Wir lesen uns!

Evernote, Seniorweb und jede Menge Blumen und Pralinés – diese Dinge haben aus meiner Sicht das Pilotprojekt der Edition Unik geprägt. Natürlich neben den Menschen, die im Frühjahr 2015 ihre Bücher geschrieben haben. Die Menschen sind sowieso das, die aus der Edition Unik das machen, was sie ist: Eine einzigartige, lehrreiche (Arbeits-) Umgebung mit viel Abwechslung und jeder Menge Glücksgefühlen. Ein Rückblick mit Ausblick von Janine Meyer.

Buchlieferung ins Büro: Fast der schönste Moment in einer Projektrunde. (Foto: Edition Unik)

Buchlieferung ins Büro: Fast der schönste Moment in einer Projektrunde. (Foto: Edition Unik)

«Wenns de Tüüfel mol gseh het ...» Das ist eines meiner Lieblingszitate aus fast fünf Jahren Edition Unik. Gehört habe ich es im Pilotprojekt, und zwar als die Frage aufkam, wie ehrlich und schonungslos man in seinem Buch sein dürfe. Das ist eine nicht ganz einfache Frage – und die Person mit dem Beelzebub hat sich dazu entschlossen, zwar schonungslos zu sein, dabei aber auf Anonymisierungen und Verfremdungen zurückzugreifen. Es ging ihr nicht um eine Abrechnung, sondern um eine Aufarbeitung. Das Zitat begleitet mich seither und ist mir zum guten Berater geworden: «Will ich, dass das von mir bleibt? Und will ich, dass es so bleibt?»

Die Edition Unik und vor allem die Menschen, die sie zu dem machen, was sie ist, haben mich überhaupt viel gelehrt: mit mir selbst gnädig zu sein, zum Beispiel. «Mis Lebe lang hani müesse perfekt sii. Ez dörfi endli Fehler mache!» So brachte es jemand ebenfalls aus dem Pilotprojekt auf den Punkt.

Der Zufall als Jobvermittler
Zu diesem Pilotprojekt bin ich durch Zufall gekommen: 2014 hat mir eine Freundin erzählt, dass an der Uni Zürich ein Projekt vorgestellt würde, das sich das Motto «Erinnerungen Schreiben und Schenken» gegeben hatte und dessen Ziel es sei, Menschen ohne Schreiberfahrung zum Schreiben ihrer Geschichten anzuhalten. Und nicht nur das: Am Ende des Pilotprojekts sollten aus diesen Erinnerungen gedruckte und gebundene Bücher entstehen. Die Freundin meinte: «Das ist wie für dich gemacht.» Und so habe ich im Januar 2015 mit der Teilnehmerbetreuung begonnen. Gerade in der Anfangszeit der Edition Unik sind wir vom Projektteam mit Blumen, Pralinés und anderen Geschenken wahrlich überhäuft worden, was uns natürlich gefreut hat, was uns aber auch darin bestätigt hat, mit der Edition Unik auf dem richtigen Weg zu sein.

Nach dem Pilotprojekt standen die Evaluation an und die Einschätzung, ob es genügend Nachfrage geben würde, regelmässige Projektrunden durchzuführen. Gab und gibt es. Und so haben wir 2016 die erste offizielle Runde der Edition Unik starten dürfen. Dafür haben wir mit verschiedenen Partnern Anpassungen vorgenommen, so haben wir etwa die Schreibsoftware «Edition Unik App» entwickeln lassen, die den Onlinedienst Evernote ersetzt. Inzwischen sind über 350 Bücher entstanden. Die Chance ist gross, dass nach dem Abschluss der nun laufenden Basler und Zürcher Herbstrunden 400 Bücher von fast so vielen Autorinnen und Autoren in unserem Buchregal stehen werden.

Es ist ein schönes Gefühl, so viele Menschen beim Schreiben ihrer persönlichen Bücher begleiten zu dürfen. Meine Zeit bei der Edition Unik neigt sich nun aber dem Ende. Ab Oktober 2019 werde ich hauptsächlich als stellvertretende Chefredaktorin bei der Onlineplattform «Hallowil» tätig sein und habe damit die grosse Chance, ein neues journalistisches Produkt in meiner Ostschweizer Heimat zu prägen. Auf die neue Aufgabe freue ich mich und bin gleichzeitig auch ein bisschen traurig, dass ich nicht mehr so nah an der Edition Unik dran sein werde. Aber ich habe die Ehre und das grosse Vergnügen, die Veranstaltungen der Herbstrunden 2019 noch begleiten zu dürfen. Und ich werde als Mentorin weiterhin zur Verfügung stehen. Ganz verlassen mag ich die Edition Unik nämlich nicht.

Merci!
An dieser Stelle bedanke ich mich bei Ihnen allen, die sich für die Edition Unik interessieren, die mit ihr ihre Bücher geschrieben haben und die Sie dafür gesorgt haben, dass ich höchst interessante und lehrreiche Jahre hier verbringen durfte. Und ich danke dem Team von Heller Enterprises, das hinter der Edition Unik steht, für die berührenden Begegnungen, die einzigartigen Erfahrungen und die mannigfaltigen Möglichkeiten auf allen Ebenen – Merci! <3

Wir lesen uns!

