Beginn

Ein Fragment von Ursula Netthoevel. Sie hat in der Edition Unik ihr Buch geschrieben.

Die Autorinnen an der Vernissage (Foto: zvg.)

Die Autorinnen an der Vernissage (Foto: zvg.)

Es ist still im Haus. Gestern ist Max mit den Kindern für eine Woche in die Ferien gefahren. Sie haben das so vereinbart, sie hat ihm gesagt, dass sie zuhause bleibt. Keine Erklärungen wie: Ich brauche mal Zeit, will runterkommen, nachdenken oder so. Kein Nachhaken seinerseits. Solche Entscheidungen haben Platz in ihrer Beziehung. Die Kinder sind ja auch nicht mehr anstrengend, ziemlich selbständig. «Mama, schade, dass du nicht mitkommst. Warum eigentlich? Darf ich deine Reisetasche nehmen, die mit den Schmetterlingen?”»

Schmetterlinge.

Schmetterlinge im Bauch? Hat sie das jetzt? Kitsch! Ein ästhetisch intellektueller Ausdruck im Gegensatz zu moralischen Aussagen wie «Begehren» zum Beispiel.

Begehrt sie?

Den Hund hat sie der Nachbarin gebracht, so für zwei Tage, sagte sie.

Das Klicken des Anrufbeantworters wird in der Stille hörbar. Nur das Klicken, denn sie will nicht hören, sie will die Stille.

Sie bleibt weiterhin auf der Treppe zum oberen Stockwerk sitzen. Hinauf, hinunter? Die Richtung spielt beim Warten keine Rolle. Beim Denken würde man wohl von Vergangenheit und Zukunft sprechen. Sie bleibt in der Gegenwart sitzen. Wagt oder will sie nicht vorwärts, in die Zukunft denken? Die Zukunft, die auch dem Begehren Raum geben würde.

Schon wieder meldet sich der Anrufbeantworter. Bald muss sie fahren.

Das Ziel für die erste gemeinsame längere Fahrt mit Julian hat sie vorgeschlagen. Davos, das Kirchner-Museum. Über die seidige Betonhaut des Gebäudes streichen, sich in den Farben der Bilder verlieren. Zusammen die inneren Bilder benennen und die sichtbare Wirklichkeit vergessen.

Nach dem Museumsbesuch würde sie die Wirklichkeit daran erinnern, dass der Rückweg in ihre Stadt gleichentags wohl zu lange dauert. Ob Julian auch daran gedacht hatte, als sie ihm Davos vorschlug? Bewusst vorschlug.

Die Türglocke klingelt. Der Postbote bringt ein Telegramm. «Kann dich telefonisch nicht erreichen. Muss Mutter ins Spital bringen. Nachtessen ist aber möglich. Melde dich bitte.»

Später.

Beim Einnachten die Fahrt entlang dem See. Die Lichter der im Regen entgegenkommenden Autos sind wie leuchtende Perlenschnüre. Sie fragt ihn, ob er das Chanson Ne me quitte pas von Jacques Brel kennt. Sie rezitiert leise, etwas scheu, die Zeilen: «Moi je t’offrirai des perles de pluie venues de pays où il ne pleut pas.» Und immer wieder der Refrain: «Ne me quitte pas.»

Am Morgen danach steht in ihrem ersten Brief an ihn: Wenig Schlaf, damit das Getrenntsein nicht zur Gewohnheit wird. Wenn mein Körper nach dir fragt, geht die Antwort im Geräusch des vorbeifahrenden Zuges unter. Weisses Morgenlicht spiegelt sich im Nachtfrost.


Den Erfahrungsbericht von Ursula Netthoevel lesen Sie hier: Interessiert mich, könnte was sein