Gastbeitrag

«So muss sich Offenheit anfühlen»

Ein Rückblick von Gudrun Löffler. Sie hat in der Edition Unik ihr Buch geschrieben.

Was spricht für, was gegen das Teilen von Buchinhalten? (Bild: zvg.)

Was spricht für, was gegen das Teilen von Buchinhalten? (Bild: zvg.)

Ich Narr vergass die Zauberdinge … Zwischen Buch und Bühne entdeckte ich sie wieder.

Gestern haben sich drei Alumni der Edition Unik verabredet, um gemeinsam eine Lesung vorzubereiten. Ich bin eine davon und kann es kaum fassen. Denn Gesicht zu zeigen hinter der eigenen Geschichte kam mir vor kurzem noch wie ein Verrat an meinem Innenleben vor.

Der Gesinnungswandel begann, als ich im Herbst letztes Jahr die Einladung zu «Zwischen Buch und Bühne» erhielt. Schon der Titel traf ins Schwarze. Edition Unik und das Junge Schauspielhaus Zürich luden dazu ein, gemeinsam zu erkunden, «was Geschichten auslösen können». Sofort meldete ich mich an. Der Mut zum Wagnis sollte sich lohnen. Die drei Treffen «Zwischen Buch und Bühne» im Schiffbau entpuppten sich als ein grossartiges Geschenk.

Schon beim ersten Austausch im Kreise der Edition Unik Alumni kam eine Diskussion über «mein» Thema in Gang: Was spricht für das Teilen der eigenen Geschichten, was dagegen? Einige lasen Texte aus ihren Büchern vor und erzählten berührend davon, wie Familienmitglieder oder Freunde auf die Geschichten reagiert hatten. «Es tut gut, all die mitfühlenden, aufbauenden Rückmeldungen zu erhalten», sagte eine Teilnehmerin, die düstere Zeiten überstanden hatte. Andere – zu denen auch ich zählte – erklärten, warum für sie das Teilen nicht in Frage kam. «Die Geschichten sind zu persönlich und nur für mich selbst bestimmt.» «Ich will mit meinen Erinnerungen niemanden kränken.» Oder: «Womöglich würde ich angegriffen werden, das will ich mir ersparen», lauteten die Argumente hier.

Mir ging der Austausch unter die Haut.

Dort erreichte mich auch die Vorstellung «Liebe Grüsse ... oder wohin das Leben fällt», die einige von uns im Anschluss an den lebhaften Austausch besuchten. Wir erlebten mit, wie der kleine Moritz auf der Bühne seiner Grossmutter und seinem Vater, auch in deren jüngeren Jahren begegnete. Dabei kam er einem Familiengeheimnis auf die Spur, das die Leben seiner Nächsten über Generationen hinweg geprägt hatte. Als ich den Schiffbau verliess, hatte ich eine Unmenge an Eindrücken und Denkanstössen im Gepäck.

Beim zweiten Treffen fanden wir vier weisse Kärtchen auf dem Boden des Proberaums, der uns dieses Mal beherbergte. Auf jedem Kärtchen stand ein Begriffspaar: «Neu Beginnen/Neu Begegnen», «Aufräumen/Ablegen», «Weitergeben/Mitteilen» und «Loslassen/Öffnen». Es galt zu wählen und mit denen, die dieselbe Wahl getroffen hatten auszutauschen. Was hatte das, was unsere Geschichten auslösten, mit der Wahl der Begriffe zu tun? Das Thema «Loslassen/Öffnen» bekam jetzt verschiedene Gesichter. Zwei Teilnehmerinnen erzählten, dass sie sich im Buch mit einer schweren Erkrankung auseinandergesetzt und ihr Erleben beschrieben hätten. Eine weitere Teilnehmerin zeigte sich enttäuscht darüber, dass es in ihrem Umfeld nur wenig Rückmeldung zu ihren Geschichten gab. Sie hatte gehofft, dass auch andere sich offenbarten. Als ich an der Reihe war, sprach ich hastig und mit klopfendem Herzen: «Ich habe meine Kindheit aufgearbeitet. Das hat mich sehr erleichtert und irgendwie offener gemacht.» Auf die Frage, ob ich mir denn nun vorstellen könne, meine Geschichte zu teilen, hatte ich dieses Mal tatsächlich schon einen Fortschritt zu vermelden. Ich hatte die Texte nach dem ersten Treffen «Zwischen Buch und Bühne» einem meiner Brüder geschickt und bei ihm eigene Erinnerungen geweckt. Zum Vorlesen hielt ich die Texte jedoch weiterhin für ungeeignet. Nun nannte ich dafür einen neuen – vielleicht zutreffenderen – Grund: «Meine Geschichten sind nicht greifbar. Viel zu abstrakt und kopflastig geschrieben, um für andere interessant zu sein.»

