«Das Loslassen festhalten»

Ein Auszug von Gisela Bürki. Sie hat in der Edition Unik ihr Buch geschrieben.

Die Tagebucheintragungen zeigen die letzten vier Monate einer einfachen, bescheidenen Frau, die ihr ganzes Leben in Arbon am Bodensee verbracht hat. Es ist der Versuch, die Ereignisse seit ihrem Zusammenbruch im November 2018 festzuhalten, sie zu verbinden mit Erinnerungen aus ihrem Leben, auch aus meinem Leben. Sie starb am 2. März 2019. Ich hoffe, dass sie zwischen den Buchdeckeln zu spüren ist.

14. November 2018

Ma habe eine gute Nacht gehabt, berichtet die Pflegerin am Telefon. Sie fühle sich wohl in ihrem Zimmer, sie habe Frau B. eben zum Frühstück begleitet. Mas helles Zimmer hat eine direkte Aussicht auf den See.

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Foto: zvg.

Foto: zvg.

Als ich Ma um zehn Uhr anrufe, hat sie nur kurz Zeit: Es sei ganz nett hier. Andi erzählt später, sie habe ihn gefragt, wo sie eigentlich hier sei und was sie hier mache.

Die alte mechanische Personenwaage, mit einem Stück orangefarbenem Spannteppich bezogen, sieht genau so aus wie das Cover von Wolf Haas’ neuem Roman «Junger Mann», der verkürzt gesagt die Freuden und Leiden eines Vierzehnjährigen in den Siebzigerjahren beschreibt: Man könnte meinen, die Waage auf dem Buch sei aus dem Haushalt an der Frohmattstrasse 11a entwendet worden. Zuerst habe ich «unserem» Haushalt geschrieben, ein Rückfall in die Kindheit, wahrscheinlich, weil es im Haus Frohmattstrasse 11a immer noch gleich aussieht wie früher, als mein Bruder und ich noch nicht ausgezogen waren. Diese Personenwaage jedenfalls ist typisch für den Sechziger- oder Siebzigerjahre-Look, in dem das Haus teilweise eingerichtet ist. Es handelt sich um ein Fertigbauhaus, eine Holzkonstruktion, schlecht isoliert. Mein Vater hatte als Pöstler nicht viel Geld. Er und meine Mutter kratzten 1966 ihr ganzes Erspartes zusammen.

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Gross ist das Haus nicht geworden. Wenn man im Wohnzimmer steht, wird man den Eindruck nicht los, dass rundherum ein bis zwei Meter Platz fehlen. Viel Land rund ums Haus ist auch nicht übriggeblieben. Es reichte aber, dass später ein Wintergarten angebaut werden konnte, wie es damals Mode war. Betritt man das Haus über die von einem schmiedeeisernen Geländer verzierte Treppe durch die Eingangstüre, kommt man in einen Gang, über dessen hellen Spannteppich ein geknüpfter, farbiger Läufer gelegt ist. Rechts ist das Badezimmer mit beigen Kacheln, vor der Renovation waren sie türkis. Daneben befindet sich die Küche, ebenfalls beige, ursprünglich in dunkelbraunem Holzimitat. Auf einer winzigen Bank um einen winzigen Tisch herum assen jeweils fünf Personen «Zmittag»: die Eltern, die beiden Kinder und – nach dem Tod seiner Frau – der Grossvater.

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Das anschliessende Esszimmer mit Holzeckbank und Fenstern auf zwei Seiten wurde nur benutzt, wenn Gäste zu Besuch waren. Dann wurde der Tisch mit dem Goldrand-Porzellan, das sich die Eltern zu ihrer Hochzeit hatten schenken lassen, sorgfältig gedeckt. Das helle Wohnzimmer mit Klötzchenparkett und dunkelrotem Teppich hat den Stil der Fünfzigerjahre bewahrt: Dazu gehören ein kleiner, eleganter, hellolivgrüner Diwan mit zwei passenden Sesseln, ein Salontisch, eine altmodische Stehlampe und ein Buffet, in dem das Geschirrservice, das Silberbesteck und die Kristallgläser aufbewahrt werden, inklusive Cognac-Schwenkern, die nie gebraucht werden. An den Wänden von Ess- und Wohnzimmer Ölbilder des Malers Emil Steiger, darunter eine Bodenseelandschaft. Der letzte Raum ist das «Stübli» mit Wohnwand und Bauernschrank, gemustertem Teppich. Zahlreiche Fotoalben, aber nur wenige Bücher, darunter Silva- und Mondo-Bildbände. Die Bernina-Nähmaschine und ein dreistöckiges Nähkästchen gehören auch seit jeher zum Stübli. Früher stand da auch noch mein Klavier. Ich weiss nicht, wie die Eltern zehn Jahre lang die teuren Klavierstunden für ihre Tochter finanzierten. – Über eine für heutige Verhältnisse schmale Holztreppe geht es hinauf in den oberen Stock.

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Drei Schlafzimmer und eine Toilette befinden sich auf dieser Etage. Die besagte orangefarbene Personenwaage steht da. Wegen der Holzbauweise ist das ganze Haus ringhörig. Liegt man im Bett, hört man die Geräusche vom unteren Stockwerk. Das Elternschlafzimmer mit seinen Massivmöbeln – einem Ensemble aus Ehebett, Kleiderschrank, Kommode und Spiegel – war die erste gemeinsame Anschaffung der jungen Eheleute gewesen. Sie haben 1959 geheiratet, also verströmt es ebenfalls den Geruch der Fünfzigerjahre. Die beiden «Kinder»-Zimmer hingegen sind in den Siebzigerjahren stehengeblieben. Dazu gehören ein paar Poster, Selbstgebasteltes und der nämliche orangefarbene Spannteppich wie bei der Waage. Das ist auch die Erinnerung an Arbon: vorne der See, im Rücken der Säntis. Vom Elternschlafzimmer sieht man auf den See, von den Fenstern der Kinderzimmer auf das Säntismassiv. Allerdings hatte ich als Kind noch nicht viel für die Aussicht übrig. Gibt das eine ungefähre Vorstellung?

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All das hat für Sonja einen Wert, für uns Kinder sind es Erinnerungen, für alle anderen ist es wertloser Plunder.

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Der Tod ist hinterrücks, auch bei Papa war es so. Und bei Ma ist der Krebs der gemeine Gehilfe des Todes. Da steht ein Mensch vermeintlich mitten im Leben, doch plötzlich fällt ihn eine Krankheit von hinten an und bringt ihn zu Fall. Am Schluss hat die Person die Kraft nicht mehr, sich gegen sie zu wehren. Kann der Tod am Schluss auch zu einem Freund werden? Bei unserem Vater blieb nicht mehr viel Zeit, sich mit ihm zu befreunden; auch verdrängten wir den Gedanken an ein baldiges Ende. Bei Ma bin ich nun darauf gefasst, versuche, jeden Moment mit ihr noch bewusst zu geniessen.

Kontakt: gisela.buerki@sunrise.ch