe unseres Hauses; Nicole, die Tochter des Besitzers, ging mit mir in die Primarschule und zusammen beschritten wir oftmals den Schulweg; ich wohnte am weitesten entfernt von der Schule, in einem feuchten, baufälligen Haus am Ende des Natursträsschen, auf welchem die grossen Lastwagen mit Anhänger die gefällten Bäume zur Sägerei fuhren. In diese Wirtshäuser nahm mich mein Vater mit, als ich noch klein war; meistens erhielt ich einen sirop grenadine oder sirop à la menthe, ein dunkelgrünes, sehr süsses und eiskaltes Getränk. Es roch in diesen Wirtshäusern unglaublich stark nach Rauch und nach selten gereinigtem Pissoir. Später, als ich nicht mehr in der Gunst meines Vaters stand, ging er ohne mich dorthin und konnte somit umso später nach Hause zurückkehren; vielleicht sollte ich es als ein Glück bezeichnen, dass meine Mutter mir nie auftrug, ihn von dort nach Hause zu holen; wir waren ja froh, wenn er nicht anwesend war.


Grüeni Würscht

Eine Anekdote von Peter Zollinger. Er hat in der Edition Unik sein Buch geschrieben.

In der Nacht hatte der Wind auf Westen gedreht, Regen hatte eingesetzt und die vergangenen schönen Wintertage jäh beendet. Wir Kinder hatten so gehofft, dass der herrliche Pulverschnee über das Wochenende bleiben würde! Am diesem Samstagmorgen hingen graue Regenwolken über dem kleinen Dorf am Bachtelhang. Wir sassen betrübt am Morgentisch, die Mutter hatte den Kochherd eingefeuert, so dass es wenigstens in der Küche schön warm war. Der Vater war schon ausser Haus, wie fast jeden Samstag arbeitete er bei unserem Nachbarn und Hausvermieter, dem Stickelchägi. Wir hatten einen sehr kleinen Mietzins, dafür war der Vater oft am Arbeiten in der Pfähleherstellung. Als Vorarbeiter war er die ganze Woche gefordert, am Samstag wollte er einfach nur in Ruhe Pfähle schinden oder spitzen. Die Mutter war darob nicht immer glücklich, aber es war einfach so.

Es war kurz nach Weihnachten, und wir vier Kinder konnten mit unseren Weihnachtsgeschenken gut verweilen. Mein Götti hatte mir einen weiteren Meccanobaukasten geschenkt, so dass ich einen Kran bauen konnte, dessen Spitze bis auf den Stubentisch reichte. Beschwert wurde er am Fuss mit den Gewichten von Mutters Strickapparat. Dazwischen sass ich am Stubentisch und schaute dem munteren Treiben am Futterhaus zu, das direkt vor dem Vorfenster montiert war. Zum Glück flogen immer wieder Kleiber ans Futterhaus und vertrieben die gefrässigen Dompfaffen und Grünfiken, die sich dort gemütlich niedergelassen hatten.

Autor Peter Zollinger an der Lesung der Abschlussveranstaltung (Foto: zvg.)

Autor Peter Zollinger an der Lesung der Abschlussveranstaltung (Foto: zvg.)

Plötzlich hörte ich Metzger König’s Auto hupen. Jetzt aber schneidig eine Jacke anziehen, rein in die Gummistiefel, eine Kappe über die Ohren und raus in Pflotsch und Regen! Der gestern noch glitzernde, weisse Schnee war eine matschige Brühe, das Wasser floss in kleinen Bächlein durch die Spurrinnen. Metzger König hatte die Heckklappe seines Autos geöffnet, so dass Mutter am Schärmen stehen konnte. «Trudi, hüt häts Grüeni Würscht, das gäb doch en feine z’Mittag.» Mir lief bereits das Wasser im Mund zusammen, ich wusste aber auch, dass es an Samstagen, wenn der Vater nicht zu Hause ass, selten Fleisch gab. «Ja, hüt nim i föif grüeni Würscht», sagte meine Mutter ganz bestimmt. Eine Stunde später sassen wir zu fünft um den kleinen Tisch in der heimelig warmen Küche und löffelten die obligate Suppe. Dann legte uns die Mutter eine glänzende, grüne Wurst in den Teller, jedem einen Spritzer Senf und einen Schöpfer Teigwaren, die sie in feiner Butter geschwenkt hatte. War das ein Vergnügen, auf der ganzen Länge der Wurst einen Schnitt zu machen und dann die Haut abzuziehen! Eine ganze Wurst für sich alleine geniessen zu können, das war eine Ausnahme. Dementsprechend war es so ruhig in der Küche, dass wir hörten, wie draussen der Regen in die Pfützen prasselte.

Mehr von Peter Zollinger lesen?
Den Erlebnisbericht von Peter Zollinger zum Schreiben und Lesen finden Sie hier: erlebt - erzählt - erfahren


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Unbedingt! Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Edition Unik sind selten geübte Schreiber/innen, zu erzählen haben sie aber alle jede Menge Wichtiges und Gewichtiges. Sie auch! Noch ist die Anmeldung für die Basler und die Zürcher Herbstrunde möglich; selbstverständlich können Sie sich auch schon für Frühjahr 2020 anmelden.

