Mariettli, Kurtli und Dorli

Ein Fragment von Verena Raaflaub. Sie hat in der Edition Unik mehrere Bücher geschrieben.

Mariettli
Mit meinem kleinen Brüderchen hatte ich es eigentlich gut, aber mein Wunsch war, eine richtige Schwester zu haben, mit der man wie Mädchen spielen konnte. Als ich also fünf war, wurde mir mitgeteilt, dass man bei der Hebamme, der Frau Wüst, ein Kind bestellt habe. Schon der Name verriet nichts Gutes. Und dass man nicht wünschen konnte, was man möchte, konnte ich nicht begreifen. Sie werde einfach das bringen, was da sei. Ich wusste doch, dass ich beim Bäcker ein dunkles Brot bekam, wenn ich es so bestellte. Das gab’s doch einfach nicht! Also bearbeitete ich intensiv meinen armen Vater, sofort mit dem Fahrrad zu dieser Frau Wüst zu fahren (Telefon gab es noch nicht) und unbedingt ein Mädchen zu bestellen, bevor ein nicht wieder gut zu machendes Unglück passierte. Er weigerte sich. Ich fasste es nicht!

«Mariettli ist da, kein Schoss mehr für mich.» (Foto: zvg.)

«Mariettli ist da, kein Schoss mehr für mich.» (Foto: zvg.)

Eines Morgens, als ich aufstand, lag Mueti im Bett, und ein sauber eingepacktes Kind schlief im bereit gemachten Stubenwagen. Meine erste Frage: “Aber ist es ein Mädchen??” Es hatte Glück, es war ein Mädchen und es bekam den Namen Marietta, der eigentlich für mich vorgesehen gewesen wäre und auf den ich ziemlich lange neidisch war. Wenn es ein Bub gewesen wäre, hätte ich Dädy sehr bedrängt, das Ding auszutauschen. Leider entwickelte sich dieses gewünschte Schwesterchen nicht schnell genug zu der Spielkameradin, die ich mir erhoffte. Erst lag es lange hilflos herum, dann fing es an, meine Sachen zu packen und zu zerknüllen. Ja, es trachtete sogar danach, meinem geliebten Schlafbäbi Ruthli die Augen einzudrücken, es herumzuschmeissen und weitere böse und störende Sachen zu tun. Als es damit besser wurde, ging ich schon zur Schule und hatte andere Interessen und Freundinnen. Es entwickelte sich dann aber trotz allem allmählich zu einer wirklich lieben und tollen Schwester.

Kurtli
Kaum war ich angekommen auf der Hole, kaum hatte ich mich mit der neuen Schule und dem Schulweg ausgesöhnt und fand die Gspändli nicht mehr so übel, wurde ich mit dem nächsten grossen Brocken konfrontiert: Mueti wurde immer dicker, und ich fragte, ob es so viel gegessen habe. Die Eltern erklärten mir, dass in seinem Bauch ein Kindlein wachse. “Waaas? Wie geht das?” Was ich natürlich sofort fragte, war: "Wie kommt es denn da hinein?" Ratlose Gesichter! Die Antwort, dass ich noch zu klein sei und man es mir später erklären werde, weckte natürlich meine Neugierde. Ich ahnte ein Geheimnis. Und dann war da noch die Frage: "Wo kommt es denn heraus?" Das Thema beschäftigte mich länger, und ich begeisterte Marianne dafür. Sie war die Tochter unserer Nachbarn, etwa 400 Meter von uns entfernt und ein paar Monate älter als ich. Und so spielten wir zusammen Puppengeburten und kamen nach langem Diskutieren und Überlegen zum Schluss, dass die Kinder aus dem Nabel kommen müssen. Von einer eigens dafür vorgesehenen Öffnung wussten wir nichts. Später haben wir uns das notwendige Wissen selber angeeignet, und ich habe nie mehr nachgefragt. Jeweils am Sonntag, wenn die Eltern Spazieren oder auf den Friedhof gingen, holte ich das dicke Doktorbuch aus der hinteren Bücherreihe zuoberst im Buffet. Dort konnte man einen Frauenbauch richtig Schicht um Schicht aufklappen und staunen. Was es da alles gab, von dem man nichts sah von aussen! Das Buch war immer rechtzeitig und unauffällig wieder am Ort. Eines von uns stand Wache am Fenster, und so fiel nichts mehr auf, wenn die Eltern nach Hause kamen.