Zu späterer Stunde in «Casa 18» durfte ich dann allerdings als Gast im Bühnenraum erleben wie erquicklich philosophische Denkspiele sein können, wenn sie von farbenfrohem Dekor umgeben sind und einer sie mit munteren Klängen am Klavier begleitet. Wieder verliess ich den Schiffbau wohl genährt mit nachhaltigen Eindrücken für Hirn und Herz.

Dann stand das dritte und vorläufig letzte Treffen «Zwischen Buch und Bühne» an. Gemäss Programm war Vorlesen für alle angesagt. Glücklicherweise war damit nicht das Vorlesen aus dem eigenen Buch gemeint, sondern aus einem fremden Text, der uns berührte. In einer kleinen Gruppe stellten wir das Buch vor, für das wir uns entschieden hatten. Mir fiel das schwer. Ich hatte als einzige ein Sachbuch mitgebracht. Der Auszug, der mir nahegegangen war, stammte aus dem Essay eines Mathematikers, der um den Sinn und Zweck seines Lebenswerkes rang. Zu meiner Erleichterung zeigten die Minen meiner vier Lesegefährten keinerlei Verdruss. Sie alle stellten Bücher vor, die grundverschieden voneinander waren. Und alle Texte berührten mich. Unabhängig davon, ob der Inhalt einer Geschichte, die Ausdruckweise eines Autors oder die Wortwahl im Vers meinem eigenen Wesen entsprachen. Die Lesenden selbst tauchten hinter den Worten auf, ihre Stimmen brachten sie mir näher.

Dann kam als krönender Abschluss «Der Josa mit der Zauberfiedel» auf die Bühne. Die Vorstellung eroberte mein Herz im Sturm. Auch Josa kämpfte um den Sinn und Zweck seines Lebens – in kindlich poetischer Manier. Hineingeboren in ein Umfeld, für das Josa – dem hässlichen Entlein gleich – falsch ausgestattet war, kam sich der Junge wie ein Nichtsnutz vor. Als ihm Scham und Verzweiflung unerträglich wurden, schenkte ihm ein Vogel die Zauberfiedel. Mit ihrer Hilfe fand er den Weg zum Mond. Diesen liess Josa fortan Fiedel spielend kleiner und grösser werden. Er hatte sein Lebensglück gefunden. Eine traumhafte Inszenierung! Josa in Gestalt einer Puppe und eines Schauspielers zugleich, märchenhafte Klänge, erzeugt von drei Musikern, die auch Figuren mimten sowie Objekte, die sich vor unseren Augen formten – wahrlich ein Tanz der Künste. So muss sich Offenheit anfühlen.

Nun drängte es mich, Euch ein grosses Dankeschön zu schicken. Euch, Janine und Frerk, stellvertretend für die Edition Unik und Dir, Petra, mit Deinem Team vom Jungen Schauspiel. Ihr habt uns meisterlich geführt auf dieser Reise «Zwischen Buch und Bühne», die ein wunderbares Abenteuer war. Auf die Frage «Was Geschichten auslösen können» habe ich im Schiffbau so manche Antwort erhalten und neue Fragen mit auf den Weg genommen. Ich freue mich darauf, Euch bald wieder zu sehen.


