Frölich mit «h»

Quasi eine wachsweiche Weihnachtsgeschichte, aus der Phantasie der Erinnerung zu Papier gebracht von Josef Brogli. Er hat in der Edition Unik sein Buch geschrieben.

Dass wegen einer Wachskerze das Dorfleben durcheinandergerät, ist nicht so häufig. Und doch ist es passiert, aber vor über 50 Jahren. Ich war damals schon so klug, dass ich wusste: Wenn die Erwachsenen flüstern, muss es eine spannende Geschichte sein. Schon wochenlang war es ein Flüstern gewesen im Dorf. Heute ist die Geschichte vergessen. Wie schade wäre es, wenn sie ganz vergessen ginge. Deswegen schreibe ich sie heute auf. Wie das halt so ist mit alten Geschichten: Im Laufe der Jahre verändert sich die Erinnerung; die Fantasie gibt mal einen Gutsch Nostalgie dazu, dann geht wieder ein Detail vergessen. Am Schluss wäre es noch schwierig herauszufinden, was an dieser Geschichte wahr und was erfunden ist. Aber diesen Unterschied machen ja viele Leute heute auch nicht mehr, wenn sie sich was erzählen. Die wahrsten Geschichten sind oft erfunden.

Ich stelle mir vor, wie jetzt eine Leserin oder ein Leser die Geschichte zu lesen beginnt. Vielleicht werden die Beine zuvor noch hochgelagert. Vielleicht steht links ein Tischchen mit einem Glas Wein. Oder rechts eine Guetzlibüchse mit Brunsli und Mailänderli, die wieder mal nicht warten können, bis Weihnachten ist. Und wenn jetzt die Leserin oder der Leser die Nase in diese Geschichte steckt, sieht sie zuerst den Pfarrer Frölich:

Unser Dorfpfarrer hiess Felix Frölich. Das ist kein Druckfehler. Frölich hiess so. Pfarrer Frölich sagte immer: «Frölich ohne Ha – Ha, ha, ha». Wobei, sooo fröhlich (mit Ha) war der gar nicht. Aber weil Weihnachtszeit ist und er längstens nicht mehr unter uns weilt, wollen wir das sein lassen. Auch im Spiel ist seine Haushälterin Annelies. Eine ganz besondere Rolle spielt die alte Jungfer Stephania Augusta Wisler, kurz Stöffeli genannt. Stöffelis Vorfahren waren mit Geschäften reich geworden, die, sagen wir mal, nicht gerade weihnachtlich waren. Was heisst da reich geworden! Stöffelis Vater war so reich, dass er zwei Autos hatte! Er war im ganzen Dorf der einzige gewesen, der überhaupt ein Auto hatte, eins für den Werktag, und eins für den Sonntag. Das Stöffeli war die letzte, steinreiche Vertreterin dieser Dynastie. So, jetzt haben wir alle wichtigen Leute zusammen: Pfarrer Frölich, Haushälterin Annelies und das Stöffeli.

Ich habe diese Geschichte an einem Sonntagnachmittag zuhause in der Stube aufgeschnappt; ich sollte zwar die Aufgaben machen, aber wenn meine Mutter und ihre drei Schwestern beim Käffele zusammensassen und alles durchnahmen, was Rang und Namen hatte, musste das Bigeli-Rechnen halt warten.

