Alumni

Ein Brüderchen

Ein Fragment von Verena Raaflaub. Sie hat in der Edition Unik ihre Bücher geschrieben.

Nachdem der Krieg im Mai 1945 vorbei war und nur noch die Lebensmittelmarken daran erinnerten, genoss man die Entspannung und den Frieden. Und alle freuten sich auf das zweite Kind, das die Hebamme bringen werde. Die Sache mit dem Storch war nämlich folgende: (was genau man mir erzählt hatte und was ich dazu fabulierte, kann ich nicht mehr sagen). Die kleinen Engel im Himmel, denen es sonst ja wohl oft langweilig war, kneteten und formten die neuen Menschlein und gaben ihnen ein hübsches und feines Gesicht. Darum sehen die Neugeborenen alle wie kleine Engelchen aus. Dann kam der Liebe Gott selber in seiner allmächtigen Güte ins Spiel und hauchte den kleinen Wesen Atem und Leben ein. So waren sie bereit für die Reise. Jetzt übernahm der Storch auf der Welt. Die hatten ein Zimmer als Lagerraum. Darin stand ein Bettchen neben dem anderen, in dem die Kinderchen geduldig auf die Auslieferung warteten. Wenn nun eine Familie bei der Hebamme ein neues Kind bestellte, konnte sie einfach aus ihrem Vorrat liefern. Wie sie die Auswahl traf, das hätte ich nur zu gerne herausgefunden. Vielleicht nahm sie auch einfach, was noch da war, Restposten sozusagen. Sie stieg dann mit ihrer Fracht auf ihr Fahrrad oder wurde vom zukünftigen Vater mit Ross und Wagen abgeholt. Alles hatte seine Ordnung und eine klare Logistik.

Ich durchlief jedenfalls diese Stationen, bevor ich bei meinen Eltern landete. Ganz selten nur beschlich mich der leise Verdacht, ob ich wohl falsch ausgeliefert worden sei und ich träumte davon, dass mich meine wahren Eltern mit einer Kutsche abholen würden. Aber das auch nur, wenn ich mich gar nicht verstanden fühlte.

Die Autorin bei einer Ausfahrt mit ihrem Bruder Resli im Sommer 1946 (Foto: zvg.)

Die Autorin bei einer Ausfahrt mit ihrem Bruder Resli im Sommer 1946 (Foto: zvg.)

Ich durfte einmal mit Grosi, das damals schon nicht mehr als aktive Hebamme tätig war, ihre Nachfolgerin besuchen. Wie hüpften Herz und Füsse ganz aufgeregt in Vorfreude, bald einen Blick in die geheimnisvollen Räume werfen zu können. Zu meiner grossen Enttäuschung erklärte die Frau, dass gerade alle Kinderchen ausverkauft seien und Nachlieferung vom Storch erst in der nächsten Nacht erwartet werde. Das konnte ja vorkommen. Aber dass ich nicht einmal die leeren Bettchen sehen durfte, enttäuschte mich tief. Selbst meine beharrlichen Tränen und mein Stampfen rührten sie nicht. Zudem beobachtete ich, dass sich die zwei Frauen vielsagend zublinzelten. Was wussten sie, was ich nicht wusste? Ich fühlte mich ausgeschlossen und betrogen. Meine kindliche Neugierde machte mir (und vermutlich auch den Hebammen) das Leben nicht leicht.