Informationen und Anmeldeformular in der Rubrik «Teilnehmen».


Mariettli, Kurtli und Dorli

Ein Fragment von Verena Raaflaub. Sie hat in der Edition Unik mehrere Bücher geschrieben.

Mariettli
Mit meinem kleinen Brüderchen hatte ich es eigentlich gut, aber mein Wunsch war, eine richtige Schwester zu haben, mit der man wie Mädchen spielen konnte. Als ich also fünf war, wurde mir mitgeteilt, dass man bei der Hebamme, der Frau Wüst, ein Kind bestellt habe. Schon der Name verriet nichts Gutes. Und dass man nicht wünschen konnte, was man möchte, konnte ich nicht begreifen. Sie werde einfach das bringen, was da sei. Ich wusste doch, dass ich beim Bäcker ein dunkles Brot bekam, wenn ich es so bestellte. Das gab’s doch einfach nicht! Also bearbeitete ich intensiv meinen armen Vater, sofort mit dem Fahrrad zu dieser Frau Wüst zu fahren (Telefon gab es noch nicht) und unbedingt ein Mädchen zu bestellen, bevor ein nicht wieder gut zu machendes Unglück passierte. Er weigerte sich. Ich fasste es nicht!

«Mariettli ist da, kein Schoss mehr für mich.» (Foto: zvg.)

«Mariettli ist da, kein Schoss mehr für mich.» (Foto: zvg.)

Eines Morgens, als ich aufstand, lag Mueti im Bett, und ein sauber eingepacktes Kind schlief im bereit gemachten Stubenwagen. Meine erste Frage: “Aber ist es ein Mädchen??” Es hatte Glück, es war ein Mädchen und es bekam den Namen Marietta, der eigentlich für mich vorgesehen gewesen wäre und auf den ich ziemlich lange neidisch war. Wenn es ein Bub gewesen wäre, hätte ich Dädy sehr bedrängt, das Ding auszutauschen. Leider entwickelte sich dieses gewünschte Schwesterchen nicht schnell genug zu der Spielkameradin, die ich mir erhoffte. Erst lag es lange hilflos herum, dann fing es an, meine Sachen zu packen und zu zerknüllen. Ja, es trachtete sogar danach, meinem geliebten Schlafbäbi Ruthli die Augen einzudrücken, es herumzuschmeissen und weitere böse und störende Sachen zu tun. Als es damit besser wurde, ging ich schon zur Schule und hatte andere Interessen und Freundinnen. Es entwickelte sich dann aber trotz allem allmählich zu einer wirklich lieben und tollen Schwester.

Kurtli
Kaum war ich angekommen auf der Hole, kaum hatte ich mich mit der neuen Schule und dem Schulweg ausgesöhnt und fand die Gspändli nicht mehr so übel, wurde ich mit dem nächsten grossen Brocken konfrontiert: Mueti wurde immer dicker, und ich fragte, ob es so viel gegessen habe. Die Eltern erklärten mir, dass in seinem Bauch ein Kindlein wachse. “Waaas? Wie geht das?” Was ich natürlich sofort fragte, war: "Wie kommt es denn da hinein?" Ratlose Gesichter! Die Antwort, dass ich noch zu klein sei und man es mir später erklären werde, weckte natürlich meine Neugierde. Ich ahnte ein Geheimnis. Und dann war da noch die Frage: "Wo kommt es denn heraus?" Das Thema beschäftigte mich länger, und ich begeisterte Marianne dafür. Sie war die Tochter unserer Nachbarn, etwa 400 Meter von uns entfernt und ein paar Monate älter als ich. Und so spielten wir zusammen Puppengeburten und kamen nach langem Diskutieren und Überlegen zum Schluss, dass die Kinder aus dem Nabel kommen müssen. Von einer eigens dafür vorgesehenen Öffnung wussten wir nichts. Später haben wir uns das notwendige Wissen selber angeeignet, und ich habe nie mehr nachgefragt. Jeweils am Sonntag, wenn die Eltern Spazieren oder auf den Friedhof gingen, holte ich das dicke Doktorbuch aus der hinteren Bücherreihe zuoberst im Buffet. Dort konnte man einen Frauenbauch richtig Schicht um Schicht aufklappen und staunen. Was es da alles gab, von dem man nichts sah von aussen! Das Buch war immer rechtzeitig und unauffällig wieder am Ort. Eines von uns stand Wache am Fenster, und so fiel nichts mehr auf, wenn die Eltern nach Hause kamen.

Eines Morgens wurden wir drei Kinder also unserer geliebten Tante anvertraut, sie sollte mit uns im Neuhaus irgendeine Besorgung machen. Als wir am Mittag heim kamen, lag da ein Neugeborenes. Während unserer Abwesenheit war, wie auch immer, ein Bub zur Welt gekommen. Das war eine freudige Angelegenheit, hatte ich doch jetzt eine lebendige, warme Puppe, die bald einmal meine durchs Passevite gepressten Breie schmatzte, die ich wickeln und waschen konnte wie ein echtes Bisibäbi und die mich mit molligen, weichen Ärmchen empfing und umfing. Ich liebte diesen Sonnensein.