Stöffeli hatte ich persönlich noch gekannt. Sie war so runzlig wie die Äpfel, die sie im Ofenrohr lagerte, bis sie so mölsch waren, dass sie das Fruchtfleisch aussaugen konnte. Nicht nur zur Weihnachtszeit sang sie tatkräftig in der ersten Bankreihe alle Kirchenlieder mit. Abgründig falsch und mit etwa zwei Takten Verspätung auf Orgel und singende Gemeinde. Stöffeli hörte nicht mehr gut, aber sie sah mehr, als manchem lieb war. Pfarrer Frölich hatte schon alles im Guten versucht, aber das Stöffeli liess sich nicht vom Singen abbringen. Als einmal eine Nachtigall tot von der Birke neben der Kirche fiel, sagten die Leute, das sei wegen dem Stöffeli; denn die Kirchentüre sei ausnahmsweise offen gewesen, als das Stöffeli wieder mal grausam schlecht gesungen hatte. Die Nachtigall, so ein musikalischer Vogel!, habe deswegen eine Herzkrise bekommen und sei verschieden. Eben, der Pfarrer wollte Stöffelis hemmungslose Singerei unterbinden, aber drängen durfte man das Stöffeli ja nicht! Denn Felix Frölich wusste vom Notar, mit dem er regelmässig Schach spielte, dass in Stöffelis Testament ein grosser Batzen für das geplante Altersheim vorgesehen war. Unser Felix würde nie und nimmer wegen ein paar falscher und verzögerter Töne das Wohl seiner Kirche aufs Spiel setzen! Mit Stöffelis Geld und Gottes Gnade hoffte Felix Frölich das katholische Altersheim «St. Martin» bauen zu können. Stöffeli galt sonst als knausrige Seele und kauzige Jungfer, da musste man schon aufpassen.

Foto: Pexels.com

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In seinem frommen Eifer hatte das Stöffeli von sich aus für die Kirche eine grosse Holzfigur schnitzen und bemalen lassen. Sogar der Apotheker, der in der Kunst drauskam, hatte anerkennend genickt. Die Holzfigur zeigte den heiligen Martin, wie er mit einem Bettler seinen Mantel teilt. Diesen bunten Holzheiligen hatte das Stöffeli der katholischen Kirche geschenkt, mit der strikten Bedingung: «Der Martin muss in der Weihnachtskrippe direkt neben dem heiligen Joseph stehen!» Pfarrer Frölich hatte keine Chance mit dem Argument, der heilige Martin gehöre nicht zum Krippenpersonal, der habe erst viel später gelebt. Stöffeli schaltete auf stur und stumm. Frölich dachte ans Testament und fand einen Kompromiss: «Der heilige Martin darf direkt neben dem heiligen Joseph stehen, aber ausserhalb der Krippe.»

Was jetzt passiert, kann man als dummen Zufall oder die göttliche Vorhersehung bezeichnen: Wie zu jeder Weihnachtszeit wurden vor der Krippe, neben der Krippe und um die Krippe herum grosse Tannenbäume aufgestellt, an denen bestimmt 200 grosse Kerzen brannten. Von weit her kamen die Leute, zum Teil schon eine Stunde vor Mitternacht, um einen sicheren Sitzplatz mit freiem Blick auf das Kerzenmeer zu haben. Die grosse Zahl an Kerzen verlangte von Pfarrer Felix, Kirchendiener Sebastian und Haushälterin Annelies eine logistische Grossleistung: 200 Kerzen so anzünden, dass pünktlich um Mitternacht alle brannten, aber keine vor dem Schlusslied «Stille Nacht» abgebrannt wäre. Im Laufe der Jahre hatte man einen Trick entwickelt: Die zuerst angezündeten Kerzen waren dicker und grösser als die andern; so brannten auch die ersten bis zum Schluss. Dass die grossen Kerzen auch zu mehr tropfendem Wachs führten, nahm man in Kauf. Aber genau deswegen kam es zum Verhängnis, tropfenweise:

Der heilige Martin, Sie wissen es, musste ausserhalb der Krippe stehen. So war er den Wachstropfen einer grösseren Kerze über sich schutzlos ausgeliefert. Es war eine der dicken, langlebigen Kerzen. Aufgrund eines ungünstigen Winkels tropfte das Wachs dem heiligen Martin genau auf die Schnalle seines Gewandes; dort bildete sich [Tropf] ein breites Wachsband, welches [Tropf] durch weitere Zufuhr von oben [Tropf] sich nach vorne verlängerte. Dies wiederum [Tropf] musste bei jedem Betrachter, der mit der männlichen Anatomie auch nur ansatzweise vertraut war [Tropf], den Eindruck eines sehr irdisch freudig-erregten heiligen Martins erwecken [Tropf]. Hätte eine Menschenhand dieses neue Körperteil geformt, es wäre zum Sittlichkeitsprozess gekommen! Hier aber war die göttliche [Tropf] Vorsehung oder der teuflische Zufall am [Tropf] Werk. Was tun? Unübersehbar war: Der heilige Martin war wachsmässig sehr erregt.

