Ja, hier ziehen wir hin

Ein Auszug von Monika Leyde. Sie hat in der Edition Unik ihr Buch geschrieben.

Endlich brachen wir nach Basel auf, der Stadt im Dreiländereck, die Jojo als zukünftigen Wohnort vorgeschlagen hatte, weil er auf keinen Fall wieder in Zürich leben wollte. Und tatsächlich war es bei mir Liebe auf den ersten Blick. Basel gefiel mir auf Anhieb. Mit der grossen Altstadt, den vielen alten, renovierten Häusern, den malerisch verwinkelten Gässchen, dem eindrucksvoll hoch über dem Rheinufer thronenden Münster und den schönen Plätzen, dem farbenfrohen Marktplatz, dem charmanten kleinen Andreasplatz. Besonders die Szenerie am Rhein gefiel mir sehr, mitten durch die Stadt floss dieser breite Strom und bescherte ihr eine unerwartete, wohltuende Weite. Mit einem Bürli und einem Stück Käse in der Hand sassen wir auf den Stufen am sonnigen Kleinbasler Ufer, und ich sagte: «Ja, hier muss es schön sein zu leben, hier ziehen wir hin.»

Blick von der «Pfalz», der Aussichtsterrasse hinterm Münster, aufs Kleinbasler Ufer (Foto: zvg.)

Blick von der «Pfalz», der Aussichtsterrasse hinterm Münster, aufs Kleinbasler Ufer (Foto: zvg.)

Jetzt brauchten wir noch eine Wohnung, aber das war zum Glück deutlich einfacher als eine Wohnungssuche in Berlin. Wohlweislich hatten wir ein Zelt dabei, in dem wir auf dem Campingplatz von Lörrach, einer deutschen Kleinstadt kurz hinter der Grenze, preisgünstig übernachten konnten. Jeden Morgen fuhren wir gleich nach dem Aufstehen nach Basel, um im Roten Teufel am Andreasplatz zu frühstücken, einem sympathischen Café mit Selbstbedienung und, ganz wichtig, vielen Zeitungen. Auch den Baslerstab hatten sie dort aufgelegt, einen Gratisanzeiger, der täglich erschien und das grösste Immobilienangebot enthielt. Bym z'Mörgele, beim Frühstück, gingen wir ihn aufmerksam Seite für Seite durch und kreuzten alle Zweizimmerwohnungen an, die uns interessierten. Beim Bezahlen der Rechnung achteten wir darauf, dass genügend Kleingeld zusammen kam, um anschliessend in der Telefonzelle - ja, damals gab es noch Telefonzellen (!) - die aufgeführten Kontaktpersonen anzurufen.

Die Wohnung in der Gärtnerstrasse 67, die sich im Kleinbasel befand, der rechts vom Rhein liegenden Stadthälfte, dem «Kreuzberg von Basel», wie ich später sagen würde, war eine der ersten Wohnungen, die wir besichtigten. Ein Herr Suter hatte uns telefonisch den Termin angegeben, an dem die Vormieterin sie uns zeigen würde. Die Wohnung war genau richtig für uns, mit einem grosszügigen Eingangsbereich, zwei geräumigen, fast gleich grossen Zimmern, einem Badezimmer mit Badewanne sowie einer länglichen Küche, von der aus man auf den Balkon hinaustrat und auf den grossen, grünen Innenhof blickte. Anders als in Berlin, wo man in einer neu gemieteten Wohnung erst einmal aufwändig die alten Tapeten von den Wänden reissen, Böden schleifen, alles neu streichen sowie Kochherd und Kühlschrank organisieren musste, war diese Wohnung frisch renoviert und bezugsfertig, verfügte über eine komplett ausgerüstete Küche, selbst ein neuer Spiegelschrank im Badezimmer war vorhanden. Schweizer Standard halt, wie ich erfuhr. Diese Wohnung mussten wir einfach haben, aber würde der Vermieter sie uns auch geben?

Und tatsächlich war es bei mir Liebe auf den ersten Blick. Basel gefiel mir auf Anhieb.
— Monika Leyde

Bangen Herzens machten wir uns auf den Weg zu Herrn Suter von der Liegenschaftsverwaltung. Mit unserem allerschönsten Lächeln teilten wir ihm mit, dass wir die Wohnung wirklich sehr gerne mieten würden. Natürlich kam sie dann gleich, die Frage, vor der uns so bange war: Wovon wir denn leben würden? Wenn wir den Umzug von Berlin nach Basel bewältigt hätten, würden wir uns sofort eine Arbeit suchen, versicherten wir ihm eifrig. Die Erwähnung Berlins schreckte ihn nicht ab, im Gegenteil, er schien es interessant zu finden. Was wir denn von Beruf seien? Ich hätte zuletzt als Fremdsprachensekretärin gearbeitet, antwortete ich, beim Deutschen Institut für Normung. DIN-A 4 kennt jeder, dachte ich mir, also würde ich ruhig auch den Arbeitgeber nennen, das klang doch seriös und stimmte ja auch. (Dass ich schon zweimal ein Studium abgebrochen hatte und länger durch Asien gereist war, musste ich ihm ja nicht gleich auf die Nase binden.) Aber natürlich wollte er auch den Beruf von Jojo wissen, und nun wurde es kritischer. Hatte Jojo überhaupt einen Beruf? Ich erinnerte mich daran, wie er einmal erwähnte, dass er in seiner Basler Zeit eine Freundin hatte, die Anthroposophin war. Durch sie hatte es sich ergeben, dass er im Goetheanum, dem Zentrum der Anthroposophen, das sich nur wenige Kilometer ausserhalb von Basel befand, einen Puppenspieler-Kurs besuchte. Dort hatte er gelernt, Puppen anzufertigen, sie mit den Händen zu bewegen und, hinter einem Vorhang versteckt, durch die eigene Stimme sprechen zu lassen. Und so antwortete Jojo dem Immobilienfritzen auf die Frage nach seinem Beruf: «Ich bin Puppenspieler.»

Ich hielt den Atem an und sah uns bereits wieder mit leeren Händen vor der Tür stehen. Aber eben, ich war ein Berliner Kind, von deutschen Beamten und Bürokraten geprägt. Doch jetzt befand ich mich in der Schweiz und lernte: Man kann das auch toll finden, dass jemand keinen stinknormalen Beruf hat, sondern ein Freigeist ist, ein Künstler, ein Puppenspieler gar. Denn genau so reagierte unser Herr Suter: «Ja was, Puppenspieler sind Sie, die trifft man auch nicht alle Tage, das ist ja interessant!» Und ab da lief alles easy, Jojo schilderte fröhlich Anekdoten aus seinem ehemaligen Puppenspielerdasein. Er lachte, seine Augen blitzten, sein Charme sprühte, und wer konnte sich diesem Charme schon entziehen?

Und schon hatten wir ihn, den Mietvertrag.