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Von den Tuchlauben in Wien

Eine Genealogie von Kurt Zuckschwerdt. Er hat in der Edition Unik sein Buch geschrieben.

Hainrich sitzt am Weihnachtsabend 1444 mit seiner Familie im Zuckschwert Haus. Die Hausfrau ist frühmorgens auf den Fischmarkt gegangen und hat einen frischen Fisch gekauft. Auf dem Gemüsemarkt beschränkt sich im Winter die Auswahl gewöhnlich auf Pastinaken, Kohl, Rüben in verschiedenen Sorten, aber das ist nicht in jedem Jahr gegeben. Seit ein paar Jahren hat sich das Klima verschlechtert, es ist kälter und nässer geworden, die Kleine Eiszeit hat begonnen, wie man später sagt. Trotzdem zaubert unsere Hausfrau ein grossartiges Weihnachtsessen auf den Tisch: Forelle mit einer feinen Kräutersauce, gewürzt mit Pfeffer und Gewürznelken, was auch für die Verhältnisse der Familie im Zuckschwert Haus teuer war. Dazu Rotkohl und Dinkel und als besondere Spezialität ihr selber gemachtes Weissbrot, das sie in ihrem neuen Holzofen gebacken hat, ein besonders luxuriöses Modell, das ihr Hainrich zu Weihnachten schenkte. So muss sie nicht mehr auf dem offenen Feuer kochen und die ganze Wohnung mit Rauch fluten. Eine Flasche Wein aus dem Burgenland darf auch nicht fehlen, denn diese Feiertage sind ja nur einmal im Jahr. Vater, Mutter und Eltern prosten sich zu und wünschen gute Gesundheit, «das kann man immer brauchen», sagt die Grossmutter. Schweigend, aber leise schmatzend essen sie, mit dem Löffel wird der Fisch zerkleinert und mit den Fingern anschliessend in den Mund gesteckt. Wieder mal ein ausgezeichnetes Essen, sagt Heinrich anerkennend zu seiner Frau.

In der Stube brennt ein heimeliges Kaminfeuer und strahlt eine angenehme Wärme aus, doch die kalten Steinwände mag es nicht zu erwärmen. Sie haben zum ersten Mal auch einen kleinen Weihnachtsbaum geschmückt, wie das heute bei den adeligen Familien der neue Brauch ist. Die Kinder spielen um den Baum, es kommt eine gemütliche Atmosphäre auf. Heute Abend ist aber noch die Weihnachtsmesse in der grossen Domkirche auf dem Stephansplatz. Drei Generationen teilen sich das grosse Steinhaus. Es steht nahe vom Kohlmarkt und Graben, gleich bei den Tuchlauben. Die Zuckschwerts sind wohlhabende Bürger von Wien.

Siegel von Hainrich 1368 (Foto: zvg.)

Siegel von Hainrich 1368 (Foto: zvg.)

Der Vater erzählt von seinem Grossvater, wie er das Patrizierhaus Ende des 14. Jahrhunderts erbaut hat. Bereits 1368 war Hainrich der Zuchswert ein Notar und besass ein Siegel. Besonders Stolz war er auf die drei Schwerter von Raitenhaslach in seinem Siegel, belegten sie doch ihre Herkunft von den Rittern von Raitenhaslach. Viele Dokumente sind von ihm geschrieben und gesiegelt worden, so über die Errichtung einer Mauer zwischen den Häusern am alten Kohlmarkt von Thoman und der Chunigund Marstaller, geborene Zuchswert.

«Es war einmal», liebte der Hausherr zu scherzen, wenn er von seinen Vorfahren erzählte, «als Chalhoch Zuchswert, der Kleriker von Salzburg, bei der Heirat seiner Margarethe die zu erwartenden Kinder zwischen Salzburg und Bayern teilen musste». Oder Wernhardus Zuchswert von Friesach wurde am 10. Jänner 1290 vom Bischof Konrad als Zeuge und «unser Kapellan» erwähnt. «Es gab kurlige Bräuche in den alten Zeiten» meinte Hainrich. So kaufte zum Beispiel der Chunraten Zuchswert, der Chorherr von Herzogenburg am 12. März 1339 für fünf Schilling und fünf Pfennige eine Gülte für ein ewiges Licht am Frauenaltar der Stiftskirche. Noch heute würden sie gern wissen, für welche Nonne er das Licht entzündet hatte. Beim Benediktinerstift Melk, nicht weit entfernt und nur durch die Donau getrennt, traf man 1377 die zwei Bauern Cholman und Stephan Zuckswert, erwähnt in einem Kaufvertrag. Mit all den Zuckswerts in der Gegend könnte man denken, dass die Verbreitung von Raitenhaslach über Salzburg nach Wien wohl über verschiedene Klöster geführt hatte. Die Wiener sind heute überzeugt von ihrer Stadt und lieben ihren König Friedrich III. Seine Regierungszeit brachte im Reich Frieden und war nicht durch Taten und Kriege gezeichnet — er galt als die «Erzschlafmütze» des Heiligen Römischen Reiches.


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Das Buch von Kurt Zuckschwerdt kann bei ihm bestellt werden. Es kostet 31 Franken inkl. Porto und Verpackung.

Kurt Zuckschwerdt
Chellenstrasse 27
9403 Goldach
kuzu@gmx.ch


Ein Ausgleich

Alyson Joy Pestalozzi hat in der Edition Unik schon mehrere Bücher geschrieben und lädt ab dem 11. Mai zur Frühlingsausstellung in ihrem Atelier.

Das Schreiben ist für mich ein bereichernder Ausgleich zum bildnerischen Schaffen – und umgekehrt!
— Alyson Joy Pestalozzi, Teilnehmerin der Edition Unik
Flyer der Ausstellung (zvg.)

Flyer der Ausstellung (zvg.)

Mehr zur Ausstellung und den Daten im Veranstaltungshinweis.


Stimme aus der Edition Unik

Auch beim Schreiben meines zweiten Buches wurden in der Rückschau Gefühle und Erlebtes wieder erstaunlich lebendig. Es erstaunte mich, dass ich aus einer Fülle von Erinnerungen schöpfen konnte. Auch das reine Vergnügen zu schreiben, löste bei mir (fast) täglich grosse Freude und Befriedigung aus.
— Romana Taeuber Egli, Teilnehmerin der Edition Unik
Bild: Joëlle Kost

Bild: Joëlle Kost


Aus dem Leben gelesen

An den Edition Unik Cafés lesen Autorinnen und Autoren der Edition Unik aus ihren persönlichen Büchern. Am Frühjahrs-Café in der Alten Kaserne, Winterthur, haben Arlette Yildiz und Peter Zollinger gelesen.

Mit Arlette und Peter haben zwei spannende Menschen aus ihren persönlichen Büchern vorgelesen. Ich danke beiden für den Mut und die Offenheit – und freue mich auf weitere berührende Geschichten am nächsten Café.
— Katja Kolitzus, Kommunikation und Projekte Alte Kaserne

Mehr dazu
Fragment von Arlette Yildiz
Erfahrungsbericht der Edition Unik


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