Znüniperlen

Eine Anekdote von Peter Zollinger. Er hat in der Edition Unik sein Buch geschrieben.

Wenn die Arbeiter um halb zehn das Wirtshaus verlassen, wird der runde Tisch frei für die Senioren. Die Eingeklemmten sind gegessen, je nachdem bleiben einige Gipfeli übrig. Wir Senioren haben erst spät gefrühstückt, so dass diese Gipfeli nach uns noch im Körblein liegen bleiben. Unsere Wünsche sind den langjährigen Serviererinnen bekannt, zuerst ein Kaffee Crème, dann zum Abrunden einen sauren Most oder eine Glas Weisswein, im Sommer ein Bier. Meistens beginnen die Gespräche mit einem Abtasten, gibt es brennende aktuelle Themen, hat sich etwas ereignet, das noch diskutiert oder aufgearbeitet werden muss. Ein 92jähriger liest täglich früh am Morgen den Tagesanzeiger, nicht nur die Schlagzeilen, nein auch die Hintergrundberichte und Ratgeber. Die Frage einer Leserin, ob es richtig sei, dass ihre Reinigungsfrau während dem Putzen der Wohnung das WC benutze, hat ihn beschäftigt. Für uns kein Thema, die einen habe noch eine Frau, die anderen müssen selber putzen, keiner kann sich eine Reinigungsfrau leisten. Über unsere eigenen Erfahrungen beim Putzen tauschen wir uns nicht aus, das verbietet der Stolz.

Peter Zollinger am Edition Unik Café in der Alten Kaserne (Frühjahr 2019).

Peter Zollinger am Edition Unik Café in der Alten Kaserne (Frühjahr 2019).

Nicht bei jedem Znüni ergeben sich spannende Gespräche, nicht jeder Znüni wird lustig. Wenn es zu politisch wird, ist es sowieso Zeit zu gehen. Politik vergiftet den Znüni. Aber es gibt Tage, da schmilzt das Eis, der Redefluss plätschert wie ein fröhliches Frühlingsbächlein. Dann lösen sich die Zungen, die Augen glänzen und Zeit und Ort geraten in Vergessenheit. Das sind Momente, in denen die Geschichten den Weg aus tiefer Seele ungehindert auf die Zungen finden und wir alle dem Erzähler an den Lippen hängen. Die Welt ganz klein, nur wir Alten am runden Tisch. Der Alltag weit weg, unser momentan einziger Wunsch, dass diese besondere Stimmung noch möglichst lange anhält. Eine erfahrene Serviererin spürt das, und sie kommt nicht an den Tisch und fragt: «Hat noch einer einen Wunsch?» Wir haben in diesen Momenten keine Wünsche, keine Bedürfnisse. Es sind Momente, wo wir die Schmerzen im Rücken nicht spüren, wo wir vergessen, dass noch Pflichten auf uns warten, wir sind einfach da im Hier und Jetzt. Abgedriftet in unsere Jugend, ins Militär oder andere Geschichten, die noch erzählt werden müssen. Man kann Geschichten auch mehrmals erzählen, aber man muss sie neu ausschmücken, dramatischer und spannender erzählen. Sie werden immer besser, sie erhalten eine Art Patina. Die Begriffe «Jägerlatein» oder «Fischerlatein» greifen hier nicht. Es sind die Feinheiten, ein ansteckendes Lächeln, bevor die Erzählung beginnt, eine etwas längere Pause machen oder einen Schluck Kaffee nehmen, um die Spannung etwas länger aufrecht zu erhalten. Irgendwann beginnen auch die Schweiger zu erzählen, ihre Zungen lösen sich, sie strahlen, weil sie ihre Hemmungen überwunden haben. Sie rücken näher an den Tisch, ihre Hände, die eben noch schwer auf dem Tisch lagen, untermalen das Gesagte, es ist, als würden sie parallel zum Erzählen ein Bild malen. Die Zeit scheint still zu stehen. So überraschend sich diese Stimmung immer wieder einstellt, so löst sie sich wieder auf. Es ist, wie wenn sich an einem Herbstmorgen der Nebel auflöst, das Mystische ist vorbei, der Alltag wieder da. Ein schöner Alltag, der sich nach einem solchen Znüni wie die wärmende Herbstsonne anfühlt.

Hier eine Geschichte vom «Znünitisch»
Die Stammer sind bei einem Schneefall Anfang März nochmals mit Schneepflug und Pferden ausgerückt. Gegen Ende der Tour sind sie in einem Gasthaus in einer Aussenwacht eingekehrt und haben den wohlverdienten Kaffee getrunken und etwas Kleines gegessen. Es hat sich ergeben, dass es nicht bei dem einen Kaffee geblieben ist. Die Einkehr hat sich ausgedehnt und in die Länge gezogen. Vorsorglicher Weise hatten sie den Pferden Decken übergelegt. Es gab einfach viel zu erzählen. Wie so oft bei solchen Gelegenheiten, wurden die Geschichten mit zunehmender Dauer immer farbiger und verwegener, kein Grund sich zu beeilen, man würde sonst etwas verpassen. Irgendwann kam dann doch der Zeitpunkt zum Aufbruch. Als die strammen Bauern vor das Gasthaus traten, spürten sie den warmen Westwind und stellten mit grossem Schrecken fest, dass sich der Schnee in der Zwischenzeit in Wasser aufgelöst hatte. Es wurde allen klar, auf der apern Strasse konnten sie unmöglich mit dem Schneepflug nach Hause, der Lärm hätte die Leute aufgeweckt und sie wären anderntags dem Gespött der ganzen Talschaft ausgesetzt gewesen. So wurde einer ins Dorf geschickt um einen geeigneten Wagen zu holen, auf den der Schneepflug geladen werden konnte. Die andern zogen sich gezwungenermassen ins Restaurant zurück. Mit dem Schneepflug auf dem Brückenwagen kehrten sie weit nach Mitternacht ins Dorf zurück. Irgendwann wurde die Geschichte, zur grossen Freude der Talbewohner, dann doch publik. Jahrzehnte später wird sie immer noch erzählt, zum Glück.

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