Ungestörte und schönste Zeit – Kindheit in Ulaanbaatar

Ein Fragment aus dem Buch «Das Leben und ich» von Fiore Rubino. Fiore Rubino hat ihr Buch in der Edition Unik geschrieben und anschliessend publiziert.

Fit und fröhlich: Autorin Fiore Rubino mit den beiden Versionen ihres Buches (Foto: zvg.)

Fit und fröhlich: Autorin Fiore Rubino mit den beiden Versionen ihres Buches (Foto: zvg.)

Ein Land, unberührt, natürlich und reich an Bodenschätzen. Ein Land mit weiten Steppen und der heissen Wüste Gobi, mit schönen Bergen, streichelnden Winden und strahlend blauem Himmel an 360 Tagen im Jahr – das ist die Mongolei.

Geboren und aufgewachsen bin ich in Ulaanbaatar, der Hauptstadt der Mongolei. Wir lebten an einer langen Strasse in einer schneeweissen Jurte, die zusammen mit zwei anderen Jurten durch einen Holzzaun und eine Metalltüre von der Strasse abgetrennt war. Morgens machte mein Vater jeweils als erstes Feuer im «Zuuh» (Ofen) und kochte dann Tee. Ich genoss es immer, neben dem Ofen zu sitzen, Hände, Rücken und Popo zu wärmen und zu frühstücken. Manchmal legten wir die Kleider in die Nähe des Ofens, damit sie später zum Anziehen schon warm waren. Ich bin das drittjüngste von sechs Kindern. Ich habe zwei ältere Brüder, eine ältere Schwester und zwei jüngere Schwestern.

Alle Kinder spielten immer draussen, denn die wenigsten der hier lebenden Familien hatten einen Fernseher. Sobald die Hausaufgaben gemacht waren und alles aufgeräumt war, stürzten die Kinder nach draussen. Oder man ging zu der einzigen Familie, die einen Fernseher hatte und bat die Erwachsenen: «Dürfen wir bei euch das Kinderprogramm schauen?» Die Antwort lautete stets: «Ja, klar doch...» Dann sassen alle brav am Boden bis der Film fertig war. Mit der Zeit hatten immer mehr Familien einen Fernseher.

Fiore Rubino beherrscht nicht nur den echten Spagat, sondern auch jenen zwischen zwei Welten (Fotos: zvg.)

Fiore Rubino beherrscht nicht nur den echten Spagat, sondern auch jenen zwischen zwei Welten (Fotos: zvg.)

Bereits als Kind habe ich, wann immer ich etwas haben wollte, dafür eine Lösung gesucht. Was ich gut fand, habe ich einfach getan. Hier ein paar Beispiele: Als ich unbedingt ins Kino wollte und Geld für den Kinoeintritt benötigte, fing ich zwei Wochen vorher an, Papas Schuhe zu putzen. Dann fragte ich meinen Vater: «Hast du deine Schuhe gesehen?» Da antwortet er: «Ja, das habe ich gesehen, das hast du gut gemacht...» – und gab mir das Geld für das Kino. Dann gingen wir mit Freunden ins Kino. Oder ich putzte die Fenster, wenn ich Geld für Kekse oder Bonbons wollte. Einmal sah ich in einem Bus einen jungen Mann, der Zwetschgen ass. Da kriegte ich wahnsinnig Lust darauf. So fragte ich: «Dürfte ich bitte ein Stück davon haben?» Ich kriegte sogar drei Stücke.

Das war schon früh meine Strategie: Immer fragen. Ohne fragen geht nichts. Sehr gerne mochte ich, wenn meine Grossmutter Milch mit Reis kochte. Damit sie dieses leckere Gericht für mich zubereitete, nahm ich hin und wieder eine kleine Packung Milch aus unserem Kühlschrank und brachte sie zu Grossmutter. Wenn am Abend die Eltern merkten, dass zu wenig Milch im Kühlschrank war, gab ich mich unwissend und sagte: «Ich weiss nicht, wo die Milch ist», oder manchmal sagte ich: «Ich habe die Milch getrunken.»

Eines Tages habe ich im Handarbeitsunterricht ein neues Strickmuster gelernt. Erst war es mir und den anderen Mädchen nicht klar, aber nach mehrmaligem Nachfragen bei der Lehrerin hatte ich das Muster im Kopf und notierte es auf einem Blatt Papier. Auf dem Nachhauseweg studierte ich die Skizze.

Doch ich hatte ein Problem. Ich hatte keine Wolle! So ging ich direkt zu meiner Grossmutter und fragte sie. Leider hatte sie keine, nur verschiedene Resten. Sie sagte: «Warte ein paar Tage, nächste Woche besorge ich dir welche.»

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Doch ich erwiderte: «Nein, bis dahin werde ich das Muster vergessen haben.» Also ging ich nach Hause und suchte in den Stricksachen meiner Mutter, fand aber auch da nichts. Also trennte ich meinen Schal und meine Mütze auf – ich hatte Faden zum Stricken! Fünf Mal hatte ich begonnen, doch sassen die Maschen noch nicht richtig. Zum Glück kam dann meine Mutter nach Hause. Ich habe sie um Hilfe gebeten, da ich am nächsten Tag meine Mütze wieder anziehen wollte. Ich kochte für sie Tee und setzte mich dann neben sie, worauf sie mir zeigte, wie man richtig beginnt.

Dann strickte ich mit grosser Freude fleissig weiter bis morgens um fünf Uhr in der Früh, obschon mich meine Eltern mehrmals aufforderten, endlich schlafen zu gehen. Ich erinnere mich noch gut, wie ich die letzten Reihen im Schein meiner Taschenlampe unter der Bettdecke versteckt fertig gestrickt habe.

Meine Eltern sprechen noch heute davon: Wenn Fiore etwas erreichen wollte, konnten wir sie nicht stoppen – das Beste war, sie in Ruhe ihre Sache machen zu lassen.


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Das Buch «Das Leben und ich» von Fiore Rubino ist inzwischen bei Liteareon erschienen und kann mit der ISBN 978-3-8316-2011-1 im regulären Buchhandel bestellt werden.
Hinweis: Am 27. April lädt Fiore Rubino zur Benefizveranstaltung im GZ Riesbach, Zürich. Details folgen rechtzeitig im Veranstaltungskalender.

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