Dorli
Ich staunte und wollte es zuerst nicht glauben, als ich im Alter von 13 Jahren vernahm, dass der Storch noch einmal vorbeikommen werde. Es war für mich unvorstellbar. Meine Eltern, in diesem hohen Alter (Dädy war 37, Mueti 36 Jahre alt) machen noch solche Sachen, und jeder kann es am Resultat sehen. Ich schämte mich! Trotzdem ging ich dann mit Mueti Windeln (Barchent und Gaze) einkaufen in die Stadt. Es war ja nichts mehr vorhanden, weil eigentlich die Familienplanung abgeschlossen war. Und ich fing an, wie wild zu stricken. Heimlich freute ich mich natürlich!

In der Nacht der Geburt hatte ich solche Angst, dass Mueti sterben würde. Das war die Nacht, als mich Grosis Hebammenköfferchen und mein heimlich gestohlenes Bücher-Halbwissen, vereint mit meiner inneren, langsam erwachenden Frau verbündeten und brutal von hinten in wilden Fantasien überfielen. Im einsam-abgelegenen Haus am Waldrand wachte ich allein bei den drei Kleinen. Die Eltern fuhren ins Spital nach Bern. Ich stellte mir die Geburt schlimm vor, und ich war so allein. Vor meinem inneren Auge tanzten die Folterinstrumente aus Grosis Hebammenköfferchen, im Kopf wirbelten die Geschichten von dramatischen Geburten bei meinen Tanten. Wir überlebten alle.

Ein herziges Schwesterchen kam vom Spital mit nach Hause. Ich kam sogar zu spät zur Schule an diesem Tag, dem ersten Schultag nach den Ferien. Ich vergass die Zeit, so süss war die Kleine. Wir einigten uns auf Dora Katharina. Es weckte in mir mütterliche Gefühle, war auch ein wenig mein Kind. Ich strickte Jäckchen und Finklein, hatte viel Freude mit ihm und hätte es nie missen wollen. Weil es Kuhmilch nicht vertrug, mussten seine Schöppeli mit gesüsster Kondensmilch gemacht werden. Immer wieder war die Büchse leer, weil wir andern im Geheimen der dickflüssigen Versuchung erlagen. Es war derart fein. Und wir fanden, uns sei auch etwas zu gönnen. Viele Jahre vergingen, bis Dorli zu einer richtigen Schwester heranwuchs, oder bis ich es als richtige Schwester empfand. Später hörte ich, dass sie darunter gelitten hatte, immer nur die Kleine zu sein. Und ich musste immer die Grosse sein. Was ist besser? Ich weiss es nicht.

Mehr von Verena Raaflaub lesen?
Fragment Ein Brüderchen


Ein Brüderchen

Ein Fragment von Verena Raaflaub. Sie hat in der Edition Unik ihre Bücher geschrieben.

Nachdem der Krieg im Mai 1945 vorbei war und nur noch die Lebensmittelmarken daran erinnerten, genoss man die Entspannung und den Frieden. Und alle freuten sich auf das zweite Kind, das die Hebamme bringen werde. Die Sache mit dem Storch war nämlich folgende: (was genau man mir erzählt hatte und was ich dazu fabulierte, kann ich nicht mehr sagen). Die kleinen Engel im Himmel, denen es sonst ja wohl oft langweilig war, kneteten und formten die neuen Menschlein und gaben ihnen ein hübsches und feines Gesicht. Darum sehen die Neugeborenen alle wie kleine Engelchen aus. Dann kam der Liebe Gott selber in seiner allmächtigen Güte ins Spiel und hauchte den kleinen Wesen Atem und Leben ein. So waren sie bereit für die Reise. Jetzt übernahm der Storch auf der Welt. Die hatten ein Zimmer als Lagerraum. Darin stand ein Bettchen neben dem anderen, in dem die Kinderchen geduldig auf die Auslieferung warteten. Wenn nun eine Familie bei der Hebamme ein neues Kind bestellte, konnte sie einfach aus ihrem Vorrat liefern. Wie sie die Auswahl traf, das hätte ich nur zu gerne herausgefunden. Vielleicht nahm sie auch einfach, was noch da war, Restposten sozusagen. Sie stieg dann mit ihrer Fracht auf ihr Fahrrad oder wurde vom zukünftigen Vater mit Ross und Wagen abgeholt. Alles hatte seine Ordnung und eine klare Logistik.

Ich durchlief jedenfalls diese Stationen, bevor ich bei meinen Eltern landete. Ganz selten nur beschlich mich der leise Verdacht, ob ich wohl falsch ausgeliefert worden sei und ich träumte davon, dass mich meine wahren Eltern mit einer Kutsche abholen würden. Aber das auch nur, wenn ich mich gar nicht verstanden fühlte.

Die Autorin bei einer Ausfahrt mit ihrem Bruder Resli im Sommer 1946 (Foto: zvg.)

Die Autorin bei einer Ausfahrt mit ihrem Bruder Resli im Sommer 1946 (Foto: zvg.)