Zwischen Leben, Buch und Bühne

Oder: Geschichten, die das Leben schreibt

Ein Essay von Claudia Kümin. Sie hat in der Edition Unik ihr Buch geschrieben und ist aktives Mitglied des Alumniprogramms.

 
Vielleicht ist mein Leben gar nicht so einzigartig, wie ich meine? Vielleicht wurden meine Geschichte und jene meiner Familie schon mehrmals gelebt – in einer anderen Zeit, an einem anderen Ort, durch andere Menschen – und werden sich immer und immer wieder abspielen?
 

Diese Gedanken beschäftigten mich im Frühling 2017 nach dem Besuch einer Theateraufführung nach Kafkas Erzählung «Die Verwandlung» im Schauspielhaus Zürich. Das Stück hatte mich emotional sehr aufgewühlt, weil es mich in erschreckender Weise an das unglückliche Ende meines Onkels erinnerte. Ende desselben Jahres sah ich in der Kammer des Schauspielhauses das Stück «Du bist meine Mutter» von Joop Admiraal über einen erwachsenen Mann, der jeden Sonntag zu seiner demenzkranken Mutter ins Pflegeheim reist, um mit ihr Zeit zu verbringen. Der Schauspieler Gottfried Breitfuss verkörpert die Rollen des Sohnes und der Mutter in so berührender Weise, dass mich auch dieses Stück tief in der Seele traf.

Autorin Claudia Kümin im Sommer 2018 an der BadragARTz (Foto: zvg.)

Autorin Claudia Kümin im Sommer 2018 an der BadragARTz (Foto: zvg.)

Ebendiese Gedanken mache ich mir seit den drei Treffen mit Edition Unik-Teilnehmern in den vergangenen Monaten erneut. «Zwischen Buch und Bühne – Was können Geschichten auslösen?» lautete der Titel der Einladung, die uns Ende August 2018 erreichte. Die Edition Unik und das Junge Schauspielhaus Zürich hatten uns gemeinsam eingeladen, die Frage zu ergründen, was unsere Erfahrungen und Geschichten aus der Edition Unik nach Abschluss des Buchprojekts auslösen können. Die drei Treffen fanden Ende Oktober, Anfang Dezember 2018 und Mitte Januar 2019 statt und boten Gelegenheit, uns über unsere Erfahrungen mit dem Schreiben und die Aktivitäten mit unseren fertigen Büchern auszutauschen. Beim dritten Treffen lasen wir einer Gruppe einen Auszug eines Buches vor, das uns aus irgendeinem Grund besonders beeindruckt hatte, und diskutierten engagiert darüber.

Jedes der drei Treffen wurde mit dem Besuch eines Theaterstücks abgeschlossen. Das erste Theaterstück heisst «Liebe Grüsse ... oder Wohin das Leben fällt», eine Uraufführung von Theo Fransz. «Drei Generationen untersuchen, wie es sich leben lässt zwischen Schicksal und Selbstbestimmung», steht auf dem Programmflyer. Dieses Stück gefiel mir besonders gut, weil die drei Schauspieler zwischen den Zeitebenen, der Gegenwart und der Vergangenheit, hin- und herwechseln. Die alte Frau, die ihren Umzug ins Pflegeheim vorbereiten soll und wenig später als junge Ehefrau und Mutter auf die Rückkehr ihres Ehemannes wartet, der alleine in der Weltgeschichte umherreist, weil seine Frau an einer Reisephobie leidet. Ihr Sohn ist der Vater des 10-jährigen Moritz‘, der jenem plötzlich als gleichaltrigem Bub gegenübersteht und diesen zum Cowboy-Duell herausfordert. Das Stück spielt auf einer Art Laufsteg, an dessen beiden Längsseiten das Publikum sitzt. Von Zeit zu Zeit verschwinden der Laufsteg und die Schauspieler hinter einem transparenten Vorhang, auf den beschwingte Bilder aus der Vergangenheit projiziert werden. Wir erfahren nach dem Theater, dass der Autor und Regisseur Theo Frantz das Stück gemeinsam mit dem Inszenierungsteam, mit Schulkindern und Senioren entwickelte, indem er biographisches Material sammelte.

