«Unser Kopf hat keine Delete-Taste» 

Daniel Perrin, Linguist und Beirat der Edition Unik, leitet das Institut für angewandte Medienwissenschaft (IAM) an der Zürcher Hochschule der angewandten Wissenschaften (ZHAW). Als Forscher untersucht er die Prozesse, Praktiken und Repertoires von Menschen, die beruflich schreiben. Im Interview wird deutlich, dass ihn das Schreiben auch ausserhalb des professionellen Kontextes interessiert und fasziniert. 

Edition Unik: Lieber Daniel, du bist Professor am IAM und Schreibforscher. Wie muss man sich deinen Forschungsschwerpunkt vorstellen?
Daniel Perrin: Im Zentrum meiner Arbeit steht das Schreiben im Beruf. Was genau geschieht beim Schreiben, im Kopf, im Körper, am Bildschirm? Was gibt es für Praktiken? Was macht erfahrene Schreiber aus und was machen die besser als Anfänger? Schreibforschung kann Profis helfen, noch besser zu werden. Unsere Forschung geht aber darüber hinaus: So interessieren uns auch die Emotionen während des Schreibens, aber auch Mehrwert und Gewinn der Schreibenden. Was haben sie vom Schreiben? Wie verändert das Schreiben eine Gesellschaft?

EdU: Und wie verändert das Schreiben unsere Gesellschaft?
DP: Wir werden eine Gesellschaft von Immerschreibern. Mit Social Media verbreitet sich der Schreibmodus des «writing by the way», des beiläufigen Schreibens, im Beruf wie im Alltag. Beispiele hierfür sind etwa die Nachrichten in Diensten wie Whatsapp. Wir sind dabei, ein Forschungsdesign zu diesem beiläufigen Schreiben, zu neuen Formen des Schreibens aufzusetzen.

EdU: Wir schreiben also alle. Warum?
DP: Das hat verschiedene Gründe. So hat das Schreiben etwa eine therapeutische Seite, eine heilende Wirkung. Über das Schreiben kann ich mich auch mit eigenen Gedanken auseinander setzen, Fragen formulieren und Antworten finden. Über das Schreiben kann ich über mich heraustreten. Und ich kann mich neu eben auch mit der Welt synchronisieren, etwa über Likes.

EdU: Was kann ein Gewinn des Schreibens im Pilotprojekt Edition Unik sein?
DP: Im Laufe eines Lebens macht man Erfahrungen, die sich verdichten, bei denen man plötzlich Zusammenhänge erkennt. Wenn man solcherlei verdichtete Lebenserfahrung aufschreiben kann, ist es erstens schön für einen selber: Mir ist es gelungen, die Essenz meines Lebens zu destillieren, in Worte zu fassen. Zweitens ist es schön für die Leserschaft, denn man kann wirklich etwas weitergeben. Gleichzeitig ermöglicht die Verbindung von Online und Offline den Anschluss an eine immer schriftlichere Gesellschaft.

 

Bevor ich mein Geschriebenes überarbeiten kann, brauche ich Abstand dazu.
— Daniel Perrin, Schreibforscher

EdU: Viele beklagen die fehlende Schreibkompetenz und du sagst, die Gesellschaft werde immer schriftlicher. Wie löst du diesen Widerspruch auf?
DP: Was wir in diesen elektronischen Umgebungen rumschreiben und verschicken, das ist immens. 400 Whatsapp-Meldungen am Tag sind nicht die Ausnahme, sie sind die Regel. Etwas festzuhalten, sich mitteilen zu können, das ist ein Grundanliegen unserer Gesellschaft. Hier sehe ich auch einen Mehrwert der Edition Unik. Eure Teilnehmer/innen merken plötzlich: Ich kann meine Gedanken festhalten. Ich werde ernst genommen, bin ein Teil des Ganzen; ich kann mich in Worte «umgiessen». Es reicht schon, wenn das eine Person liest, die es gut findet. Und wenn es zwei lesen, dann habe ich mich schon verdoppelt.

EdU: Kann man überhaupt über das Schreiben sprechen oder schreibt jede Person so anders, dass man nicht verallgemeinern sollte?
DP: Wenn man als Forscher ein Gebiet auffächert, dann wird es plötzlich mannigfaltig. Ich kann fast nicht von dem Schreiben sprechen – und trotzdem kann ich eine Grenze ziehen: Man hält Gedanken fest, die man dann editieren, also bearbeiten kann, bevor man sie mitteilt. Das sind zwei Komponenten des Schreibens: Festhalten von Gedanken in bestimmten Zeichensystemen und das Editieren, das Verändern vor dem Kommunizieren.

EdU: Welche Profi-Tipps könnten unseren Teilnehmer/innen weiterhelfen?
DP: Es gibt Praktiken aus dem beruflichen Schreiben, die fast überall passen und die also auch helfen beim literarischen oder persönlichen Schreiben. Ein Beispiel: Bevor ich mein Geschriebenes überarbeiten kann, brauche ich Abstand dazu. Unmittelbar nach dem Schreiben sieht man die eigenen Fehler, Lücken, Brüche oder Widersprüche nicht, denn man sieht nur, was man schreiben wollte. Unser Kopf hat keine Delete-Taste, man kann die Erinnerung an das, was man sich beim Schreiben gedacht hat, nicht auslöschen. Ein Tipp für alle Schreibenden deshalb: Lassen Sie Ihren Text eine Stunde liegen oder ändern Sie die Typographie, bevor Sie ihn nochmal lesen. So können Sie Ihrem Text neu begegnen, so sehen Sie mehr!  

Aufgezeichnet von Janine Meyer & Frerk Froböse, Edition Unik