Ich durfte einmal mit Grosi, das damals schon nicht mehr als aktive Hebamme tätig war, ihre Nachfolgerin besuchen. Wie hüpften Herz und Füsse ganz aufgeregt in Vorfreude, bald einen Blick in die geheimnisvollen Räume werfen zu können. Zu meiner grossen Enttäuschung erklärte die Frau, dass gerade alle Kinderchen ausverkauft seien und Nachlieferung vom Storch erst in der nächsten Nacht erwartet werde. Das konnte ja vorkommen. Aber dass ich nicht einmal die leeren Bettchen sehen durfte, enttäuschte mich tief. Selbst meine beharrlichen Tränen und mein Stampfen rührten sie nicht. Zudem beobachtete ich, dass sich die zwei Frauen vielsagend zublinzelten. Was wussten sie, was ich nicht wusste? Ich fühlte mich ausgeschlossen und betrogen. Meine kindliche Neugierde machte mir (und vermutlich auch den Hebammen) das Leben nicht leicht.

Ich war also zwei Jahre und acht Monate alt, als diese Hebamme uns einen Buben brachte. Natürlich wurde er ohne mein Wissen bestellt, nötig wäre es nämlich nicht gewesen, und es freute mich überhaupt nicht. Ich vermisste nichts. Mit mir hätten sie ja wohl genug gehabt. Und nun war da plötzlich ein Stammhalter auf dem Hof. Wer weiss, was das heisst, kann sich meinen Frust und meinen Widerstand sicher vorstellen. Sie nannten ihn Resli. Er hatte ein empfindliches Bäuchlein, schrie viel und es duftete oder stank im Haus sehr oft nach Kamillentee. Mir wurde jahrzehntelang später noch übel davon, bis ich den Zusammenhang erkannte und lösen konnte. Mueti investierte auch enorm viel Zeit und Aufwand in diesen Knaben, und der stolze Blick von Dädy galt jetzt vielmehr ihm. Auch mein geliebtes Grosi hatte den Narren gefressen an ihm, war es doch als erste zur Stelle, ihm auf die Welt zu helfen. Auch wurde das Büblein für meine Begriffe zu oft gebadet. Immer wieder schwenkte Mueti ihn liebevoll im warmen Wasser. Also weigerte ich mich von da an strikte, mich baden zu lassen. Ich stand steif wie ein Stock, mit durchgedrücktem Kreuz und schreiend im Becken und liess mich nicht ins Wasser setzen. «Bad du dä!», d.h. du hast ja jetzt etwas Besseres zum Baden, lass mich in Ruhe! Meine Botschaft wurde verstanden, man zwang mich nicht, und so konnte ich mich allmählich entspannen, die Entwicklung abwarten, aufmerksam beobachten und langsam mit dem Brüderchen abfinden. Es gab ja kein Rückgabe- oder Umtauschrecht. Behutsam begann ich, dieser Brudergeschichte auch schöne Seiten abzugewinnen, in meine Grosse-Schwester-Rolle hineinzuwachsen und den Resli als liebes Brüderchen stolz im Wagen herumzufahren. Er genoss es.


Lesen und lauschen
Geschichten nicht nur lesen, sondern auch hören? Kein Problem: Gemeinsam mit derzeit vier Partnerorganisationen führen wir im Frühling und im Herbst die «Edition Unik Cafés» durch. Dabei lesen Ehemalige aus ihren Büchern vor und laden die interessierte Öffentlichkeit zum Zuhören und Austauschen ein. Ausserdem organisieren aktive und ehemalige Teilnehmer/innen regelmässig Lesungen und andere Veranstaltungen.

Die Daten finden Sie in unserem Veranstaltungskalender. Er wird regelmässig aktualisiert.


Gstaad

Ein Fragment von Dagmar Agéthen. Sie hat in der Edition Unik ihre Bücher geschrieben.

Augen zu!!! Stellen Sie sich vor Sie sind ein fünfjähriges Mädchen und dürfen zum ersten Mal mit den «Grossen» an einem abendlichen Dinner in einem eleganten Restaurant teilnehmen. Nicht irgendein Restaurant, sondern eines des Palace in Gstaad, diesem legendären Hotel mit alpiner Eleganz.

Das Palace in Gstaad. (zvg.)

Das Palace in Gstaad. (zvg.)

OK? Sind Sie noch dabei? Fühlen Sie mit! Diese Impressionen! Die Lichter aus den Kandelabern! Die wunderbar gedeckten Tische mit den bodenlangen Tischtüchern! Das funkelnde Kristall, das schwere Silber, das dezente Personal, die Atmosphäre, das Geflacker der Kerzen! Atemberaubend. Und ich inmitten all der Pracht: stumm! Als sich meine staunenden Augen an die Umgebung gewöhnt hatten, entdeckte ich vor uns einen runden Tisch mit fünf Damen.

Gekleidet in seidenen, opulenten Abendroben, schulterfrei. Nackte Arme, die gestikulierten, Juwelen, die funkelten; animierte Konversation, leises Gelächter. Ganz besonders hatte es mir eine der Damen angetan. Sie trug ihr rabenschwarzes üppiges Haar in einem kunstvoll gebundenen Chignon mit diamantenen Agraffen. Und ich hatte diese blöden rötlich schimmernden Locken. Ich wollte auch schwarze Haare und einmal so schön und so elegant wie sie sein. Mein ersehntes Vorbild.

Die Autorin an der Lesung (zvg.).

