3 Monate

Ein Auszug aus dem Buch von Patrizia Maurer, das im Frühjahr 2019 entstanden ist.

Ist schon komisch, da bist du gerade mal 28 Jahre jung und hörst diese Worte. Ich wollte es nicht wahrhaben und glauben. Ist doch nur ein Knochenbruch dachte ich.
— Patrizia Maurer

Das Warten auf den Befund erschien mir wie Stunden. Zwischenzeitlich hatte Roli meine Eltern kontaktiert. Papa erzählte mir später, dass er aus dem Schlaf gerissen wurde und Roli ihm schilderte, dass ich im Krankenhaus Baden mit gebrochenem Oberschenkel liege. Papa hat im Halbschlaf, nachdem er das Telefon zur Seite gelegt hatte, irgendwas zu Mama gemurmelt von wegen Oberschenkelbruch, Bohni. Mama war sogleich hellwach. Sie sagte: «Da stimmt etwas nicht. Wieso bricht ihr plötzlich der Oberschenkel? Wir müssen zu ihr.» So fuhren sie am 18.6. morgens nach Baden zu mir. Alle zusammen warteten wir auf den Befund und dann kam er: «Es tut uns leid, aber sie haben noch etwa 3 Monate bis zum Tod...» Ist schon komisch, da bist du gerade mal 28 Jahre jung und hörst diese Worte. Ich wollte es nicht wahrhaben und glauben. Ist doch nur ein Knochenbruch dachte ich. Das kann doch heilen. Ich vergesse den Moment mein ganzes Leben nicht mehr. Rechts neben meinem Bett steht die Ärztin und links von mir sehe ich meine Eltern. Meine Eltern sind ruhig und blass und ich hatte das Gefühl, dass ich jetzt stark bleiben musste. Die Ärztin erklärte weiter, dass die Ursache für den Bruch ein Tumor im Endstadium sei. Und dass sich auf meiner Lunge wohl schon Metastasen gebildet hätten. Ich weiss noch, dass ich sagte: «Nein glaubt mir das wird schon gut – man kann den Tumor ja entfernen.» 

Doch so einfach war das leider nicht. Nur war mir das zu diesem Zeitpunkt noch nicht bewusst. Vielleicht war es Schutz vor der Angst des Sterbens. Vielleicht waren es auch die Schmerzmedikamente, die mich nicht klar denken liessen, oder einfach mein Trotz in der Situation. Aber ans Sterben wollte und konnte ich in diesem Moment einfach nicht denken. Im Gegenteil, ich war wütend auf diese Ärztin. Ich weiss noch wie sie sagte: «Das ist entsetzlich sie sind ja gleich alt wie ich.» In diesem Moment kam sie mir völlig unprofessionell rüber. Heute weiss ich, dass diese Reaktion einfach nur menschlich war und wer kann sich schon auf solche Momente vorbereiten. 

Die Autorin in der Zeit im Spital (Foto: zvg.)

Die Autorin in der Zeit im Spital (Foto: zvg.)

Doch auch in dieser Situation hatte ich einen Schutzengel. Ausgerechnet in dieser Nacht hatte Dr. Eid Dienst. Er war wie ich später erfuhr ein ehemaliges Teammitglied von Professor Bruno Fuchs. Durch Bruno Fuchs hatte er diesen seltenen Tumor, den sie bei mir vermuteten, schon mal gesehen. Er wusste daher, dass eine abrupte OP zum sofortigen Tod führen könnte. Den der Tumor sei wie ein Beutel mit kleinen Spinnen. Würde man direkt operieren und ihn berühren, würden die «kleinen Spinnen» sich umgehend überall verteilen. Daher rief Dr. Eid noch in der selben Nacht Professor Fuchs (damals in der Klinik Balgrist in Zürich tätig) an. Bruno Fuchs (Head of Tumor Board) gab den Auftrag, ja nichts zu unternehmen und die umgehende Verlegung zu ihm nach Zürich aufzugleisen. So wurde ich am frühen Morgen ins Balgrist nach Zürich gefahren. Mama war bei mir im Krankenwagen. Papa fuhr hinterher. Ich weiss noch da jede Minute zählte, fuhren wir mit Blaulicht nach Zürich. Während der Fahrt wurde so viel Schmerzmittel in mich reingepumpt, dass der Sanitäter gegenüber meiner Mutter bemerkte, «schon komisch die Menge Schmerzmittel würde einen halben Elefanten umhauen und sie ist noch bei vollem Bewusstsein.»

Wisst ihr was mich am meisten erschreckte? Ich war in dem Moment erleichtert, dass endlich eine Diagnose vorlag, die meinen Schmerz im Bein erklären würde. Ist das nicht tragisch? Da wird dir so lange von diversen Ärzten eingeredet, dass der Schmerz nur eingebildet sei und dann bist du erleichtert wenn tatsächlich ein Befund vorliegt. Schrecklich finde ich das… Im Nachhinein hat mich der Gedanke noch sehr oft erschüttert.