Ihre Janine Meyer,
Projektmitarbeiterin und Teilnehmerbetreuung


Mehr zum Pilotprojekt von 2015


Ja, hier ziehen wir hin

Ein Auszug von Monika Leyde. Sie hat in der Edition Unik ihr Buch geschrieben.

Endlich brachen wir nach Basel auf, der Stadt im Dreiländereck, die Jojo als zukünftigen Wohnort vorgeschlagen hatte, weil er auf keinen Fall wieder in Zürich leben wollte. Und tatsächlich war es bei mir Liebe auf den ersten Blick. Basel gefiel mir auf Anhieb. Mit der grossen Altstadt, den vielen alten, renovierten Häusern, den malerisch verwinkelten Gässchen, dem eindrucksvoll hoch über dem Rheinufer thronenden Münster und den schönen Plätzen, dem farbenfrohen Marktplatz, dem charmanten kleinen Andreasplatz. Besonders die Szenerie am Rhein gefiel mir sehr, mitten durch die Stadt floss dieser breite Strom und bescherte ihr eine unerwartete, wohltuende Weite. Mit einem Bürli und einem Stück Käse in der Hand sassen wir auf den Stufen am sonnigen Kleinbasler Ufer, und ich sagte: «Ja, hier muss es schön sein zu leben, hier ziehen wir hin.»

Blick von der «Pfalz», der Aussichtsterrasse hinterm Münster, aufs Kleinbasler Ufer (Foto: zvg.)

Blick von der «Pfalz», der Aussichtsterrasse hinterm Münster, aufs Kleinbasler Ufer (Foto: zvg.)

Jetzt brauchten wir noch eine Wohnung, aber das war zum Glück deutlich einfacher als eine Wohnungssuche in Berlin. Wohlweislich hatten wir ein Zelt dabei, in dem wir auf dem Campingplatz von Lörrach, einer deutschen Kleinstadt kurz hinter der Grenze, preisgünstig übernachten konnten. Jeden Morgen fuhren wir gleich nach dem Aufstehen nach Basel, um im Roten Teufel am Andreasplatz zu frühstücken, einem sympathischen Café mit Selbstbedienung und, ganz wichtig, vielen Zeitungen. Auch den Baslerstab hatten sie dort aufgelegt, einen Gratisanzeiger, der täglich erschien und das grösste Immobilienangebot enthielt. Bym z'Mörgele, beim Frühstück, gingen wir ihn aufmerksam Seite für Seite durch und kreuzten alle Zweizimmerwohnungen an, die uns interessierten. Beim Bezahlen der Rechnung achteten wir darauf, dass genügend Kleingeld zusammen kam, um anschliessend in der Telefonzelle - ja, damals gab es noch Telefonzellen (!) - die aufgeführten Kontaktpersonen anzurufen.

Die Wohnung in der Gärtnerstrasse 67, die sich im Kleinbasel befand, der rechts vom Rhein liegenden Stadthälfte, dem «Kreuzberg von Basel», wie ich später sagen würde, war eine der ersten Wohnungen, die wir besichtigten. Ein Herr Suter hatte uns telefonisch den Termin angegeben, an dem die Vormieterin sie uns zeigen würde. Die Wohnung war genau richtig für uns, mit einem grosszügigen Eingangsbereich, zwei geräumigen, fast gleich grossen Zimmern, einem Badezimmer mit Badewanne sowie einer länglichen Küche, von der aus man auf den Balkon hinaustrat und auf den grossen, grünen Innenhof blickte. Anders als in Berlin, wo man in einer neu gemieteten Wohnung erst einmal aufwändig die alten Tapeten von den Wänden reissen, Böden schleifen, alles neu streichen sowie Kochherd und Kühlschrank organisieren musste, war diese Wohnung frisch renoviert und bezugsfertig, verfügte über eine komplett ausgerüstete Küche, selbst ein neuer Spiegelschrank im Badezimmer war vorhanden. Schweizer Standard halt, wie ich erfuhr. Diese Wohnung mussten wir einfach haben, aber würde der Vermieter sie uns auch geben?

