Heimreise mit Überraschungen

Ein Fragment von Ruth Zuckschwerdt. Sie hat in der Edition Unik ihr Buch geschrieben.

Kitchen Box: Wenn der Grizzly zuschlägt… (Bild: zvg.)

Kitchen Box: Wenn der Grizzly zuschlägt… (Bild: zvg.)


Man schreibt den Sommer 1968. Wir arbeiten seit eineinhalb Jahren hier in Montreal, Kanada und geniessen die Zeit in vollen Zügen. Gerade hat Kurt aus Basel Bescheid erhalten, dass er im Frühjahr 1969 nun definitiv einen Platz am Technikum für Druckindustrie bekommt. Seit 1964 war er auf der Warteliste, was einer der Gründe war, dass wir in Australien und später auch in Kanada arbeiten und reisen wollten.  Unser fast fünf Jahre dauernder Aufenthalt im Ausland geht nun langsam zu Ende.

Seit zwei Wochen wohnen wir im Appartement von Freunden. Wir sollen auf ihre vier Afrikanischen Finke aufpassen, was gar nicht so leicht ist. Die Vögel fliegen nämlich frei in der Wohnung herum. Inzwischen kennen wir ihre Macken allerdings schon recht gut und sie wahrscheinlich auch unsere.

Ab heute sind wir aber wieder vogelfrei. Unsere Freunde sind zufrieden aus dem Urlaub zurückgekehrt und freuen sich, dass wir gut auf ihre Haustiere aufgepasst haben.
Nun gilt es ernst, wir kennen’s aus Australien. Nach diversen Abschiedsfesten heisst es wieder einmal Good bye sagen. Viele unserer neuen Freunde werden wir nie wieder sehen.

Der Himmel ist leicht bedeckt, als wir in Montreal wegfahren. Wie immer, wenn wir umziehen, haben wir unser ganzes Hab und Gut bei uns. Doch diesmal ist es anders. Es ist der letzte Teil unserer Weltreise. Wir sind eigentlich auf der Heimreise, nur geht die Reise nicht auf direktestem Weg in die Schweiz zurück. 

Wir haben vor, durch die Vereinigten Staaten nach Mexiko zu fahren, dann durch die Mittelamerikanischen Länder nach Panama, von wo wir unser Auto nach Europa verschiffen wollen. Ursprünglich hatten wir vor, von Panama die berühmte Panamericana zu benützen, doch leider ist die Strasse noch nicht durchgehend. Auch verlangen die südamerikanischen Länder eine Kaution von umgerechnet rund 20’000 Franken für eingeführte Motorfahrzeuge, für uns sowieso jenseits von Gut und Böse. Aus diesem Grunde werden wir unser Auto in Panama aufs Schiff bringen und dann per Bus, Zug, Flugzeug etc. durch den Südamerikanischen Kontinent reisen. Der krönende Abschluss wird die Schiffspassage auf einem italienischen Kursschiff von Buenos Aires nach Genua sein. In Italien wartet dann das Auto mit allem Gepäck auf uns. Hier machen sich unsere Freunde immer ein wenig lustig über unser Vertrauen in die lieben Mitmenschen. «Ihr werdet ein leeres Auto vorfinden, wenn überhaupt», hören wir immer wieder. Doch wir lassen uns nicht beirren. Wir planen  die zwei grossen Koffer von New York nach Genua zu schicken.

Nachdem wir Washington DC näher kennen gelernt haben, geht’s auf den  Spuren von John Denver durch das bergige West Virginia westwärts.  In unseren Ohren  ertönt der bekannte Ohrwurm: Take me home, take me home to the place where I belong, West Virginia...
Wir geniessen die wunderschöne bergige Landschaft. Später fahren wir auf der schnurgeraden Strasse durch die flache und weite Prärie, wo wir an einem Tag 11 Stunden fahren und 1000 Kilometer zurücklegen. Verkehr hat es kaum. Das Autoradio bringt den ganzen Tag Western-Musik.

Eines Morgens, welche Freude, erblicken wir die verschneiten Rocky Mountains. Wir sollten dringend wiedermal richtig einkaufen. In Denver füllen wir also unsere Vorräte auf und fahren dann Richtung Yellowstone Nationalpark. Es ist eine abwechslungsreiche, schöne Fahrt von rund 600 Kilometern. Je näher wir unserem heutigen Ziel kommen, je besser wird das Wetter. Gegen Abend erreichen wir den Yelllowstone Nationalpark.
Beim Eingang lungert ein kleiner Braunbär herum und kurze Zeit später, sehen wir vier wunderschöne grasende Elchbullen, die uns überhaupt nicht beachten. Welch ein Ort, da werden wir sicher viele Möglichkeit haben, Tieraufnahmen zu machen.