Ich war also zwei Jahre und acht Monate alt, als diese Hebamme uns einen Buben brachte. Natürlich wurde er ohne mein Wissen bestellt, nötig wäre es nämlich nicht gewesen, und es freute mich überhaupt nicht. Ich vermisste nichts. Mit mir hätten sie ja wohl genug gehabt. Und nun war da plötzlich ein Stammhalter auf dem Hof. Wer weiss, was das heisst, kann sich meinen Frust und meinen Widerstand sicher vorstellen. Sie nannten ihn Resli. Er hatte ein empfindliches Bäuchlein, schrie viel und es duftete oder stank im Haus sehr oft nach Kamillentee. Mir wurde jahrzehntelang später noch übel davon, bis ich den Zusammenhang erkannte und lösen konnte. Mueti investierte auch enorm viel Zeit und Aufwand in diesen Knaben, und der stolze Blick von Dädy galt jetzt vielmehr ihm. Auch mein geliebtes Grosi hatte den Narren gefressen an ihm, war es doch als erste zur Stelle, ihm auf die Welt zu helfen. Auch wurde das Büblein für meine Begriffe zu oft gebadet. Immer wieder schwenkte Mueti ihn liebevoll im warmen Wasser. Also weigerte ich mich von da an strikte, mich baden zu lassen. Ich stand steif wie ein Stock, mit durchgedrücktem Kreuz und schreiend im Becken und liess mich nicht ins Wasser setzen. «Bad du dä!», d.h. du hast ja jetzt etwas Besseres zum Baden, lass mich in Ruhe! Meine Botschaft wurde verstanden, man zwang mich nicht, und so konnte ich mich allmählich entspannen, die Entwicklung abwarten, aufmerksam beobachten und langsam mit dem Brüderchen abfinden. Es gab ja kein Rückgabe- oder Umtauschrecht. Behutsam begann ich, dieser Brudergeschichte auch schöne Seiten abzugewinnen, in meine Grosse-Schwester-Rolle hineinzuwachsen und den Resli als liebes Brüderchen stolz im Wagen herumzufahren. Er genoss es.


Lesen und lauschen
Geschichten nicht nur lesen, sondern auch hören? Kein Problem: Gemeinsam mit derzeit vier Partnerorganisationen führen wir im Frühling und im Herbst die «Edition Unik Cafés» durch. Dabei lesen Ehemalige aus ihren Büchern vor und laden die interessierte Öffentlichkeit zum Zuhören und Austauschen ein. Ausserdem organisieren aktive und ehemalige Teilnehmer/innen regelmässig Lesungen und andere Veranstaltungen.

Die Daten finden Sie in unserem Veranstaltungskalender. Er wird regelmässig aktualisiert.


Vorfreude auf den Vorlesetag

Die Edition Unik und das Junge Schauspielhaus laden am 22. Mai 2019 gemeinsam zum «Vorlesetag». Wie die Zusammenarbeit zustande kam und was Besucherinnen und Besucher erwartet, hat Frerk Froböse, Projektleiter der Edition Unik, mit Petra Fischer, Leiterin des Jungen Schauspielhauses, besprochen.

Frerk Froböse: Vom Jungen Schauspielhaus seid ihr vor etwa einem Jahr auf die Edition Unik zugekommen. Wie habt ihr vom Projekt erfahren, was habt ihr erwartet?
Petra Fischer: Nachdem wir seit Langem unsere Büros auf dem gleichen Stockwerk haben, gab den letzten Anstoss für eine Kontaktaufnahme unsere Stückentwicklung «Liebe Grüsse… oder Wohin das Leben fällt» mit dem holländischen Autor Theo Fransz. Während der Recherchearbeit hatten uns Kinder und ältere Menschen Material und eigene Texte über Familiengeheimisse zugearbeitet. Und beim Nachdenken darüber, wer über diesen inhaltlichen Bezug vielleicht neu den Weg ins Junge Schauspielhaus finden würde, kam uns die Edition Unik in den Sinn. 

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FF: Wie hat sich die Idee einer gemeinsamen Veranstaltung am Vorlesetag entwickelt? Welches Interesse habt ihr vom Jungen Schauspielhaus dabei verfolgt?
PF: Es ging gleich damit los, dass wir bei der Edition Unik auf offenere Ohren stiessen als gedacht. Es gab so viele interessante Ansatzpunkte, und wir waren uns schnell einig, eine dreiteilige Veranstaltungsreihe zu planen. Dadurch konnte Interesse wachsen, Vertrauen entstehen und ein gegenseitiges Kennenlernen stattfinden. Seit zehn Jahren ist es uns ein Anliegen, die Öffentlichkeit des Theaters zu nutzen, um Erfahrungen, Fragen, Beobachtungen, Wünsche unseres altersdurchmischten Publikums vorzustellen.

So nahmen wir gemeinsam den Vorlesetag am 22. Mai in Sachen Wort, Text, Geschichten in den Hinterkopf. Unsere Bühnenräume bieten Möglichkeiten für die Teilnehmenden, sich in neuer Art und Weise präsentieren können. Und das knüpft dann an einen anderen Schwerpunkt unserer Arbeit an: Begegnungen schaffen durch gemeinsame Erlebnisse, die den Austausch befördern.

