Zwischen Leben, Buch und Bühne

Oder: Geschichten, die das Leben schreibt

Ein Essay von Claudia Kümin. Sie hat in der Edition Unik ihr Buch geschrieben und ist aktives Mitglied des Alumniprogramms.

 
Vielleicht ist mein Leben gar nicht so einzigartig, wie ich meine? Vielleicht wurden meine Geschichte und jene meiner Familie schon mehrmals gelebt – in einer anderen Zeit, an einem anderen Ort, durch andere Menschen – und werden sich immer und immer wieder abspielen?
 

Diese Gedanken beschäftigten mich im Frühling 2017 nach dem Besuch einer Theateraufführung nach Kafkas Erzählung «Die Verwandlung» im Schauspielhaus Zürich. Das Stück hatte mich emotional sehr aufgewühlt, weil es mich in erschreckender Weise an das unglückliche Ende meines Onkels erinnerte. Ende desselben Jahres sah ich in der Kammer des Schauspielhauses das Stück «Du bist meine Mutter» von Joop Admiraal über einen erwachsenen Mann, der jeden Sonntag zu seiner demenzkranken Mutter ins Pflegeheim reist, um mit ihr Zeit zu verbringen. Der Schauspieler Gottfried Breitfuss verkörpert die Rollen des Sohnes und der Mutter in so berührender Weise, dass mich auch dieses Stück tief in der Seele traf.

Autorin Claudia Kümin im Sommer 2018 an der BadragARTz (Foto: zvg.)

Autorin Claudia Kümin im Sommer 2018 an der BadragARTz (Foto: zvg.)

Ebendiese Gedanken mache ich mir seit den drei Treffen mit Edition Unik-Teilnehmern in den vergangenen Monaten erneut. «Zwischen Buch und Bühne – Was können Geschichten auslösen?» lautete der Titel der Einladung, die uns Ende August 2018 erreichte. Die Edition Unik und das Junge Schauspielhaus Zürich hatten uns gemeinsam eingeladen, die Frage zu ergründen, was unsere Erfahrungen und Geschichten aus der Edition Unik nach Abschluss des Buchprojekts auslösen können. Die drei Treffen fanden Ende Oktober, Anfang Dezember 2018 und Mitte Januar 2019 statt und boten Gelegenheit, uns über unsere Erfahrungen mit dem Schreiben und die Aktivitäten mit unseren fertigen Büchern auszutauschen. Beim dritten Treffen lasen wir einer Gruppe einen Auszug eines Buches vor, das uns aus irgendeinem Grund besonders beeindruckt hatte, und diskutierten engagiert darüber.

Jedes der drei Treffen wurde mit dem Besuch eines Theaterstücks abgeschlossen. Das erste Theaterstück heisst «Liebe Grüsse ... oder Wohin das Leben fällt», eine Uraufführung von Theo Fransz. «Drei Generationen untersuchen, wie es sich leben lässt zwischen Schicksal und Selbstbestimmung», steht auf dem Programmflyer. Dieses Stück gefiel mir besonders gut, weil die drei Schauspieler zwischen den Zeitebenen, der Gegenwart und der Vergangenheit, hin- und herwechseln. Die alte Frau, die ihren Umzug ins Pflegeheim vorbereiten soll und wenig später als junge Ehefrau und Mutter auf die Rückkehr ihres Ehemannes wartet, der alleine in der Weltgeschichte umherreist, weil seine Frau an einer Reisephobie leidet. Ihr Sohn ist der Vater des 10-jährigen Moritz‘, der jenem plötzlich als gleichaltrigem Bub gegenübersteht und diesen zum Cowboy-Duell herausfordert. Das Stück spielt auf einer Art Laufsteg, an dessen beiden Längsseiten das Publikum sitzt. Von Zeit zu Zeit verschwinden der Laufsteg und die Schauspieler hinter einem transparenten Vorhang, auf den beschwingte Bilder aus der Vergangenheit projiziert werden. Wir erfahren nach dem Theater, dass der Autor und Regisseur Theo Frantz das Stück gemeinsam mit dem Inszenierungsteam, mit Schulkindern und Senioren entwickelte, indem er biographisches Material sammelte.

Auch das zweite Theaterstück war sehr eindrücklich. Es trägt den Titel «Casa 18», besteht aus Geschichten aus dem Buch «Überall ist leicht zu verpassen» von Jürg Schubiger und spielt in einer heruntergekommenen Pension, in der ein paar Dauergäste leben, die sich die Zeit mit dem Erzählen von Geschichten vertreiben. Auf dem Programmflyer steht: «Es wird über das Leben philosophiert, das immer nur hier und endlich ist - wenn es überall und ewig wäre, wäre es allzu leicht zu verpassen.» Jürg Schubiger – ich will unbedingt eines seiner vielen Bücher, die er geschrieben hat, lesen – hatte übrigens am selben Tag Geburtstag wie ich. Er ist im September 2014 im Alter von 78 Jahren gestorben. Seine Witwe war an der Aufführung von «Casa 18» ebenfalls zugegen und zeigte sich sehr berührt von der Art und Weise, wie die Geschichten Ihres verstorbenen Mannes auf der Bühne umgesetzt worden waren. Eine Unik-Teilnehmerin war ihrerseits sehr bewegt, weil sie, wie sie später erzählte, das Stück angeregt hatte, sich ihr eigenes Buch als Theaterstück vorzustellen, in dem die Schauspieler die Gedichte, die in ihrem Buch vorkommen, singen.

Das dritte und letzte Theaterstück, das wir sahen, heisst «Der Josa mit der Zauberfiedel» nach einem Buch von Janosch und handelt vom Sohn eines grossen und starken Köhlers. Jener aber ist so klein und schwach, dass er niemals in die Fussstapfen seines Vaters treten kann. Deshalb schenkt ihm ein Vogel eine Zauberfiedel, die, wenn Josa auf ihr spielt, die Menschen verzaubert und diese kleiner oder grösser werden lässt, je nachdem, ob Josa seine Melodien vorwärts oder rückwärts spielt. Mit seiner Fiedel macht sich Josa auf den Weg zum Ende der Welt, wo der Mond ins Wasser versinkt. Und immer, wenn der zuhause gebliebene Vater den Mond am Himmel sieht, der zu- und wieder abnimmt, denkt er an seinen Josa. Das Stück, eine Mischung aus Schauspiel, Puppen, Objekten und Live-Musik, ist genauso liebevoll und bezaubernd wie Janoschs bekannte Kinderbücher. Es verwundert denn auch nicht, dass bei allen drei Theaterstücken viele Kinder im Publikum sassen.

Der Rückblick auf die drei Treffen unter dem Titel «Zwischen Buch und Bühne – Was können Geschichten auslösen?» führt mir einmal mehr vor Augen, wie stark Leben, Bücher und Theater sich gegenseitig beeinflussen können. Je mehr mich beispielsweise Biographien von Zeitgenossen oder Verstorbenen ansprechen, desto eher geben sie mir Denkanstösse und Möglichkeiten, aus den Erfahrungen, die diese Menschen gemacht haben, für mein eigenes Leben zu lernen. Und Theaterstücke wiederum können ein treffendes Abbild des Lebens sein, das einen mitten ins Herz trifft.

Und wer weiss, was aus unseren künftigen Treffen noch alles entstehen wird? Erst einmal treffen wir uns wieder, diesmal in kleineren Gruppen, um einen Beitrag für den Schweizer Vorlesetag vom 22. Mai 2019 vorzubereiten. Ich freue mich darauf.


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