Biografie mit Mohrenköpfen

Ein humorvoller Erfahrungsbericht von Josef Brogli. Er hat in der Edition Unik sein Buch geschrieben.

Von einem, der auszog, seine Biografie zu schreiben und dabei seine Leidenschaft für Mohrenköpfe und Scrabble produktiv nutzte.

  Bild: Pexels.com

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Seit Jahren kaufe ich im Nachbardorf regelmässig eine Kurpackung Mohrenköpfe. Sind die 50 Mohrenköpfe weggeputzt, bleibt eine stabile Schachtel zurück. Genau in solchen Schachteln sammelte ich meine Schulzeugnisse, Diplome, Urkunden, Fotos und anderen Kram. Für meine Biografie konnte ich also wortwörtlich aus dem Vollen schöpfen. Zum Schreiben griff ich nach Lust und Laune in die Schachteln und tippte drauflos, ohne Hemmungen, ohne Korrekturen. Ich liess die Personen auf den Fotos sprechen, reiste mit Postkarten nochmals nach Paris und Rimini und schwitzte mit dem Militär-Dienstbüchlein auf langen Märschen. Zu jedem Dokument entstand eine Erinnerung, eine Beschreibung, eine philosophische Betrachtung oder auch einmal eine Kurzgeschichte. Mit grossem Gewinn las ich parallel dazu das schlichte und doch so anregende Buch von Hanns-Josef Ortheil: Schreiben über mich selbst.

Deal mit mir selbst
Mein Sternzeichen ist der Feuerwehrhelm, weil ich oft erst handle, wenn es brennt. Ich brauche Zeitdruck, um produktiv zu werden. Wäre nur meine Schreibdisziplin so konstant wie mein Mohrenkopfkonsum! Da half nur eines: Der Appell an mein erwachsenes Ich in Form eines Deals. Dazu muss man wissen, dass ich fast täglich leidenschaftlich Scrabble spiele. Der Deal: Scrabble erst nach mindestens 5 Wörtern Biografie. Ich musste zuerst meine Text-Notration tippen, bevor ich die Scrabble-App auf dem Tablet starten durfte. Der Trick mit den 5 Wörtern funktionierte überdurchschnittlich gut. Denn nach 5 Wörtern löst sich eine Blockade von Unlust oder Ideenmangel. Oft trat ein Domino-Effekt ein, meine 4 Tippfinger hatten es 20 Minuten lang lustig. Wenn es einmal nicht zur Kür reichte, hatte ich immerhin meine Pflicht getan. So wurde ich zum vermögenden Rohstoffhändler meiner Entwürfe und Notizen.

Ein Vogel hilft weiter
Da stapelten sie sich nun, meine Rohtexte. Aber noch hatte ich kein Konzept, nicht einmal einen dünnen roten Faden für das Buch. Die Reihenfolge der Kapitel nach Jahreszahlen war mir zu langweilig. Vielleicht eher ein 5-Gang-Menü, also 5 Hauptkapitel mit ein paar Teilkapiteln? Das Rezept ging nicht auf, meine Biografie wäre so raffiniert geworden wie eine berüchtigte Tiefkühl-Pizza, bei der Inhalt und Verpackung eine ähnliche Konsistenz haben. - Ein Vogel brachte mich auf die Lösung (nicht gelogen, höchstens gut erfunden): Die Amsel (oder Drossel oder Fink) hüpfte von Ast zu Ast, hin und her, rauf und runter. Unberechenbar und deswegen interessant. Voilà: Ich überlasse die Reihenfolge meiner Kapitel dem Zufall. Schliesslich kann ich mit meiner Biografie umgehen wie ich will – wer zahlt, befiehlt. Und: Jede Buchbiografie ist sowieso eine Ordnung, die es so nicht gegeben hat. Jeder Biograf lässt vieles weg, verbindet Ereignisse mit klugen Erklärungen und hat so sein Leben wörtlich im Griff. Ich nicht. Mein Leben ist im Wesentlichen eine Reihe von Zufällen, die sich – in meinem Leben – vorwiegend als Glücksfall gezeigt hat.

Zu viel des Guten
Mein Seitenbudget hatte ich massiv überzogen. Ich musste kürzen und weglassen. Zum Kürzen von langen Kapiteln nahm ich nicht einzelne Wörter aus dem Text, sondern gleich ganze Abschnitte von bis zu 20 Zeilen. Oft schnitt ich die Einleitung zu einem Kapitel weg – worauf der Text deutlich an Fahrt gewann. Sogar ganze Kapitel mussten ins Exil meiner Festplatte; jetzt, wo das Buch längst gedruckt ist, weiss ich: Die Menschheit wird sie nicht vermissen. Und übermorgen wird wieder eine Mohrenkopfschachtel frei.

*Josef Brogli, dipl. Texter, schreibt Texte für KMU (vom Radiospot über Drehbücher für interne Schulungen bis zur Jubiläumsbroschüre). Daneben baut in Text-Workshops Schreibhemmungen ab. Die Butter aufs Brot zahlt er mit Ghostwriter-Honoraren. Mehr dazu auf www.iftl.ch