Und tatsächlich war es bei mir Liebe auf den ersten Blick. Basel gefiel mir auf Anhieb.
— Monika Leyde

Bangen Herzens machten wir uns auf den Weg zu Herrn Suter von der Liegenschaftsverwaltung. Mit unserem allerschönsten Lächeln teilten wir ihm mit, dass wir die Wohnung wirklich sehr gerne mieten würden. Natürlich kam sie dann gleich, die Frage, vor der uns so bange war: Wovon wir denn leben würden? Wenn wir den Umzug von Berlin nach Basel bewältigt hätten, würden wir uns sofort eine Arbeit suchen, versicherten wir ihm eifrig. Die Erwähnung Berlins schreckte ihn nicht ab, im Gegenteil, er schien es interessant zu finden. Was wir denn von Beruf seien? Ich hätte zuletzt als Fremdsprachensekretärin gearbeitet, antwortete ich, beim Deutschen Institut für Normung. DIN-A 4 kennt jeder, dachte ich mir, also würde ich ruhig auch den Arbeitgeber nennen, das klang doch seriös und stimmte ja auch. (Dass ich schon zweimal ein Studium abgebrochen hatte und länger durch Asien gereist war, musste ich ihm ja nicht gleich auf die Nase binden.) Aber natürlich wollte er auch den Beruf von Jojo wissen, und nun wurde es kritischer. Hatte Jojo überhaupt einen Beruf? Ich erinnerte mich daran, wie er einmal erwähnte, dass er in seiner Basler Zeit eine Freundin hatte, die Anthroposophin war. Durch sie hatte es sich ergeben, dass er im Goetheanum, dem Zentrum der Anthroposophen, das sich nur wenige Kilometer ausserhalb von Basel befand, einen Puppenspieler-Kurs besuchte. Dort hatte er gelernt, Puppen anzufertigen, sie mit den Händen zu bewegen und, hinter einem Vorhang versteckt, durch die eigene Stimme sprechen zu lassen. Und so antwortete Jojo dem Immobilienfritzen auf die Frage nach seinem Beruf: «Ich bin Puppenspieler.»

Ich hielt den Atem an und sah uns bereits wieder mit leeren Händen vor der Tür stehen. Aber eben, ich war ein Berliner Kind, von deutschen Beamten und Bürokraten geprägt. Doch jetzt befand ich mich in der Schweiz und lernte: Man kann das auch toll finden, dass jemand keinen stinknormalen Beruf hat, sondern ein Freigeist ist, ein Künstler, ein Puppenspieler gar. Denn genau so reagierte unser Herr Suter: «Ja was, Puppenspieler sind Sie, die trifft man auch nicht alle Tage, das ist ja interessant!» Und ab da lief alles easy, Jojo schilderte fröhlich Anekdoten aus seinem ehemaligen Puppenspielerdasein. Er lachte, seine Augen blitzten, sein Charme sprühte, und wer konnte sich diesem Charme schon entziehen?

Und schon hatten wir ihn, den Mietvertrag.


Der Schweigedämon

Ein Auszug von Peter Woodtli. Er hat in der Edition Unik sein Buch geschrieben.

 

Eines Tages
Eines Tages wenn ich alt bin 
werde ich an all die Geschichten denken 
die ich hätte erzählen können 
und vielleicht all diejenigen vermissen 
welche die Geschichten nie gehört haben.

Etwas ganz Besonderes: Das eigene Buch (Foto: zvg.)

Etwas ganz Besonderes: Das eigene Buch (Foto: zvg.)

Erich grübelt 
Erich stellt das Buch mit dem blaugrauen Umschlag zurück ins Regal. Er kommt ins Grübeln, während er sein eigenes Leben Revue passieren lässt. Im fortgeschrittenen Alter, wenn der Zauber des Leichtsinns und der Unvernunft verflogen, die Grundfunktionen wie Atem, Puls und Verdauung noch im grünen Bereich sind, das Denkvermögen, soweit er das beurteilen kann, intakt ist, wenn ihn der Antrieb noch jeden Morgen, ohne lange zu zögern, aufstehen lässt, kommt ihm sein Leben ziemlich luxuriös vor. So luxuriös, dass er es sich leisten kann, über das nachzudenken, was er gegen aussen als vornehme Zurückhaltung bezeichnet. Im stillen Kämmerlein jedoch gesteht er sich ein, dass sich über das, was ihn wirklich bewegt, eine Schicht des Schweigens gelegt hat, auf der vielleicht schon ein wenig Gras gewachsen ist. Die Geheimnisse von gestern sind die Tabus von heute und liebgewonnene Gewohnheiten von morgen, sinniert er. Und das tägliche Stück Ratlosigkeit muss man auch ihm zugestehen. Er weiss nicht, ob er sich für diesen Zustand bewusst entschieden hat oder ob es sich einfach so ergeben hat. So oder so, die Welt gehört nicht mehr ihm, aber er gehört noch zu ihr. Das Leben spielt nicht mehr nach seinen Regeln, eher umgekehrt. Wenn er die Möglichkeit hätte, eine neue Regel einzuführen, dann wäre es diese:

«Jeder Mensch muss sich selber täglich drei Fragen stellen, auf die er nicht zwingend eine Antwort finden muss. Aber jede Frage darf nur einmal gestellt werden.»

 

Eines Tages
Eines Tages wenn ich alt bin 
nicht fort von hier 
nur unterwegs zu etwas 
das niemand kennt 
das ist der Augenblick 
das Schweigen zu beenden 
und die Geschichten 
zu erzählen.


Das Schweigen selber brechen?
Unbedingt! Die Anmeldung für die beiden Herbstrunden 2019 ist auch noch kurzfristig möglich; auch jene für die Frühjahresrunde 2020 ist geöffnet.