Schreiben wider das eigene Vergessen

Ein Erfahrungsbericht von Jürg Vogel. Er hat in der Edition Unik sein Buch geschrieben.

Mein Buchprojekt Vogel-Perspektiven begann ich, ohne dass ich es merkte. Auslöser waren zwei bedeutende Ereignisse in meinem Leben: mein 60. Geburtstag und die geplante, vorzeitige Pensionierung. Diese Erfahrungen waren geeignet, um über das eigene Leben, das Erreichte und die noch offenen Pläne nachzudenken. Das machte ich gerade ausgiebig, als ich in der NZZ einen Artikel zum Projekt Edition Unik las. Ich war so fasziniert von der Idee, die eigene Lebensgeschichte niederzuschreiben, dass ich mich umgehend anmeldete.

 
Bild: Joëlle Kost

Bild: Joëlle Kost

Ich schrieb meine Geschichte, nur so für mich.
Was ich so machte, an und für sich.
Was mir passierte und was ich so wollte
und auch das, was ich immer schon sollte.
Als es beendet war, hab ich's gefunden:
Mein Leben als Buch in Karton gebunden.

Jürg Vogel

 

Mein Leben verlief gradlinig. Ich hatte weder eine schwierige Vergangenheit aufzuarbeiten noch musste ich mit bestimmten Personen abrechnen. Es ging mir darum, das Erlebte für mich als Erinnerungsstütze oder für meine Nachkommen festzuhalten. Somit war auch klar, dass ich die Geschichte klar strukturieren sowie kurz und knackig schreiben wollte.

Der Schreibprozess
Während des Schreibprozesses erinnerte ich mich immer wieder an amüsante Begebenheiten, die sich in meinem Leben ereigneten. Ich wollte diese Geschichten ebenfalls festhalten. Die Biografie eignete sich dafür aber schlecht, weil die einzelnen Lebensabschnitte ein falsches Gewicht erhalten hätten. Ich schrieb die Anekdoten daher in einem zweiten Teil des Buchs.

So fasziniert ich in das Projekt einstieg, so interessant waren auch die vier Monate, die mir für die Abfassung zur Verfügung standen. Der Austausch mit den anderen Projektteilnehmenden in den Netzwerkveranstaltungen brachte mich mit unbekannten Menschen zusammen, die sehr offen über ihre teils eindrücklichen Geschichten sprachen. Wir konnten aber auch ganz praktische Punkte besprechen, denen wir bei der Schreibarbeit begegnet sind.

Der Mehrwert
Für mich war die Tatsache aufschlussreich, dass ich in kurzer Zeit die mir bekannten Fakten aus meiner Vergangenheit präzis in Worte fassen musste. So bekam ich die Gelegenheit alle meine Lebensabschnitte einander gegenüberzustellen und neu in einem bereits sechzigjährigen Leben einzuordnen. Viele Ereignisse erhielten so eine neue Bedeutung. Unscheinbares entpuppte sich auf einmal als zentrale Erlebnisse. Ich begann gewisse Entscheide in einem anderen Licht zu sehen und somit auch besser zu verstehen.

Und es stellten sich Fragen. Fragen, die ich weder mir noch anderen Personen je gestellt hatte. Fragen, die ich zuvor gar nicht kannte. Einige konnte ich selber beantworten, andere diskutierte ich in meinem Umfeld. Dankbar bin ich, dass ich auch meinen betagten Vater zu meiner Kindheit befragen konnte. Dabei wollte ich vor allem die Hintergründe für bestimmte Entscheidungen erfahren. Bei zahlreichen Treffen bekam ich alle Antworten. Dass mir diese Fragen rechtzeitig bewusst wurden und ich sie auch noch ohne Umschweife beantwortet bekam, erachte ich als den grössten persönlichen Gewinn des Projekts.