«I Could Write A Book»

Weshalb es letztlich doch verlockender war, ein Buch zu schreiben, statt ein Netzwerk aufzubauen, das anderen Menschen den Weg zum Musizieren erleichtern könnte. Eine Betrachtung von Franz Neff, er hat in der Edition Unik sein Buch geschrieben.

Kontrabass-Klinik am Jazzworkshop Interlaken 2019 (Foto: zvg.)

Kontrabass-Klinik am Jazzworkshop Interlaken 2019 (Foto: zvg.)

Von der Musik zu erzählen, wenn sich Freunde und Bekannte nach dem Befinden erkunden, ist eine gute Möglichkeit, im Gespräch von Berichten über den Gesundheitszustand und den damit verbundenen Nebenerscheinungen abzulenken. Es ist auch eine Möglichkeit, die von Teresa von Avila verfassten «Vorsätze eines älter werdenden Menschen» umzusetzen – und «young at heart» zu bleiben. Aber vor allem bereitet es mir Freude, meine Begeisterung für das Musizieren mit anderen zu teilen.

Nicht selten erwidern die Gesprächspartner, wie gerne auch sie wieder oder endlich einmal ein Musikinstrument spielten. Sie könnten sich aber nicht vorstellen, wie das anzustellen sei. Diesen Menschen einen individuell sinnvollen Ratschlag zu geben, ist schwierig. Zu unterschiedlich sind die Voraussetzungen, zu gross die Auswahl der Möglichkeiten sich musikalisch zu betätigen. Es müsste dafür ähnlich wie die Berufsberatung eine Art Musikberatung geben.

Dieser Gedanke liess mich nicht mehr los, ich versuchte ihn weiterzuspinnen und schrieb vor einiger Zeit folgende Ideenskizze mit dem Titel «Evergreen»:

Wer im dritten Lebensabschnitt musiziert, bleibt länger jung und gesund, findet Freude, Zufriedenheit und soziale Kontakte. Für Kinder und Jugendliche ist der Zugang zum Musizieren institutionalisiert. Wollen aber Menschen mit grosser Lebenserfahrung ein Instrument neu bzw. wieder spielen oder richtig singen lernen, müssen sie sich selber helfen. Möchten sie zudem die gehörten Harmonien auch verstehen, ist meist das Selbststudium die einzige Option. Wer zusammen mit anderen Erwachsenen Musik machen will, muss unterschiedliche Erwartungen, Vorkenntnisse und Lebensumstände und persönliche Erfahrungen mit Musik zusammenbringen. All diese Hindernisse sind in der Regel für eine Person zu hoch. Die einzige leicht zugängliche Möglichkeit bleibt oft der Chorgesang. «Evergreen» sollte neue Türen zur Welt der Musik öffnen.

Als Erstes plante ich, ein Netzwerk von Musiker/innen aufzubauen und hoffte, diese würden ihrerseits mit In- halten und Anregungen zum Konzept beitragen. Sicher mit von der Partie wären meine Singlehrerin Barbara La Faro und der Basslehrer Housi Ermel. Ich hatte telefonisch Kontakt mit Frank Sikora, Autor des Buches «Neue Jazz-Harmonielehre». Er hatte mich sehr ermutigt, am Projekt weiterzumachen, und eingeladen, mit konkreten Ideen wieder anzuklopfen.

Nun liegen meine Stärken eher beim Entwickeln und Beschreiben von Ideen als bei der Organisation um Umsetzung von Projekten. Ich benötige dafür einen klaren Auftrag und Unterstützung, sonst bin ich empfindlich gegenüber kritischen Einwänden. Darum wurde ich von der heftigen Ablehnung der Idee durch meinen ehemaligen Klavierlehrer so überrumpelt, dass ich das Projekt gar nicht angemessen verteidigen konnte. An Musikschulen gäbe es bereits solche Angebote für Erwachsene. Es sei Aufgabe der Lehrpersonen, solche Bedürfnisse zu erkennen und Möglichkeiten aufzuzeigen. Ich solle diese Arbeit den Profis überlassen. Diese Standpauke reichte, um das Projekt kleinlaut wieder zu begraben.

Ab und zu taucht die Idee in Gesprächen mit Freunden wieder auf. Oder ich erinnere mich wieder daran, wenn ich in der NZZ (27.1.2018) einen Artikel mit dem Titel lese «Warum Klavierspiel den Geist fit hält», worin genau diese Schwierigkeiten und Hemmungen dargestellt sind, sehr spät noch ins Musizieren zu kommen. Auch Marie-José und Barbara versuchten mich neu zu motivieren. Doch die Selbstzweifel waren stärker.

Tatsächlich gibt es an Musikschulen Angebote für Erwachsene. Das Konservatorium Bern zum Beispiel bietet eigens Musikkurse für Erwachsene an. Allerdings klagt die Fachbereichsleiterin im Vorwort der entsprechenden Broschüre, dass noch immer nicht allgemein bekannt sei, dass das «Konsi» nicht nur Kindern und Jugendlichen offenstehen, sondern genauso Erwachsenen. Ist das nicht ebenfalls ein Hinweis, dass der Zugang auf einer tieferen Schwelle erfolgen müsste? Als unerfahrener Interessent muss man doch zuerst auf die Idee kommen, dass Schulen für angehende Berufsmusiker auch Angebote für Laien haben.

Hat man bereits eine Präferenz für ein bestimmtes Instrument, kann man nach Privatlehrern «googeln» oder in einem Musikgeschäft nach Anlaufstellen fragen. Es braucht dann etwas Glück, eine Lehrperson zu finden, die auf individuelle Wünsche und Vorkenntnisse eingehen kann. Seine Bedürfnisse zu kennen und auch darstellen zu können, ist dafür allerdings eine wichtige Voraussetzung. Das «Evergreen»-Projekt hätte dabei Unterstützung bieten sollen. Allzu lange trauerte ich ihm nicht nach. Schliesslich hatte und habe ich mit meinen verschiedenen Musikprojekten genug zu tun.

Ein Buch über meine eigenen Erfahrungen zu schreiben, versprach grösseren Lustgewinn als der Aufbau eines Netzwerkes und die dafür wohl unvermeidlichen Aktivitäten in sozialen Medien. Das wunderschöne Liebeslied «I Could Write A Book» spielte ich bei Jürg in der Klavierstunde. Später lernte ich den Song auch auf der Gitarre zu spielen und zu singen. Nun ist geplant, das Lied mit Begleitung am Bass an Barbaras nächstem Schülerkonzert vorzutragen. Am Tag darauf werde ich ja die ersten zwei gedruckten Exemplare dieses Buches erhalten.