Auch das zweite Theaterstück war sehr eindrücklich. Es trägt den Titel «Casa 18», besteht aus Geschichten aus dem Buch «Überall ist leicht zu verpassen» von Jürg Schubiger und spielt in einer heruntergekommenen Pension, in der ein paar Dauergäste leben, die sich die Zeit mit dem Erzählen von Geschichten vertreiben. Auf dem Programmflyer steht: «Es wird über das Leben philosophiert, das immer nur hier und endlich ist - wenn es überall und ewig wäre, wäre es allzu leicht zu verpassen.» Jürg Schubiger – ich will unbedingt eines seiner vielen Bücher, die er geschrieben hat, lesen – hatte übrigens am selben Tag Geburtstag wie ich. Er ist im September 2014 im Alter von 78 Jahren gestorben. Seine Witwe war an der Aufführung von «Casa 18» ebenfalls zugegen und zeigte sich sehr berührt von der Art und Weise, wie die Geschichten Ihres verstorbenen Mannes auf der Bühne umgesetzt worden waren. Eine Unik-Teilnehmerin war ihrerseits sehr bewegt, weil sie, wie sie später erzählte, das Stück angeregt hatte, sich ihr eigenes Buch als Theaterstück vorzustellen, in dem die Schauspieler die Gedichte, die in ihrem Buch vorkommen, singen.

Das dritte und letzte Theaterstück, das wir sahen, heisst «Der Josa mit der Zauberfiedel» nach einem Buch von Janosch und handelt vom Sohn eines grossen und starken Köhlers. Jener aber ist so klein und schwach, dass er niemals in die Fussstapfen seines Vaters treten kann. Deshalb schenkt ihm ein Vogel eine Zauberfiedel, die, wenn Josa auf ihr spielt, die Menschen verzaubert und diese kleiner oder grösser werden lässt, je nachdem, ob Josa seine Melodien vorwärts oder rückwärts spielt. Mit seiner Fiedel macht sich Josa auf den Weg zum Ende der Welt, wo der Mond ins Wasser versinkt. Und immer, wenn der zuhause gebliebene Vater den Mond am Himmel sieht, der zu- und wieder abnimmt, denkt er an seinen Josa. Das Stück, eine Mischung aus Schauspiel, Puppen, Objekten und Live-Musik, ist genauso liebevoll und bezaubernd wie Janoschs bekannte Kinderbücher. Es verwundert denn auch nicht, dass bei allen drei Theaterstücken viele Kinder im Publikum sassen.

Der Rückblick auf die drei Treffen unter dem Titel «Zwischen Buch und Bühne – Was können Geschichten auslösen?» führt mir einmal mehr vor Augen, wie stark Leben, Bücher und Theater sich gegenseitig beeinflussen können. Je mehr mich beispielsweise Biographien von Zeitgenossen oder Verstorbenen ansprechen, desto eher geben sie mir Denkanstösse und Möglichkeiten, aus den Erfahrungen, die diese Menschen gemacht haben, für mein eigenes Leben zu lernen. Und Theaterstücke wiederum können ein treffendes Abbild des Lebens sein, das einen mitten ins Herz trifft.

Und wer weiss, was aus unseren künftigen Treffen noch alles entstehen wird? Erst einmal treffen wir uns wieder, diesmal in kleineren Gruppen, um einen Beitrag für den Schweizer Vorlesetag vom 22. Mai 2019 vorzubereiten. Ich freue mich darauf.


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Ankündigung: Matinée mit Lesung und Apéro

Beatrice Portmann lädt am 24. Februar in Oberwil (BL) zur Matinée mit Lesung und Apéro. Sie hat in der Edition Unik ihr Buch geschrieben.

