Tante Emmas Wanduhr

Ein Auszug von Katharina Gerber. Sie hat in der Edition Unik ihr Buch geschrieben.

Tante Emma war wirklich eine Grosstante von mir und hat nichts mit dem Tante Emma-Laden zu tun. Sie war eine Schwester meines Grossvaters mütterlicherseits und im Gegensatz zum Grossvater hatte ich zu ihr eine warme Herzens- Verbindung. Sie war Diakonissin und schon betagt, als ich ein junges Mädchen war. Neulich begegnete mir ein Brief, den sie mir damals ins Welschland, nach Neuchâtel, geschrieben hatte. Dieser Brief zeugt von so viel Zärtlichkeit, Verständnis und Anteilnahme für mich und mein junges Alter. Ich war total erstaunt und gerührt, weil mir diese Gefühle und diese Art Zuwendung von ihr, gar nicht mehr bewusst waren. Ich fühlte mich damals, gerade auch vom nahen Umfeld, eher unverstanden... begründen will ich dies jetzt nicht, es ist ein Gefühl, das beim Gedanken an diese Zeit aufkommt und auch in meinen Tagebüchern vielfältig auftaucht. 

«Das Ticken stört heute nicht mehr.» (Foto: zvg.)

«Das Ticken stört heute nicht mehr.» (Foto: zvg.)

Tante Emma hoffte inniglich, dass ich, wenn nicht gerade Diakonissin, so doch einen Pflegeberuf ergreifen würde. Ich war aber heilfroh, dass der Gedanke in Riehen, dem Diakonissenhaus, das Haushaltlehrjahr oder gar die Schwesternausbildung zu absolvieren, nie ernsthaft in Erwägung gezogen wurde. Ich hatte ja noch eine andere Grosstante, die Rotkreuzschwester war. DAS war für mich nicht nur eine Option, sondern ein erstrebenswertes Ziel, obwohl ich gar nie richtig wissen wollte, was eigentlich die Aufgabe einer Krankenschwester sein würde! Ich wollte einfach Krankenschwester werden, wie Tante Martha, die andere Grosstante! 

Meine Mutter besuchte Tante Emma regelmässig mindestens alle Monate, vielleicht gar häufiger in ihrem Stübchen im Neuen Heim des Diakonissenhauses in Riehen. Das Neue Heim war der Ort, wo sich die Diakonissinnen nach ihrer aktiven Berufszeit zurückziehen durften, wenn sie das wünschten. Tante Emma lebte erst dort, als sie gehbehindert und krank geworden war. Ich habe diese Wohnsituation in eigenartig positiver Erinnerung. Meine alte Tante war eingebettet in eine sich kümmernde, liebevolle Gemeinschaft älterer Schwestern. Es kam vor, dass meine Mutter und ich zum Zvieri oder Znacht eingeladen wurden und am Gemeinschaftstisch mitessen durften. Eigentlich machte ich die Besuche lieber allein, weil dann die Zuwendung von Tante Emma nur mir galt. Das kommt mir jetzt wieder in den Sinn und ist sehr präsent. 

Als junge Krankenschwester machte ich eine nächtliche Sitzwache am Bett von Tante Emma, als sie im Sterben lag. Da war diese kleine Wanduhr, die in der stillen Kammer deutlich und bestimmt tickte. Ich hielt das Pendel an, weil es mich störte. Meine Mutter brachte mir dann aus dem Nachlass von Tante Emma diese Wanduhr mit. Ich war gerührt und beglückt, daran erinnere ich mich noch sehr gut. Sie tickt jetzt bei mir in meinem Wohnzimmer weiter. Seit ich pensioniert bin, stört mich ihr Ticken nicht mehr. Ohne das Pendel hoch zu ziehen, läuft sie keine 24 Stunden. Also gibt es kein tägliches Ritual, sie aufzuziehen, sondern im Vorübergehen erinnert sie mich daran, dass sie aufgezogen werden möchte. Sie ist eine schöne Erinnerung an diese liebe alte Grosstante Emma!


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