Die Autorin an der Lesung (zvg.).

Plötzlich drehte sich die bewusste, wunderschöne Dame zu einer Freundin und fragte ziemlich laut: «Hesch du au no en Salat wöue?» Ich sass da mit offenem Mund. Wie konnte eine solch ätherische Schönheit im breitesten Dialekt so ungepflegt sprechen?

Da waren all meine Illusionen dahin. Und ich schwor mir, dass ich niemals, falls ich einmal eine Dame sein würde, aber auch niemals, so reden würde. Das ist die story, die ich gerne erzähle, wenn man mich fragt, warum ich denn auch nach fünfzig Jahren Schweiz immer noch keinen Dialekt spreche. Schwarzhaarig wurde ich trotzdem nicht!


Die mit den Büchern sprechen

Ein Erfahrungsbericht von Regula Amacher. Sie hat in der Edition Unik ihr Buch geschrieben.

Die Autorin an der Buchvernissage nach Abschluss (Bild: zvg.)

Die Autorin an der Buchvernissage nach Abschluss (Bild: zvg.)

Ach ja, das Buch ist jetzt da. Mein Buch. Ich halte es in den Händen. Fast alle halten ein Buch in den Händen, das sie selber geschrieben haben und das gerade frisch aus der Druckerei gekommen ist oder – ein anderes Buch, das vom Handel sanktioniert und hier verkauft wird, denn wir sind in einer Buchhandlung. Die Menschen stehen dicht gedrängt und sprechen wild durcheinander. Einige versuchen sich einen Weg zu bahnen durch die Menge, schauen nach einem bekannten Gesicht, einem besseren Platz und kämpfen sich rund um die bücherlastigen Tische, um mit neuen Menschen anzustossen: Auf das Buch!

Ich trage den Mantel auf dem Arm und den Schirm in einer Hand, die grosse Tasche umgehängt und mein Buch in der anderen Hand. Irgendwie kommt ein volles Wasserglas zu mir, das ich vorerst einmal vorsorglich zwischen die Bücherstapel stelle und dann gezwungen werde, mich gefährlich gegen den Tisch zu lehnen und mit den unsicheren Füssen das Gleichgewicht zu suchen, weil irgendwelche Leute sich entschieden haben, vorbeizudrängeln. Ich werfe das Glas um, der Schirm fällt zu Boden, ich stehe in einer Wasserlache und wage es nicht mich zu bücken, weil ich fürchte nicht mehr aufstehen zu können. Ein Gast mustert mich entrüstet von unten bis oben und nach einer peinlichen Minute, kniet er vor mir nieder und bringt das leere Glas  wieder nach oben. Er ist doch der Begleiter jener Frau, die eben noch vorgelesen hat, denke ich und die ich unbedingt sprechen möchte. Aber der Gast läuft jetzt hinter ihr her, denn sie gehören offensichtlich zusammen und verschwinden zwischen den Leuten, nachdem er mir noch einen Blick zugeworfen hat, den ich so schnell nicht verdauen kann. 

Überhaupt, warum habe ich nicht vorgelesen, warum? In diesem Moment reut es mich, es war mir alles wieder einmal zuviel, noch mit meinem kranken Mann zu Hause. Doch was für eine intensive Zeit habe ich mit Schreiben verbracht. Mein Thema war meine Sprachlosigkeit und ich durchfühlte noch einmal den schmerzhaften Prozess bis zum Finden meiner eigenen Stimme und Sprache. Ich erfand dafür  eine poetische Geschichte, die meinen Seelenzuständen am nächsten kam und jetzt – diese Unfähigkeit zu feiern! Diese Unsicherheit, ob mein Buch für andere verständlich sei....

Im August 2018 kommt die Einladung von Unik und dem Jungen Schauspielhaus für ein dreimaliges Treffen für Interessierte zum Thema Zwischen Buch und Bühne. In der Zwischenzeit habe ich verschiedenen Menschen mein Buch zum Lesen gegeben. Ihre Rückmeldungen haben mir geholfen, mir einiges bewusster zu machen. Ich entdeckte, dass es ein grosser  Unterschied ist, ob ich über mein fertiges Buch spreche oder vom Erleben des Schreiben selbst. Es erfordert einen Perspektivenwechsel, von einer Innenposition zu einer Aussenposition, mit der man erst vertraut werden muss. Das erste Treffen im Oktober 2018 ist eine vielstimmige Lektion zu eben diesem Thema. Wir beginnen eher zögernd über unsere Erfahrungen zu sprechen, es fällt fast niemandem leicht. Oft sind es berührende Momente, spürbar die Unvertrautheit, spürbar auch der Wunsch, sich zu öffnen und mitzuteilen. Erstaunlich die gemeinsame Erfahrung, dass das Buch uns tatsächlich zum Geschenk werden kann, unser Leben vertieft und weitet durch neues Erleben, neue Sichtweisen und Gedanken.

Beim zweiten Treffen im Dezember 2018 diskutieren wir in Gruppen zu bestimmten Begriffspaaren, was uns das eigene Buch bedeutet, ein Loslassen und Öffnen oder eher ein Aufräumen und Ablegen? ein Weitergeben, ein Mitteilen? Es gibt in den Gruppen verschiedene Positionen, persönliche Statements und anregende Überlegungen. Das eigene Zuhören wird mir jedesmal wichtiger. Man lernt sich kennen, das Verständnis füreinander wächst und das Schreiben unserer Bücher beflügelt uns immer noch.

