Mein Weg zum Buch

Ein Erfahrungsbericht von Roland Hempen. Er hat in der Edition Unik sein Buch geschrieben.

  Die Bücher der Herbstrunde 2017. (Bilder: Edition Unik)

Die Bücher der Herbstrunde 2017. (Bilder: Edition Unik)

Als meine Mutter im Sommer 2008 starb, befand ich mich gerade auf einer Reise durch Namibia. Ich vereinbarte mit meinem Stiefvater, mit der Beisetzung ihrer Urne zu warten, bis ich wieder zu Hause sei. Der Rest der Reise wurde durch ihren Tod getrübt, doch fand ich auch Zeit, über meine Mutter, ihr Leben und unsere Beziehung nachzudenken.

Diese war zeitlebens schlecht gewesen. Nie war mir das bewusster als jetzt, wo sie nicht mehr da war, und es stimmte mich traurig. Das einzige, was sie mir hinterlassen hatte, war eine Schachtel mit alten Fotografien. Bei der Durchsicht stellte ich fest, dass ich viele der abgebildeten Personen nicht kannte. Ich wusste sehr wenig über meine Mutter. Als Vater von zwei Töchtern wollte ich es besser machen. Ich beschloss, anhand von Bildern aus Mutters Fotoschachtel ein Buch mit Geschichten und Anekdoten aus meinem Leben zu schreiben.

Die Edition Unik bietet Rahmen und Unterstützung
Die Edition Unik bot mir letztes Jahr den nötigen Rahmen und auch etwas Druck, mein Buch innert 17 Wochen fertigzustellen. Im Frühling besuchte ich im Zentrum «Karl der Grosse» ein Edition Unik Café. Drei Autorinnen und Autoren lasen, begleitet von ein bis zwei Angehörigen oder Freunden, aus ihren Büchern vor. Ich hörte drei interessante und völlig unterschiedliche Geschichten und war danach fest entschlossen, mein eigenes Buch zu schreiben. Noch am selben Tag meldete ich mich nicht nur für den Herbstkurs 2017 an, sondern begann auch gleich zu schreiben.

Über das eigene Leben nachdenken ist auch eine Art Psychotherapie
Mein Buch «Glück gehabt!» umfasst den Lebensabschnitt von meiner eigenen Geburt (1959) bis wenige Jahre nach der Geburt meiner beiden Töchter (1984 und 1985). Es handelt nicht zuletzt von Menschen, die mir dabei geholfen haben, nicht auf die schiefe Bahn zu geraten. Ohne sie wäre ich nicht da, wo ich jetzt stehe.

  Hier werden die Teilnehmenden gefeiert – und ihre Bücher.

Hier werden die Teilnehmenden gefeiert – und ihre Bücher.

Mein Start ins Leben war nicht gerade ermutigend. Ich war als uneheliches Kind einer erst kürzlich aus Norddeutschland eingewanderten Mutter und mit einem Geburtsschaden zur Welt gekommen. Meine Krankheit fesselte mich die ersten beiden Lebensjahre ans Bett. Meine Mutter arbeitete hart und hatte kaum Zeit, mich zu besuchen. Als ich aus dem Spital entlassen werden konnte, durchlief ich eine eigentliche Odyssee. Erst lebte ich phasenweise bei den Familien von verschiedenen Tanten, dann kam ich zu einer Pflegefamilie. Als Zehnjähriger holte mich meine Mutter zu sich, aber schon drei Jahre später riss ich aus, um zur Pflegefamilie zurückzukehren. Mit 18 zog ich auch bei ihnen aus und stand nun allein und praktisch mittellos da.

Der häufige Wechsel meiner Bezugspersonen und das Gefühl, nirgends wirklich dazu zu gehören, machten mich zum Aussenseiter. In der Schule wurde ich ausgegrenzt, weil ich als deutscher Staatsangehöriger das Nazischwein war. Mein leiblicher Vater, den ich als 20-Jähriger erstmals kontaktierte, gab mir deutlich zu verstehen, dass er mich nicht kennenlernen wollte. Indem ich mir diese Jahre wieder in Erinnerung rief und darüber schrieb, durchlebte ich schöne und belastende Erlebnisse, Freude und Trauer noch einmal. Es kam vor, dass ich mit Tränen in den Augen am meinem Laptop sass und meine Erinnerungen so wahrheitsgetreu wie möglich niederschrieb. Wo ich konnte, suchte ich das Gespräch mit meinen damaligen Bezugspersonen oder ich arbeitete mich durch Briefe und Dokumente.

