Alles halb so wild!

Gedanken zum heutigen Digitaltag von Janine Meyer.

Zeigen, Tatschen und Schmieren, das können schon ganz kleine Kinder. Das können sie sogar schon, bevor sie sich verbal so artikulieren können, dass sie auch von Erwachsenen verstanden werden, die nicht zufällig ihre Eltern sind. Mit den Smartphones sind die Bewegungsabläufe auch für die Grösseren wieder von Bedeutung. Wenn ich mich allerdings an meine ersten Versuche erinnere, als ich mit dem Smartphone zu schreiben versuchte, dann sehen die Erinnerungen etwa so aus:

 

wie und ob neue te hllnologien “unser” Leben verßndern, qill ich an dirser Stelle nicht beantworten, fas kann ivj auchbgat nicht das muss dich nämlich erst zeigen. Eas ich aber kann ist einerseits davob erzählen, wie jeue Technologien, namentluch ein Smartphone mit Touchscreen, “mein” Leben verändern und ich will zwei thesen aufstellen: Man erkennt sofort, was sich vrrändett, die Savhe mit der Orthographie nämlich. Was mich übrigens zu een Thesen bringt: 1. “Durch die regelmässige Nutzung wird die Handhabung einfacher, flüsdiger” 2. “Gegen Ende dieses Textes werden meine Fehler weniger, das Schreiben geht flüssiger” Zweites sich sich beteits zu bestätigen – oder auch nicht -.-

 

Und trotzdem gilt es, sich mit der Gegenwart auseinanderzusetzen und sich mit ihr anzufreunden. Sonst kann man das mit der Zukunft auch gleich vergessen. Und zum Auseinandersetzen und Anfreunden gehören nun mal die Mühen der Umgewöhnung. Das Schreiben von Hand habe ich irgendwann gelernt. Diese Kulturtechnik hat sich in mein Gehirn und meinen Körper eingeschrieben. So tief, dass es nicht selbstverständlich ist, sie hinter sich zu lassen.

Bildgebende Verfahren bestätigen heute, was schon lange Zeit vermutet wurde: Die Handschrift schreibt sich tatsächlich ins Gehirn ein, sie hinterlässt Spuren, sie verändert unsere Hirnstruktur und unser Denken. Gilt das auch für das Schreiben auf einem Touchscreen, das ja auch irgendwie ein Schreiben von Hand ist? Sind die Bewegungen so intuitiv, so natürlich, dass sich unser Denken gar nicht so sehr verändern wird? Ist alles halb so wild? Oder droht tatsächlich, wie uns so manche Zeitgenossen glauben machen möchten, die digitale Demenz?

Es gibt Untersuchungen und Studien, die darauf hindeuten, dass die Lese- und Schreibkompetenz bei Kindern beeinträchtigt würde, übten sie den Umgang mit neuen Technologien zu früh und zu oft. Es gibt aber auch Untersuchungen und Studien, die das Gegenteil behaupten. Noch weiss die Hirnforschung nicht mit Sicherheit, was die neuen Technologien und die damit höchstwahrscheinlich verbundene Veränderung der Bewegungsabläufe mit unseren Gehirnen anstellen werden; irgendetwas werden sie unzweifelhaft auslösen.

Was man mit Sicherheit weiss: Je nachdem, was der Mensch tut oder nicht tut, werden Gehirnareale aktiviert oder deaktiviert. Unser Gehirn verändert sich also, auch ohne das Zutun neuer Geräte und Technologien. Wäre das nicht so, würden wir vermutlich noch heute in kalten, finsteren Höhlen leben, weil noch niemand auf die Idee gekommen wäre, den Göttern das Feuer zu stehlen.

  Online und offline verbinden sich in der Edition Unik. (Foto: Tibor Nad)

Online und offline verbinden sich in der Edition Unik. (Foto: Tibor Nad)

«Die Feder ist mächtiger als die Tastatur», titelte die Fachzeitschrift Psychological Science im Frühjahr 2014 anlässlich der Publikation einer Studie der Princeton University. Forscher stellten darin fest, dass Studierende, die ihre Notizen digital erfasst hatten, im Gegensatz zu jenen, die ihre Notizen von Hand erfasst hatten, zwar mehr notiert, aber weniger von den eigentlichen Zusammenhängen verstanden hatten. Einige Tage später waren die Handschreiber zudem deutlich besser in der Lage, sich an den Inhalt der Vorlesungen zu erinnern als ihre digital arbeitenden Kommilitonen.

Das bedeutet nun aber nicht, dass wir uns zwischen dem Alten (der Handschrift) und dem Neuen (den digitalen Geräten) entscheiden müssen. Vielmehr können neue Technologien eine Ergänzung oder gar eine Chance sein. Und das weiss auch die Edition Unik: Hier werden Komponenten online und offline zu einem ganzheitlichen Schreibprojekt verbunden.

Verlassen auch Sie bekannte Wege und hinterlassen Sie neue Spuren – warum nicht als in Leinen gebundenes Buch?

Möchten Sie schreiben? Gerne! Die Anmeldung für die Runden 2019 ist geöffnet.


Der Text ist leicht verändert das erste Mal 2014 in der Publikation «Schreiben über Schreiben» der ZHdK erschienen.