FF: Wir haben zusammen unter dem Titel «Zwischen Buch und Bühne» mit ehemaligen Teilnehmenden der Edition Unik drei Treffen durchgeführt. Welche Eindrücke sind dir davon geblieben?
PF: Vom ersten Moment an wurde ich erinnert an die Jahrgänge des Kulturführerscheins, die wir zusammen mit dem Verein AkzentaNova fünf Jahre lang durchgeführt haben, sowie an die vielfältigen Projekte, die daraus in der Folgezeit entstanden. Neugierige, engagierte, Auseinandersetzungen entstehen, wenn offene Menschen zusammenkommen und sich Neues erschliessen wollen.

Ich war beeindruckt, wie intensiv die Edition Unik Teilnehmenden ihre Schreiberfahrungen reflektierten, durchaus kontrovers. Und es war bereichernd zu erleben, wie die Theaterbesuche von «Liebe Grüsse… oder Wohin das Leben fällt«, «Casa 18»  und «Der Josa mit der Zauberfiedel», als Teil der Treffen ganz anders aufgenommen wurden als von anderem Publikum. Damit wurde schliesslich die Vielschichtigkeit der Inszenierungen, nach der wir immer suchen, bestätigt.

FF: Das Junge Schauspielhaus arbeitet generationenübergreifend, aber in erster Linie habt ihr es mit Schülerinnen und Schülern zu tun. In der Edition Unik schreiben eher deren Grosseltern. War in der Arbeit mit ihnen etwas neu für dich?
PF: Was die beteiligten Menschen betrifft, war es weniger neu, als vielmehr eine sehr schöne Fortsetzung. Neu hingegen war das Genre, in dem wir uns bewegten. Bei den Angeboten vom Jungen Schauspielhaus waren es bislang eher spielerische, theatrale Formen, in denen sich die Beteiligten auszudrückten – zum Beispiel beim SeniorInnen- und Mehrgenerationen-Spielclub oder bei «Early birds» vom Verein Kulturvermittlung Zürich.

In der Kooperation mit der Edition Unik liegt der Fokus beim Schreiben und beim Umgang mit dem geschriebenen Wort. Das Buch kann man immer wieder hervornehmen, kann nachlesen, zurückblättern, Notizen machen etc. Das ist ein grosser, für uns spannender Gegensatz zur Vergänglichkeit des Theaters. Die Art der Wahrnehmung ändert sich, gerade, wenn man sich in der Gruppe weiter damit beschäftigen möchte.

Begegnungen schaffen durch gemeinsame Erlebnisse, die den Austausch befördern.
— Petra Fischer

FF: Du hast die sechs Lesegruppen auf dem letzten Teilstück des Weges hin zur Lesung begleitet und kennst das Programm des 22. Mai am besten. Gibt es etwas, worauf du dich jetzt besonders freust?
PF: Da ist zum einen die direkte Verbindung der Menschen zu ihren eigenen Texten. Bislang habe ich sie über ihre Texte reden gehört, habe Hintergründe erfahren, Fragen, die sie damit verbinden und habe die Texte selbst still gelesen. Jetzt bekommen diese Texte eine Stimme – die der Autoren oder eine fremde. Auf jeden Fall aber materialisiert sich das Geschriebene. Das erinnert mich als Dramaturgin sehr an den Moment bei jeder neuen Theaterproduktion: Wie erlebe ich es, wenn zum ersten Mal die Schauspielerinnen und Schauspieler «ihre» Texte sprechen.

Im Vorfeld hat man die Worte so oft gelesen, durchdacht, in ein Umfeld gestellt, besprochen, aber alles im Rahmen der eigenen Möglichkeiten. Wenn dann aber diejenigen diese Worte in den Mund nehmen und ihnen eine erste Gestalt geben, die später das Ganze dem Publikum darbieten, wird es real, bekommt einen Boden. Für die Darstellenden auf der Bühne gibt es in der Probenarbeit dann noch die Hürde zu nehmen, dass sie «fremde» Texte erst zu «ihren» machen müssen. Diesen Vorgang erleben wir am 22. Mai viel direkter. Und dann freue ich mich auf die Begegnungen im Umfeld der Lesungen mit dem Publikum, das sich hoffentlich aus verschiedenen Generationen zusammensetzt!


