Erinnerungen 1940-2017

Ein Textfragment aus dem Werk von Magdolna Keel, sie hat in der Edition Unik ihr Buch geschrieben.

Krieg, Bombenalarm, russische Soldaten

Ich erlebte den zweiten Weltkrieg als Vierjährige. In meinen Erinnerungen an den Krieg tauchen Bilder auf: Auf dem Nachhauseweg von den Grosseltern: Meine Mutter schiebt den Kinderwagen. Darin liegt mein kleiner Bruder. Ich laufe nebenher. Plötzlich Bombenalarm! Hunderte Flugzeuge fliegen mit ohrenbetäubendem Lärm über uns! Wie schützt eine Mutter ihre Kinder vor Bomben mitten auf der Strasse? Sie umarmt mich fest, und beugt sich schützend über den Kinderwagen! Als könnte sie uns vor dem Bombenabwurf retten oder bewahren

Meine Mutter, der Mond und die Sterne

Als der Krieg zu Ende war, musste meine Mutter mit zwei kleinen Kindern irgendwie überleben. Unser Vater war nämlich während vier Jahren im Kriegsgefangenenlager in der Sowjetunion. Durch das Rote Kreuz konnte uns Vater auf einer vorgedruckten Karte ein paar Zeilen schreiben. So wussten wir wenigstens, dass er lebte, und wo er gefangen war. Wann würde er wohl zurückkehren?

Unsere Mutter sagte uns Kindern: «Schaut zum Himmel hinauf, seht ihr dort oben den Mond und die Sterne? Der Vater, gefangen in Russland sieht denselben Mond und dieselben Sterne, wie wirDas war Mutters Kommunikation mit ihrem Mann!

Als ich 1948 die dritte Klasse in der Volksschule besuchte, war mein Vater aus seiner beinahe vierjährigen Kriegsgefangenschaft in Sowjetrussland, entlassen worden. Wieder zu Hause in seiner Heimat, musste sich mein Vater in die neue politische und gesellschaftliche Situation eingliedern und sich in ihr zurechtfinden. Es kam ihm zu Gute, dass er in seiner Jugend eine Lehre als Holzschnitzer absolviert hatte. So konnte er in einem staatlichen Betrieb für Herstellung von Möbeln in antikem Stil Anstellung finden.

Bild: zvg

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Degen, Raspel, Mund-zu-Mund Werbung

Jeder besass sein persönliches Werkzeug. Das waren scharfe Meissel, welche die Handwerker noch vor dem Krieg gekauft hatten. Allmählich jedoch waren die Meissel abgestumpft oder wurden ganz und gar unbrauchbar. Im kommunistischen planwirtschaftlich organisierten Ungarn fehlten aber oft wichtige Waren. So wurden auch keine neuen Werkzeuge für Holzschnitzer und Bildhauer hergestellt. Im ganzen Land konnte man keinen Meissel auftreiben. Mein vielseitig begabter Vater konnte sich aber helfen. Er kaufte auf dem Flohmarkt alte, ausgediente Raspeln und Degen. Mit Hilfe eines kleinen Gasbrenners, erhitzte er sie, hämmerte und schmiedete sie flach, und formte wunderschöne neue Meissel! Der Griff entstand aus alten Stuhlbeinen. Seine Meissel sahen ganz perfekt aus.

Selbstverständlich wollten jetzt alle Holzschnitzer-Kollegen ebenfalls neue Arbeitsinstrumente haben! So begann mein Vater in unserem winzigen Keller, Meissel zu produzieren. Er stellte sie, je nach Wunsch, in verschiedenen Grössen, mit spitzigeren oder rundlicheren Krümmungen her. Auch das «Produzieren» war verboten. Eigeninitiative war ein Verbrechen in der Diktatur und so musste er sehr vorsichtig sein. Doch durch Mund-zu-Mund-Propaganda wussten bald alle Holzschnitzer und Bildhauer in Ungarn, dass man bei meinem Vater Meissel nach Mass bestellen konnte.