Wer schreibt denn da?

In loser Reihenfolge stellen wir Ihnen hier vor, wen eine Psychologin und eine Autorin anhand der Titel hinter den Edition Unik Büchern vermuten. Heute: «Mein Aufbruch aus dem Wartsaal… » 
 

Die Psychologin (Bettina Geirhofer): 
Dieser Titel spricht mich sehr an. Zwar spricht aus dem Begriff Wartsaal eine leichte Melancholie, dennoch überwiegt die Energie des Aufbruchs. Ich habe den Eindruck, dass der Aufbruch jetzt geschieht; die Autorin schreibt, während sie aufbricht – vielleicht sogar, um aufzubrechen? Während sie im Wartsaal fremdbestimmt ist, nimmt sie nun die Kontrolle über ihr Leben in die Hand: Sie fällt die Entscheidung den Wartsaal zu verlassen. Damit ist ein Risiko verbunden; schliesslich ist es meist ausserhalb des Wartsaals noch kälter. Aber die Energie, die freigesetzt wird, hilft ihr die Situation zu meistern. Wofür der Aufbruch steht, ist nicht klar: Ein Ortswechsel? Ein Zweitstudium? Eine Trennung? Es steht jedoch fest, dass der Aufbruch noch nicht vorbei ist, das Buch hat noch kein Ende.  
 

Die Autorin (Stefanie Sourlier): 
Der Bahnhof ist samt seines Wartsaals in der Literatur ein wichtiger Ort. Reisen beginnen oder gehen zu Ende, Menschen kommen zusammen oder gehen auseinander, Entwicklungen nehmen Fahrt auf oder geraten ins Stocken. Selten geht es dabei wirklich um den Wartsaal. So auch hier: Die Autorin arbeitet nicht bei der SBB, sondern erlebt den Aufbruch metaphorisch. Ob der Aufbruch in der Vergangenheit oder in der Gegenwart liegt, ist unklar, aber die Auslassungspunkte deuten unmissverständlich darauf hin, dass die Entwicklung noch nicht vorbei ist. Wie der Titel ist auch die Geschichte noch nicht fertig. Ich schätze die Autorin auf nicht älter als 60. Sie blickt etwas unsicher, aber gespannt auf den nächsten Lebensabschnitt.
 

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Als 72-Jährige blicke ich gespannt, aber nicht unsicher auf den nächsten Lebensabschnitt.
— Elisabeth Leu-Lehmann


Die Antwort (Elisabeth Leu-Lehmann): 
Ja, es war ein doppelter Aufbruch. Der erste: das Abenteuer «Buch schreiben» im Projekt der Edition Unik. Der zweite Aufbruch: mein Leben authentisch nieder zu schreiben für mich und meine Nachkommen. Dieser Moment des Schreibens hat viele Emotionen ausgelöst, es war tatsächlich ein Risiko. Ich verarbeitete in meinem Buch die Vergangenheit meines Lebens und dabei habe ich viele Emotionen erlebt. Diese Entwicklung hat mir Kraft gegeben. Meine Angehörigen erlebten ebenso Emotionen beim Lesen des Buches. Mein Sohn schreibt mir: «Konnte herzlich lachen, aber auch manche Träne floss beim Lesen deines Buches.» Auf  der anderen Seite wurde viel Energie freigesetzt und voll motiviert bin ich nun am zweiten Buch über mein Leben am Schreiben. Als 72-jährige Seniorin (also doch etwas älter als 60) blicke ich tatsächlich gespannt, aber nicht unsicher auf den nächsten Lebensabschnitt.