Aus meinem 10-Minuten-Tagebuch

Ein Bericht von Katrin Sterki. Sie hat in der Edition Unik ihr Buch geschrieben.

Meine erste bewusste Begegnung mit Wort und Schrift erlebte ich so: Abends, wenn die Küche aufgeräumt war, sass meine Mutter noch am Küchentisch und schrieb in ein dickes Heft alle Ausgaben des Tages. Ich ging noch nicht zur Schule, schaute gerne zu, wie sorgfältig sie alles aufschrieb, ihre verbundene Schrift war gleichmässig, für meine Augen damals einfach schön. Diese regelmässigen Schleifen nach oben und unten! Werde ich auch einmal so schreiben können? So genau verstand ich diese Arbeit der Mutter nicht, aber dass sie wichtig war, das spürte ich. Es waren stille und friedliche Momente zu zweit.

Offline und Online: In der Edition Unik verschmelzen beide Komponenten (Fotos: zvg.)

Offline und Online: In der Edition Unik verschmelzen beide Komponenten (Fotos: zvg.)

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In der ersten Klasse lernte ich langsam alle Buchstaben kennen, kurze Wörter lesen und in ein kleines Heft schreiben. Wir Kinder im Quartier schrieben einander auf kleine Zettelchen das, was wir eben konnten. Wir vereinbarten einen Ort bei den jeweiligen Wohnhäusern, wo wir die Briefchen in eine Mauerritze oder in eine Holzspalte stecken konnten. Daraus wurde ein spannendes Spielchen. Hat mir jemand geschrieben? Warum schreibt sie nicht? Wem schreibe ich jetzt? Was wir uns schrieben, das weiss ich nicht mehr, sicher nur wenige Worte, etwa: «Sälü, wie geht es dir? Mir geht es gut? Was machst du?»

Nach einiger Zeit entdeckte die Mutter unser unbekümmertes Spiel und verbot es. Die Freude war weg. Was hatten wir denn Unerlaubtes getan? Es war eines der vielen Verbote meiner Mutter im Lauf der Kindheit: Das gehört sich nicht. Was denken die andern? Tief haben sie sich im Laufe der Zeit in mein Leben eingegraben, erstickten meine Lebensfreude, bis ich sie entdeckte und mich nach vielen Jahren davon befreite.

Aufsätze schreiben in den weiteren Schuljahren? Da sass ich freudlos vor dem leeren Papier und nichts kam mir in den Sinn, keine Idee, keine Worte. Auf Kommando schreiben, das ging kaum. Das Spielerische war weg, es musste alles so vernünftig, so sachlich sein. In den Augen der Lehrkräfte hatte ich kein Talent, einen anständigen Aufsatz zu Papier zu bringen. Also wuchs in mir die Überzeugung: Ich bin nicht fähig, einen Aufsatz zu schreiben.

Und in der beruflichen Ausbildung? Mit dem, was ich schrieb, genügte ich der Deutschlehrerin nicht. Von anderen Fach-Lehrkräften fühlte ich mich zum Glück wahr genommen. Sie lernten eine andere Seite von mir kennen, eine offene, interessierte. Da spürte ich: Ich hatte einen Wert. In meinen Berufsjahren war der sprachliche Ausdruck zwar wichtig, aber freie Texte schrieb ich keine, höchstens Reisetagebücher, ab und zu Briefe.

Erst nach der Pensionierung erwachte mein schlummerndes Bedürfnis wieder: Ich wollte schreiben. Ich besuchte Kurse, wurde mutiger, mich auszudrücken. Viele Texte entstanden, Anerkennung tat gut. Ich lernte Menschen kennen, die auch erst in späten Jahren wieder zu schreiben begannen. Ein befruchtender Austausch entstand. Nach langem Hin und Her in meinem Kopf wagte ich, mich für eine Teilnahme an der Edition Unik anzumelden mit dem Titel: «Erinnerungen Schreiben und Schenken»*.

Der lange verborgene Schatz kam nun endgültig ans Licht: Schreiben aus mir heraus, ohne grosse Vorgaben, ein Buch entstand, MEIN Buch! Überglücklich war ich: Ein grosses Geschenk von mir für mich! Meine Freunde und Bekannten staunten: «Du hast ein Buch geschrieben? Kann ich es lesen?»


* Seit 2017 heisst es in der Edition Unik übrigens «Schreib dein Buch». Botschafter für das neue Motto haben wir auch gefunden, und zwar gleich vier Ehemalige der Edition Unik!
(Anm. Team Edition Unik)