Eines Morgens wurden wir drei Kinder also unserer geliebten Tante anvertraut, sie sollte mit uns im Neuhaus irgendeine Besorgung machen. Als wir am Mittag heim kamen, lag da ein Neugeborenes. Während unserer Abwesenheit war, wie auch immer, ein Bub zur Welt gekommen. Das war eine freudige Angelegenheit, hatte ich doch jetzt eine lebendige, warme Puppe, die bald einmal meine durchs Passevite gepressten Breie schmatzte, die ich wickeln und waschen konnte wie ein echtes Bisibäbi und die mich mit molligen, weichen Ärmchen empfing und umfing. Ich liebte diesen Sonnensein.

Dorli
Ich staunte und wollte es zuerst nicht glauben, als ich im Alter von 13 Jahren vernahm, dass der Storch noch einmal vorbeikommen werde. Es war für mich unvorstellbar. Meine Eltern, in diesem hohen Alter (Dädy war 37, Mueti 36 Jahre alt) machen noch solche Sachen, und jeder kann es am Resultat sehen. Ich schämte mich! Trotzdem ging ich dann mit Mueti Windeln (Barchent und Gaze) einkaufen in die Stadt. Es war ja nichts mehr vorhanden, weil eigentlich die Familienplanung abgeschlossen war. Und ich fing an, wie wild zu stricken. Heimlich freute ich mich natürlich!

In der Nacht der Geburt hatte ich solche Angst, dass Mueti sterben würde. Das war die Nacht, als mich Grosis Hebammenköfferchen und mein heimlich gestohlenes Bücher-Halbwissen, vereint mit meiner inneren, langsam erwachenden Frau verbündeten und brutal von hinten in wilden Fantasien überfielen. Im einsam-abgelegenen Haus am Waldrand wachte ich allein bei den drei Kleinen. Die Eltern fuhren ins Spital nach Bern. Ich stellte mir die Geburt schlimm vor, und ich war so allein. Vor meinem inneren Auge tanzten die Folterinstrumente aus Grosis Hebammenköfferchen, im Kopf wirbelten die Geschichten von dramatischen Geburten bei meinen Tanten. Wir überlebten alle.

Ein herziges Schwesterchen kam vom Spital mit nach Hause. Ich kam sogar zu spät zur Schule an diesem Tag, dem ersten Schultag nach den Ferien. Ich vergass die Zeit, so süss war die Kleine. Wir einigten uns auf Dora Katharina. Es weckte in mir mütterliche Gefühle, war auch ein wenig mein Kind. Ich strickte Jäckchen und Finklein, hatte viel Freude mit ihm und hätte es nie missen wollen. Weil es Kuhmilch nicht vertrug, mussten seine Schöppeli mit gesüsster Kondensmilch gemacht werden. Immer wieder war die Büchse leer, weil wir andern im Geheimen der dickflüssigen Versuchung erlagen. Es war derart fein. Und wir fanden, uns sei auch etwas zu gönnen. Viele Jahre vergingen, bis Dorli zu einer richtigen Schwester heranwuchs, oder bis ich es als richtige Schwester empfand. Später hörte ich, dass sie darunter gelitten hatte, immer nur die Kleine zu sein. Und ich musste immer die Grosse sein. Was ist besser? Ich weiss es nicht.

Mehr von Verena Raaflaub lesen?
Fragment Ein Brüderchen