Text: Beatrice Portmann
Foto: Vera Hartmann

Das Herz singt leise
auf seine Weise
und nimmt uns mit
auf diese Reise
 
Teilnehmerin Beatrice Portmann bei der Lesung während der Abschlussveranstaltung.

Teilnehmerin Beatrice Portmann bei der Lesung während der Abschlussveranstaltung.

In einer Lesung geschieht mehr als nur die Vermittlung eines Inhaltes. Was über die Stimme, was zwischen den Worten, was zwischen mir und den Zuhörern entsteht, das ist mir das Wesentliche. Das ist meine Sehnsucht.

Details entnehmen Sie bitte dem Flyer. Weitere Veranstaltungen finden Sie in unserem Veranstaltungskalender.


Selber lesen? Unbedingt!
Sie haben in der Edition Unik ein Buch geschrieben und möchten einer grösseren Öffentlichkeit daraus vorlesen? Gerne. Wir von der Edition Unik unterstützen Sie dabei mit Material und Erfahrungen. Nutzen Sie für eine Kontaktaufnahme unser
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Die mit den Büchern sprechen

Ein Erfahrungsbericht von Regula Amacher. Sie hat in der Edition Unik ihr Buch geschrieben.

Die Autorin an der Buchvernissage nach Abschluss (Bild: zvg.)

Die Autorin an der Buchvernissage nach Abschluss (Bild: zvg.)

Ach ja, das Buch ist jetzt da. Mein Buch. Ich halte es in den Händen. Fast alle halten ein Buch in den Händen, das sie selber geschrieben haben und das gerade frisch aus der Druckerei gekommen ist oder – ein anderes Buch, das vom Handel sanktioniert und hier verkauft wird, denn wir sind in einer Buchhandlung. Die Menschen stehen dicht gedrängt und sprechen wild durcheinander. Einige versuchen sich einen Weg zu bahnen durch die Menge, schauen nach einem bekannten Gesicht, einem besseren Platz und kämpfen sich rund um die bücherlastigen Tische, um mit neuen Menschen anzustossen: Auf das Buch!

Ich trage den Mantel auf dem Arm und den Schirm in einer Hand, die grosse Tasche umgehängt und mein Buch in der anderen Hand. Irgendwie kommt ein volles Wasserglas zu mir, das ich vorerst einmal vorsorglich zwischen die Bücherstapel stelle und dann gezwungen werde, mich gefährlich gegen den Tisch zu lehnen und mit den unsicheren Füssen das Gleichgewicht zu suchen, weil irgendwelche Leute sich entschieden haben, vorbeizudrängeln. Ich werfe das Glas um, der Schirm fällt zu Boden, ich stehe in einer Wasserlache und wage es nicht mich zu bücken, weil ich fürchte nicht mehr aufstehen zu können. Ein Gast mustert mich entrüstet von unten bis oben und nach einer peinlichen Minute, kniet er vor mir nieder und bringt das leere Glas  wieder nach oben. Er ist doch der Begleiter jener Frau, die eben noch vorgelesen hat, denke ich und die ich unbedingt sprechen möchte. Aber der Gast läuft jetzt hinter ihr her, denn sie gehören offensichtlich zusammen und verschwinden zwischen den Leuten, nachdem er mir noch einen Blick zugeworfen hat, den ich so schnell nicht verdauen kann. 

Überhaupt, warum habe ich nicht vorgelesen, warum? In diesem Moment reut es mich, es war mir alles wieder einmal zuviel, noch mit meinem kranken Mann zu Hause. Doch was für eine intensive Zeit habe ich mit Schreiben verbracht. Mein Thema war meine Sprachlosigkeit und ich durchfühlte noch einmal den schmerzhaften Prozess bis zum Finden meiner eigenen Stimme und Sprache. Ich erfand dafür  eine poetische Geschichte, die meinen Seelenzuständen am nächsten kam und jetzt – diese Unfähigkeit zu feiern! Diese Unsicherheit, ob mein Buch für andere verständlich sei....