Es ist eine Sache, schwierige Erlebnisse mental zu verarbeiten und zu glauben, darüber zu stehen, und eine andere, sie gefühlsmässig noch einmal zu durchleben. Sie können Magenkrämpfe verursachen, Traurigkeit, ein Gefühl der Hilflosigkeit. Indem ich sie mir noch einmal genau ansah, konnte ich einige von ihnen endlich loslassen. Das war unglaublich befreiend.

 
 
 
 
 

Autor: Roland Hempen,
Besuch der Edition Unik im Herbst 2017,
Buch: «Glück gehabt!»

 
  Der Autor Roland Hempen. (Bild: zvg)

Der Autor Roland Hempen. (Bild: zvg)

«A côté de la locomotive»

Vom «Franzosenkind», das ein Buch schrieb: Edition Unik Teilnehmerin Rosmarie Schneider war in der Radiosendung «Persönlich» zu Gast, wo sie vom Aufwachsen als «Franzosenkind», von der Suche nach ihrem Vater und vom Schreiben des eigenen Buches erzählt hat.

  Der Lohn 17 Wochen intensiver Schreibarbeit. (Bild: Joëlle Kost)

Der Lohn 17 Wochen intensiver Schreibarbeit. (Bild: Joëlle Kost)

Rosmarie Schneider ist nach dem zweiten Weltkrieg in einem deutschen Dorf aufgewachsen, seit sie elf Jahre alt ist, weiss sie, dass ihr Vater ein französischer Besatzungssoldat war. Er hatte der Mutter zwar ein Heiratsversprechen abgegeben, zurückgekehrt ist er nie. Das uneheliche Kind war im Dorf das «Franzosenkind», nicht das einzige übrigens, wie Rosmarie Schneider in der Radiosendung erzählt.

Der deutschen Familie hatte man damals mitgeteilt, der Vater sei im Krieg gefallen, was die Mutter allerdings nicht glauben mochte. Sie wusste aber auch nicht, wie sie nach dem Mann hätte suchen sollen. Und so dauerte es noch eine ganze Weile, bis Rosmarie Schneider ihren Vater in Paris das erste Mal treffen konnte. Sie war 40 Jahre alt. Getroffen haben sie sich «à côté de la locomotive» am Gare de l‘Est, Paris. Diese Zugreise ist denn auch der Auftakt zur ihrem Buch: «Die Landschaft fliegt am Zugfenster vorbei. Mein Blick streift über winterbraune, kahle Bäume, Wiesen im ersten frischen Aprilgrün, überflutet mit Wasser nach heftigen Regengüssen. Drei Worte haben sich in meinem Kopf festgesetzt und wiederholen sich im Rhythmus der ratternden, sich immer schneller drehenden Räder: ‹Gare de l'Est, Gare de l'Est, Gare de l'Est…›»

Im September 2015 las Rosmarie Schneider im Migros-Magazin von der Edition Unik und der Möglichkeit, in nur 17 Wochen ein in Leinen gebundenes, eigenes Buch zu realisieren. Dieser Hinweis sei ein «Wink mit dem Zaunpfahl» gewesen, hätten sie doch schon zuvor Kinder und Freunde immer wieder dazu gedrängt, alles aufzuschreiben. Veröffentlichen will sie das Buch mit dem Titel «Geheimnisse» nicht, die Geschichten darin seien zu persönlich. Ein paar Exemplare hat sie aber dennoch nachbestellt, «für Familie und Freunde».

Von der bedeutenden Zugreise, dem ersten Treffen an der Seite der Lok und anderen Erinnerungen berichtet Rosmarie Schneider in der SRF-Talksendung «Persönlich» mit Daniela Lager; Gesprächspartner war «Büchelischreck» Felix Mühleisen.


  Wann schreiben Sie Ihr Buch? (Bild: Joëlle Kost)

Wann schreiben Sie Ihr Buch? (Bild: Joëlle Kost)

Eigenes Buch schreiben? Kein Problem!
Haben Sie Lust bekommen, ein eigenes Buch zu schreiben? So melden Sie sich an! Ab Herbst 2018 führen wir auch eine Ausgabe der Edition Unik in Basel durch.

Fünf Fragen an: Maja Grolimund Daepp

  Bild: Pexels.com

Bild: Pexels.com

1. Was ist Ihre Rolle in der Edition Unik?
Ich stehe den Teilnehmerinnen und Teilnehmern als Mentorin zur Verfügung. Ich lese ihre Texte, und – je nach Wunsch – spiegle ich, was ihre Geschichten bei mir auslösen, weise auf Unklarheiten hin, stelle Fragen, schlage Änderungen vor oder bringe Korrekturen an.

