Gstaad

Ein Fragment von Dagmar Agéthen. Sie hat in der Edition Unik ihre Bücher geschrieben.

Augen zu!!! Stellen Sie sich vor Sie sind ein fünfjähriges Mädchen und dürfen zum ersten Mal mit den «Grossen» an einem abendlichen Dinner in einem eleganten Restaurant teilnehmen. Nicht irgendein Restaurant, sondern eines des Palace in Gstaad, diesem legendären Hotel mit alpiner Eleganz.

Das Palace in Gstaad. (zvg.)

Das Palace in Gstaad. (zvg.)

OK? Sind Sie noch dabei? Fühlen Sie mit! Diese Impressionen! Die Lichter aus den Kandelabern! Die wunderbar gedeckten Tische mit den bodenlangen Tischtüchern! Das funkelnde Kristall, das schwere Silber, das dezente Personal, die Atmosphäre, das Geflacker der Kerzen! Atemberaubend. Und ich inmitten all der Pracht: stumm! Als sich meine staunenden Augen an die Umgebung gewöhnt hatten, entdeckte ich vor uns einen runden Tisch mit fünf Damen.

Gekleidet in seidenen, opulenten Abendroben, schulterfrei. Nackte Arme, die gestikulierten, Juwelen, die funkelten; animierte Konversation, leises Gelächter. Ganz besonders hatte es mir eine der Damen angetan. Sie trug ihr rabenschwarzes üppiges Haar in einem kunstvoll gebundenen Chignon mit diamantenen Agraffen. Und ich hatte diese blöden rötlich schimmernden Locken. Ich wollte auch schwarze Haare und einmal so schön und so elegant wie sie sein. Mein ersehntes Vorbild.

Die Autorin an der Lesung (zvg.).

Die Autorin an der Lesung (zvg.).

Plötzlich drehte sich die bewusste, wunderschöne Dame zu einer Freundin und fragte ziemlich laut: «Hesch du au no en Salat wöue?» Ich sass da mit offenem Mund. Wie konnte eine solch ätherische Schönheit im breitesten Dialekt so ungepflegt sprechen?

Da waren all meine Illusionen dahin. Und ich schwor mir, dass ich niemals, falls ich einmal eine Dame sein würde, aber auch niemals, so reden würde. Das ist die story, die ich gerne erzähle, wenn man mich fragt, warum ich denn auch nach fünfzig Jahren Schweiz immer noch keinen Dialekt spreche. Schwarzhaarig wurde ich trotzdem nicht!