Im August 2018 kommt die Einladung von Unik und dem Jungen Schauspielhaus für ein dreimaliges Treffen für Interessierte zum Thema Zwischen Buch und Bühne. In der Zwischenzeit habe ich verschiedenen Menschen mein Buch zum Lesen gegeben. Ihre Rückmeldungen haben mir geholfen, mir einiges bewusster zu machen. Ich entdeckte, dass es ein grosser  Unterschied ist, ob ich über mein fertiges Buch spreche oder vom Erleben des Schreiben selbst. Es erfordert einen Perspektivenwechsel, von einer Innenposition zu einer Aussenposition, mit der man erst vertraut werden muss. Das erste Treffen im Oktober 2018 ist eine vielstimmige Lektion zu eben diesem Thema. Wir beginnen eher zögernd über unsere Erfahrungen zu sprechen, es fällt fast niemandem leicht. Oft sind es berührende Momente, spürbar die Unvertrautheit, spürbar auch der Wunsch, sich zu öffnen und mitzuteilen. Erstaunlich die gemeinsame Erfahrung, dass das Buch uns tatsächlich zum Geschenk werden kann, unser Leben vertieft und weitet durch neues Erleben, neue Sichtweisen und Gedanken.

Beim zweiten Treffen im Dezember 2018 diskutieren wir in Gruppen zu bestimmten Begriffspaaren, was uns das eigene Buch bedeutet, ein Loslassen und Öffnen oder eher ein Aufräumen und Ablegen? ein Weitergeben, ein Mitteilen? Es gibt in den Gruppen verschiedene Positionen, persönliche Statements und anregende Überlegungen. Das eigene Zuhören wird mir jedesmal wichtiger. Man lernt sich kennen, das Verständnis füreinander wächst und das Schreiben unserer Bücher beflügelt uns immer noch.

Mein grösster Eindruck am Abend ist das anschliessende Theater, inszeniert nach einer Geschichte von Jürg Schubiger. Mein Mann und ich waren befreundet mit ihm. Mit seiner Frau sind wir weiter nah verbunden. Ich kenne die Geschichte schon, Jürg hat sie uns einmal vorgelesen. Ich frage mich gespannt, ob ich die Geschichte wohl wiedererkenne? Wie sie das Junge Schauspielhaus inszeniert hat, die Frage mit den Figuren gelöst, ob der Text vollständig oder empfindlich gekürzt ist und wie die Schauspieler spielen!? Und – was würde Jürg dazu sagen, wenn er noch lebte?

Nach dem Stück glaube ich, es hätte Jürg gefallen. Eine Frage ist mir wie ein Blitz durch den Kopf gefahren: Was heisst es, einen Text auf die Bühne zu bringen? Was passiert da? Mir wird warm und ich sage mir fast ein wenig aufgeregt: Ein Text hat ein eigenes Schicksal. Im Theater erhält er einen Raum, die Figuren einen Körper, die Sprache eine Stimme. Der Text wird lebendig! Ja, vor unseren Augen transformiert er sich.

Ich prüfe zu Hause meine Geschichte auf Theatertauglichkeit und gesprochene Dialoge. Ich weiss plötzlich dass die Gedichte in meiner Geschichte gesungen werden sollen, die Stimme aus dem Dunkel des Raumes kommen muss. Meine Fantasie ist angekickt. Leider habe ich beim nächsten Treffen nicht gefragt, ob andere auch auf diese Idee gekommen sind.

Es ist mir gar nicht bewusst, dass ich mich schon mit dem Kernthema beschäftigt habe: Wie kommt ein Text aus dem Buch auf die Bühne? Das war die Fragestellung beim dritten Treffen, im Januar 2019. Am Schluss bildeten wir kleine Gruppen, um vorerst alleine, ohne Dabeisein von Frerk von Unik und Petra vom Jungen Schauspielhaus, über unsere Bücher zu diskutieren und ein Projekt zu entwickeln für eine später geplante Unik-Lesung.