Mein grösster Eindruck am Abend ist das anschliessende Theater, inszeniert nach einer Geschichte von Jürg Schubiger. Mein Mann und ich waren befreundet mit ihm. Mit seiner Frau sind wir weiter nah verbunden. Ich kenne die Geschichte schon, Jürg hat sie uns einmal vorgelesen. Ich frage mich gespannt, ob ich die Geschichte wohl wiedererkenne? Wie sie das Junge Schauspielhaus inszeniert hat, die Frage mit den Figuren gelöst, ob der Text vollständig oder empfindlich gekürzt ist und wie die Schauspieler spielen!? Und – was würde Jürg dazu sagen, wenn er noch lebte?

Nach dem Stück glaube ich, es hätte Jürg gefallen. Eine Frage ist mir wie ein Blitz durch den Kopf gefahren: Was heisst es, einen Text auf die Bühne zu bringen? Was passiert da? Mir wird warm und ich sage mir fast ein wenig aufgeregt: Ein Text hat ein eigenes Schicksal. Im Theater erhält er einen Raum, die Figuren einen Körper, die Sprache eine Stimme. Der Text wird lebendig! Ja, vor unseren Augen transformiert er sich.

Ich prüfe zu Hause meine Geschichte auf Theatertauglichkeit und gesprochene Dialoge. Ich weiss plötzlich dass die Gedichte in meiner Geschichte gesungen werden sollen, die Stimme aus dem Dunkel des Raumes kommen muss. Meine Fantasie ist angekickt. Leider habe ich beim nächsten Treffen nicht gefragt, ob andere auch auf diese Idee gekommen sind.

Es ist mir gar nicht bewusst, dass ich mich schon mit dem Kernthema beschäftigt habe: Wie kommt ein Text aus dem Buch auf die Bühne? Das war die Fragestellung beim dritten Treffen, im Januar 2019. Am Schluss bildeten wir kleine Gruppen, um vorerst alleine, ohne Dabeisein von Frerk von Unik und Petra vom Jungen Schauspielhaus, über unsere Bücher zu diskutieren und ein Projekt zu entwickeln für eine später geplante Unik-Lesung.

Ein Text hat ein eigenes Schicksal.
— Regula Amacher

Einige Tage später sitze ich im Tram neben einem Schauspieler, der in der Nachbarschaft wohnt und erzähle ihm von unseren Treffen und den gemeinsamen Besuchen von Theateraufführungen. Ich erzähle ihm, wie es mich fasziniert,  was mit einem Text geschieht, wenn er auf die Bühne gebracht wird. Darauf meint der Schauspieler, gerade dies sei sein tiefster Wunsch beim Spiel, Sprache lebendig zu machen. Wir bedanken uns beide für den Austausch, der drei Haltestellen kurz und intensiv war. Für ihn, sagt er noch, habe dieser Morgen gut angefangen.


Königinnentag

Eine Geschichte von Béatrice Flückiger. Sie hat in der Edition Unik ihr Buch geschrieben.

Königinnentag! (Bild: pexels.org)

Königinnentag! (Bild: pexels.org)

An diesem Morgen war in der Bäckerei schon früh Tagwache. Königskuchen sollten gebacken werden. Süsser Hefeteig mit Rosinen wurde geknetet. In einem der runden Weggli würde dann der weisse Plastikkönig versteckt. Seit Neustem existierten auch goldene Königinnen zum Verstecken. Wen wunderts, auch Bäcker und Bäckerinnen sind genderbewusst!

Und wer wollte nicht gerne einmal König oder Königin sein im Leben. Als Kinder durfte man dann jeweils seine Wünsche äussern und während eines Tages befolgten die übrigen Familienmitglieder nach Möglichkeit die Befehle oder Wünsche der Königin oder des Königs.

Heute Morgen war sie schon früh wach. Sie bestieg ihr Fahrrad und radelte in die Schule, in welcher sie vorher im Schulrat gesessen hatte. Und wie das fuhr! Ohne Mühe konnte sie sich auf dem Rad durch die Gegend bringen lassen, das Gleichgewicht zu halten war kein Problem für sie. Sie wunderte sich darüber, dass es so einfach war. In der Schule stürmte sie ins Lehrerzimmer. Unter der Türe wäre sie beinahe mit dem Rektor zusammengestossen. Er freute sich als er sie erkannte. Und bei ihren Kolleginnen und Kollegen brach ein grosser Freudentaumel aus. Sie war zurückgekehrt. Zurück von ihrer langen Auszeit. Und was für eine Auszeit hatte sie sich genommen. Moderne Lehrerinnen sprachen von Sabbaticals. Solche mussten genau geplant und im Voraus dokumentiert werden, damit sie von Schulleitungen und –Räten bewilligt werden konnten. Ihre Auszeit hiess Hirnblutung mit der Folge einer Körperlähmung linksseitig. In einem kurzen Augenblick war es im Sommer passiert. Ohne Vorankündigung, ohne Genehmigung durch irgendwelche Instanzen, sie fiel einfach aus. Ihr Hirn hatte geblutet. Alle Nerven der linken Körperhälfte wurden gelöscht, die gesamte Motorik und Sensorik wurden lahmgelegt.

