Wer schreibt denn da?

Die Psychologin (Bettina Geirhofer): 
Auf den ersten Blick ein sehr schwerer, überwältigender Titel. Auf den zweiten gibt es aber Hoffnung. Es steckt etwas Zweischneidiges drin: Eine Sackgasse hat ja eigentlich keinen Ausgang, die Autorin hat ihn aber trotzdem gefunden. Sie scheint sich nicht umgedreht, sondern sich einen eigenen Weg gebahnt zu haben. Ich denke an eine schwere Lebensphase, aus der die Autorin sich selbst befreien musste und konnte. Der Titel hat nichts Spielerisches, das Buch ist für die schreibende Person eine ernste Angelegenheit. Aufgrund des Bilds der Sackgasse denke ich auch, dass die Person sehr selbstbezogen ist und das Buch für sich allein geschrieben hat. Andere Personen spielen darin nur Nebenrollen.  

Die Autorin (Stefanie Sourlier):
Bei vielen Buchtiteln ist es eine Grundfrage, wie wörtlich man sie nehmen soll. Manchmal wählt eine Autorin einen Titel auch, weil er gut klingt und obwohl der inhaltliche Bezug nicht sehr direkt ist. Bei der Sackgasse jedoch handelt es sich um ein bekanntes und sehr bodenständiges Bild. Die Sackgasse steht hier für das Leben selbst. Viele Jahre hat diese Person in einer Situation gelebt, die ihr gänzlich missfiel: eine schwierige Ehe, der falsche Beruf, ein fremdbestimmter Lebensentwurf. Erst in der zweiten Lebenshälfte hat sie den Ausgang gefunden, die grosse Befreiung. Und erst im Nachhinein kann sie nun über diese Sackgasse schreiben. Heute kann die Frau das Leben geniessen, vor ein paar Jahren wäre ihr das noch nicht möglich gewesen.
 

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Der Buchtitel ist – natürlich nicht nur – durchaus wörtlich zu verstehen.
— Verena Bernhart, Teilnehmerin


Die Antwort (Verena Bernhart): 
Ich bin in einer Sackgasse, der Bäckerstrasse, aufgewachsen. Die Bäckerei meiner Grosseltern gab ihr den Namen. Der Buchtitel ist deshalb – natürlich nicht nur – durchaus wörtlich zu verstehen. Über die Strasse steht einiges in meinem Buch:«Sie ist kein Highway, sie ist ein wohlig warmer Hausschuh. Schnell steigt man ein, fühlt sich rundum zu Hause – doch ist man genauso rasch wieder draussen.» Eingeengt fühlte ich mich als Teenager. Strenge Regeln sprengte ich, Vaters Drohfinger pfiff mich zurück. Mit Zwanzig verliess ich die heimatliche Sackgasse und arbeitete für ein Jahr in Paris. Ich nutzte meine Chancen und selbstbestimmt lebe ich bis heute. Das Jetzt zählt. Die Lust auf biografisches Schreiben wurde in einem Kurs geweckt. Ich schrieb immer gern, doch mein Deutschlehrer fand, nicht eben gut. Das weckte meinen Ehrgeiz.