Ein Text hat ein eigenes Schicksal.
— Regula Amacher

Einige Tage später sitze ich im Tram neben einem Schauspieler, der in der Nachbarschaft wohnt und erzähle ihm von unseren Treffen und den gemeinsamen Besuchen von Theateraufführungen. Ich erzähle ihm, wie es mich fasziniert,  was mit einem Text geschieht, wenn er auf die Bühne gebracht wird. Darauf meint der Schauspieler, gerade dies sei sein tiefster Wunsch beim Spiel, Sprache lebendig zu machen. Wir bedanken uns beide für den Austausch, der drei Haltestellen kurz und intensiv war. Für ihn, sagt er noch, habe dieser Morgen gut angefangen.


Königinnentag

Eine Geschichte von Béatrice Flückiger. Sie hat in der Edition Unik ihr Buch geschrieben.

Königinnentag! (Bild: pexels.org)

Königinnentag! (Bild: pexels.org)

An diesem Morgen war in der Bäckerei schon früh Tagwache. Königskuchen sollten gebacken werden. Süsser Hefeteig mit Rosinen wurde geknetet. In einem der runden Weggli würde dann der weisse Plastikkönig versteckt. Seit Neustem existierten auch goldene Königinnen zum Verstecken. Wen wunderts, auch Bäcker und Bäckerinnen sind genderbewusst!

Und wer wollte nicht gerne einmal König oder Königin sein im Leben. Als Kinder durfte man dann jeweils seine Wünsche äussern und während eines Tages befolgten die übrigen Familienmitglieder nach Möglichkeit die Befehle oder Wünsche der Königin oder des Königs.

Heute Morgen war sie schon früh wach. Sie bestieg ihr Fahrrad und radelte in die Schule, in welcher sie vorher im Schulrat gesessen hatte. Und wie das fuhr! Ohne Mühe konnte sie sich auf dem Rad durch die Gegend bringen lassen, das Gleichgewicht zu halten war kein Problem für sie. Sie wunderte sich darüber, dass es so einfach war. In der Schule stürmte sie ins Lehrerzimmer. Unter der Türe wäre sie beinahe mit dem Rektor zusammengestossen. Er freute sich als er sie erkannte. Und bei ihren Kolleginnen und Kollegen brach ein grosser Freudentaumel aus. Sie war zurückgekehrt. Zurück von ihrer langen Auszeit. Und was für eine Auszeit hatte sie sich genommen. Moderne Lehrerinnen sprachen von Sabbaticals. Solche mussten genau geplant und im Voraus dokumentiert werden, damit sie von Schulleitungen und –Räten bewilligt werden konnten. Ihre Auszeit hiess Hirnblutung mit der Folge einer Körperlähmung linksseitig. In einem kurzen Augenblick war es im Sommer passiert. Ohne Vorankündigung, ohne Genehmigung durch irgendwelche Instanzen, sie fiel einfach aus. Ihr Hirn hatte geblutet. Alle Nerven der linken Körperhälfte wurden gelöscht, die gesamte Motorik und Sensorik wurden lahmgelegt.

Heute war Drei-Königs-Tag. Und sie fuhr Velo. Beschwingt, ohne zu kippen gelangte sie ganz leicht und froh, sozusagen ohne Anstrengung, ja sicher gelangte sie ans Ziel. Ein Glücksgefühl der besonderen Art wurde ihr geschenkt. Sie fühlte sich wie eine Königin, welche mit Leichtigkeit und Beschwingtheit ihren Aufgaben nachgehen konnte. Sie spürte ihre einstige Lebensfreude wieder. Es war Königinnentag! –

Dann erwachte sie aus ihrem Traum. Das Glücksgefühl beim Erwachen – wer weiss, vielleicht verhiess es ein gutes Omen für die Zukunft. Vielleicht würden die kommenden Wochen und Monate ihr ein Stück der verlorengegangenen Leichtigkeit und Beweglichkeit zurückbringen. Vielleicht erfüllen sich ja Königinnenträume auch im wirklichen Leben!


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Auch von Béatrice Flückiger: der literarische Erfahrungsbericht «Mein Buch-Kind ist da!»