2. Braucht es die Edition Unik?
Durch die Edition Unik erhält die schriftliche Auseinandersetzung mit sich selbst Struktur und Form. Es wird auf einfache Art möglich, das eigene Leben für sich selbst und andere in Buchform zu bringen.

3. Was raten Sie den Schreibenden?
Lassen Sie sich darauf ein!

4. (Wie) soll es mit der Edition Unik weitergehen?
Wie das schon seit dem Start des Projektes geschieht: Durch das Ernstnehmen der Autorinnen und Autoren und in laufender Auseinandersetzung mit ihnen.

5. Was lesen Sie am liebsten?
Geschichten, die mich bewegen. Ein wenig Irritation darf ruhig dabei sein.
 

Maja Grolimund Daepp ist Autorin und Mentorin der Edition Unik. Sie lebt in Schindellegi (SZ). 

Matinée mitten aus dem Leben

Aufschreiben, sortieren, zurückblicken: Während des Edition Unik Cafés im Kloster Dornach haben Franziska Eigenmann und Urs Schneiter Einblick in ihre Bücher und ihre Erfahrungen in der Edition Unik gewährt.

  Bilder: Edition Unik

Bilder: Edition Unik

Es ist Sonntagmorgen um 11 Uhr, die Sonne strahlt – und trotzdem ist der Gewölbekeller des Klosters Dornach gut besucht. Denn heute lassen zwei Ehemalige aus der Edition Unik das Publikum in ihre Lebenswelten eintauchen.

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Franziska Eigenmann hat in ihrem Buch verschiedene Episoden aus ihrem Leben festgehalten, denn: «Lebensereignisse sind nicht immer kritische Ereignisse.»

So erzählt sie in einem Kapitel etwa von einer Ringelblume, die sich an einem kalten, grauen Novembertag leuchtend orange gegen das nasse Laub am Boden abhebt und Eindruck hinterlässt. Franziska Eigenmann sagt, sie habe eigentlich schon immer geschrieben, Briefe und Tagebuch etwa, aber auch akademische Texte, hat sie doch an der ETH studiert, ein Buch sei ihr aber lange nicht vorgeschwebt.

Im Anschluss an ihre Lesung sagt sie denn auch, dass sie ihr Buch in erster Linie für sich selbst geschrieben habe und während des Schreibens gar nicht an eine grössere Öffentlichkeit gedacht habe. Aufgrund einiger positiver Rückmeldungen aus dem persönlichen Umfeld sei sie nun aber bereit, sich zu öffnen. Und das hat sie an der Matinée in Dornach unter Beweis gestellt.

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Urs Schneiter hat für die Lesung nicht nur einen Freund aus der Primarschulzeit mitgebracht, der mit ihm gemeinsam aus dem Buch liest, sondern auch gleich eine Power-Point-Präsentation und den Nachdruck seines Buches. Auch Urs Schneiter hat in seinem Leben schon viel geschrieben, immerhin war er Lehrer, auch für Sprachen. «Jubliäumsschriften durfte ich auch schon einige verfassen», erzählt er, während er die Präsentation startet und dem Publikum Bilder der «Cinque Terre», der Küstenregion in Ligurien, zeigt. Sein Buch heisst denn auch «Die fünf Erden», ist die Region doch für Urs Schneiter bedeutsam. Er versammelt in seinem Buch aber einiges mehr, so heisst es in der Zusammenfassung: «In den Fünf Erden berichtet der Autor nicht nur über seine Reiseeindrücke. Er erzählt aus seinem Leben, von den Vorfahren, von Kinder- und Jugendzeit […] und Begegnungen mit Autoren.»

Das Buch von Urs Schneiter kann erworben werden.

Bücher nachdrucken
Nach Abschluss einer Projektrunde erhalten die Schreibenden je zwei Exemplare ihres Buches, sie können ihre Bücher auch nachbestellen. Die Bücher sind in Leinen gebunden und werden in der Schweiz produziert, und zwar von der Bookfactory. Die Rechte am Inhalt der Bücher liegen selbstverständlich zu jeder Zeit und vollumfänglich bei den Autorinnen und Autoren, womit es ihnen denn auch frei steht, die Bücher an anderen Orten nachdrucken zu lassen.

Matinée verpasst?
Die Edition Unik Cafés sind mittlerweile fester Bestandteil des Projekts. Sie finden mehrmals im Jahr an verschiedenen Orten statt, ab Herbst 2018 auch in Winterthur. Abonnieren Sie unseren Newsletter und verpassen Sie keine Veranstaltung mehr!