13 Briefe an meinen verstorbenen Vater: 1. Brief

Fragmente von Peter Zollinger. Er hat in der Edition Unik sein Buch geschrieben.

Großvater, kannst du ned abakumman auf an schnellen Kaffee?
Vater, dieses wunderschöne Lied hast du nie gehört. Du hast ja wenig Musik gehört. Und doch wäre es schön, wenn wir uns zu einem schnellen Kaffee treffen könnten, es gäbe noch viel zu erzählen. Ein schneller Kaffee würde es nicht sein, eher ein Kaffee mit Schnaps im Glas, an dem wir die Hände wärmen könnten. Dazu Birrewegge von der Mutter mit viel Butter. Im Winter in der Stube, draussen liegt Schnee, die Sonne bringt die Landschaft am Bachtelhang zum Glitzern. Wie so oft kommt das Nebelmeer bis unten ans Dorf. Genau so müsste die Stimmung sein.

Was will ich dir erzählen?

Zuerst will dich in meine Arme nehmen und dir einfach herzlich danken für alles, was du für mich getan hast. Ich will dir sagen, wie grossartig du deine Parkinsonkrankheit gemeistert hast und dir danken, dass du gewartet hast, bis ich an deinem Sterbebett war und ich deine letzten Augenblicke miterleben durfte. Es war ja so friedlich wie du sterben konntest. Du hast einfach aufgehört zu atmen. Erst später habe ich erfahren, dass du vermutlich erstickt bist, aber davon hatte ich nichts bemerkt.

Mit Hilfe der Spitex zogen wir dir schöne Hosen an, ein Hemd, einen Pullover und warme Socken, denn es war kalt draussen. In der Nacht auf Samstag und am anderen Morgen lagst du noch in der Stube im Bett. Wir konnten dich um deine Meinung fragen, als wir beim Gestalten und Suchen der richtigen Worte für deine Todesanzeige unschlüssig waren. Du gabst uns «schweigend» die richtige Antwort. Eigentlich wie in deinem ganzen Leben, du musstest nicht viel reden, irgendwie haben wir dich doch verstanden.

Peter Zollinger liest an der Abschlussveranstaltung der Schreibrunde. (Foto: zvg.)

Peter Zollinger liest an der Abschlussveranstaltung der Schreibrunde. (Foto: zvg.)

Weisst du noch, im Sommer im Ringwilertobel, du sassest auf einem Stein, rauchtest Pfeife und lasest. Wir plantschten in den Tümpeln, stauten den Bach, warfen Steine ins Wasser, dass es hoch aufspritzte. Andere Väter hätten ein wachsames Auge auf die Kinder gehabt, hätten gerufen: «Passt auf, in diesen Tümpel dürft ihr nicht hinein, der ist zu tief, ihr könnt ja nicht schwimmen!»

Je mehr ich nachdenke, umso bewusster wird mir dein unendliches Vertrauen. Allein durch dein Dasein war die Sicherheit gegeben, dass nichts passieren konnte. Das war im Winter bei Skifahren ebenso, das war auf unserer einzigen Skitour im Nebel auf den Pizol so, es war so auf unseren Wanderungen in Lavin, unseren einzigen Familienferien.

Schweigen als ein tieferes Verstehen und Vertrauen!
Ich denke, eigentlich hättest du viel zu erzählen gehabt. Du konntest gut erzählen vom Militär. Da warst du im Element. Von den Manövern am Ricken, mit dem unmöglichen Divisionär, von den Schikanen, die ihr ertragen musstet. Du hast erzählt, und das war deine volle Überzeugung, dass ihr bei einem möglichen Kriegsausbruch einige Offiziere einfach erschossen hättet. Kannst du dich erinnern an Herrn Zollner, er hat bei dir im Sack gearbeitet und nur über den Krieg erzählt, wenn er angetrunken war. Als Österreicher war er im Osten, kam in Gefangenschaft und überlebte nur, weil er Schneider war und man ihn überall brauchen konnte.

Warum konntest du so farbig und spannend über das Militär erzählen, was war das Faszinierende daran? Von deiner Jugend, deinen Eltern hast du uns ganz wenig wissen lassen. In meiner Erinnerung war es die Kriegszeit, die Armut, der Hunger, die dich beschäftigt hat.

Mein Bett wartet auf mich,
herzlich Peter