Von Schnecken und Lücken im Lebenslauf

Ein Auszug von Arlette Yildiz. Sie hat in der Edition Unik ihr Buch geschrieben.

Vor ein paar Tagen habe ich folgenden Spruch auf einem Kalender entdeckt: «Sie haben da eine Lücke in Ihrem Lebenslauf ... – Ja, war geil!» Herrlich! Ist das nicht wie eine Kurzgeschichte über das Leben in der Schweiz? Warum sagen wir überhaupt Lebenslauf? Das ist doch nicht mein Leben. Das ist meine Arbeitsgeschichte. Auf Bali fragen sie zum Beispiel nie nach dem Beruf, sondern: «Wie viele Kinder hast du?» Und wer mit keine antwortet, erntet Blicke voller Mitgefühl, denn für die Balinesen ist ein Leben ohne Kinder schlicht unvorstellbar. Hier in der Schweiz tun wir so als wäre die Arbeit alles.

Innehalten und das Schöne entdecken. (Bild: pexels.org)

Innehalten und das Schöne entdecken. (Bild: pexels.org)

Auch für mich war die Arbeit über lange Zeit Zentrum meines Lebens. Als es mir zunehmend nicht mehr gelang, mich selbst genügend zu täuschen und sich meine innere Stimme immer lauter zu wehren begann, brannte ich allmählich aus. Und heute schaue ich genauer hin, wie eine Firma ihr Geld erwirtschaftet, vor allem wie sie mit den Arbeitnehmern umgeht. Als Mitte September 2018 Novartis bekannt gab, dass sie über die nächsten paar Jahre 2‘150 Arbeitsplätze in der Schweiz abbauen werden, ist der Aktienkurs gestiegen. Geht’s denen noch, frage ich mich, wo sollen diese Menschen Arbeit finden? Warum geht kein Aufschrei durch die Schweiz?

Seit ich selber nicht mehr im Arbeitsprozess drin bin, sehe ich wie sich alles der Wirtschaft unterzuordnen hat und das finde ich bedenklich. Zumal Ökonomie eigentlich bedeutet: mit den vorhandenen Ressourcen schonend wirtschaften. Machen wir das? Ich habe da meine Zweifel. Unser ökologischer Fussabdruck scheint jeden- falls zu gross zu sein für diese Erde, wenn alle so leben würden mit ihren Ansprüchen wie wir das tun. Bedingt durch meine Arbeitslosigkeit und zunehmend auch eine Arbeitsunfähigkeit, weil ich das Tempo und den Druck nicht mehr aushalten konnte, bin ich aus dem gesellschaftlichen Rahmen herausgefallen, musste meinen eigenen finden. Da auch der finanzielle Rahmen kleiner wurde, lernte ich bescheidener zu leben und entdeckte wie viel freier ich mich mit weniger Ansprüchen fühle. Ganz nebenbei habe ich einen anderen Lebensrhythmus gefunden. Ich bin gerne langsam unterwegs, habe selten Eile und wenn, dann versuche ich mich wieder zu verlangsamen.

In der Langsamkeit habe ich wieder zu einem Vertrauen in mich und das Leben finden können. Die Gestaltung meines Lebens ohne Arbeit finde ich nicht immer so toll, wie es sich anhört. Denn wenn der Lebenslauf seit über dreissig Jahren vorwiegend aus Arbeit bestand, herrscht da am Anfang viel Leere. Da habe ich einmal eine Schnecke beobachtet, weil ich wissen wollte, wie die unterwegs ist in ihrem Leben. Vielleicht könnte ich ja was lernen. Und siehe da: Schnecken scheinen den Weg zu geniessen, machen allenfalls einen Umweg, warum auch immer, ganz schlüssig konnte ich diese Frage nicht klären. Jedenfalls fand ich Schnecken beruhigend. Die lassen sich auf keine Weise stressen. Falls sie trotzdem etwas in der Richtung in ihrer Nähe wahrnehmend, ziehen sie sich blitz- schnell in ihr Haus zurück. Heraus kommen sie erst wieder, wenn die Luft, nach vorsichtiger Prüfung, tatsächlich rein ist. Ist sie es nicht, bleiben sie im Haus. Das hat doch etwas Sinnvolles.

Und so suche ich mir nun meinen eigenen Weg. Langsam wie eine Schnecke setze ich einen Fuss vor den anderen. Dabei nehme ich mir Zeit innezuhalten und die Schönheit eines Momentes in der Natur oder die tiefe Begegnung im Gespräch mit einem Mitmenschen zu geniessen. Manchmal geniesse ich auch einfach die Freude an der Begegnung mit mir selbst. Dann sage ich zu mir: «Ist es nicht das, worum es im Leben eigentlich geht, das innehalten und das Glück so einer Lücke in der Zeit auszukosten?»


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