Wir fahren zu einem noch offenen Camping-Platz. Drei Tage möchten wir hier wohnen. Wir hören, dass dies sowieso das letzte Wochenende der Season sei. Eigentlich hatten wir vor, heute Nacht im Zelt zu schlafen, doch der aufkommende kühle Wind lässt uns umdisponieren. Wir beschliessen, heute nicht wie geplant im Zelt zu schlafen sondern in den dafür bestens eingerichteten Stationswagon zu ziehen. Kein Problem, die Vorhänge sind schnell aufgehängt. Wir räumen das Gepäck ins Zelt. Auch der speziell für diese Reise angefertigte Küchenschrank kommt unters Vordach des Zeltes. «Keine offenen oder uneingepackten Esswaren herumliegen lassen», hatte man uns beim Einchecken eingetrichtert. Das  befolgen wir natürlich.

Wir müssen schon eine Weile eingeschlafen sein. Ein lautes Rumpeln weckt uns plötzlich aus dem Schlaf. Ich gucke auf meine Armbanduhr, bald 2.00 Uhr. Neben unserem Auto liegt ein 2 Meter grosser Grizzly. Er ist drauf und dran, unseren Küchenschrank aufzubrechen. Mit seinen spitzen Krallen versucht er die abgeschlossene Kiste aufzubrechen, ohne Erfolg.  Auch seine neue Idee, die Kiste hoch in die Luft zu werfen, damit sie sich beim Aufschlagen am Boden öffne, klappt nicht. Nach einer Weile verliert der Bär die Geduld, steht auf und entfernt sich, als ob er noch weitere Essmöglichkeiten hätte. 

Eigentlich sollte ich die Toilette aufsuchen, doch dazu fehlt mir nun der Mut. Was ist, wenn der Bär plötzlich zurückkommt und erschrickt? Nach ungefähr einer halben Stunde taucht der Koloss tatsächlich wieder auf. Mit frischem Mut und der Überzeugung, dass es diesmal klappen muss, macht er sich aufs Neue ans Werk. Et voilà  - diesmal öffne sich die Kiste in der Tat und unser Geschirr, Mutters Büchsen Ravioli, Fruchtsalat, und der Proviant, den sie speziell für diese Reise für uns gekauft und in einem Paket geschickt hat, purzeln heraus. Nun legt sich der Grizzy hin wie ein braver Hund und beginnt sein Mahlzeit. Es dauert eine Weile, bis er weiterzieht. Wenn er schon mal die Möglichkeit hat, ausländisch zu essen, will er es auch geniessen.

Bevor Kurt am nächsten Morgen den Schaden im Rangerbüro melden geht, sehen wir uns alles erst mal näher an. Die Raviolibüchse hat der Grizzly mit den Zähnen oder dem Klauen geöffnet. Es lässt sich leider nicht  nachvollziehen, wie er es geschafft hat. Auch hat er immer wieder einen Schluck Sonnenblumenöl getrunken. Dazu musste er den Verschluss der Flasche aufdrehen. Den gefriergetrocknet Instant Coffee hat der Bär nur mit Coffee Mate getrunken, na, wenn es schon angeboten wird. Was ihm aus dem Geschenkpaket besonders geschmeckt hat, sind die selbstgebackenen Schweizer-Guetzli, die gibt es nicht jeden Tag. Doch auch die Päckchen mit Instant Suppe sind nicht ohne. Ja, wir haben es hier mit einem Feinschmecker zu tun.

Am nächsten Morgen fühle ich mich wie das Opfer einer Naturkatastrophe. Unsere Camping-Nachbarn haben ja in der Nacht den ganzen Spektakel miterlebt.  Nun bringen sie uns alles, was wir für ein gemütliches Frühstück benötigen: Brot, Butter und Konfitüre und Kaffee, ja, sogar heisse Schokolade hat es dabei. Vor allem sind sie ehrlich erleichtert, dass wir die Nacht im Auto verbracht haben und mit dem Grizzly nichts passiert ist. Für eine Weile glaubten sie uns nämlich im Zelt. 

Beim Rangerbüro ist an jenem Morgen schon viel los, als Kurt den Vorfall melden will. Die Wartenden stehen Schlange. Auch sie sind vom Bär überfallen worden. Einer kann es immer noch nicht fassen, wie der Bär seinen Schinken, den er gut in Plastik eingepackt, aufs Dach seines VW-Buses gebunden hatte, fressen konnte.

Grosser Teddybär: Ein Grizzly kann bis zu 2.5 Metern Rumpflänge erreichen (Bild: pexels.org)

Grosser Teddybär: Ein Grizzly kann bis zu 2.5 Metern Rumpflänge erreichen (Bild: pexels.org)

In der nächsten Nacht wird der Bär vom Ranger mit einem speziellen Käfig gefangen. Der Grizzly kennt allerdings den Trick vom Futter im Käfig, d.h. zuerst schafft es der Bär, das ausgelegte Futter zu fressen und die Falle zu verlassen bevor der Aufpasser die an ein Seil gebundene Türe von Hand schliessen kann. Doch wie jedes Mal, gewinnt hie und da auch der Ranger und die Türe schliesst sich, bevor der Bär wieder entwischen kann.

«Und was passiert nun mit ihm, frage ich?» Nun, er wird ungefähr 300 Kilometer in den Norden gefahren und dort wieder frei gelassen. Es dauert dann ein paar Wochen, bis das Tier wieder auftaucht. Doch da dieser Campingplatz ohnehin Saisonschluss hat, macht sich keiner gross Gedanken darüber.


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