Königinnentag

Eine Geschichte von Béatrice Flückiger. Sie hat in der Edition Unik ihr Buch geschrieben.

Königinnentag! (Bild: pexels.org)

Königinnentag! (Bild: pexels.org)

An diesem Morgen war in der Bäckerei schon früh Tagwache. Königskuchen sollten gebacken werden. Süsser Hefeteig mit Rosinen wurde geknetet. In einem der runden Weggli würde dann der weisse Plastikkönig versteckt. Seit Neustem existierten auch goldene Königinnen zum Verstecken. Wen wunderts, auch Bäcker und Bäckerinnen sind genderbewusst!

Und wer wollte nicht gerne einmal König oder Königin sein im Leben. Als Kinder durfte man dann jeweils seine Wünsche äussern und während eines Tages befolgten die übrigen Familienmitglieder nach Möglichkeit die Befehle oder Wünsche der Königin oder des Königs.

Heute Morgen war sie schon früh wach. Sie bestieg ihr Fahrrad und radelte in die Schule, in welcher sie vorher im Schulrat gesessen hatte. Und wie das fuhr! Ohne Mühe konnte sie sich auf dem Rad durch die Gegend bringen lassen, das Gleichgewicht zu halten war kein Problem für sie. Sie wunderte sich darüber, dass es so einfach war. In der Schule stürmte sie ins Lehrerzimmer. Unter der Türe wäre sie beinahe mit dem Rektor zusammengestossen. Er freute sich als er sie erkannte. Und bei ihren Kolleginnen und Kollegen brach ein grosser Freudentaumel aus. Sie war zurückgekehrt. Zurück von ihrer langen Auszeit. Und was für eine Auszeit hatte sie sich genommen. Moderne Lehrerinnen sprachen von Sabbaticals. Solche mussten genau geplant und im Voraus dokumentiert werden, damit sie von Schulleitungen und –Räten bewilligt werden konnten. Ihre Auszeit hiess Hirnblutung mit der Folge einer Körperlähmung linksseitig. In einem kurzen Augenblick war es im Sommer passiert. Ohne Vorankündigung, ohne Genehmigung durch irgendwelche Instanzen, sie fiel einfach aus. Ihr Hirn hatte geblutet. Alle Nerven der linken Körperhälfte wurden gelöscht, die gesamte Motorik und Sensorik wurden lahmgelegt.

Heute war Drei-Königs-Tag. Und sie fuhr Velo. Beschwingt, ohne zu kippen gelangte sie ganz leicht und froh, sozusagen ohne Anstrengung, ja sicher gelangte sie ans Ziel. Ein Glücksgefühl der besonderen Art wurde ihr geschenkt. Sie fühlte sich wie eine Königin, welche mit Leichtigkeit und Beschwingtheit ihren Aufgaben nachgehen konnte. Sie spürte ihre einstige Lebensfreude wieder. Es war Königinnentag! –

Dann erwachte sie aus ihrem Traum. Das Glücksgefühl beim Erwachen – wer weiss, vielleicht verhiess es ein gutes Omen für die Zukunft. Vielleicht würden die kommenden Wochen und Monate ihr ein Stück der verlorengegangenen Leichtigkeit und Beweglichkeit zurückbringen. Vielleicht erfüllen sich ja Königinnenträume auch im wirklichen Leben!


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