«Ein Leben ohne Niederlagen ist nicht erstrebenswert»

Claude Weill ist Mentor in der Edition Unik. Und er hat ein Buch geschrieben, das zwölf Portraits von Menschen nach der Lebensmitte umfasst. Lesen Sie den Auszug aus der Befragung von Franziskus Ott, pensionierter Rechtsanwalt.

Habe ich nach meinen Vorstellungen gelebt oder habe ich mich (zu stark) angepasst?
Ich habe nach meinen Vorstellungen gelebt, wusste aber und weiss es bis heute, dass Vorstellungen nicht das sind, wonach ich ausschliesslich leben möchte. Vorstellungen sind für mich im Grunde genommen Kräfte, die mich einspinnen und unfrei machen. […] Ich verstand unter gelebter Freiheit immer etwas anderes. Im besten Falle sind meine Vorstellungen eine Vorstufe für diese Freiheit.

Als ich mich vor zwei Jahren entschied, ein Buch herauszugeben mit Portraits von Menschen nach der Lebensmitte, tat ich es in erster Linie, um nach meinem Eintritt ins AHV-Alter nicht in eine Sinnkrise zu geraten.
— Claude Weill im Vorwort

Kann ich mit dem, was mir nicht gelungen ist, leben? Kann ich meinen Niederlagen sogar etwas Positives abgewinnen?
Mit dem, was mir nicht gelungen ist, muss ich leben. Das tut manchmal weh. Gewissen Niederlagen kann ich etwas Positives abgewinnen, anderen nicht. Immer dort, wo ich aus den Niederlagen etwas gelernt habe, stellt sich Dankbarkeit ein. So lernte ich verstehen, dass ein Leben ohne Niederlagen ein Ding der Unmöglichkeit und für mich auch nicht erstrebenswert sein kann.

 

Anmerkung von Franziskus Ott, rund ein Jahr nach der ersten Beantwortung der Fragen:
Als ich meinen Text […] nochmals las, fehlte mir in meiner Fragebeantwortung eine gewisse Bescheidenheit. Ich sprach zum Beispiel wenig von meinen blinden Flecken, welche meinen Umgang mit meinen nächsten Menschen oftmals prägen. Ich bin heute gewillt und auch bereit, diese blinden Flecken genauer anzusehen, und glaube auch daran, dass eine Heilung dieser «Sehschwäche» grundsätzlich möglich ist.

  Autor Claude Weill (rechts im Bild) mit seinem Vorleser Venus Madrid (Bild: zvg)

Autor Claude Weill (rechts im Bild) mit seinem Vorleser Venus Madrid (Bild: zvg)

Zum Buch
Claude Weill hat für sein Buch einen Fragenkatalog mit insgesamt 31 existenziellen Fragen zusammengestellt, von denen er jeweils sieben bis zwölf Fragen beantworten liess. Dabei gab er vor, dass zwei Fragen, die das Älterwerden konkret betreffen, beantwortet werden mussten, während die restlichen Fragen von den Porträtierten selbst ausgewählt werden durften. Zwölf Personen haben sich auf das Abenteuer Selbstreflexion eingelassen und seine Fragen beantwortet. In der Einleitung schreibt er zu der Auswahl der Befragten und zu seinem Vorgehen: «Zu Wort kommen sollten ausschliesslich Menschen aus meinem näheren persönlichen Umfeld – Weggefährten sie alle seit vielen Jahren. […] Mir war bewusst, dass ich meinen Interviewpartnerinnen und -partnern, indem ich ihnen die Auswahl der Fragen übertrug, einiges an Reflexion zumutete.»

Neben den zwölf Portraits finden sich im Buch auch die 31 Fragen sowie ein Gespräch mit Dr. Christian Thum, Facharzt für psychotherapeutische Medizin, in Sonthofen (D). Christian Thum hat während einem Jahr den Fragenkatalog des Autors bei seinen Patienten und Patientinnen eingesetzt.

Kontakt Claude Weill
info@weillbalance.ch
www.claudeweill.ch

Titel: In Glücksmomenten bin ich weder jung noch alt – zwölf Porträts von Menschen nach der Lebensmitte
Autor: Claude Weill
ISBN: 978-3-85990-308-1
Verlag: Edition 8, Zürich