Die Ticketreservation ist obligatorisch, Details in unserem Veranstaltungskalender oder direkt beim Jungen Schauspielhaus.


Gstaad

Ein Fragment von Dagmar Agéthen. Sie hat in der Edition Unik ihre Bücher geschrieben.

Augen zu!!! Stellen Sie sich vor Sie sind ein fünfjähriges Mädchen und dürfen zum ersten Mal mit den «Grossen» an einem abendlichen Dinner in einem eleganten Restaurant teilnehmen. Nicht irgendein Restaurant, sondern eines des Palace in Gstaad, diesem legendären Hotel mit alpiner Eleganz.

Das Palace in Gstaad. (zvg.)

Das Palace in Gstaad. (zvg.)

OK? Sind Sie noch dabei? Fühlen Sie mit! Diese Impressionen! Die Lichter aus den Kandelabern! Die wunderbar gedeckten Tische mit den bodenlangen Tischtüchern! Das funkelnde Kristall, das schwere Silber, das dezente Personal, die Atmosphäre, das Geflacker der Kerzen! Atemberaubend. Und ich inmitten all der Pracht: stumm! Als sich meine staunenden Augen an die Umgebung gewöhnt hatten, entdeckte ich vor uns einen runden Tisch mit fünf Damen.

Gekleidet in seidenen, opulenten Abendroben, schulterfrei. Nackte Arme, die gestikulierten, Juwelen, die funkelten; animierte Konversation, leises Gelächter. Ganz besonders hatte es mir eine der Damen angetan. Sie trug ihr rabenschwarzes üppiges Haar in einem kunstvoll gebundenen Chignon mit diamantenen Agraffen. Und ich hatte diese blöden rötlich schimmernden Locken. Ich wollte auch schwarze Haare und einmal so schön und so elegant wie sie sein. Mein ersehntes Vorbild.

Die Autorin an der Lesung (zvg.).

Die Autorin an der Lesung (zvg.).

Plötzlich drehte sich die bewusste, wunderschöne Dame zu einer Freundin und fragte ziemlich laut: «Hesch du au no en Salat wöue?» Ich sass da mit offenem Mund. Wie konnte eine solch ätherische Schönheit im breitesten Dialekt so ungepflegt sprechen?

Da waren all meine Illusionen dahin. Und ich schwor mir, dass ich niemals, falls ich einmal eine Dame sein würde, aber auch niemals, so reden würde. Das ist die story, die ich gerne erzähle, wenn man mich fragt, warum ich denn auch nach fünfzig Jahren Schweiz immer noch keinen Dialekt spreche. Schwarzhaarig wurde ich trotzdem nicht!


Von Worten und Bildern

Edition Unik Teilnehmerin Beatrice Portmann hat Lesungen organisiert und lässt uns mit Bildern und Kostproben an ihrem Schaffen teilhaben.

Das Herz singt leise
auf seine Weise
und nimmt uns mit
auf diese Reise

Das Schreiben 
gerät mir immer mehr zum Herzensdienst

Das ganze Wörterbuch
Das ganze Wörterbuch der Liebe, 
Das ganze Wörterbuch des Krieges
Das Wörterbuch der Arbeit 
Das Wörterbuch der Erziehung
Das Wörterbuch des Erwachsenwerdens, 
Das Wörterbuch des Älterwerdens
Das ganze Wörterbuch des Lebens und des Sterbens

 

Lebenslauf - kein zweites Herz im Kühlschrank
Geboren
ohne zu wissen
wie viele Sätze 
es nehmen wird
das Herz

Nie wissen, woher der Wind weht
wie lange die Beine noch tragen
das Herz noch schlägt

Worte hauchen 
den Duft erkennen,
der die Seele umfängt
und unser Herz streift,
wenn wir 
mit Namen gerufen 
werden
an den Ort
der Ewigkeit

 
Ich stelle Bild und Wort in einen Zusammenhang. In einer Lesung geschieht mehr als nur die Vermittlung eines Inhaltes. Was über die Stimme, was zwischen den Worten, zwischen mir und den Zuhörern geschieht, das ist das Wesentliche.
— Beatrice Portmann

Zur Autorin
Beatrice Portmann betreibt das «Atelier für Wort- und Farbkultur»
Porta Nuova in Oberwil (BL).