Das Pech, das Malheur zu entdecken, fiel auf Fräulein Annelies, die rechte Hand von Pfarrer Frölich. Als älteste Schwester von 5 Brüdern auf einem Bauernhof im tiefsten Bayern war sie mit dem männlichen Untenherum sehr vertraut. So erschrak sie nicht etwa über den unförmigen heiligen Martin. Vielmehr bekam sie Panik beim Gedanken daran, was das Stöffeli denken müsste, wenn Annelies sich an die Krippe heranmachen und den heiligen Martin manipulieren würde. Damit es uns allen klar ist: Das Stöffeli sitzt bereits in der vordersten Bank und verfolgt das ganze Geschehen mit Eulenaugen!

Annelies entscheidet praktisch: Kraft seines Amtes und seiner beruflich bedingten Enthaltsamkeit ist nur der Pfarrer Frölich über jeden Verdacht erhaben. Aber Frölich steht ernst drüben am Seitenaltar bei der heiligen Regula und zündet hoch konzentriert Kerze um Kerze an. Winken kann Annelies nicht, denn Stöffeli würde Augen machen: Was winkt jetzt die Annelies dem Herrn Pfarrer! Aber ein Räuspern wird das Stöffeli nicht mitbekommen. Also beginnt Annelies zu hüsteln, ohne Erfolg. Auch ein kleiner Hustenanfall ist für Frölich «ohne H» kein Kommunikationssignal. Schliesslich entscheidet sich Annelies für einen kurzen Pfiff; mit dem hatte sie jeweils den bayerischen Kühen das Signal zum Heimkehren gegeben. Diesen Pfiff kann sich Annelies nur leisten, weil unterdessen der Organist mit Hand und Fuss die Register prüft; wenn es damals einen Orgelturbo gegeben hat, dann war er jetzt bestimmt im Einsatz. Felix Frölich richtete sich auf wie ein Murmeltier. Annelies deutet ihm, er möge herüber kommen. Mit tiefst demütigem Blick und einem fromm-süssen Kopfnicken Richtung Stöffeli wechselt unser Felix die Seite. Diskret und unauffällig, um das Stöffeli nicht zu warnen, weist Annelies den Felix Frölich ohne «H» auf den entstellten Martin mit seinem Zu-Wachs hin.

Frölichs frommes Herz und kluges Kleinhirn suchen nach einer Lösung. Der Wachsschaden ist ja nur möglich geworden, weil der heilige Martin durch Frölichs Machtwort ausserhalb der Krippe stehen musste! Der Kerze kann man weiss Gott keinen Vorwurf machen. Der Pfarrer ist schuld! Frölich, jetzt erst recht ohne «H». Da bleibt nur eines: Den heiligen Martin in die Hand nehmen und den vorwurfsvollen Wachs diskret entfernen. Einfach so kann auch ein Pfarrer den heiligen Martin in der heiligen Nacht nicht in die Hand nehmen. Der rettende Gedanke: Der heilige Martin muss befördert, das heisst hinein in den Stall platziert werden. Dazu muss der heilige Joseph 12 Zentimeter nach hinten weichen, was wiederum den Ochsen seinen jahrhundertealten Standplatz kostet. Soweit Frölich erkennen kann, schaut das Stöffeli nun gar martinsmässig weihnächtlich-wohlig zufrieden. Und der heilige Martin ist unauffällig von allen allzu irdischen Merkmalen befreit worden.

