«Ich habe nie bereut, nicht Künstlerin geworden zu sein»

Claude Weill ist Mentor in der Edition Unik. Und er hat ein Buch geschrieben, das zwölf Portraits von Menschen nach der Lebensmitte umfasst. Lesen Sie den Auszug aus der Befragung von Christina Sonderegger, Kuratorin.

Christina, wie bist du beim Beantworten der Fragen vorgegangen?
Ich hatte mir viele Fragen noch gar nie gestellt. […] Ich hätte diese Fragen gerne mit meinen Freundinnen diskutiert. […] Ich merkte aber, dass sie sich viele Fragen auch noch nie gestellt hatten. Und wenn doch, dann war das Thema Älterwerden für sie ein Tabu und die Gespräche gingen nicht in die Tiefe. Vielleicht deshalb, weil bei Frauen in meinem Alter mit der Abänderung körperlich seelische Veränderungen stattfinden, welche nicht nur angenehm sind […]. Aber gerade deshalb wäre es wichtig, auch die positiven Aspekte des Älterwerdens zu würdigen. Wenn ich heute gewisse Dinge nicht mehr tun muss, die ich früher, als ich jung war, tun musste, ist das aus meiner heutigen Sicht ein Gewinn.

Heute bist du [statt Künstlerin] Kuratorin in einem grossen Zürcher Museum und befasst dich intensiv mit Kunst.
Ja, ich habe mir […] gesagt: Wenn ich Kunst nicht selber machen kann, dann schaue ich sie mir wenigstens genau an. So studierte ich Kunstgeschichte. Das war für mich keine zweite Wahl. Ich habe nie bereut, dass ich nicht Künstlerin geworden bin.

Wie gehst du mit deinem Älterwerden um? Wo gibst du Gegensteuer?
Wenn ich sehe, wie es meiner Mutter Mühe bereitet, aufzustehen, weiss ich: Das möchte ich nicht erleiden. Deshalb besuche ich einmal wöchentlich das Krafttraining […] Ich glaube, man kann lange Gegensteuer geben. Gerade Pensionierte haben viel Zeit, ihre Kondition zu trainieren. […] Was auch mit dem Älterwerden zu tun hat: Ich weiss heute mehr, was mir wichtig ist. Wähle mehr aus, wo ich mich engagieren möchte.

Zum Buch
Claude Weill hat für sein Buch einen Fragenkatalog mit insgesamt 31 existenziellen Fragen zusammengestellt, von denen er jeweils sieben bis zwölf Fragen beantworten liess. Dabei gab er vor, dass zwei Fragen, die das Älterwerden konkret betreffen, beantwortet werden mussten, während die restlichen Fragen von den Porträtierten selbst ausgewählt werden durften.

Die Generation der 68er, der auch ich wenigstens am Rande zugehöre, war mit dem Selbstverständnis angetreten, nie so spiessig und alt auszusehen wie ihre Eltern. «Trau keinem über dreissig», lautete unser Wahlspruch. Wir sahen uns gleichsam als Berufsjugendliche auf Lebzeit.
— Claude Weill in der Einleitung

Zwölf Personen haben sich auf das Abenteuer Selbstreflexion eingelassen und seine Fragen beantwortet. In der Einleitung schreibt er zu der Auswahl der Befragten und zu seinem Vorgehen: «Zu Wort kommen sollten ausschliesslich Menschen aus meinem näheren persönlichen Umfeld – Weggefährten sie alle seit vielen Jahren. […] Mir war bewusst, dass ich meinen Interviewpartnerinnen und -partnern, indem ich ihnen die Auswahl der Fragen übertrug, einiges an Reflexion zumutete.»

Neben den zwölf Portraits finden sich im Buch auch die 31 Fragen sowie ein Gespräch mit Dr. Christian Thum, Facharzt für psychotherapeutische Medizin, in Sonthofen (D). Christian Thum hat während einem Jahr den Fragenkatalog des Autors bei seinen Patienten und Patientinnen eingesetzt.


  Autor Claude Weill (rechts im Bild) mit Vorleser Venus Madrid (Bild: zvg.)

Autor Claude Weill (rechts im Bild) mit Vorleser Venus Madrid (Bild: zvg.)

Titel: In Glücksmomenten bin ich weder jung noch alt – zwölf Porträts von Menschen nach der Lebensmitte
Autor: Claude Weill
ISBN: 978-3-85990-308-1
Verlag: Edition 8, Zürich

Kontakt Claude Weill
info@weillbalance.ch
www.claudeweill.ch