Heute war Drei-Königs-Tag. Und sie fuhr Velo. Beschwingt, ohne zu kippen gelangte sie ganz leicht und froh, sozusagen ohne Anstrengung, ja sicher gelangte sie ans Ziel. Ein Glücksgefühl der besonderen Art wurde ihr geschenkt. Sie fühlte sich wie eine Königin, welche mit Leichtigkeit und Beschwingtheit ihren Aufgaben nachgehen konnte. Sie spürte ihre einstige Lebensfreude wieder. Es war Königinnentag! –

Dann erwachte sie aus ihrem Traum. Das Glücksgefühl beim Erwachen – wer weiss, vielleicht verhiess es ein gutes Omen für die Zukunft. Vielleicht würden die kommenden Wochen und Monate ihr ein Stück der verlorengegangenen Leichtigkeit und Beweglichkeit zurückbringen. Vielleicht erfüllen sich ja Königinnenträume auch im wirklichen Leben!


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Auch von Béatrice Flückiger: der literarische Erfahrungsbericht «Mein Buch-Kind ist da!»


Bücher verbinden

Die Bücher, die in der Edition Unik geschrieben werden, sind in erster Linie Geschenke der Schreibenden an sich selbst und an das persönliche Umfeld. Immer öfter geht es aber darüber hinaus, so dass auch zuvor Unbekannte miteinander in Kontakt kommen und sich auszutauschen beginnen. So etwa Isabelle Zenhäusern, die in der Edition Unik zwei Bücher geschrieben hat, und Daniela Unterfinger, die (noch) kein eigenes Buch geschrieben, dafür aber das zweite Buch von Isabelle Zenhäusern gelesen hat. Daniela Unterfinger hat uns ihre Zeilen dankenswerter Weise überlassen.


Liebe Frau Zenhäusern

Ich weiss gar nicht, wo anfangen. Ihr wunderbares Buch liegt schon lange auf meinem Sofa. Zum Zeitpunkt, als es mich erreichte, lag ich mit einer ganz argen Grippe im Bett. Ich bin während Tagen nicht mehr aufgestanden. Als erstes habe ich dann angefangen, in Ihrem Roman zu schmökern und habe ihn nicht mehr zur Seite gelegt. Viele Erinnerungen sind wieder lebhaft geworden aus meiner Zeit auf Sizilien, 1989 als Reiseleiterin. Eine wunderbare Zeit, reich an Erfahrungen und Erlebnissen, ohne Notebook und Mobil. Das schöne Eck um Erice; unsere Wohnung bei der lieben Signora, die uns jeweils mit caffé in ghiaccio aufwartete und dem coniglio fatta in casa. Bella Italia ist und bleibt ein wunderbares Reiseland mit seiner Italianità und den liebenswerten Menschen.

Zu Ihrem Buch: Die Illustration mit den schwarz-weissen Fotos hat mir sehr gefallen. Den Inhalt habe ich verschlungen, weil ich auch einen Bezug zur Insel habe. Ich war zwar nie ernsthaft liiert mit einem Sizilianer, kenne jedoch die Lebensweise und den Familiensinn der mammoni, auch ganz im Positiven, wenn es einen nicht selber angeht.

Darf ich mir eine ehrliche Bemerkung erlauben? Für meinen Geschmack haben Sie zu viele Zitate eingeflochten. Eines, ab und zu, oder auch auf der Seite der Bilder, wäre durchaus angebracht. Sind es zu viele, auch im Fliesstext, verlieren Sie aus meiner Sicht ihre Aussagekraft. 


Foto: Vera Hartmann

Foto: Vera Hartmann

Biografie mit Mohrenköpfen

Ein humorvoller Erfahrungsbericht von Josef Brogli. Er hat in der Edition Unik sein Buch geschrieben.

Von einem, der auszog, seine Biografie zu schreiben und dabei seine Leidenschaft für Mohrenköpfe und Scrabble produktiv nutzte.

Bild: Pexels.com

Bild: Pexels.com

Seit Jahren kaufe ich im Nachbardorf regelmässig eine Kurpackung Mohrenköpfe. Sind die 50 Mohrenköpfe weggeputzt, bleibt eine stabile Schachtel zurück. Genau in solchen Schachteln sammelte ich meine Schulzeugnisse, Diplome, Urkunden, Fotos und anderen Kram. Für meine Biografie konnte ich also wortwörtlich aus dem Vollen schöpfen. Zum Schreiben griff ich nach Lust und Laune in die Schachteln und tippte drauflos, ohne Hemmungen, ohne Korrekturen. Ich liess die Personen auf den Fotos sprechen, reiste mit Postkarten nochmals nach Paris und Rimini und schwitzte mit dem Militär-Dienstbüchlein auf langen Märschen. Zu jedem Dokument entstand eine Erinnerung, eine Beschreibung, eine philosophische Betrachtung oder auch einmal eine Kurzgeschichte. Mit grossem Gewinn las ich parallel dazu das schlichte und doch so anregende Buch von Hanns-Josef Ortheil: Schreiben über mich selbst.