Felix Frölich sieht den Bauplatz für sein katholisches Altersheim definitiv gesichert; so ändert er den Text seiner Weihnachtspredigt spontan. Für die heilige Familie sei in keiner Herberge mehr ein Platz frei gewesen. Daraus könne man direkt ableiten, dass gerade hilfsbedürftige Menschen, Kinder, Alte und Gebrechliche ein Anrecht auf ein warmes Plätzchen hätten. Jeder Gesellschaft stehe es wohl an, rechtzeitig Grundstück und Kapital zu sichern, um dieser weihnächtlichen Botschaft Rechnung zu tragen, zum Beispiel mit einem Kindergarten oder einem Altersheim. Hätte man in Stöffelis Herz schauen können, wäre gewiss das Aufblühen ihrer reinen Seele, vergleichbar mit den Eisblumen am Fenster ihres ungeheizten Schlafzimmers, sichtbar geworden.

Bis zu diesem Punkt der Geschichte konnte ich gut mithören, auch wenn die Mutter mit gedämpfter Stimme berichtete. Aber jetzt musste ich den Mund aufmachen, so genau musste ich hinhören, um überhaupt etwas zu verstehen. Also gehört habe ich den Schluss der Geschichte schon, aber nicht ganz verstanden. Noch nicht. – Ich stelle mir vor, dass die Leserin oder der Leser noch einen Schluck Wein zur Stärkung nimmt oder noch ein Guetzli, dann den Finger abschleckt und den Rest der Geschichte geniesst:

Meine Mutter flüsterte ihren Schwestern zu, es habe dann noch einmal «Weihnachten» gegeben, und zwar genau 9 Monate nach dem 24. Dezember! Das Fräulein Annelies habe es im vollsten Vertrauen der Frau Rölli, der Präsidentin des Frauenvereins, gestanden; Frau Rölli hatte es dem Vorstand geflüstert und so kam die Story auch meiner Mutter zu Ohren. Ich schreibe es jetzt so auf, wie ich es gehört habe; den Rest habe ich mir selber mit Logik zusammengereimt: Im zeitlosen Raum zwischen Mitternachtsmesse und Weihnachtstag waren Felix und Annelies bei einer Flasche Wein und Guetzli zusammengesessen. Frölich hatte die Beine hoch gelagert. Im trauten Gespräch hatten Felix und Annelies den wunderbaren Chorgesang und das festliche Jubilieren der Orgel nachempfunden, waren auf den heiligen Martin und dessen organisches Missgeschick zu sprechen gekommen und fanden vorsichtig und zur beidseitigen Überraschung, dass auch an einem Heiligen etwas sehr Menschliches sein könne, und dass Menschen sich nicht ein Leben lang als Heilige zeigen müssten, und dass gerade am Fest der Liebe für einander da sein und einander nahe, sehr nahe sein, nichts Sündhaftes sein könne. Gerade ein katholischer Pfarrer fühle sich oft sehr, sehr einsam und hätte dann grösste Mühe, vom Fest der Liebe zu predigen, weiss Gott! Und so kam es, wie Sie es wahrscheinlich auch schon ahnen. Die letzte Kerze war gelöscht im Pfarrhaus, aber Felix Frölich und Annelies ging ein anderes Lichtlein auf, das gar heftig flackerte und trotzdem eine ach so wohlige Wärme entwickelte. Über den Rest der Geschichte wollen wir den Mantel des Schweigens oder des heiligen Martin breiten.

Ich habe später das Gerücht gehört, dass Martina Frölich (die Tochter von Felix und Annelies) beim Zivilstandsamt eine Namensänderung durchgesetzt habe: Frölich ja, aber bitte mit «H».

«Oh du Fröhliche, oh du Selige» – ja, ja, schon recht, aber wie lange noch, wenn es heute in den Kirchen und Haushalten fast nur noch tropffreie oder elektrische Kerzen gibt?