Deal mit mir selbst
Mein Sternzeichen ist der Feuerwehrhelm, weil ich oft erst handle, wenn es brennt. Ich brauche Zeitdruck, um produktiv zu werden. Wäre nur meine Schreibdisziplin so konstant wie mein Mohrenkopfkonsum! Da half nur eines: Der Appell an mein erwachsenes Ich in Form eines Deals. Dazu muss man wissen, dass ich fast täglich leidenschaftlich Scrabble spiele. Der Deal: Scrabble erst nach mindestens 5 Wörtern Biografie. Ich musste zuerst meine Text-Notration tippen, bevor ich die Scrabble-App auf dem Tablet starten durfte. Der Trick mit den 5 Wörtern funktionierte überdurchschnittlich gut. Denn nach 5 Wörtern löst sich eine Blockade von Unlust oder Ideenmangel. Oft trat ein Domino-Effekt ein, meine 4 Tippfinger hatten es 20 Minuten lang lustig. Wenn es einmal nicht zur Kür reichte, hatte ich immerhin meine Pflicht getan. So wurde ich zum vermögenden Rohstoffhändler meiner Entwürfe und Notizen.

Ein Vogel hilft weiter
Da stapelten sie sich nun, meine Rohtexte. Aber noch hatte ich kein Konzept, nicht einmal einen dünnen roten Faden für das Buch. Die Reihenfolge der Kapitel nach Jahreszahlen war mir zu langweilig. Vielleicht eher ein 5-Gang-Menü, also 5 Hauptkapitel mit ein paar Teilkapiteln? Das Rezept ging nicht auf, meine Biografie wäre so raffiniert geworden wie eine berüchtigte Tiefkühl-Pizza, bei der Inhalt und Verpackung eine ähnliche Konsistenz haben. - Ein Vogel brachte mich auf die Lösung (nicht gelogen, höchstens gut erfunden): Die Amsel (oder Drossel oder Fink) hüpfte von Ast zu Ast, hin und her, rauf und runter. Unberechenbar und deswegen interessant. Voilà: Ich überlasse die Reihenfolge meiner Kapitel dem Zufall. Schliesslich kann ich mit meiner Biografie umgehen wie ich will – wer zahlt, befiehlt. Und: Jede Buchbiografie ist sowieso eine Ordnung, die es so nicht gegeben hat. Jeder Biograf lässt vieles weg, verbindet Ereignisse mit klugen Erklärungen und hat so sein Leben wörtlich im Griff. Ich nicht. Mein Leben ist im Wesentlichen eine Reihe von Zufällen, die sich – in meinem Leben – vorwiegend als Glücksfall gezeigt hat.

Zu viel des Guten
Mein Seitenbudget hatte ich massiv überzogen. Ich musste kürzen und weglassen. Zum Kürzen von langen Kapiteln nahm ich nicht einzelne Wörter aus dem Text, sondern gleich ganze Abschnitte von bis zu 20 Zeilen. Oft schnitt ich die Einleitung zu einem Kapitel weg – worauf der Text deutlich an Fahrt gewann. Sogar ganze Kapitel mussten ins Exil meiner Festplatte; jetzt, wo das Buch längst gedruckt ist, weiss ich: Die Menschheit wird sie nicht vermissen. Und übermorgen wird wieder eine Mohrenkopfschachtel frei.

*Josef Brogli, dipl. Texter, schreibt Texte für KMU (vom Radiospot über Drehbücher für interne Schulungen bis zur Jubiläumsbroschüre). Daneben baut in Text-Workshops Schreibhemmungen ab. Die Butter aufs Brot zahlt er mit Ghostwriter-Honoraren. Mehr dazu auf www.iftl.ch

Snuff

Ein Gastbeitrag von Jürg Vogel. Er hat in der Edition Unik sein Buch geschrieben, die Anekdote «Snuff» ist darin erschienen.

Grossvater Wetli war eine eindrückliche Person. Stattliche Postur, konservative Ansichten und eine liebenswürdige Ausstrahlung. Geprägt durch die Entbehrungen der Kriegsjahre, riet er mir immer wieder, mir einen stattlichen Bauch zuzulegen. Danach sei ich bereit, Bundesrat zu werden. Wir Enkel liebten unseren Opa, mit dem wir auch gerne spielten. Wenn die Nachbarn im unteren Stock versuchten, unser Treiben mit Klopfen gegen die Decke zu beenden, war es der Grossvater höchstpersönlich, der mit heftigen Fusstritten klar zeigte, dass er sich nicht dreinreden liess. Mein Bruder und ich waren irgendwo Mitte zwanzig, als wir von Opa nach Hause eingeladen wurden. Er wollte uns etwas zeigen. Das war meine erste und letzte Lektion in der Applikation von Schnupftabak. Er holte seine Dose Snuff und eine Holzvorrichtung, mit der wir den Schnupftabak in die Nase schleudern konnten. Wir mussten das Gerät exakt platzieren, wozu ein befestigter Spiegel diente. Nach einigen Versuchen und noch mehr Niesern, erklärte uns der Grossvater dann zu erwachsenen Männern. Zumindest aus seiner Sicht.